Anne Fortier: Die geheimen Schwestern

Buchbesprechung: Anne Fortier – »Die geheimen Schwestern« & Martin Walker – »Schatten an der Wand«

Histo Melange zum Eintauchen

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

Wandler zwischen den Zeiten – Wandler zwischen zwei Romanen


»Die geheimen Schwestern«
Anne Fortier
Aus dem Englischen von Annette Hahn

Sie sind stark. Sie sind Legende. Sie sind die Amazonen
Von der Ägäis bis ans Nordmeer – die junge Wissenschaftlerin Diana Morgan ist einen jahrtausendealten Rätsel auf der Spur: Sind die Amazonen mehr als ein Mythos – und gibt es »Die geheimen Schwestern« heute noch? Was, wenn die Legende wahr wäre?

Diana Morgan ist vom Mythos der Amazonen fasziniert. Bei Grabungen in der Wüste stößt sie auf die Spur der ersten Königin der Amazonen, Myrina. Um ihre Kriegerinnen, einst von griechischen Kämpfern entführt, zu befreien, stürzte Myrina sich mitten in den berühmtesten Konflikt der Antike – den Trojanischen Krieg.
Nun macht sich Diana mit Nick Barran, dem undurchsichtigen Leiter der Grabung, auf die Suche nach dem legendären Schatz, den die Amazonen beim Fall von Troja retten konnten. Aber sie wird dabei ausspioniert und gejagt. Ohne zu wissen, ob sie Nick trauen kann, folgt Diana der Spur der Amazonen von der Ägäis über Deutschland bis an den Rand der Welt – eine Suche, die ihr Leben auf immer verändern wird.

Weitere Informationen zum Buch sowie eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Fischer Verlags.

Lesen Sie auch die Histo Journal Hörbuch Rezension zu »Die geheimen Schwestern« von Alessa Schmelzer.

Zwei Bücher, ein älteres {Martin Walker, Schatten an der Wand} und eine Neuerscheinung {Anne Fortier, Die geheimen Schwestern}. Zwei Bücher, die eine Gemeinsamkeit teilen: Beide bewegen sich auf unterschiedlichen Zeitebenen.
Martin Walker balanciert gleich auf drei Ebenen – der Steinzeit, 1944 und der Gegenwart. Anne Fortier beschränkt sich auf die Bronzezeit und die Gegenwart. Und ich möchte sagen, weniger ist in diesem Falle mehr.

Weniger ist mehr

Anne Fortier geht es in ihrem Buch um die Geschichte der Amazonen. Dabei wagt sie abenteuerliche Theorien, und wirft die Geschichte, wie wir sie kennen, mit leichter Hand über den Haufen. Was hat es mit dem Volk der Amazonen auf sich? Wo kommen sie her? Wo sind sie geblieben? Das sind die zentralen Fragen des Romans. Dreh und Angelpunkt ist der Trojanische Krieg, allerdings sollte man besser sagen: der Vorfall, der als ›Trojanischer Krieg‹ in die Geschichte eingegangen ist.

Nun, die Entführung der Helena als Kriegsgrund fand ich noch nie sonderlich überzeugend. Hierzu liefert Fortier nun eine Theorie, die mir auf Anhieb einleuchtete – wenn man grundsätzlich an die Existenz von Amazonen glaubt. Das ist nicht schwer, denn die haben, so hat es Homer überliefert, im Trojanischen Krieg auf der Seite Trojas mitgekämpft. Und nicht erst durch Schliemann wissen wir, dass die antiken Autoren die Wahrheit berichten.
Das sieht Fortiers Heldin Diana Morgan ebenso. – Deren Name Programm ist.
Um es gleich vorwegzuschicken: Die Geschichte ist außerordentlich spannend und farbenfroh erzählt. Ihre Schwäche sind aber die Protagonisten, die insgesamt sehr blass bleiben. Außer Diana Morgan selbst, ist – in gewisser Weise, Dianas Mitstreiter – oder Gegner? – Nick Barràn eine Ausnahme. Aber er ist ein Mann voller Geheimnisse, die niemand wirklich lösen will, wie es scheint.

