Jan Kilman – Heldenflucht

Histo Journal Buchbesprechung: Jan Kilman »Heldenflucht«

Gelesen & notiert von Ilka Stitz

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Inhalt
1918 – Deutschland nach dem großen Krieg … Das Land wird von Hungersnöten geplagt, die Daheimgebliebenen warten sehnsüchtig auf die Kriegsrückkehrer. In dieser düsteren Zeit begibt sich die Kriegsberichterstatterin Agnes Papen in die Eifel, in ihr Heimatdorf, das von den Wunden des Krieges heimgesucht wird, wie sich bald zeigt. Als die Bewohner einen stummen französischen Soldaten stellen, kommt eine Spirale der Gewalt in Gang. Menschen verschwinden spurlos, und in den Wäldern wird eine Leiche gefunden. Agnes beschließt, sich auf die Suche nach der Wahrheit zu machen …

Leseprobe und weitere Informationen finden sich auf der Website des Heyne Verlags.

Taschenbuch 9,99 €
eBook 8,99 €

Die Schrecken nach dem Krieg

Der große Krieg ist gerade vorbei, doch der Schrecken hält an. Anfangs hatte ja niemand mit länger andauernden Kampfhandlungen gerechnet. »Ihr werdet wieder zu Hause sein, ehe noch das Laub von den Bäumen fällt«, hatte Kaiser Wilhelm II im August 1914 versprochen. Es kam indes ganz anders. Der erste Weltkrieg wurde zu einem nie dagewesenen Schrecknis. Neue Distanzwaffen kamen zum Einsatz, denen die Soldaten in den Schützengräben nichts entgegenzusetzen hatten. Panzer, Flugzeuge und die Teuflischste: Giftgas.
Kein anderer Krieg zuvor ist so gut dokumentiert wie dieser. Fotos, Filme und vor allem Briefe geben zu Herzen gehende Einblicke in die Realität des organisierten Tötens. Am Ende bleiben Leichenberge und zutiefst traumatisierte Überlebende zurück. Und angesichts der Folgen des Krieges stellt sich die Frage, was am Ende schlimmer ist, im Schützengraben an Giftgas zu ersticken, von einer Granate zerfetzt zu werden, oder von Albträumen gequält jede Nacht aufs Neue die Kampfhandlungen zu durchleben. Mit dem Verwesungsgeruch der toten Kameraden in der Nase.

Der Roman »Heldenflucht« beginnt im Dezember 1918. Der Krieg ist vorbei, die zu erwartenden Besatzer sind aber noch nicht angekommen, in dem kleinen Eifelort Kirchbach.
In diesen Tagen findet der Sonderling Franz Metzler im Wald eine Leiche. Und die ist kein Opfer des Krieges wie es scheint. Der 15jährige Junge mit großem Forscherdrang beschließt, seine Entdeckung für sich zu behalten, um die Veränderungen des Leichnams zu studieren. Wie er am eigenen Leib erfahren wird, verändern sich aber nicht nur Leichen, sondern längst ist das Sozialgefüge des Dorfes aus den Fugen geraten, wie sich bald offenbaren soll.

Denn nach all den Jahren, in denen jeder auf seine Weise ums Überleben hatte kämpfen müssen, treffen nun außer den üblichen Mitteilungen über die Gefallenen auch die ersten Kriegsheimkehrer ein. Körperliche und seelische Wracks, muss jeder für sich allein einen Weg zurück in seinen Alltag finden. Auch der Vater von Franz ist unter diesen Männern. Immer wieder fällt der Schrecken über ihn her, zitternd und schreiend erstarrt er dann, und nur der Gesang seiner Frau kann ihn beruhigen.

Auch Agnes Papen kehrt zurück in ihr Heimatdorf. Die Fotografin und ehemalige Kriegsberichterstatterin ist viel herumgekommen, jetzt ist sie ohne Anstellung, und seit ihre Eltern kurz nacheinander verstarben, ist sie auch noch völlig mittellos. Bei ihrem Onkel Hans sucht sie Unterschlupf, bis sie eine neue Aufgabe für sich gefunden hat. Ferner sind da noch der Krämer Lieberstock, die gute Seele des Dorfes – bei ihm findet Franz als einzigem stets ein offenes Ohr, weil ihn sonst jeder für zurückgeblieben hält – und die patente Magd Wiebke, die sich nicht länger unter die Knute ihrer Herrschaft ducken will.

Das Szenario des Dorfes und seiner Bewohner, dieses Klima der allgemeinen Unsicherheit über die Zukunft, das weitere Leben im Großen wie im Kleinen, schildert Jan Kilman sehr eindringlich. Der Leser spürt die Gewaltbereitschaft, die noch überall gegenwärtig ist, das drohende Unheil, das allenthalben in der Luft liegt.

Dieses Unheil wird konkret, als ein Soldat in französischer Uniform im Dorf erscheint. Er ist stumm, wie sich sofort herausstellt. Obwohl vermeintlich ein Feind, kümmert sich der Krämer Lieberstock um den Mann, der offenbar sehr wohl deutsch versteht. Mit seinem Erscheinen nimmt das Unheil seinen Lauf. Jeder Dorfbewohner will sein Schäfchen ins Trockene bringen, ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht, will die Seinen schützen, koste es was es wolle. Und unter der Dorfbevölkerung ist nicht nur einer, der bereit ist, über Leichen zu gehen.

Was ein Krieg mit den Menschen macht, ist das Thema dieses Romans. Die Traumata, die ja erst neuerdings als posttraumatische Belastungsstörung {PTBS} Beachtung findet, waren damals in diesem Ausmaß unbekannt. Eine probate Behandlungsmethode gab es nicht. Kilman schreibt in seinem Nachwort über seine Recherche, und darüber wie sich diese Traumata im Einzelnen äußerten. Manches Detail findet sich in seiner Romanhandlung wieder.

Besondere Authentizität verleiht dem Roman, dass Kilman immer wieder Briefe von der Front in seine Handlung einwebt, die zwar fiktiven Charakteren zugeschrieben werden, aber real existierenden Briefen nachempfunden sind, die man noch heute nachlesen kann. Durch deren schlichte, ungeschönte Worte erfährt der Roman eine ungeheure Wahrhaftigkeit.

Fazit

»Heldenflucht« ist ein Buch, das nahegeht. Unter den Romanen, die sich mit dem ersten, dem großen Krieg beschäftigen, nimmt dieses Buch sicherlich eine besondere Stellung ein. In einer schlichten, schnörkellosen Sprache schildert der Autor nicht nur die Folgen eines der grausamsten Kriege der Geschichte, sondern er erzählt darüber hinaus auch eine spannende Kriminalgeschichte. Am Ende ist der Leser überzeugt, dass sich die Rückkehr in ein »normales« Leben nach dem Krieg vielerorts so oder so ähnlich zugetragen hat.