Álvaro Enrigue – Aufschlag Caravaggio

Die Guten gewinnen nie!

Buchbesprechung: Álvaro Enrigue »Aufschlag Caravaggio«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

Aufschlag Caravaggio

Francisco de Quevedo, genialer Poet und berüchtigter Rauf- und Trunkenbold, befindet sich auf der Flucht vor der spanischen Justiz, als er in Rom auf den italienischen Maler Caravaggio trifft. Eine gemeinsam durchzechte Nacht endet im Streit, und um seine Ehre wiederherzustellen, fordert Quevedo den Künstler heraus – doch nicht zu einem Duell mit Waffen, sondern zu einer Tennispartie, die zur Metapher wird für den Wettstreit der beiden Supermächte der Spätrenaissance: Italien und Spanien. Ein furioser Zweikampf mit weitreichenden Folgen.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Blessing Verlags.

Legendärer Jähzorn

Caravaggio war als Künstler seiner Zeit voraus. Seine Bilder erzeugten Unmut, gar Abscheu, und gleichzeit große Faszination. Sie waren in den Augen der Kirche respektlos gegenüber ihren religiösen Motiven, den Heiligen und Märtyrern der Kirche, einer Kirche der Gegenreformation. Und doch fanden sie Liebhaber bei den Männern des Glaubens. Als Vorbilder seiner Heiligen wählte der Künstler den Mann, die Frau von der Straße, und führte dem Betrachter dadurch vor Augen, dass die Heiligen aus seinen Reihen stammten, aus dem einfachen Volk.

Was die Person Caravaggios betrifft, so ist sein Jähzorn legendär. Dieser war es auch, der Caravaggio sogar als Mörder ins Gefängnis brachte.

Wie Álvaro Enrigue in dem Titel seines Buches verspricht, ist Caravaggio einer seiner Helden. Doch eigentlich steht der nur in der zweiten Reihe, besser gesagt, hinter der Grundlinie. Am Netz steht ein anderer: Der Dichter Francisco de Quevedo, der als rauffreudiger Trunkenbold, oder trinkfreudiger Raufbold, dem italienischen Maler weder in Genie, Kondition noch Trinkfestigkeit nachsteht.

Der Titel verrät es: Der Autor Álvaro Enrigue wählt die Metapher des Tennis-Spiels, um eine Geschichte zu erzählen aus der Zeit, in der Ost und West noch eng miteinander verwoben sind. Ost und West, dass heißt in diesem Fall Europa und Amerika. Ganz genau gesagt befindet sich auf der einen Seite des Spielfeldes die Kolonialmacht Spanien, und auf der anderen Seite die Weltmacht Italien.

