Artikelkategorie: Neu

Babel – Kenah Cusanit

Kenah Cusanit »Babel« – Es sind gerade einmal ein oder zwei Stunden, die der Roman Babel beschreibt und doch umfassen sie nicht weniger als die Entstehung der abendländischen Kultur. Wir schreiben das Jahr 1913, der Erste Weltkrieg wirft seine Schatten voraus, spürbar auch im Orient. In Bagdad gräbt Robert Koldewey Babylon aus. Die alttestamentarische Stadt, bekannt durch den Turmbau zu Babel, das ehrgeizige Projekt, das Gott mit der Sprachverwirrung bestrafte. Robert Koldewey leitet die Ausgrabungen im nahen Osten. Nicht nur Babylon, auch die Grabung im nördlich gelegenen Assur steht unter seiner Leitung. Dort arbeitet Walter Andrae, der ehemalige Assistent Koldeweys in Babylon. Und angesichts der zweifelhaften Kompetenz seines neuen Assistenten Buddensieg trauert Koldewey Andrae hinterher. Nicht nur unter ihm leidet Koldewey, vielmehr macht ihm sein Blinddarm zu schaffen, der ihn auf sein Lager zwingt. Für die Dauer einer Pfeife oder zwei, liegt er still auf seinem Sofa mit Blick über die Grabung und lässt Blicke und Gedanken schweifen. Und diesen schweifenden Gedanken folgt der Leser willig auf den verschlungenen Pfaden der Assoziationen. Soll Koldewey sich …

Römisches Fieber – Christian Schnalke

Römisches Fieber. Mama Miracoli wird’s freuen – Ein braver aber benachteiligter junger Dichter nimmt die Identität eines anderen an und wird so Teil der Künstlerszene in Rom am Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Identitätsdiebstahl war schon für Patricia Highsmith, Daphne de Maurier und viele andere eine dankbare Vorlage für Geschichten, in denen die Protagonisten dazu gezwungen waren, darüber nachzudenken, was die Identität eines Menschen ausmacht. Die Summe seiner biografischen Daten? Seine Leistungen? Der Blick der anderen? Und es gibt wohl kaum einen Menschen, der sich nicht schon einmal vorgestellt hat, über Nacht die Identität einer anderen Person anzunehmen, sein Lebenskonto noch einmal auf Null zustellen oder eben herauszufinden, ob das überhaupt möglich ist und wie man es wohl anfangen würde, wenn man diese Gelegenheit bekommt {oder sie sich nimmt}. Von solchen Fragen an die menschliche Existenz findet sich nichts in »Römisches Fieber«, zum Glück, werden manche sagen, schade und verschenkt, denken andere. Ich gehöre zu letzteren. Es ist immer bedauerlich, wenn man Fragen an einen Roman hat, die dieser nicht beantwortet. Stattdessen folge ich also …

Norman Ohler – Die Gleichung des Lebens

Norman Ohler – »Die Gleichung des Lebens« – Eulers Leben in Berlin könnte so schön sein, wären da nicht die exponierten Gestaltungswünsche Friedrichs des Großen. Letzterer beschließt im Sommer des Jahres 1747 einen alten Plan seines Vaters in die Tat umzusetzen. Am Geld – hier erhebt sich der Sohn über den mächtigen Vater – soll es dieses Mal nicht scheitern. Wo wendische Fischer (tendenziell aufsässig und insgesamt abergläubisch, von Vorahnungen und dergleichen beseelt) seit vielen Jahrzehnten leben und ihrem Handwerk nachgehen, dort soll, das ist Friedrichs dringlichster Wunsch, nun Ackerland für den Erdapfel entstehen. Ein kühner Plan, denn im Oderbruch soll es nicht länger um den Fischfang, sondern um die Kartoffelernte gehen. Er hatte also Großes im Blick, anno 1747; vor allem die Mehrung seines Ruhmes. Er wollte Andersgläubige und Flüchtlinge aus dem Süden im trockengelegten Oderbruch ansiedeln, winkte mit Steuererleichterungen und mehr. Letztlich bedeuten mehr Einwohner eines Landes, mehr Soldaten, fand Friedrich. Und Soldaten brauchte er sowieso. Überschwemmungen hatte es in diesem Bereich immer gegeben und die ›Ureinwohner‹ des Landstriches konnten damit {und mit …

