Rheinblick

Histo Journal Buchbesprechung: Brigitte Glaser »Rheinblick«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

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Inhalt
Deutschland, im November 1972:
Niemand kennt das Bonner Polittheater besser als Hilde Kessel, legendäre Wirtin des Rheinblicks. Bei ihr treffen sich Hinterbänkler und Minister, Sekretärinnen und Taxifahrer. Als der Koalitionspoker nach der Bundestagswahl härter wird, wird Hilde in das politische Ränkespiel verwickelt. Verrat ist die gültige Währung.
Gleichzeitig kämpft in der Abgeschiedenheit einer Klinik auf dem Venusberg die junge Logopädin Sonja Engel mit Willy Brandt um seine Stimme, die ihm noch in der Wahlnacht versagte. Doch auch sie gerät unter Druck. Beide Frauen sind erpressbar. Für Hilde steht ihre Existenz auf dem Spiel, Sonja will ihre kleine Schwester beschützen. Wie werden sie sich entscheiden?

List Hardcover
432 Seiten
ISBN-13 9783471351802
20,00 Euro

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Ullstein Verlags

1972 – Anfang der 70er Jahre – die Adenauerzeit ist vorbei und den direkten Folgen des Zweiten Weltkrieges – erscheint endlich ein Hoffnungsschimmer am politischen Horizont. Der Hoffnungsträger kommt von der SPD und heißt Willy Brandt. Und der will nach dem CDU-Kanzler eine völlig neue Politik wagen. 1972 ist das Jahr der Willy-Wählen-Kampagne, die mit Willy Brandts überraschenden Wahlsieg endete. Seinen kometenhaften Sieg hat Brandt vor allem den Frauen und Jungwählern zu verdanken. Annäherung anstelle von Konfrontation war der Grundgedanke seiner Politik. Am deutlichsten zeigte er seine Einstellung sicherlich 1970 durch den Kniefall im Warschauer Ghetto, anlässlich der Verhandlungen der Warschauer Verträge.
In der deutschen Bevölkerung erwacht ein neuer Geist. Während die Generation der Eltern noch in den Zwängen und Erziehungsmodellen der Nazi-Zeit verhaftet ist, beginnt die Revolte und der Aufbruch der Jugend. Gerade sie erhofft sich durch Willy Brandt einen Erneuerer und ist bestrebt, sich aus dem noch spürbaren Nazi-Sumpf zu befreien. Hier entsteht ein völlig anderes Lebensmodell: Wer etwas auf sich hält, lebt in einer WG, studiert der Form halber, fährt Taxi wegen der Kohle, diskutiert leidenschaftlich und mehr oder weniger kenntnisreich marxistisch-leninistische Thesen. Überall kommt Bewegung in die Zeit des Kalten Krieges, auch im Provinzstädtchen Bonn, das Adenauer zur Hauptstadt erkoren hat.
Das Lokal ›Rheinblick‹ stellt Brigitte Glaser ins Zentrum des politischen Parketts. Ein Lokal, in dem sich alles trifft, was im Bonner Politzirkus mitspielt; Minister, Hinterbänkler, Abgeordnete, Sekretärinnen und Taxifahrer. Die Wirtin Hilde Kessel kennt jeden, hört vieles, weiß einiges, aber ihr wichtigstes Kapital ist ihre Verschwiegenheit. Das weiß jeder in Bonn und vertraut darauf. Aber auch Hilde Kessel hat eine Schwachstelle …
Noch ist die Freude über den Wahlsieg groß, aber kaum einer weiß, dass ein Schatten die Euphorie des SPD-Wahlsieges trübt: Denn in der Wahlnacht versagte Willy Brandt die Stimme. Eine notwendige Stimmbandoperation verlangt ihm eine Woche Schweigen ab. Und das mitten in den Koalitionsverhandlungen. Eine Zerreißprobe für den Kanzler beginnt. Und nicht nur für ihn. Auch die junge Logopädin Sonja Engel, abgestellt, um Willy Brandt zu therapieren, gerät an ihre Grenzen. Für sie hängt viel vom Therapieerfolg ab, denn es winkt die ersehnte Stelle als fest angestellt Logopädin in der Klinik auf dem Venusberg. Aber der Weg dorthin ist steinig. Der Kanzler hat Wichtigeres zu tun, als ihre Therapie. Während sie im Vorzimmer darauf wartet, dass der Kanzler sich Zeit für sie und ihre sonderbar scheinenden Methoden nimmt, belegt ihn Horst Ehmke mit den Koalitionsverhandlungen, die der zum Schweigen verdammte Willy Brandt vom Venusberg aus zu lenken versucht.
Hilde Kessel und Sonja Engel sind die beiden Frauen, um die sich der Roman ›Rheinblick‹ dreht. Auf der einen Seite die gestandene Wirtin und Geschäftsfrau, die nach dem frühen Tod ihres Mannes versucht, das Lokal weiterzuführen, die aber noch die Schulden drücken. Auf der anderen Seite Sonja Engel, die ausgebildete Logopädin, die als Krankenschwester arbeiten muss, weil die versprochene Gründung der logopädischen Abteilung auf sich warten lässt. Als dritte im Bunde taucht die Journalistin Lotti Legrand von der Kehler Zeitung auf, die den Auftrag für eine Reportage aus der Bundeshauptstadt und ein Interview mit dem frisch gewählten Abgeordneten des Kreises Offenburg, Dr. Wolfgang Schäuble, hat. Unterschlupf findet sie bei ihrem Vetter Gerd, ebenfalls Journalist und ein Mitbewohner in Sonjas Wohngemeinschaft. Und von Max Dorando, dem taxifahrenden Geschichtsstudenten, der sich durch den Kauf von gebrauchten Musikboxen – Spender BCI-Boxen, das Beste am Markt – hoffnungslos verschuldet hat und dem nun der Geldeintreiber auf den Fersen ist.
Und dann gibt es noch das unbekannte Mädchen in der Uniform der Heilsarmee, das tot aufgefunden wurde. Sie war kurz vor ihrem Tod Patientin von Sonja. Niemand weiß, wer sie ist, denn das Mädchen sprach nicht. Aber sie sang, wie Sonja weiß. Und nun ist das Mädchen tot. Als Journalistin Lotti davon erfährt, interessiert sie sich für den Fall, erst recht als sie erfährt, dass Sonja sie kannte.
Das Schicksal der drei beteiligten Frauen, zu Anfang nur lose verbunden, verknüpft Brigitte Glaser im Laufe des Buches immer enger.

