John le Carré – Der Taubentunnel

Histo Journal Buchbesprechung: John le Carré »Der Taubentunnel«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

Inhalt
Was macht das Leben eines Schriftstellers aus? Die Einsamkeit des Schreibens? Mit dem Welterfolg von Der Spion, der aus der Kälte kam gab es für John le Carré keinen Weg zurück in die Abgeschiedenheit. Er kündigte seine Stelle im diplomatischen Dienst, reiste zu Recherchezwecken um die halbe Welt — Afrika, Russland, Israel, USA, Deutschland — und traf die Mächtigen aus Politik- und Zeitgeschehen, aber auch aus dem Filmgeschäft. So entstand eine realitätssatte Literatur, die genau den Nerv der Zeit trifft. John le Carré ist ein exzellenter und unabhängiger Beobachter, mit einem untrüglichen Gespür für Macht und Verrat, vor allem dem Verrat an der eigenen Sache. In seinen Memoiren blickt er zurück auf sein Leben und sein Schreiben.

Übersetzt von Peter Torberg
Gebunden mit Schutzumschlag
384 Seiten
Ullstein Verlag
ISBN: 13 9783550080739
22,00 Euro

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Ullstein Verlags

»Ich bin zum Lügen geboren …«

Der Taubentunnel – Geschichten aus meinem Leben, so heißt das Buch mit den Erinnerungen John le Carrés. Es ist ausdrücklich keine Biographie, die der sicherlich berühmteste Autor von Agentenromanen aus der Zeit des Kalten Krieges geschrieben hat. Ein seltsamer Titel, »Der Taubentunnel« – aber so lautete der Arbeitstitel fast aller seiner Romane, verrät le Carré gleich zu Beginn. Wenn man weiß, was er bedeutet, leuchtet ein, dass dies ein für all seine Romane treffender Titel ist.

Im Taubentunnel erzählt le Carré nun Geschichten aus seiner Erinnerung, und fragt sich {und den Leser} sogleich, »was ist für einen Schriftsteller an seinem Lebensabend … denn Wahrheit, was Erinnerung?« Und er gibt auch sogleich die Antwort: »Für den Schriftsteller sind Fakten das Rohmaterial, nicht sein Lehrmeister, sondern sein Instrument, und seine Aufgabe besteht darin, dieses Instrument zum Klingen zu bringen.« {S. 15}
Also folgen wir John le Carré durch die Windungen seiner Erinnerungen. Es ist wie ein Abend am Kamin, bei einem guten Glas Rotwein und einer Zigarre, an dem ein Mann, der einiges erlebt hat, Anekdoten aus seinem Leben zum besten gibt. Diese folgen nicht unbedingt einer Chronologie, sondern kreisen um einzelne Themen oder Personen. Dabei schweift der Autor in guter Erzählmanier durchaus oft ab, streift fernere und nähere Geschehnisse, die in irgendeinem Zusammenhang zu der Episode stehen, und kehrt doch stets zielsicher zum Ausgangspunkt zurück, während sich der Leser gelegentlich zurückblätternd den Ursprung der Geschichte vergegenwärtigen muss.

Dieser Mann hat zweifellos einiges erlebt. Allein, weil er in der Zeit des Kalten Krieges als Angehöriger des britischen MI5, später MI6 in Bonn und in Hamburg eingesetzt war. Ohne jedoch jemals irgendeinen spektakulären Einsatz als Agent absolvieren zu können, wie er unermüdlich beteuert. Doch zweifellos war er am Ort des Geschehens, hat bedeutende Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur kennengelernt, Kontakte geknüpft, die ihm später als Schriftsteller oft von Nutzen waren.

Außer den intimen Schilderungen von Treffen mit jenen Menschen, die während der Auseinandersetzung zwischen Ost und West an den Schaltern der Macht saßen, sind die Äußerungen le Carrés unerhört spannend, die sich auf das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion in seinen Romanen beziehen. Und hier erzählt der Autor sehr freimütig, wieviel John le Carré – oder im »wahren Leben« David Cornwell – in George Smiley steckt. Oder auch, wie Erlebnisse, Begegnungen und sogar bestimmte Personen, in seine Romane einflossen.

