Fake

Die Wahrheit über die Lügen entzaubert die Welt

Buchbesprechung: Peter Köhler »Fake«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz


Peter Köhler
»Fake«

Inhalt
Erschwindelte Doktortitel, gefälschte Kunstwerke, getürkte Kriegsanlässe – in der Geschichte der Menschheit gibt es nichts, was noch nicht gefälscht worden wäre. Misstrauen ist also angebracht: Wenn Aristoteles plötzlich Französisch schreibt, mag der eine oder andere stutzig werden; dass der Briefträger Gert Postel es zum Oberarzt brachte, ohne je Medizin studiert zu haben, fiel hingegen nur durch Zufall auf.
Mit einem Augenzwinkern durchkämmt Peter Köhler unsere Geschichte, liest das Markus Evangelium als schlechte Übersetzung einer Caesar-Biographie und stellt fest, dass die Existenz des heutigen Staates Österreich womöglich auf einer Fälschung beruht. Auf seinem Streifzug von der Steinzeit bis in die Gegenwart enthüllt er, wie sich Dichter und Denker, Künstler und Kaiser, Päpste und Politiker die Wirklichkeit zurechtbogen; er zeigt die Geheimnisse guten Täuschens – und wie selbst aufgeflogene Fälschungen noch Jahrhunderte später Weltgeschichte schrieben.
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Täuschung, Lüge, Fälschungen

Peter Köhlers Buch »Fake«, das sei vorweg geschickt, leistet einen echten Beitrag zur Entzauberung der Welt und allem, was sie an geistiger Leistung hervorgebracht hat. Literatur, Kunst, Geschichte, Politik, Wissenschaft, nirgends ist man vor Täuschung, Lüge, Fälschungen gefeit. Peter Köhler, nach eigener Auskunft Sohn einer arabischen Prinzessin und ein Multitalent, vernichtet Seite um Seite den Glauben an die Menschheit, an die Sicherheit erworbenen Wissens, ja entlarvt sogar mathematisch-physikalische Gesetze als Augenwischereien. Das ist sehr ernüchternd. Aber auch ungeheuer witzig.

Doch, es ist gute Unterhaltung, was Peter Köhler uns darbietet. Und er behandelt die Großen der Geschichte ebenso schonungslos wie die, die erst durch ihn ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wurden.

Im Mittelalter, wir vermuteten es längst, beruhen einige Entwicklungen auf Täuschung und Fälschung. Die Konstantinische Schenkung natürlich, von der mittlerweile jeder weiß, dass sie eine Fälschung ist. Dennoch basiert, unbeirrt von dieser Gewissheit, auf ihrer Basis noch immer Kirchenrecht.

»Was wahr und echt, weiß keiner mehr« sagt Hans Sachs in Richard Wagners Oper »Die Meistersinger von Nürnberg«. Ganz so arg ist es nicht es nicht …. Übrigens: Das Zitat ist falsch.«
{Fake, S. 11}

Kopisten und Fälscher in allen Epochen

Bereits in der Antike war Lügen und Betrügen an der Tagesordnung. Horaz kupferte bei Alkaios ab, Catull bei Sappho. Freiheit der Dichtung, tönt es in unseren Ohren! Der Antiquitätenhandel blühte – die Römer kopierten munter die beliebten und begehrten griechischen Statuen – griechische Kunst war in Rom begehrt, und mit der Nachfrage wuchs das Angebot der Kopisten und der Fälscher. Doch nicht einmal in der Antike liegt die Wurzel des Übels. Aus dem Neolithikum stammt eine Kette aus 183 Hirschzähnen. Doch nur 118 davon sind tatsächlich Zähne, die übrigen 65 sind Imitate aus irgendwelchen Knochen, täuschend echt nachgemacht {S. 12}. Tja, so sieht es aus. Wahrscheinlich fügt man niemandem Unrecht zu, wenn man behauptet, so lange der Mensch denkt und handelt, so lange betrügt er. Auch wenn im Falle der Kette natürlich nicht bewiesen werden kann, ob eine betrügerische Absicht hinter den Zahnfälschungen bestand. Zudem muss man natürlich bedenken, dass erst eine Vorstellung von persönlicher Leistung und geistigem Eigentum ausgebildet sein muss, um solcherlei Taten überhaupt als Unrecht zu empfinden. Dies war allerdings bereits im Altertum der Fall: Dass sich niemand mit fremden Federn schmücken soll, weil Hohn und Verachtung die Folge seien, mahnt eine der Fabeln, die unter dem Namen Äsop überliefert sind und zwischen dem 5. und 1. Jahrhundert vor Christus in Griechenland entstanden sind. {S. 13}