Brigitte Glaser erweckt schon auf den ersten Seiten das Lebensgefühl der 70er Jahre zum Leben. Musik, Kino und WG-Alltag wecken Erinnerungen. Schwer liegt der Zigarettenrauch über den skatdreschenden Ministerialen, denen sich nach dem politischen Ränkespiel im ›Rheinblick‹ bei Kölsch und Zigarre schon mal die Zunge lockert. Allein den Politikern beim Sondieren, Taktieren und Intrigieren zu folgen ist spannend und sehr unterhaltsam. Darüberhinaus erzeugt Glaser kriminalistische Spannung durch das Verweben der Geschichte des toten Heilsarmeemädchens. Das Schicksal aller Beteiligter ist mehr oder weniger mit der aktuellen Politik verknüpft. Und wie aktuell auch Historie sein kann, lernt Max Dorando, als er sich mit Maria Stuart und ihren Kassettenbriefen beschäftigen muss, um eine Kommilitonin zu beeindrucken. Denn ein Brief spielt auch in der aktuellen Politgeschichte eine Rolle, ein Brief des verstummten Willy Brandts, der seinen Empfänger nie erreicht …

Fazit

Ein sehr lesenswerter Roman, mit dem Brigitte Glaser an den Erfolgsroman ›Bühlerhöhe‹ anknüpft. Spannung erzeugt sie hier jedoch nicht unbedingt durch die Kriminalhandlung, die sich als roter Faden durch den Roman zieht, sondern vielmehr durch die unterschiedlichen Facetten der Akteure und deren Beweggründe. Alle sind auf eigene Weise in das politische Geschehen eingebunden, und dadurch kann der Leser alle Höhen und Tiefen des politischen Ränkespiels hautnah miterleben. Und nicht zuletzt lässt Glaser durch zahllose Anspielungen auf Modetrends, Musiktitel und Filme der 70er Jahre den Zeitgeist der ›Flower Power Generation‹ auferstehen und weckt – zumindest bei der etwas älteren Leserschaft – wohlige Erinnerungen an eine bewegte Zeit.