Le Carré nimmt den Leser mit auf seine Recherchereisen, unter anderem in den Nahen Osten und gibt sehr eindringliche Einblicke in die Entstehung des Romans »Die Libelle«. Das zu lesen ist nicht nur spannend, sondern auch überaus unterhaltsam, teilweise sehr nahegehend, jedenfalls für diejenigen, die diese Zeit aus eigenem Erleben kennen. Da ist das Treffen mit Arafat, dem Terroristen von der PLO, wie man ihn im Westen sieht. Durch John le Carré erfährt der Leser nun nicht nur die Zeitgeschichte hoher Relevanz, damals zu geheim, um veröffentlicht zu werden, sondern ebenso die alltäglichen Dinge, zu banal für Tagesschau und Nachrichten. »Arafats Bart ist nicht stachlig, sondern seidenweich. Er riecht nach Babypuder.« {S. 117} Und ganz nebenbei beginnt man, den Nahostkonflikt etwas besser zu begreifen.

»Graham Greene schreibt, das Guthaben eines Schriftstellers sei seine Kindheit. Nach dieser Rechnung zumindest bin ich als Millionär auf die Welt gekommen.« {John le Carré}

Manche Geschichten sind ferner, manche näher. Zum Beispiel erzählt le Carré über den Fall des in Guantanamo inhaftierten Murat Kurnaz, der nach Jahren endlich als unschuldig entlassen wurde. Hier bekommt man eine Ahnung, dass selbst die Mitarbeiter der Geheimdienste nicht über alles und jedes innerhalb ihrer Abteilung informiert sind. Schuldig oder unschuldig? Über diese Frage waren die Meinungen offensichtlich geteilt. Und letztlich sind es auch nur Menschen, die schwerwiegende Entscheidungen treffen müssen. Nur natürlich, dass es mitunter auch falsche Entscheidungen sind, im Guten wie im Schlechten. Im Roman »Marionetten« tritt eine Figur namens Melik auf, die Kurnaz verblüffend ähnelt.

Breiten Raum bekommt der Roman »Dame, König, As, Spion«. Immer wieder kommt le Carré auf ihn zu sprechen, in unterschiedlichen Zusammenhängen. »George Smiley und Jerry Westerby sitzen in der Fleet Street in einem Kellerlokal … Jerry Westerby, ein Agent der Briten und Sportreporter, der gern scharf isst, riesige Hände und einen Dackelblick hat. Ein schüchterner, schwerfälliger, liebenswerter Bursche. … So stellte ich mir meinen Jerry vor. Und genau dieser Jerry lief mir im Raffles Hotel in Singapur leibhaftig über den Weg; es war eine der gruseligsten Begegnungen in meiner ganzen Zeit als Schriftsteller. Ich meine damit nicht nur eine verblüffende Ähnlichkeit, sondern den Mann höchstpersönlich … Er hieß natürlich nicht Westerby, aber das hätte mich auch nicht mehr gewundert.« {S. 102/103}

Le Carré streift in seinen Erinnerungen die Zeit der RAF und äußert Verständnis für diese Entwicklung, die seiner Meinung nach abzusehen war. Oder die Zeit des Glasnost in Russland. »Wollte man Russland in jenen Tagen beschreiben, ohne Wodka zu erwähnen, dann könnte man genauso gut versuchen, ein Pferderennen ohne Pferde zu beschreiben. … In dieser Woche statte ich auch meinem Moskauer Verleger einen Besuch ab. Es ist elf Uhr früh. … Selig holt er eine Flache Wodka aus der Schublade, schraubt den Deckel ab und wirft ihn zu meinem Entsetzen mit einem Schwung in den Papierkorb.« {S. 148}