»Durchschnittlich alle acht Minuten und bis zu 200-mal am Tag, das haben grundehrliche Feldforscher in selbstverständlich verlässlichen Studien herausgefunden, sagt der Mensch die Unwahrheit.«
{Fake, S. 9}

Als Faustregel gilt, was anonym ist, ist Gemeingut und darf vereinnahmt werden. Anders verhält es sich, wenn ein Name mit dem Werk verbunden ist. Wie Homer mit der Ilias. Wie aber verhält es sich, wenn der berühmte Bildhauer Phidias das Werk eines Schülers signiert, um ihm dessen Verkauf zu erleichtern? Wenn Dali Blankoblätter signiert um seine Werke präsent zu halten, oder Maurice de Vlaminck oder gar Paul Cézanne Fälschungen ihrer Bilder nicht von eigenen Werken unterscheiden konnten? Oder dass ein angeblicher Rembrandt am Ende doch nur von einem Rembrandt-Schüler gemalt wurde, wie Fachleute Jahrhunderte später erkannt haben wollen … Wenn sie sich nicht doch irren – mindestens das wird man sich nach der Lektüre dieses Buches offenhalten wollen. Was Kunst betrifft, scheint die persönliche Einschätzung das einzige Kriterium zu sein: Egal von wem, es ist ein gutes Bild – oder eben nicht.

Grenzwertig wird es, wenn sich Gerichtsschreiber wie Willi Luchs zum Rechtsanwalt Dr. Maximilian Jung hochstapeln und reihenweise die Münchner Schickeria aufs Kreuz legen. Oder der wahrscheinlich bekanntere Fall von Frank William Abagnale jr., dessen zweifelhafte Karriere als Pilot, Arzt, Rechtsanwalt sogar die Aufmerksamkeit Hollywoods erregte.

Die Wahrheit über Julius Caesar

Kritischer wird es, wenn Hochstapler sich ärztliche Meriten verleihen. Eine Heilpraktikerin und ein Elektriker behandeln einen Industriellen mit einem selbst entwickelten Spezialmittel gegen einen erfundenen Krankheitserreger. Von Glück sagen kann derjenige, der lebend aus einer solchen Behandlung herausgeht. Gelegentlich jedoch erweist sich der selbsternannte Doktor jedoch als ausgezeichneter Mediziner, der es mehr als jeder ordentliche Arzt versteht, auf seine Patienten einzugehen und sogar Anerkennung und ansehnliche Heilerfolge vorweisen kann. Der eine ist ein Betrüger, der andere lebt eine verhinderte Berufung.
Die Kirche und die biblische Geschichte ist natürlich ein Eldorado für Fälscher. Allein ein ganzes Kapitel widmet Köhler der fantastischen These, dass sich das Markus-Evangelium nicht dem Leben Jesus widmet, sondern es sich dabei eigentlich um eine – zugegeben verstümmelte und verklausulierte – Überlieferung des Lebens und der Taten des gleichermaßen berühmten Gaius Julius Caesars handelt. Köhler folgt damit einer Veröffentlichung Francesco Carotta von 1999, der in seinem Buch fragt: War Jesus Cäsar?, die seinerzeit trotz der wagemutigen Theorie kaum Aufmerksamkeit erregt hat. Vielleicht gewinnen durch Köhlers Buch ja seine durchaus logischen und bedenkenswerten Ansätze eine neuerliche und diesmal größere Beachtung, auch wenn das Buch mittlerweile wohl vergriffen ist.
Ein weiteres Feld, das Köhler bestellt, ist das der Wissenschaft und damit des Phänomens des copy & paste. Von und zu Guttenberg oder Frau Schavan fanden gleichermaßen den Weg in das Büchlein.
Ganz entzückend ist jedoch das letzte Kapitel »Steinlaus & Co.«, das mir das Vertrauen in die Wissenschaft zurückgegeben hat, weil es nämlich den Eindruck stärkte, dass auch die trockene Wissenschaft nicht in der Lage ist, jeglichen Humor bei ihren Jüngern auszudörren. Als Beispiel mag hier nur die »petrophaga lorioti« dienen. Bekannt auch als »Steinlaus«. Dieses possierliche Tierchen, das 1983 sogar durch einen Eintrag im medizinischen Wörterbuch Pschyrembel gewürdigt wurde, der unter anderem seine Bedeutung für die Großstadtarchitektur herausstreicht. 1993 wurde der Eintrag – sicher versehentlich – entfernt, doch dankenswerterweise 1997 wieder aufgenommen, aktualisiert durch den Hinweis, dass die Steinlaus maßgeblich zum Fall der Berliner Mauer beigetragen und sich dadurch womöglich ihrer Existenzgrundlage beraubt habe. Doch nein, 2007 deutet sich an, dass sie sich ein neues Habitat erobert hat, den Menschen! Endlich fand sie ein neues Heim in menschlichen Organen, wo sie sich von Cholesterol-Konkrementen auskömmlich ernähren kann. Symptom für einen Steinlausbefall, das sei noch kurz erwähnt, ist »Euphorie mit typischer Mimik {Kontraktion des Musculus risorium und Musculus orbicularis oculi}.«
Ganz offensichtlich, was damit gemeint ist.

