Der Fall Struensee

Buchbesprechung: Rita Hausen – »Der Fall Struensee«

Gelesen & Notiert von Alessa Schmelzer


»Der Fall Struensee«< Rita Hausen

Liebe, Verrat und Intrigen-
Eine authentische Lebensgeschichte aus dem 18. Jahrhundert

Der deutsche Arzt Johann Friedrich Struensee, sympathisch, gut aussehend und Liebling der Frauen, ist ein leidenschaftlicher Verfechter aufklärerischer Ideen.

Zunächst Leibarzt des dänischen Königs steigt er schließlich zum Minister auf und wird der Liebhaber der jungen Königin Mathilde. Mit seinen unkonventionellen Ansichten erregt Struensee viel Aufmerksamkeit. Als er seine Reformen durchsetzen will, planen einflussreiche Kreise eine hinterlistige Intrige.

Die Geschichte zeichnet das Bild eines Weltverbesserers, der zum Opfer mächtiger Gegner wird.

Leseprobe

»Ach, wärest Du ein Medicus geblieben!«

So lautet der fromme Wunsch des weniger besorgten als eher vorwurfsvollen Vaters. Der Wunsch kommt zu spät, denn der Adressat des väterlichen Zorns sitzt im Kerker und wartet auf seine Hinrichtung. Hätte er dem Wunsch des Vaters entsprochen, die Geschichte Dänemarks wäre anders verlaufen. Denn Johann Friedrich Struensee – der Medicus – war nicht nur der unverschämt gutaussehende Leibarzt des dänischen Königs Christian VII., sondern auch der Geliebte der Königin und höchstwahrscheinlich der Vater von Prinzessin Louise Auguste von Dänemark {und somit übrigens ein Vorfahr der letzten deutschen Kaiserin Auguste Victoria, der Gemahlin Wilhelms II.}. Wer nun aber glaubt Hausen stürze sich allein auf diese eher pikante Liebesgeschichte, der irrt. Im Vordergrund ihrer Romanbiografie steht Struensee als eifriger Reformer, der auf Geheiß des dänischen Königs ab 1771 sogar als Alleinregent die Geschicke des Landes lenkte.

Der Emporkömmling aus Halle

In fünfzehn kurzen Kapiteln erinnert die Autorin an einen vielseitig begabten Mann, der mit seinen Reformen letztlich sogar die Idee der Französischen Revolution vorweggenommen hat und dessen ›Geist‹ bis heute auf eine Rehabilitierung wartet. Denn Struensees Motto ist modern: Gleichheit und Gedankenfreiheit für alle! Er trat als Arzt für Ausgestoßene, Kranke und Benachteiligte ein und behandelte erfolgreich Pocken, Fleckfieber und Krätze. Er verfasste sogar ein Arzneimittelbuch. Nebenbei fand er die Zeit an Reformen zu arbeiten, die dem dänischen Volk zugute kommen sollten. Aus der Romanbiografie erfahren wir dazu: »Struensees Gedanken waren hochpolitisch und bedurften der Macht, um praktisch umgesetzt zu werden. Noch hatte Struensee diese Macht nicht, noch blieben seine klugen Erkenntnisse nichts als raschelndes Papier. Doch als Minister ging er gegen die verkrusteten Feudalstrukturen auf dem Lande an, er milderte den Zehnten, setzte die Fronarbeit herab und entzog die Bauern der gutsherrlichen Gerichtsbarkeit. Das waren nur erste Schritte. Er hatte eine allgemeine große Bauernbefreiung im Sinn gehabt.« {»Der Fall Struensee«, S.128} Die Entourage des Königs, bestehend aus Hofbeamten und adligen Gutsbesitzern, erlebt das auf Gerechtigkeit abzielende Ansinnen Struensees als direkten Angriff auf ihre weitgefassten, persönlichen Rechte. Sie sehen in Struensee nichts als einen Emporkömmling aus Halle, den ihr König ihnen ungefragt vor die Nase gesetzt hat. Doch einer, der ihre Rechte munter zu beschneiden gedachte, musste ›weg‹. Und gerade die Liebschaft mit Königin Mathilde kam den Verschwörern natürlich wie gerufen…

Die Handlung setzt im November des Jahres 1771 ein und schildert Struensees letzte Lebensmonate, bis zu seiner Enthauptung am 28. April des folgenden Jahres. In Rückblenden berichtet Hausen von der Kindheit, dem Schaffen des Arztes in Altona und wie sich die Lage für Struensee in Dänemark langsam aber sicher immer mehr zuspitzt. Gerade einmal 173 Seiten reichen der Autorin aus, um den kometenhaften Aufstieg und den um so tieferen Fall des deutschen Arztes detailgetreu zu beschreiben. Bereitwillig teilt die Autorin mit ihren Lesern ihr umfassendes Wissen. Eine etwas lebhaftere und tiefergehende Figurenzeichnung hätte der Romanbiografie jedoch gut getan.

Fazit:

Hausen bedient sich eines nüchternen, beinahe dokumentarisch zu nennenden Schreibstils. Dieser Stil mag vielleicht nicht jedem Leser gefallen, wenngleich Hausen somit einen durchaus interessanten Einblick in die historische Wirklichkeit des 18. Jahrhunderts zu geben vermag.