Colson Whitehead – Underground Railroad

Histo Journal Buchbesprechung: Colson Whitehead »Underground Railroad«

Gelesen & notiert von T.M. Schurkus

cover

Inhalt
Cora ist nur eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Alle träumen von der Flucht – doch wie und wohin? Da hört Cora von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk für Sklaven. Über eine Falltür gelangt sie in den Untergrund und es beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit? Colson Whiteheads Roman ist eine virtuose Abrechnung damit, was es bedeutete und immer noch bedeutet, schwarz zu sein in Amerika.
Colson Whiteheads Bestseller über eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte Amerikas – ausgezeichnet mit dem Pulitzer Preis 2017.

Roman
übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

Erscheinungsdatum: 21.08.2017
352 Seiten
Hanser Verlag
Fester Einband 24,00 Euro
ISBN 978-3-446-25655-2
ePUB-Format 17,99
ISBN 978-3-446-25774-0

Leseprobe und weitere Informationen finden sich auf der Website des Hanser Verlags.

Amerikas schwarze Seele

Als ich mit der Lektüre von »Underground Railroad« begann, sah ich im Fernsehen einen Bericht über Frauenmangel in China als Folge der Ein-Kind-Politik. Ein Bauer erzählte darin, dass er sich auf dem Markt eine Frau aus Vietnam gekauft hätte, die sei ihm aber nach wenigen Tagen davon gelaufen. Er wäre daraufhin zur Polizei gegangen, aber statt ihm zu helfen, belehrte man ihn dort darüber, dass es in China nicht erlaubt sei, mit Menschen zu handeln. Der Bauer war über das Verhalten der Behörden nicht glücklich, immerhin hatte er sich für den Kauf der Frau verschuldet, und er war nach wie vor der Ansicht, dass man ihm zum Recht an seinem Eigentum verhelfen solle.
Sklaverei ist keine gesellschaftliche Verirrung vergangener Zeiten, auch wenn sie keine gesetzliche Verankerung mehr besitzt. Und so kann man den Roman von Colson Whitehead auch nicht als historischen Roman bezeichnen: Unter Verwendung surrealer Elemente, die manchmal in die beklemmenden Szenarien von Horror-Filmen münden, hebt er das Thema auf eine allzeitliche Ebene.

Ist Südstaatenromantik harmlos?

Dabei lebt und leidet seine Heldin Cora unverkennbar auf einer Plantage des Alten Südens; die Schilderung des Sklavenlebens ist eine offene und in ihrer Deutlichkeit schockierende Anklage – nicht nur der Zustände, die mit dem Ende des Bürgerkriegs 1865 vorüber waren. Es ist vielmehr eine Punkt für Punkt-Abrechnung mit der Literatur {und den Filmen}, die den Alten Süden verklären und romantisieren. Ob »Vom Winde verweht« oder »Fackeln im Sturm« und das Meer der Trivialliteratur, in der gerüschtes Liebesleid für ein weißes Publikum beschrieben wird: Das Bild der »Lebensgemeinschaft« Plantage bestehend aus weißer Fürsorge und schwarzer Treue scheint unausrottbar und befeuert die gesamte Tourismus-Industrie des amerikanischen Südens. Aus deutscher Wahrnehmung scheinen die Plantagenromanzen harmlos, in den USA sind sie Teil eines Kampfes um Deutungshohheit. Oft schon wurde dagegen angeschrieben – von entflohenen Sklaven selbst, später dann von Alex Haley in »Roots«, von Toni Morrison in »Menschenkind«, von Alice Walker, und zuletzt wurde mit »Django Unchained« auch dagegen angefilmt. Whitehead ist die Verbitterung darüber anzumerken, dass »der gute Sklavenhalter« immer noch Teil der amerikanischen Überlieferung ist, in verschiedensten Episoden arbeitet er sich daran ab: Der frommen Witwe, die ihren Sklaven nach dem Tod die Freiheit verspricht, ist ebenso wenig zu trauen, wie dem Pflanzer, der seinen Lieblingssklaven die Unabhängigkeitserklärung zitieren lässt. In Coras Erinnerungen und auf den Stationen ihrer Flucht begegnet man dem Personal des Unrechtssystems. Whitehead gelingt es dabei, auch den Figuren, die den Text nur passieren, Dimension zu verleihen, wenn er auch nicht immer den Stereotypen entkommt. Dabei verläuft die Grenze zwischen Opfern und Tätern nicht immer entlang der Hautfarben. North Carolina etwa wird von Whitehead als ein Orwell´scher Überwachungsstaat geschildert, in dem ständige gegenseitige Kontrolle und Denunziation herrschen, in dem »Regulatoren« jederzeit Hausdurchsuchungen vornehmen können.

