Artikelkategorie: Buchbesprechungen

Heidi Rehn – Die Tochter des Zauberers

Heidi Rehn – »Die Tochter des Zauberers« – »Es gibt nichts in meinem Leben, was ich nicht bereitwillig erzählt hätte; nichts, was ich aus irgendeinem Grund verheimlichen müsste.« – Erika Mann Im Jahr 1936 befinden sich Erika und ihr Bruder Klaus Mann auf dem Weg in die USA. Nichts ist mehr sicher in Deutschland, in ganz Europa, seit die Nationalsozialisten die Macht an sich gerissen haben und den Großteil des deutschen Volkes vorbehaltlos hinter sich wissen. Erika und Klaus sind zu diesem Zeitpunkt längst politisiert, wissen um die Niedertracht dieser Partei und beziehen auch öffentlich Stellung gegen das Regime. Ab 1933 gab Klaus Mann »Die Sammlung«, eine Literarische Monatszeitschrift heraus. Für »Die Sammlung« gewann Klaus Mann Schriftsteller wie Stefan Zweig, André Gide und seinen Vater, Thomas Mann. Auch Heinrich Mann, sein Onkel, war ›on board‹. Unterstützung finanzieller Art erhielt Klaus Mann von Annemarie Schwarzenbach. Erika Mann engagiert sich, indem sie weiterhin streitbare Texte gegen die Nationalsozialisten schreibt und diese als Schauspielerin in der der »Pfeffermühle«, jener legendären Kabarettgruppe, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder Klaus, …

Antike Welt – Im Feld – Wie der Grabungsalltag wirklich aussieht

Antike Welt Sonderheft 9/20 – »Im Feld – Wie der Grabungsalltag wirklich aussieht« – Schattige Plätzchen, Essen und Tee … Es ist eine vollmundige Ankündigung auf dem Titel dieses Sonderheftes der Antiken Welt, einer Zeitschrift für Archäologie und Kulturgeschichte. Sie weckt Erwartungen auf besondere Erkenntnisse, Blicke in die Grabungsprozesse, die ein Besuch einer öffentlich zugänglichen Grabung nicht mehr wiedergeben kann. Das Inhaltsverzeichnis verspricht Einblicke in internationale Grabungen, von Deutschland, Österreich und der Schweiz bis hin zum nahen und fernen Osten, über Israel bis Nordafrika, ja sogar bis Peru. Die Zeitspanne der Fundstätten geht von der Steinzeit bis zur Eisenzeit im weitesten Sinne. Voller Spannung erwartet man sich durch die Lektüre Erkenntnisse, die sich dem Besucher einer öffentlich präsentierten Ausgrabung nicht erschließen. Also Einblicke in den Prozess, sowohl des handwerklichen als auch dem des Erkenntnisgewinns. Schattige Plätzchen, Essen und Tee … Leider wird das Heft diesen Erwartungen nicht gerecht. Das hat mehrere Gründe: Zum einen sind die Beiträge recht kurz, keiner umfasst mehr als 3 bis 4 Seiten, wobei die Hälfte von Fotos gefüllt ist. Da …

Sophie Seemann: Verschwundene Krankheiten

Sophie Seemann – »Verschwundene Krankheiten« – Wenn wir etwas dieses Jahr nicht mehr brauchen, dann sind es Krankheiten. Nichts hat uns 2020 mehr beschäftigt als Infektionswege, Hygiene, Impfungen. Es wundert also nicht, dass dieses Buch der Kinderärztin und Medizinhistorikerin Sophie Seemann auf der Shortlist zum Wissenschaftsbuchpreis in Österreich stand. Und tatsächlich ist es auch tröstlich, in einem Buch zu lesen, wie die Menschheit immer wieder den Kampf aufgenommen hat gegen Krankheit und Gebrechen und wie unser Wissen über den Körper und seine Störungen dabei gewachsen ist. Das Buch bietet eine alphabetische Auswahl an Krankheiten von »Alpenstich« bis »Versehen«, erhebt damit keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Gliederung ist leider eine Schwäche, denn es wird nicht unterschieden zwischen Krankheiten, die verschwunden sind, weil sie einer überkommenen Diagnostik angehörten {wie etwa das »Versehen«} oder weil sie ausgerottet wurden; weiterhin wird auch nicht unterschieden zwischen Infektionskrankheiten, Berufskrankheiten, Behinderungen und Modediagnosen. Der Vorteil ist aber, dass sich das Buch so recht abwechslungsreich liest und man ohne medizinische Vorkenntnisse einsteigen kann. Fachlich fundiert und trotzdem zugänglich und unterhaltsam zu schreiben ist …

