Jonathan Lerros – Die Überlebenden von Sagunt

Histo Journal Besprechung: Jonathan Lerros »Die Überlebenden von Sagunt«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

Inhalt
Die vierzehnjährigen Zwillingsgeschwister Eirene und Kimon haben Glück im Unglück: Ihre Heimatstadt Sagunt wird von kathargischen Truppen komplett zerstört, die Bewohner werden getötet oder versklavt. Doch Synbalos, der oberste Feldarzt der karthagischen Armee, ist den beiden wohlgesonnen und nimmt sie unter seine Fittiche. Kimon ist Feuer und Flamme für den Beruf des Wundarztes, Eirene wird die persönliche Leibdienerin der geheimnisumwitterten Dido, Besitzerin des vornehmsten Bordells der Stadt. Die Geschwister haben gerade erst damit begonnen, sich in ihrem neuen Leben einzurichten, als sie unwissentlich in ein von den Römern inszeniertes Mordkomplott gegen den Heerführer Hannibal hineingezogen werden.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Autors.

Eine Leseprobe finden Sie hier.

Hannibal ante portas

Die Zahl der Autoren historischer Romane, die sich mit der Antike befassen, ist selbst im internationalen Buchmarkt überschaubar, in Deutschland ist es nur eine Handvoll, die sich mit dieser Epoche befassen. Umso großer ist für den antikenaffinen Leser die Freude, wenn ein neuer Vertreter in der edlen Runde zu begrüßen ist: Jonathan Lerros. Mit Fug und Recht als deutscher Autor angesprochen, denn es ist das Pseudonym des deutschen Autors Günther Krieger.

Bekannt geworden ist Krieger alias Lerros allerdings eher mit Geschichten und Romanen, die im Mittelalter angesiedelt sind. Mit der Antike betritt der Autor mit dem Namen Jonathan Lerros Neuland. Noch dazu wählte er sich nicht »die« Antike Griechenlands und Roms, sondern geht noch eine Stufe tiefer zu deren Wurzeln, nach Karthago nämlich. Zu den Barciden, Hannibal, Hamilkar, Bato und wie die großen Helden der Strategen alle heißen. Ein mutiges Unterfangen, wenn man die Geschichte kennt. Denn oft ist es keine gute Idee, wenn man altbewährte Gefilde verlässt und zu neuen Ufern aufbricht. Zumal, wenn die Epoche sehr komplex und ist und zudem noch sehr verschieden von dem Bekannten. Schließlich gibt es ja kaum eine größere Differenz zwischen zwei Epochen als die zwischen Antike und Mittelalter. Da prallen quasi zwei Weltbilder aufeinander, die erst einmal ihrer Natur entsprechend begriffen werden wollen.

Doch immerhin ist es ein gemeinhin bekannter Held und seine gut überlieferten Taten, die Lerros als Folie seiner Geschichte wählt. Jeder kennt schließlich Hannibal, die Elefanten und den legendären Zug über die Alpen. Lerros indes steigt früher in die Geschichte ein. Er beginnt mit der Belagerung der iberischen Stadt Sagunt. Eine Schaltstelle in der Historie, denn die Eroberung dieser Stadt stellt den Auslöser für den sogenannten zweiten punischen Krieg dar, eben der mit dem besagten Alpenfeldzug. Und bekanntermaßen ist das literarische Feld um Hannibal klein und bereits von dem Altmeister des Karthagoromans Gisbert Haefs wohlbestellt. Es sind große Fußstapfen, in die Lerros sich stellt.

Zunächst zu dem historischen Hintergrund des Romans »Die Überlebenden von Sagunt«: Die Stadt Sagunt liegt auf der iberischen Halbinsel, auf karthagischen Gebiet, doch die Bewohner scheren sich nicht an die vertraglichen Abmachungen der beiden Großmächte Karthago und Rom. Sie wollen zu Rom gehören. Somit steht Karthago unter Zugzwang, seine Macht in der Grenzregion zu behaupten. Hannibal Barcas, der große Stratege, belagert die Stadt. Am Ende liegt sie in Trümmern, viele Einwohner haben mit dem Leben bezahlt oder werden in die Sklaverei verschleppt. Unter den Überlebenden befinden sich Eirene und Kimon, die ungleichen Zwillinge. Zwar verlieren sie ihre Familie und ihre Heimat, doch sie leben immerhin noch, und das Schicksal meint es weiterhin gut mit ihnen. Sie gelangen als Sklaven zu dem Arzt Synbalos, dem Leibarzt des Hannibal. Bei ihm bekommt Kimon Gelegenheit, seinen Traumberuf Medicus zu lernen, und Eirene wird Leibdienerin von Synbalos Geliebten Dido, die Herrin über den »Gazellengarten«, ein Edelbordell.
Lerros schöpft aus dem Vollen, was einen historischen Roman ausmacht, aber auch gleichermaßen die Vorstellungen von der Antike prägt: einflussreiche Strategen, Sklaven, Dirnen und ein Hauch Exotik. Entstanden ist eine pralle, spannungsreiche Geschichte mit interessanten Charakteren. Vor allem sprachlich überzeugt Lerros. Sein leicht ironischer Ton weckt zwar sogleich die Erinnerung an die deftige Sprache eines Gisbert Haefs, dennoch ist der Anklang so sachte, dass er eher wie eine Reminiszenz als eine Kopie daherkommt.