Aufschlag Caravaggio … Es ist ein Duell zwischen einem spanischen Dichter und einem italienischen Maler. Ein Duell in Form einer Partie Tennis, ausgeführt wegen eines Vorfalls in der vergangenen Nacht, an den sich die beiden schwer verkaterten Kombattanten nicht mehr erinnern können. Einerlei, die Schiedsrichter, ein ambitionierter Herzog und ein gelangweilter Mathematiker, sind angetreten, um den korrekten Ablauf der Partie, mehr oder weniger, zu überwachen. Und um auf ihren Schützling zu wetten, oder auf dessen Gegner.
Gleichzeitig erzählt der Roman von dem Duell zweier Weltmächte. Er zeigt ein Stück prägender Weltgeschichte, das Enrigue in lateinamerikanischer Erzählfreude beschreibt. Es ist die Geschichte der Rivalität Spaniens und Italiens. Der Eroberung Amerikas durch Hernán Cortés im Osten und dem Ränkespiel der Päpste und Kardinäle im Westen, dem Wirken der Renaissance und dem Werden des Barock – der Neuzeit. In kaum einer Epoche wurde die Welt so maßgeblich erweitert, um- und neu geordnet wie im 16. Jahrhundert. Und es ist gleichermaßen auch ein Stück Tennisgeschichte. Man muss nicht einmal selber Tennis spielen, um das Prinzip zu verstehen, vielleicht ist es sogar eher hinderlich. Denn das in diesem Buch beschriebene Spiel hat mit dem heutigen nur entfernt zu tun. Es ist ein neuer und zugleich alter Sport, der seit dem Mittelalter Liebhaber in Ost und West hat, darunter auch Könige {z.B. Henry VIII.}, und dessentwegen Spielplätze angelegt oder sogar Ballhäuser errichtet wurden. Ein Spiel, das die einen ohne Schläger, nur mit der Handfläche {jeu de paume}, spielen, und die anderen mit einem Schläger {Raqueta, der zuerst eine Vollholzschlagfläche hat, die später durch ein Ledergeflecht abgelöst wird, welches seinerseits die Haarmode beeinflusst …} – und bei dem eine Galerie und eine wie auch immer geartete Öffnung eine Rolle spielt. Nicht einmal die Bälle waren einheitlich, doch die mit einem Kern aus echtem Haar waren zweifellos etwas besonderes, jedenfalls in dem Fall, der in dieser Geschichte von Bedeutung ist.
Wie in einem Tennismatch fliegt der Ball der Geschichte mal hierhin, mal dorthin, dreht sich um sich selbst, schlägt eine Volte und landet im Aus.
Oder in Rom – wo Caravaggio seine Gönner sucht und den Betrachter mit seiner Wahl der Modelle – Huren und Trinker aus der Gosse – schockiert und gleichzeitig den Kunstkenner und Liebhaber durch seine einzigartige Lichtdramaturgie begeistert. Wo die Kirchenfürsten die Gegenreformation vorantreiben, von wo die Inquisition in die Welt geschickt wird, in Gestalt des Kardinals Montalto beispielsweise.

»Montalto war von keinem der Inquisitoren des Papstes an Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit zu überbieten, und auch keiner war so felsenfest wie dieser davon überzeugt, dass endlich Schluss sein müsse mit der geradezu tuntenhaften Herumreiterei auf der Überzeugung, es müsse ein Konsens herbeigeführt werden – als ob es an Bord des Kirchenschiffes niemanden gäbe, der imstande wäre, das Ruder zu führen! Abgesehen davon gab es keinen so glühenden Verfechter der Idee, einen Katechismus zu verfassen, der es endlich erlaubte, falls nötig ganz Europa auf den Scheiterhaufen zu schicken, wie Montalto.« {S.116}

Einer Welt, in der die Inquisition die Luft bald durch die immer zahlreicher brennenden Scheiterhaufen verpesten wird.
Aufschlag Caravaggio, und der Ball fliegt auf die andere Seite des Atlantiks, nach Neu-Spanien – Mexiko und Mittelamerika. Hier zieht Hernán Cortés seine blutige Spur durch einen Kontinent, der an blutigen Spuren eigentlich schon reich genug war. Denn das Leben unter dem Regime des Kaisers Cuauhtémoc und des Prinzen Tletlepanquetzal war auch kein Honigschlecken.

»Der Fall Tenochntitláns ging nahezu geräuschlos vonstatten. Obwohl die Folgen für unseren Planeten womöglich noch gravierender waren als die der nicht weniger monumentalen Zusammenbrüche Jerusalems und Konstantinopels, obwohl in allen drei Fällen eine ganze Welt unterging und von dem immer gleichen Strom aus Blut und Scheiße fortgespült wurde, den die Geschichte hervorbringt, wenn sie wieder einmal verrückt spielt, schien in Tenochtitlán alles wie durch die Melancholie eines umfassenden Schuldgefühls gefiltert, als wäre den neuen Herren, die sich endlich hatten durchsetzen können, nur zu bewusst, dass sie dabei waren, einen nicht wieder gutzumachenden Schaden anzurichten.« {S. 132}

»In seinen allerletzten Tagen war es {das Azteken-Reich, d.Red.} winzig klein – da bestand es einzig und allein aus der Stadt Tenochtitlán. Und am 13. August 1521 nur mehr aus dem schwimmenden Untersatz, auf dem der fliehende Cuauhtémoc gefangen genommen wurde. In einem Punkt wenigstens war die Geschichte in diesem Fall gerecht: Dieses dahintreibende Floß war alles, was von einem unsäglich blutigen Regime übrig geblieben war. Das heißt aber noch lange nicht, dass damals die Guten gewonnen hätten. Die Guten gewinnen nie.« {S. 153}