Exzellentes Wissen

Diana trifft ihn bei einer bronzezeitlichen Ausgrabung in Algerien. Barràn gibt sich völlig ahnungslos von der Materie. Doch auch wenn er Grabungen nur organisiert, sollte er die wichtigen antiken Stätten zumindest vom Hörensagen kennen. Dennoch ist ihm ausgerechnet Troja kein Begriff. Die Heldin wundert sich und schweigt. Nun, dieses investigative Manko bietet natürlich viel Raum für Spekulationen, seitens der Heldin und des Lesers. Obwohl, dem geübten Leser wird recht schnell der Gedanke kommen … Doch nein, mehr soll nicht verraten werden.
Dieses – tatsächliche oder vermeintliche – historische Unwissen einer der Hauptfiguren ist natürlich ein Kunstgriff der Autorin, um Barràn und natürlich dem Leser gegenüber ihr exzellentes Wissen über die Materie zu entfalten. Das ist interessant, schadet allerdings der Glaubwürdigkeit der Figuren.
Apropos unglaubwürdige Figuren, begeben wir uns in die zweite Zeitebene, in die Bronzezeit. Darin schildert Fortier die Gründung des Amazonenmythos. Wir kennen die Amazonen als kriegerische Reiterinnen, die im Trojanischen Krieg mitgekämpft haben. Den Weg dorthin illustriert die vorangestellte Karte, die dem Leser einen Eindruck des Mittelmeerraumes zur Bronzezeit gibt. Bei Fortier wirkt die Gruppe versprengter Frauen, die sie uns als erste Amazonen vorstellt, zuweilen wie eine Mädchengang aus einer amerikanischen Highschool, ein gackernder Haufen pubertierender Schülerinnen in antikem Gewand. Vielleicht, weil außer bei der Hauptfigur Myrina bei den Frauen kaum eine Spur von Entschlossenheit, Mut und Tatkraft zu spüren ist, in meinen Augen die Mindestanforderung für eine Amazone.
In der Gegenwart immerhin gewinnt das Profil Dianas Seite um Seite an Schärfe. Schon bald erfährt der Leser von Dianas Großmutter, die sich für eine Amazone hält und deswegen in der Psychiatrie landete. Ist sie verrückt? Oder passt sie nur nicht ins Konzept? Oder haben sich die Amazonen gegen jede Vernunft eben doch bis in die Gegenwart hinein fortgepflanzt?

Explosionen, Anschläge und zärtliche Umarmungen

Irgendjemand weiß jedenfalls um Dianas Beziehung zu den Amazonen, und will ihr nichts Gutes. Die Flucht vor Attentätern einerseits, und die Suche nach den Quellen des Amazonenmythos’ andererseits führt die Heldin von Algerien über Kreta nach Troja. Und von dort über Kalkriese nach Finnland. Wer grundsätzlich an Amazonen glaubt, folgt gern der Logik, die dieser Reiseroute innewohnt.
Es braucht einige Überfälle, Explosionen, Anschläge und zärtliche Umarmungen, bis Diana dahinter kommt, welche Rolle ihr bei der Geschichte zugedacht ist. Nicht von ungefähr tauchten bei den Explosionen oder Verfolgungsjagden Szenen aus »Drei Engel für Charlie« vor meinem inneren Auge auf. Ebenfalls eine Adaption des Amazonenmythos.
Davon abgesehen ist »Die geheimen Schwestern« aber ein überaus spannender Doppel-Roman. Er erzählt zwei Geschichten, die sich ergänzen und gegenseitig bereichern, die sich jedoch sprachlich nicht sonderlich unterscheiden – und außerdem ähnliche sprachliche Schwächen und mitunter auch logische Fehler aufweisen. Es ist, wie es Lesern historischer Romane oft begegnet: Die historischen Figuren bekommen einen Chiton übergezogen, werden unter ein Tempeldach gestellt, doch sie denken und handeln wie zeitgenössische Personen. Das ist sehr schade. Noch bedauerlicher ist indes, dass dem interessierten Leser, der sich einen Einblick in die überlieferte Historie erhofft, nicht erspart bleibt, das Nachwort zu lesen. Und selbst dieses, fürchte ich, wird nicht ausreichen, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der geschilderten historischen Ereignisse einschätzen zu können.

Fazit:

Wer mit den antiken Heldensagen vertraut ist, wird in »Die Geheimen Schwestern« viel bekanntes wiederfinden, das Fortier wunderbar spannend und teilweise unerhört witzig und originell aufgegriffen, um- und weitergesponnen hat. Aber auch vieles, was sie ausgelassen hat, weil es ihr offenbar nicht ins Konzept passte. Aber gut, wen das nicht stört, der soll sich von mir die Freude nicht verderben lassen, denn Fortier hat nicht nur eine Menge Wissen über Amazonen angehäuft, das sie bereitwillig mit dem interessierten Leser teilt, sie erzählt ihre Geschichten auch sehr mitreißend. So gesehen ist das große Plus des Romans die Spannung durch gnadenlose Cliffhanger, die Fortier auf beiden Erzählebenen einsetzt und die den Leser bei der Stange halten.


»Schatten an der Wand«
Aus dem Englischen von Michael Windgassen

Martin Walkers früher Roman über die Entstehung einer prähistorischen Höhlenzeichnung, deren Verwicklung in blutige Kriege und Intrigen zur Zeit der Höhlenmaler von Lascaux und während des Zweiten Weltkriegs. Die Geschichte gipfelt in dem erbitterten Kampf von fünf Menschen, sie heute zu besitzen. Denn wer diese Zeichnung findet, erhält den Schlüssel zur Aufklärung eines Verbrechens, das bis in die höchste Politik reicht und von dem bis heute keiner wissen darf.
Ein geheimnisvolles Fundstück landet auf dem Schreibtisch einer jungen Kunsthistorikerin in einem Londoner Auktionshaus: ein Stein mit einer Höhlenzeichnung darauf. Der stammt nicht, wie die junge Frau zuerst denkt, aus den Höhlen von Lascaux, sondern aus einer anderen Höhle im Périgord, in der während der Résistancezeit eine bis in die Gegenwart nachwirkende Gewalttat begangen wurde. Am Abend desselben Tages verschwindet das wertvolle Objekt aus dem Firmentresor.
Weitere Informationen zum Buch finden Sie auf der Website des Diogenes Verlags.