Fazit

Peter Köhlers »Fake« ist ein launiges Buch mit großem Unterhaltungswert. Es ist gut geschrieben und versammelt bekannte und unbekannte Fälle aus allen denkbaren Bereichen des Lug und Trugs. In seiner Fülle und Vielfältigkeit zeigt es in gleichermaßen faszinierender wie erschreckender Weise, wie weit das Feld der Fälschungen und Betrügereien ist, und das gleichwohl nicht hinter jedem Betrug auch eine betrügerische oder kriminelle Absicht stecken muss.
Doch halt, uneingeschränkt ist das Büchlein dann doch nicht zu loben. Ein großer Makel ist in meinen Augen, das dem Buch eine nachvollziehbare Gliederung fehlt. Und wenn doch, so hat sie sich mir nicht erschlossen. Das Buch wirkt auf mich wie eine Sammlung aus verschiedenen Zettelkästen, die zwar jeweils einzelnen Hauptthemen zugeordnet sind, deren Inhalt jedoch so abgearbeitet wurde, wie die Zettel dem Autor in die Hände fielen.
Außerdem fragte ich mich: Wie verhält es sich eigentlich bei einem Buch über Fälschungen mit der Wahrhaftigkeit? Denn leider entsprechen nicht alle Behauptungen, die in dem Buch aufgestellt werden, der Wahrheit. Es mag im einzelnen eine Flüchtigkeit, eine Verwechslung, ein Versehen sein, aber sollte man gerade bei der Recherche zu einem Buch über »Fake«s nicht zweimal hinsehen? Denn natürlich war es nicht wie es auf Seite 14 behauptet wird, Marcus Antonius, der das Testament Caesars fälschte, wie auch Senatsbeschlüsse und Gesetze. Warum hätte er denn ein Testament zu seinem Nachteil fälschen sollen? Ein größeres Motiv hatte doch wohl der Begünstigte des Testamentes, Octavianus, der spätere Kaiser Augustus, dem die Fälschung eher unterstellt werden kann.
Und auch die gern kolportierte Behauptung, es sei ja ohnehin nicht Bio drin, wo Bio drauf steht, hat Eingang in das Buch gefunden. »Eine geschützte Bezeichnung ist es nicht …«, behauptet Köhler {S. 89}. Doch, ist sie sehr wohl, geschützt nämlich durch die EU-Öko-Verordnungen, über deren Inhalt man sich sehr schnell im Internet informieren kann.
Dies sind nur zwei Beispiele, vielleicht sogar die einzigen Fakes in diesem Buch. Ich möchte mit ihnen an dieser Stelle auch nur veranschaulichen, dass man selbst einem Buch über Fälschungen nicht trauen darf. Also gilt: Besser zweimal hinsehen, prüfen, nachschlagen und dann noch einmal woanders nachschlagen … Dabei trotz allem immer zuvörderst dem eigenen gesunden Menschenverstand vertrauen, und niemals den Glauben an die grundsätzliche Aufrichtigkeit der Menschen verlieren.