Manchmal landet der Ball aber auch auf der Galerie, hält inne und fällt ganz langsam hinunter, in die letzte Ecke, so dass der Gegenspieler sich nicht einmal die Mühe macht, sich aufzuraffen … Zeit, einen Blick auf die Geschichten über das Tennisspiel zu werfen, die sogar in die Kirchenliteratur Aufnahme gefunden haben. Die erste Tennispartie der Menschheit nämlich, fand laut Cäsarius von Heisterbach in der Hölle statt. So schreibt er in seinem Buch Dialogus miraculorum. Dabei spielen zwei teuflische Teams um die Seele eines französischen Seminaristen mit Namen Pierre. Dieser wird später Papst Petrus I.

Es ist ein Buch mit vielen Facetten, die alle mit dem Spanien und dem Italien der ausgehenden Renaissance und erwachenden Neuzeit zu tun haben. Tief verhaftet in der indianischen Mystik Mittelamerikas, aber gleichzeitig der lichten Logik eines Galileo Galileis verpflichtet. Als Zwischenglied könnte Thomas Morus dienen, dessen Utopia einen Neuanfang in Amerika ermöglicht. Manchmal reicht ein Handlungsfaden auch darüber hinaus, bis nach England beispielsweise, zu Heinrich VIII. und dem Tod von Anne Boleyn, mit der die Erzählung irgendwie ihren Anfang nimmt. Oder zu der Reformation im Norden Europas. Da diese Geschichte ein Lateinamerikaner erzählt, glaubt man gern, dass alles irgendwie miteinander zusammenhängt – was tatsächlich so ist. Aber die Grenze zwischen Wahrheit und Dichtung verwischt und ist auch nicht wirklich wichtig. Alles ist möglich.
Eine Partie Tennis ist indes ein überraschend handfestes Bild, dass aber treffend ist, mal schlägt der eine auf, dann der andere, mal führt er, mal liegt er zurück. Am Ende sind alle erschöpft und wer der Gewinner ist …

Fazit

Wie der Autor selbst sagt: »Jetzt, da ich dieses Buch schreibe, weiß ich eigentlich nicht, wovon es handelt. Oder was es erzählt. Es handelt nicht unbedingt von einer Partie Tennis. … Vielleicht handelt dieses Buch einfach davon, wie man die Geschichte, die es erzählt, erzählen könnte … Ein Buch, in dem es ständig hin und her geht, wie beim Tennis. Ja, es ist kein Buch über Caravaggio und Quevedo, dafür aber eins mit Caravaggio und mit Quevedo …« {S. 227} und noch vielen anderen, die die Zeitläufte damals in Bewegung gesetzt oder gehalten haben.
Es ist ein Buch, das dem Leser einiges abverlangt, und ja, manchmal braucht man drei Versuche, bis der Ball des Leseflusses über das Netz fliegt. Aber für die Liebhaber lateinamerikanischer Prosa ist es sicher eine Freude,, sich der Fabulierlust zu ergeben und dem Autor und seinen abenteuerlichen Volten durch diesen Abschnitt der Geschichte zu folgen. Vielleicht zum Schluss noch ein Wort des Autors, weil es einen Einblick gibt, auf welch persönliche Weise er seine Geschichte erzählt, und in dem er seine Beweggründe zeigt:

»Carlo Borromeo {Kardinal und Erzbischof} löschte die Renaissance aus, in dem er das Christentum bloß noch in Form von Folter ausübte. Gleich nach seinem Tod wurde er heiliggesprochen. Vasco de Quiroga {Der nach dem Vorbild von Thomas Morus’ Utopia in Lateinamerika Dörfer gründete} rettete völlig allein eine ganze Welt. Er starb 1565, aber der Prozess seiner Heiligsprechung ist bis heute nicht einmal eingeleitet worden. Ich weiß nicht, wovon dieses Buch handelt. Ich weiß aber, dass ich beim Schreiben sehr zornig darüber wurde, dass immer die Bösen gewinnen. Vielleicht werden alle Bücher nur geschrieben, weil die Bösen stets im Vorteil sind und weil das unerträglich ist. {S. 228}