Es einmal – 18.000 Jahre vor unserer Zeit

Noch viel weiter zurück in die Vergangenheit als die Bronzezeit – der Amazonenmythos hat seinen Ursprung etwa 3000 vor Christus – führt uns die historische Ebene bei Martin Walker, nämlich in die Steinzeit, also über 18.000 Jahre vor unserer Zeit. Schauplatz sind die Höhlen Frankreichs mit den steinzeitlichen Malereien, die die Betrachter bis heute faszinieren. Dreh- und Angelpunkt des Romans ist das Bild eines Stiers. Das Fragment einer Höhlenmalerei, offenbar aus einer noch unbekannten Höhle. Soviel ist Lydia Dean sofort klar, als Major Manners ihrem Auktionshaus das Stück vorlegt. Angeblich hat er das Artefakt im Nachlass seines Vaters gefunden und überlegt, es zu verkaufen. Doch kaum erblickt das Objekt das Licht der Öffentlichkeit, wird es auch schon gestohlen. Die Suche führt die beiden ins Périgord, zu den berühmten Höhlen, von denen die Höhle von Lascaux sicher die bekannteste ist.

Lückenhafte Darstellung und schlichte Satzkonstruktionen

Wegen der steinzeitlichen Erzählebene hatte ich das Buch eigentlich gelesen, hegte diesbezüglich jedoch die geringsten Erwartungen. Tatsächlich gelang es Walker, mich zu überraschen. Gerade diese am wenigsten greifbare Zeit führt Walker dem Leser eindringlich vor Augen. Die Personen sind glaubwürdig, in ihren Taten logisch und sie passen, trotz einiger moderner Gedanken, im Großen und Ganzen in ihre Zeit – jedenfalls so wie ich sie mir vorstelle. Allein deswegen lohnt die Lektüre. Denn leider genügen die anderen beiden Zeitebenen dem einmal geweckten Anspruch nicht. Es scheint, dass drei derart komplexe Zeitebenen einfach zuviel sind, der Zusammenhalt, den Walker über das Bruchstück einer Höhlenmalerei herstellt, ist zu dürftig. Am Schwächsten geraten ist meiner Meinung nach der actionreichste Handlungsstrang, der 1944 während des französischen Widerstandes spielt. Die Darstellung ist sehr lückenhaft, entweder aufgrund mangelnden Lektorats oder schlechter Übersetzung, oder wegen beidem. Oder weil dieser Teil einen eigenen Roman verdient hätte … Allein dass viele Namen sich ähneln, erschwert den Lesegenuss: »Ma-rais« »Ma-lrand«, »Ma-nners«, zumal manche Personen zudem in der zeitgenössischen Ebene wieder auftauchen, sei es als Nachfahre, oder sogar in Person, die allerdings einiges älter sein müsste, als dargestellt. Nur eine Kleinigkeit, eine von vielen.
So fehlen mir bei der Weltkriegsebene zuweilen auch erläuternde Informationen. Die Lage in Frankreich ist zum Ende des Krieges hin äußerst unübersichtlich, es geht ja nicht nur gegen einen gemeinsamen Feind – die Deutschen – nein, die Widerständler befehden sich auch untereinander. Gaullisten gegen Kommunisten, Kommunisten gegen Kommunisten, alle gegen die Vichy-Regierung … Dazwischen die von England und den USA geschickten Agenten, die unterstützend eingreifen sollen. Bei aller Detailfreude Walkers bekam ich keinen rechten Überblick. Zumal eine Karte fehlt, die aufgrund der Bedeutung der geographischen Lage der Höhlen und des Einsatzgebietes der Widerstandstruppen hilfreich gewesen wäre.
Auch stilistisch vermögen die schlichten Satzkonstruktionen Walkers nicht zu überzeugen und trüben oft die Lesefreude: Zum Beispiel unzureichende Erklärungen von Abkürzungen, fehlende Bezüge zu anderen Ereignissen oder fehlende Einführungen von Personen. Solcherlei ist mir allerdings bei beiden Romanen als beklagenswert aufgefallen.

Fazit:

Insgesamt ist »Schatten an der Wand« eine Lektüre für Spezialisten. Uneingeschränkt kann ich es für an der Steinzeit Interessierte empfehlen. Aber auch für den Weltkriegs-Spezialisten, der seine Kenntnisse über den französischen Widerstand vertiefen möchte, ist das Buch sicher bereichernd. Darüber hinaus ist es eine Frage des Geschmacks.