Christine Wunnicke – Die Dame mit der bemalten Hand

Christine Wunnicke – »Die Dame mit der bemalten Hand« – Um es gleich vorweg zu sagen: Viele Damen kommen in diesem Roman nicht vor, der Titel bezieht sich auf ein Sternbild aus der arabischen Astronomie, eine echte Dame mit Henna bemalter Hand erscheint in der Schlussszene und zwar die Tochter der Hauptfigur Musa al-Lahuri. Ansonsten ist es die Geschichte der Begegnung zweier Männer: Auf seiner Rückreise von einem Kunden, für den er ein teures Astrolabium gefertigt hat, strandet Musa 1764 auf einer verwilderten Insel irgendwo vor Indien. Dort trifft er auf den deutschen Forschungsreisenden Carsten Niebuhr, der dort, erkrankt und dem Wahnsinn nahe, in einem verfallenen Hindu-Tempel haust. Musa päppelt ihn auf, mehr aus Verpflichtung denn mit echter Begeisterung und man kommt ins Gespräch. In viele Gespräche. In Rückblenden erfährt die Leserschaft vom Schicksal der Forschungsexpedition, die in den Diensten des dänischen Königs aufbrach, um den wissenschaftlichen Gehalt der Bibel im vorderen Orient zu erforschen. Sobald der Deutsche seine gute Stube verlässt, ist er offensichtlich dem Tod und/ oder dem Wahnsinn geweiht: Von sechs Expeditionsteilnehmern …

Wolfgang und Hasmann: Die wilde Wanda und andere gefährliche Frauen

Gabriele Hasmann & Sabine Wolfgang – »Die wilde Wanda und andere gefährliche Frauen« – Verbrecherinnen über die Jahrhunderte – »Verbrecherinnen über die Jahrhunderte « D ie Autorinnen stellen in ihrem Buch bekannte und unbekannte Verbrecherinnen vor, die vom 18. bis 20. Jahrhundert ihren Mitmenschen das Leben schwer machten, sie manchmal auch Leben zum Tode beförderten. Einzige Ausnahme, die noch in das 16. Jahrhundert zurückreicht, ist der bekannte Fall der Elisabeth Bathory, der 1611 der Prozess gemacht wurde und deren grausames Taten ihresgleichen suchten. Im 20. Jahrhundert ist die KGB-Agentin Edith Tudor-Hart bekannt geworden, die eine führende Rolle bei der Rekrutierung des Spionagerings Cambridge Five spielte und zum Beispiel auch Kim Philby anwarb, ein prominentes Mitglied dieser Gruppe. Das Buch widmet sich 22 dokumentierten Kriminalfällen, die die Autorinnen jeweils vier Hauptmotiven zuordnen: Rache und Hass, Geltungsbedürfnis und Luxussucht, Habgier und Geldnot sowie Lust und Leidenschaft. Dass die Fälle selbst jeweils nach dem gleichen Muster geschildert werden, bietet dem Leser wegen ihrer Vielzahl und Unterschiedlichkeit eine gewisse Orientierung: Zu Beginn jedes Falles steht eine Zusammenfassung, die einen …

Ulf Schiewe: Die Kinder von Nebra

Ulf Schiewe – »Die Kinder von Nebra« – »Zeitreise in die ferne Bronzezeit« Wir schreiben das Jahr 1999. Zwei Raubgräber sind auf dem Mittelberg in Wangen in Sachsen-Anhalt unterwegs. Als ihre Metalldetektoren anschlagen, können sie noch nicht ahnen, welchen Fund sie zu Tage fördern sollten: außer zwei reich verzierten Schwertern, zwei Beilen, den Resten zweier Armspiralen und einem Meißel kam eine Bronzescheibe ans Licht, die heute als Himmelsscheibe von Nebra jedem historisch Interessierten ein Begriff ist. Allerdings sollte es noch drei Jahre dauern, bis der Schatz nach weiteren Stationen im Jahr 2002 in einer fingierten Ankaufssituation durch den Landesarchäologen Dr. Harald Meller und unter Einsatz der Polizei in einem Baseler Hotel sichergestellt werden konnten. Seitdem ist die Himmelsscheibe mit ihren Beifunden in der Dauerausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle an der Saale zu sehen. Mit ihrer Erforschung ermöglicht vor allem die Himmelsscheibe den Archäologen einen tieferen Einblick in die europäische Bronzezeit. Mit großer Wahrscheinlichkeit zeigt sie eine astronomische Konstellation, die es ermöglicht, die Sonnenwenden zu berechnen. Eine Kunst, die für eine Gesellschaft von Ackerbauern …

Cora Stephan: Margos Töchter

Cora Stephan – »Margos Töchter« – Jeder Mensch hat eine Mutter. Jana Seliger hatte zwei. Wer ist diese Margo überhaupt um deren Töchter es in diesem Roman geht? Die Leserinnen von »Ab heute heiße ich Margo« wissen es bereits. Die übrigen aber sollten sie kennenlernen. Allerdings mindert die Unkenntnis nicht den Genuss, den die Lektüre von »Margos Töchter« bereitet. Auch diesmal widmet sich Cora Stephan wieder einem Kapitel deutsch-deutscher Geschichte, dem zwischen deutschem Herbst und Mauerfall, und dessen Auswirkungen bis heute. Zwei Frauen, Leonore und Clara, sind die Hauptfiguren. Doch nein, eigentlich sind drei Frauen die Protagonisten dieses Romans, denn Schlüsselfigur ist Jana, Leonores Adoptivtochter. Sie zweifelt an dem angeblichen Selbstmord ihrer Adoptivmutter, die vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Der Vorfall lässt sie nicht los, und sie beginnt über die Umstände von Leonores Tod nachzuforschen. Die Geschichte nimmt ihren Anfang mit einem Antrag auf Akteneinsicht in Unterlagen des Ministerium für Staatssicherheit (MfS), den Jana gestellt hatte, um mehr über ihre Adoptivmutter Leonore Seliger zu erfahren. Und über ihre leibliche Mutter Clara. …