Die Geschichte ist spannend und im großen und ganzen auch glaubwürdig erzählt, doch hier und da sieht der Kenner der Materie doch die ein oder andere Unschärfe. Vor allem, was die allgemeine Darstellung der Figuren in ihrer Zeit betrifft, sieht man den ein oder anderen Anachronismus durch die Geschichte schimmern: die Stellung der Personen zueinander, ihren Umgang miteinander, ihre Wahrnehmung von Geschehnissen und ihre Motivation. Moderne Ausdrücke haben ja schon vielfach Einzug in den historischen Roman gehalten, das ist Geschmacksache. Am wesentlichsten scheint mir indes zu sein, dass der Autor das Wesen der antiken Sklaverei unbewusst – oder bewusst – verkennt und damit die Basis für seine Geschichte legt. Denn die Aufmerksamkeit, vor allem auch die Freiheiten, die Lerros seinen jungen Protagonisten zubilligt, werden sie in der Realität kaum erfahren haben. Ein Kriegsgefangener wurde zum Sklaven, und der war letztlich kaum mehr als eine Sache. Der wurde verkauft und fertig. Nicht so Kimon und Eirene. Dass Eirene den Arzt Synbalos an seine verstorbene Lieblingsnichte erinnert bietet aber immerhin eine Erklärung für dessen unübliche Zuwendung. In der Realität (die wir zwar nicht kennen, weil wir ja nicht dabei waren, über die es aber zeitgenössische Schilderungen gibt, die gewisse Rückschlüsse zulassen) hätten zwei zufällig überlebende Jugendliche unter den verdreckten, blutenden, schreienden und jammernden Kriegsgefangenen aber wohl kaum die Aufmerksamkeit, geschweige denn das gütige Interesse von Irgendjemanden erregt. Das lose Mundwerk des Mädchen Eirenes hätte vermutlich eher zu ihrem raschen Tod geführt, als Sympathien zu wecken. Aber nun, der Zufall regiert die Welt, zwar ist es nicht sonderlich wahrscheinlich, aber möglich wäre es doch. Davon abgesehen zählen die »starken Frauen« in vielen Mittelalterromanen weit mehr in den Fantasybereich.
Dem heutigen Leser wird das psychologische Szenario vermutlich vertraut sein und rebellische Jugendliche wecken leicht solidarische Gefühle. Wer in der Antike nicht ganz so zu Hause ist, der weiß die gute Geschichte sehr wohl zu würdigen.

Denn es ist eine gute Geschichte. Sie ist so bunt und spannend erzählt, dass der genannte Mangel kaum zählt. Getragen wird die Handlung von dem Konflikt der beiden Großmächte Karthago und Rom, wobei die Sympathien des Autors natürlich auf Seiten Karthagos liegen. Die Römer sind schließlich vertragsbrüchig geworden, und verdienen es, dass Hannibal zum genialen Gegenschlag – seinem Alpenfeldzug – rüstet. Im Buch kommt es (noch) nicht dazu, was den Gedanken an eine Fortsetzung nahelegt.

Fazit

Intensiv hat sich der Autor offenkundig mit der Geschichte der Barciden-Familie im Allgemeinen und Hannibal im Besonderen befasst. Somit bietet die Lektüre einen spannenden und bunten Einblick in eine lang zurückliegende Zeit, in der Rom seine ersten Schritte zur Großmacht unternimmt und Karthago der einzige erstzunehmende Gegner ist. Der brillante Stratege Hannibal ist sicher eine gute Wahl für einen Einstieg in das Thema. Sowohl für einen Autor als auch für den Leser.
Somit bietet der Roman einen spannungsreichen Ausflug in die Zeit der bedeutenden Handels- und Seemacht Karthago. Mit leichter Hand gibt Jonathan Lerros dem Leser einen Einblick in die Krisenzeit der drei punischen Kriege, die Rom und Karthago über so viele Jahre nachhaltig prägte und letztlich dem einen Reich den Aufstieg zur Weltmacht, und dem anderen den Untergang bescherte.