Schön ist auch, wenn John le Carré über die Verfilmungen seiner Romane erzählt, den Besprechungen mit den diversen Regisseuren oder Schauspielern. Wie zum Beispiel Alec Guiness, der es wie kaum ein anderer verstand, andere Identitäten anzunehmen – sichtbar in seiner Rolle als George Smiley. Oder die Zusammenarbeit mit Richard Burton, der in dem Film »Der Spion, der aus der Kälte kam«, den Alec Leames spielen sollte. Le Carré weilt gerade in Wien, quält sich mit seinem neuen Roman herum, der nicht so will, wie er will, als ihn der Anruf des Regisseurs Martin Ritt erreicht. »Er hörte sich an wie jemand, den man als Geisel genommen hatte und der noch ein letztes Mal telefonieren darf. … Wenn es denn wirklich stimmte, dass Burton nur meinetwegen die Produktion aufhielt, dann hätte ich alles verlangen können, was ich wollte, und ich hätte es auch bekommen. Wenn ich mich recht erinnere, wollte ich nichts. … Ich weiß nur eins: Ich legte auf und flog am nächsten Morgen nach Dublin, weil Richard mich brauchte.« {S. 275} Aber vielleicht verhielt es sich auch ganz anders …

Einen sehr tiefen und überaus persönlichen Einblick gewährt uns John le Carré in dem letzten Kapitel »Der Sohn des Vaters des Autors«. Kein anderer hat John le Carré, oder in diesem Fall besser David Cornwell, mehr beeinflusst als sein Vater Ronnie. Es war sicherlich keine einfache Kindheit, mit diesem sehr speziellen Vater, der etliche Jahre im Gefängnis verbrachte, der mal Geld hatte, mal nicht. Der als Betrüger gesucht wurde und sich gleichzeitig auf dem Rennplatz in Ascot mit einem grauen Zylinder im exklusiven Bereich der Rennstallbesitzer zeigte. Er muss ein charismatischer Mann gewesen sein, ein Charmeur, der Menschen für sich einzunehmen verstand und unterdessen ihr Leben ruinierte. »Graham Greene schreibt, das Guthaben eines Schriftstellers sei seine Kindheit. Nach dieser Rechnung zumindest bin ich als Millionär auf die Welt gekommen.« {S. 319}

Möglicherweise ist es gerade diese Kindheit, die dazu führte, dass David Cornwell, seinerzeit noch Agent im Dienste der Königin, seinen ersten Roman in Angriff nahm. »Der Spion, der aus der Kälte kam«, erschien unter dem Pseudonym John le Carré, und wurde gleich ein Erfolg. Und die Kindheit scheint die Grundlage für weitere Entwicklungen gelegt zu haben. Als John le Carré nach etlichen Erfolgen beschloss, eine Autobiographie zu schreiben, heuert er zwei Privatdetektive an, die Einzelheiten aus seinem Leben, aber vor allem dem seines Vaters sammeln und überprüfen sollten. »Ich bin ein Lügner«, erklärt er ihnen. »Ich bin zum Lügen geboren, dazu erzogen worden, von einer Branche darin ausgebildet worden, die das Lügen als Lebensunterhalt betreibt, habe das Lügen als Schriftsteller praktiziert, Als Schöpfer von Fiktionen erfinde ich Versionen meiner selbst, aber niemals die Wahrheit, wenn es denn überhaupt eine gibt.« {S. 338}

Fazit

Wie auch immer, ob wahr oder erfunden, es sind tolle Geschichten, die John le Carré uns erzählt. Es sind Geschichten von Leuten, die man aus dem öffentlichen Leben kennt, nun aber in sehr intimen Momenten erlebt. In denen man erfährt, welche Rolle sie in Politik und Zeitgeschehen, im Leben des Autors, aber vor allem in seinem Werk gespielt haben, und noch immer spielen. Das vertieft nicht nur das Verständnis für die Verwicklungen der deutschen Nachkriegszeit, sondern ist darüber hinaus sehr unterhaltsam zu lesen. Dabei vermehrt es den Genuss natürlich, wenn man zuvor die Romane le Carrés gelesen hat. Unbedingt erforderlich ist dies jedoch nicht, auch ohne tiefergehende Kenntnisse lesen sich die Erinnerungen spannend und unterhaltsam. Und überhaupt, spätestens nach Beendigung der Lektüre des »Taubentunnels« regt sich ohnehin das dringende Verlangen, endlich einen Roman des Autors zur Hand zu nehmen.

Zitate aus John le Carré »Der Taubentunnel«