Ulf Schiewe: Der Attentäter

Ulf Schiewe – »Der Attentäter« – Ulf Schiewes neuer historischer Thriller widmet sich dem Ereignis, das die damalige Welt aus den Fugen bringen sollte. Packend und bis zur letzen Seite bravourös erzählt. Doch der Reihe nach …  »Der österreichische Thronfolger und seine Gattin ermordet.« So titelte die Vossische Zeitung am 28. Juni 1914. Der Korrespondent hatte diese Nachricht per Telegramm an seine Zeitung geschickt, die daraufhin umgehend ein Extrablatt herausbrachte. Die Ermordung des Thronfolgers und seiner Gattin verschärften daraufhin die Situation auf dem Balkan und führten wenige Wochen später in das hinein, was die Zeitgenossen als Weltenbrand bezeichneten. Die politische Situation, die zum Ersten Weltkrieg führte, ist komplex. Seit 1912 hatten die Zeitgenossen mit einer Krise auf dem Balkan gerechnet. Staaten wie Frankreich und Russland hatten sich vorab – im Falle eines Casus Belli – abgesichert. Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger evozierte einen Handlungsablauf, dessen Script wenige Jahre zuvor niedergeschrieben worden war. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf …  Es gibt Attentate, die in unserem kollektiven Gedächtnis mit Personen verbunden sind. Das auf Präsident Kennedy …

Angela Steidele – Poetik der Biographie

Angela Steidele – »Poetik der Biographie« – Vor kurzem gab es eine amüsante Aufregung im Netz: Erste Auszüge aus einer Biografie über den österreichischen Ex-Kanzler Sebastian Kurz waren publik geworden, und es hagelte Hashtags wie »50 Shades of Kurz«, denn die Biografin Judith Grohmann hatte sich scheinbar von der Erotik der Macht inspirieren lassen, und darüber hinaus bedient sie sich einer Sprache auf Groschenroman-Niveau. Der Vergleich zum Hausfrauen-Porno lag da auf der Hand. Die Netz-Häme ist dabei nicht nur ein Kommentar zum politischen Geschehen in der Alpenrepublik, sie zeigt auch, welcher populärer Konsens über die Gattung der Biografie herrscht. Erstens muss man sich eine Biografie verdienen. Auch die Schreckensgestalten der Geschichte haben ihre Biografen gefunden – vermutlich sind sie zahlenmäßig stärker vertreten als die vorbildlichen Charaktere – aber in der öffentlichen Wahrnehmung ist eine Biografie lebender Zeitgenossen zunächst mal eine Auszeichnung. Biografie und historische Größe gehören zusammen. Eine Auszeichnung, die Sebastian Kurz von vielen nicht zugestanden wird. Zweitens darf man eine Biografie nicht selbst lancieren. Zwar ist es längst allgemein bekannt, dass Prominente Ghostwriter an …

Brigitte Glaser – Rheinblick

Brigitte Glaser »Rheinblick« – 1972 – Anfang der 70er Jahre – die Adenauerzeit ist vorbei und den direkten Folgen des Zweiten Weltkrieges – erscheint endlich ein Hoffnungsschimmer am politischen Horizont. Der Hoffnungsträger kommt von der SPD und heißt Willy Brandt. Und der will nach dem CDU-Kanzler eine völlig neue Politik wagen. 1972 ist das Jahr der Willy-Wählen-Kampagne, die mit Willy Brandts überraschenden Wahlsieg endete. Seinen kometenhaften Sieg hat Brandt vor allem den Frauen und Jungwählern zu verdanken. Annäherung anstelle von Konfrontation war der Grundgedanke seiner Politik. Am deutlichsten zeigte er seine Einstellung sicherlich 1970 durch den Kniefall im Warschauer Ghetto, anlässlich der Verhandlungen der Warschauer Verträge. In der deutschen Bevölkerung erwacht ein neuer Geist. Während die Generation der Eltern noch in den Zwängen und Erziehungsmodellen der Nazi-Zeit verhaftet ist, beginnt die Revolte und der Aufbruch der Jugend. Gerade sie erhofft sich durch Willy Brandt einen Erneuerer und ist bestrebt, sich aus dem noch spürbaren Nazi-Sumpf zu befreien. Hier entsteht ein völlig anderes Lebensmodell: Wer etwas auf sich hält, lebt in einer WG, studiert der Form …