Das Echo der Toten – Beate Sauer

Buchbesprechung: Beate Sauer »Das Echo der Toten–« Januar 1947, der Krieg ist seit knapp zwei Jahren vorbei, doch Frieden ist noch in weiter Ferne. Die Städte liegen in Trümmern, die Menschen kämpfen um ihr Überleben. Alles ist Mangelwaren, Lebensmittel, ein Dach über dem Kopf und Kohlen schwer zu bekommen. Friederike Matthée, Polizeiassistentenanwärterin bei der weiblichen Kriminalpolizei hat es gut getroffen, durch ihre Arbeit hat sie ein kleines, aber regelmäßiges Einkommen. Und sie kann sich ein kleines Zimmer in der Kölner Südstadt leisten, in dem sie mit ihrer Mutter zusammen wohnt. Einziger Haken dabei: das Zimmer ist für städtische Angestellte und Beamte reserviert, und nun muss Friederike fürchten, auf der Straße zu stehen, denn sie lässt es im Dienst nicht nur an Disziplin fehlen, sondern hat auch noch bei einem Einsatz jämmerlich versagt. Als sie zu ihrer Vorgesetzten zitiert wird, fürchtet Friederike ihre Entlassung, denn ihre Vorgesetzte Gesine Langen kennt kein Erbarmen. Doch die überrascht sie, Friederike darf bleiben, vorerst. Dass sie gut mit Kindern umgehen kann und über gute Englischkenntnisse verfügt, rettet sie diesmal. Denn …

Die Toten von Paris – Michelle Cordier

Buchbesprechung: Michelle Cordier »Die Toten von Paris–« Gerade haben die Alliierten die Deutschen aus Paris verlassen, als der junge Inspektor Jean Ricolet im Sommer 1944 aus den südfranzösischen Cevennen in der Metropole eintrifft. Überwältigt von der Stadt, die sich noch ganz dem Taumel der wiedergewonnen Freiheit hingibt, genießt Ricolet die fremden Eindrücke der Großstadt. Einerseits erlebt er die Härten des Krieges, zerbombte Gebäude, Lebensmittelknappheit, Barrikaden, Einschusslöcher, andererseits die erwachende urbane Lebendigkeit und Lebensfreude. So erhebend die städtische Atmosphäre auf ihn wirkt, so ernüchternd ist sein Arbeitsantritt in der Securité. Viele Polizisten wurden als Kollaborateure verhaftet oder suspendiert, herrscht Personalmangel, seine beiden Kollegen schieben resigniert Dienst nach Vorschrift. Der ihm vorgesetzte Kommissar Brulait betrachtet das Landei Ricolet mit gemischten Gefühlen. Ist er ein Tölpel vom Land, oder ein pfiffiger Bauernschlauer? Einerseits könnt Brulait fähige Verstärkung in seinem Team gut gebrauchen, andererseits käme ihm selber wegen seiner Kooperation mit den Deutschen eine weitere Schlafmütze sehr gelegen. Ricolet bekommt den Fall eines vom Mob erschlagenen Fleischers, eine klare Sache, denkt Brulait, Routinearbeit. Genau richtig für den Neuen. Doch …

Die Bücherjäger – Dirk Husemann

Buchbesprechung: Dirk Husemann »Die Bücherjäger –« Im Jahr 1417 ist in Konstanz der Teufel los, fast im wahrsten Sinne des Wortes. Die Anhänger des deutschen Königs hatten Papst Johannes mit der Aussicht auf ein Turnier aus der Stadt gelockt, um ihn zu ermorden. Der Papst ist Johannes der XXIII, mit bürgerlichem Namen Baldassare Cossa hat er sich als Seeräuber im Thyrrenischen Meer einen Namen gemacht. Als Sohn des Grafen von Troia war Cossa zunächst Offizier, wurde als Laie Kardinal und erhielt später die geistlichen Weihen. Bis er zum Papst avancierte. Zu einem von drei Päpsten, genauer gesagt, denn es ist die Zeit des abendländischen Schismas. In den letzten Jahren, als die Päpste in Rom und Avignon konkurrierende Ansprüche stellten, wurde Cossa Nachfolger von Alexander V., der 1409 vom Konzil von Pisa als neuer Papst gewählt worden war. Damit gab es aber nun drei konkurrierende Päpste. Mit jeweils entsprechender Gefolgschaft. So ist der historische Rahmen des Romans grob umrissen, der während des Konzils in Konstanz seinen Anfang nimmt. Mit der Flucht Baldassares aus der Stadt. Eigentliche …

Der Kaufmann und die Unbeugsame – Daniela Wander

Der höfische Alltag in all seinen Facetten … Kein angenehmer Zeitgenosse, den Hermann von Auerbroich für seine Tochter Jolanda ausgesucht hat. Walther von Doncerbosch, Mitglied des Hofstaats von Wilhelm V, Herzog von Jülich-Kleve-Berg, ist als gewalttätig und jähzornig bekannt. Kein Wunder, dass Jolanda der bevorstehenden Heirat nicht vor Freude jauchzend entgegensieht. Um ihr Schicksal zu wenden, ist sie ins Damenstift nach Gerresheim geritten, um vor der Muttergottes um Hilfe zu beten. Doncersbosch soll von seinem Eheversprechen zurücktreten, so ihre Hoffnung. Hatte sie zuvor noch vor der Muttergottes darum gebetet, dass der Kelch der Hochzeit an ihr vorübergehe, folgt die Reaktion auf ihre Gebete auf dem Fuße. Eine der jungen Kanonissen entdeckt einen Mann im Garten, unter dem blühenden Kornelkirschbaum. Ein Mann im Klostergarten, skandalös genug, allein dieser Mann war zweifellos tot. Und als Jolanda erkennt, um wen es sich bei dem Mann handelt, erschrickt sie dann doch. »Sie hatte eine Lösung ihrer Probleme finden wollen. Was sie jedoch gefunden hatte, war Doncerbosch. Er lag im Dreck, dort, wohin sie ihn im Geheimen gewünscht hatte. Und …