Land- und Menschenraub statt »Sweet Land of Liberty«

Cora flieht von der Randall-Plantage und macht sich mit Hilfe der Underground Railroad auf eine Reise, die nicht nur eine geographische ist: Jedes Mal, wenn sie aus der faktischen »U-Bahn-Station« an die Oberfläche kommt, findet sie sich in einer neuen Ausprägung dessen wieder, was man in den USA des 19. Jahrhunderts als das »Negerproblem« bezeichnet hat. Von den Versuchen, befreite Sklaven in die Gesellschaft einzugliedern, ihnen dabei aber strenge Grenzen zuzuweisen, über Zwangssterilisation, bis hin zu einem brutal überwachten Aufenthaltsverbot erlebt Cora auf ihrer Odyssee jene Stationen, die farbige US-Bürger in der Geschichte der USA durchlaufen haben und dem gegenüber sie ein selbstbestimmtes Schicksal reklamieren.
Allen Figuren ist dabei gemeinsam, dass sie aus einer deformierten Biografie den Weg in die Normalität suchen. Die Zerstörung von Familien bildet – wie schon bei der frühen anti-Sklaverei-Literatur – ein wiederkehrendes Motiv, wobei Whitehead die weibliche Genealogie in den Mittelpunkt stellt: Es beginnt mit der Verschleppung von Coras Großmutter aus Afrika, geht über die Flucht ihrer Mutter, die dabei ihre Tochter zurückließ, bis hin zu Coras eigenem Versuch, die Voraussetzungen für ein Familienleben zu schaffen. Als Frau ist sie Opfer doppelter Gewaltausübung: von schwarzen Männern vergewaltigt, vom weißen Plantagenbesitzer misshandelt. Gleichzeitig verbindet Whitehead mit den Frauen aber auch das Motiv des Landbesitzes und des Bebauens von Land: Es beginnt mit einem kleinen Acker neben der Sklavenhütte und führt schließlich zu einem Farmexperiment im »freien« Norden.
Die ideologische Idee der »Tillers of the earth«, der Landerschließer und -bebauer hat einen festen Platz im amerikanischen Sendungsbewusstsein. In der Lesart der »Southern Agrarians« ist der Farmer der positive Gegenentwurf zum Industriearbeiter und Angestellten des Nordens, auch unter Verweis auf die Gründungsväter wie George Washington und Thomas Jefferson – Plantagen- und Sklavenbesitzer. Whitehead entlarvt auch diesen Mythos, indem er daran erinnert, dass es die Sklaven waren, auch und vor allem die Frauen, die das Land kultivierten. Er zeigt damit, dass der Beitrag der Schwarzen zur amerikanischen Geschichte nicht nur darin besteht, Opfer zu sein. Ihre Bindung an das Land, in das sie verschleppt wurden, ist intensiver als die der Weißen. Dabei versäumt er nicht den Verweis darauf, dass es sich um Land handelt, das den Ureinwohnern genommen wurde. »Geraubte Menschen bebauen geraubtes Land« heißt es an einer Stelle.

Überfälliger Bildersturz

In manchen Passagen spürt man dem Roman seine programmatische Last an, und es scheint, als müsste die gesamte liberale Agenda abgearbeitet werden: Die Unterdrückung der Schwarzen und der Frauen, das Verbrechen an den Ureinwohnern, die Kapitalismuskritik. Und manche Dialoge meinen nicht die angesprochene Figur sondern den Leser. Aber Whitehead ist außerdem ein spannender Roman gelungen: Das Schicksal von Cora und den Menschen, denen sie begegnet, nimmt einen gefangen. Die originelle Konzeption zwischen Programmatik, Phantastik und Spannungsroman überzeugt bis zur letzten Seite. Der Hanser-Verlag hat das Buch dankbarerweise ergänzt durch eine kleine historische Einführung über das Sklavenfluchtnetz »Underground Railroad« und ein Interview mit dem Autor.
Als Colson Whitehead den Roman schrieb, war ein Farbiger Präsident der USA. Aber ähnlich wie Coras Flucht verläuft der Weg zur Gleichberechtigung nicht linear zum Besseren hin. Inzwischen ist ein Mann Präsident der USA, der sich von rassistischer Gesinnung nicht eindeutig distanzieren will.
Die Ereignisse in Charlottesville, Va., haben dem Buch auch in Deutschland zu seinem Erscheinen eine traurige Aktualität beschert. Die meisten farbigen US-Bürger leiten ihre Herkunft auf einen aus Afrika geraubten Menschen zurück. Und auf den Plätzen ihrer Heimatstädte stehen Denkmäler für die Verteidiger der Sklaverei. Es bleibt zu wünschen, dass Whiteheads Buch einen Beitrag dazu leistet, dass Rassismus weder durch die Politik noch durch die Nostalgie unterstützt werden.

Fazit

Whitehead ist es gelungen nicht nur ein Buch über die Sklaverei in den USA zu schreiben sondern über alle Sklavereien {und ihre Folgen für die Gesellschaft} zu allen Zeiten. Die Auszeichnung mit dem Pulitzer-Preis ist daher zweifellos ebenso eine gesellschaftliche wie auch eine literarische Stellungnahme. Der mutige Ansatz, Historie mit Phantastik zu mischen gelingt, auch wenn das programmatische Ansinnen manchmal den Erzählfluss aus dem Auge verliert.