Der nasse Fisch – Comic

Ich-Erzähler und ›voice over‹ – Vor mittlerweile zehn Jahren erschien Volker Kutschers historischer Kriminalroman »Der nasse Fisch« im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Hauptfigur ist der eigenwillige Kommissar Gereon Rath, der im Berlin der ausgehenden Weimarer Republik ermittelt. Raths erster Fall bildete den Auftakt zu einer erfolgreichen Reihe. Mit »Lunapark« ist just der sechste Fall erschienen. Arne Jysch ist Storyboardzeichner, Animator und Drehbuchautor. 2014 erschien im Carlsen Verlag seine Graphic Novel »Wave and Smile«, in dem er den deutschen Afghanistan-Einsatz in den Fokus rückte. Als er vor ein paar Jahren die Romane Kutschers entdeckte, wollte er sofort den ersten Band der Reihe für einen Comic zu adaptieren. Und Jysch hatte Glück. Kutscher gab sein Einverständnis – er selbst ist ein großer Comicfan – und ließ Jysch sogar komplett freie Hand, denn er bestand noch nicht einmal darauf das »Drehbuch« zum Comic selbst zu schreiben. Die Verantwortung des Projektes lag ganz bei Jysch. Vier Jahre hat er an der Adaption des Krimis gearbeitet, an einer stimmigen Reduzierung der Geschichte gefeilt, ohne den Plot zu sehr zu verändern. …

Grimms Morde

Hörbücher Rezension: Grimms Morde – Schreckliches passiert den Menschen in den Grimmschen Märchen: Eine Mutter hackt ihrer Tochter den Kopf ab, aus Versehen – huch! -, abgesehen hatte sie es eigentlich auf den Kopf ihrer Stieftochter. In einem anderen Märchen lockt ein Serienmörder seine Opfer, allesamt Mädchen, in sein Haus und tötet sie mit seinem Beil. Wieder ein anderes erzählt von einer eitlen Königin, die nach der falschen Antwort ihres magischen Spiegels beschließt, ihre Stieftochter ins Jenseits zu schicken. Menschliche Abgründe soweit das Märchenauge blickt … Aber eben nicht nur dort. Schreckliches passiert auch 1821 in Kassel. Zumindest in Tanja Kinkels Roman »Grimms Morde«. Noch bevor der erste Absatz des Prologs verklungen ist, präsentiert die Autorin ihren Hörern auch schon die erste Leiche. Sehr zum Bedauern des Oberwachtmeisters Blauberg ist die Tote ausgerechnet die Freiin von Bachros, ihres Zeichens ehemalige Mätresse des just verstorbenen Kurfürsten. Kochend heißes Wachs hat der Mörder über das Gesicht seines wehrlosen Opfers gekippt – und sie damit sprichwörtlich ›mundtot‹ gemacht. Im Dekolletee der Dame findet sich ein Bogen Papier, auf …

Das Fundament der Ewigkeit

Von Kingsbridge in die weite Welt – Der neue Kingsbridge-Roman von Ken Follett ließ lange auf sich warten, nun liegt er seit einiger Zeit vor und wartet mit über tausend Seiten auf. Es ist ja auch eine ansehnliche Zeitspanne, die Follett in seinem neusten Roman bearbeitet: das Elisabethanische Zeitalter. So beginnt der Roman denn auch mit den Ränken um die Thronbesteigung der protestantischen Elisabeth, die ihre Rechte gegenüber der katholischen Maria Stuart durchsetzen kann. Der Roman beginnt prall und farbenfroh, gern folgt man dem Schicksal des Helden Ned Willart und seiner Mutter, Alice, die nach dem Tod ihres Mannes das Kaufmannsgeschäft sehr erfolgreich fortführt. Alice ist voll guter Ideen, die ihr Geschäft vorantreiben und sie zu einem angesehenen und anerkannten Mitglied der Gesellschaft werden ließ. Doch Wohlstand und Erfolg haben stets ihren Preis, sie rufen Neider auf den Plan. So nimmt das Schicksal seinen Lauf: die Familie Willart verarmt, der Sohn Ned gelangt aber durch Beziehungen an die Seite von Elisabeth, wo er fortan in unverbrüchlicher Treue ausharren wird, durch alle Höhen und Tiefen, ihre …