Elke Weigel – Tod und Irrtum

Histo Journal Besprechung: Elke Weigel »Tod und Irrtum«

Gelesen & Notiert von Alessa Schmelzer

Inhalt
UNTER VERDACHT Eben von einer Reise zurück, erwartet Henriette Haag zu Hause das Chaos: Ihre junge Haushälterin Magdale wird des Mordes verdächtigt und ist nach einem angeblichen Suizidversuch nicht vernehmungsfähig. Von der Unschuld der jungen Frau überzeugt, kehrt sie in der gutbürgerlichen Gesellschaft Stuttgarts das Unterste nach oben und stellt fest, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website der Autorin.

Eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Gmeiner Verlages.

»Wir warfen alle unsere konventionellen Vorstellungen von ›ladylike‹ und guten Umgangsformen über Bord, und wir prüften unsere Methoden lediglich unter dem Gesichtspunkt: Hilft es?« {Emmeline Pankhurst, 1914}

Zur Erinnerung – Die Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren von einem selbstbestimmten Leben qua Geburt Lichtjahre entfernt {zumindest die meisten von ihnen}. Ihre Rolle war klar umrissen. Die gehorsame Tochter heiratete den Mann, den die Eltern für sie ausgesucht hatten. Was folgte, war ein vorgezeichnetes Leben als {gehorsame} treue Ehefrau und aufopferungsvolle, liebevolle Mutter. Die Verwirklichung der eigenen Träume {Abitur, Studium, Beruf} stand bei den meisten Frauen nicht zur Diskussion. Mehr als verständlich, dass Frauen wie Emmeline Pankhurst {Suffragetten} die Gleichberechtigung für Frauen einforderten, deutsche Frauenrechtlerinnen endlich das Wahlrecht auch für Frauen verlangten {worüber sie sich dann aber erst Ende November 1918 freuen durften, die Engländerinnen mussten ganze zehn Jahre länger darauf warten}.

»Sie wären erfreut zu sehen, wie zuversichtlich und voller guter Vorsätze ich meiner Zukunft entgegen gehe.« {S.7}

Stuttgart 1910: Endlich zurück in der Heimatstadt. Henriette Haag, monatelang auf Reisen unterwegs, kann es gar nicht abwarten endlich den Fuß über die Schwelle ›ihres‹ Hauses zu setzen {in der Wahl des Pronomens ist die jetzige Witwe noch ein wenig ungeübt, zu lange hieß es ›unser Haus‹}. Der Tod des einstigen Gatten liegt zwar nur wenige Monate zurück, seinen Verlust hat Henriette trotzdem gut verarbeitet. Nicht zuletzt dank der neuartigen ›Redekur‹ eines Wiener Doktors, einem gewissen S. Freud. Ein Mann, dem Henriette ihre intimsten Gefühle anvertraute und weiterhin anvertrauen möchte. Fleißig schreibt sie Briefe, in denen sie Freud über ihre gemachten Fortschritte auf dem Laufenden hält. Keine Frage: Henriette ist eine für ihre Zeit ungewöhnliche Frau, denn statt sich dem, das wird gleich auf den ersten Seiten klar, eher langweiligen Leben einer Witwe auszuliefern – Frau Kommerzienrat mitsamt etwaiger gesellschaftlicher Verpflichtungen hin oder her -, ist sie auf der Suche nach einer neuen, sie erfüllenden Aufgabe. Einer Herausforderung. Die findet sich indessen sehr viel schneller, als zunächst von Henriette selbst vermutet. Kaum hält die Droschke vor ihrem repräsentativen Jugendstilhaus {in der Wahl des Gefährtes ist Henriette noch ein wenig altmodisch, sie zieht die Droschke dem neuartigen Automobil vor}, ist Henriette schon mittendrin im Chaos. Magdale, ihre zuverlässige Haushälterin, wird blutüberströmt aus dem Haus getragen. Die junge Frau soll selbst Hand an sich gelegt haben. Henriette ist entsetzt, kann und mag das nicht glauben. Magdale ist eine fröhliche und lebensbejahende Frau. Was sollte sie zu einem solchen schwerwiegenden – und zudem strafbaren – Schritt bewogen haben? Für Doktor Altmüller, er ist nicht nur der behandelnde Arzt, sondern auch Gatte Henriettes guter Freundin Josefine, ist die Sache eindeutig: Schizophrenie im Anfangsstadium. Henriette ist skeptisch. Das hätte sie doch merken müssen! Und ist Magdale nicht zu lebenslustig, um ihrem Leben ein gewaltsames Ende zu setzen? In Henriette erwacht der Drang dem Ganzen nachzugehen und herauszufinden, was sich in ihrer Abwesenheit wirklich zugetragen hat. Allerdings verdichten sich nach und nach die Beweise gegen Magdale. Als schließlich ein junger Mann erschlagen aufgefunden wird und Magdale als Mörderin in Frage kommt, weiß Henriette, dass sie handeln muss. Und zwar rasch. Hilfreich zur Seite stehen ihr hierbei ihre beiden Freundinnen Josefine und Felise. Unverhofft geraten alle drei in einen Strudel aus Lügen und Intrigen, verdrängten Träumen und nicht zuletzt verletzter Eitelkeiten … 

Geistreiche Unterhaltung

Elke Weigel liefert ihren Lesern eine geistreiche, kurzweilig zu lesende Unterhaltung jenseits der gängigen Klischees historischer Geschichten. Mag die Kriminalhandlung als Motor der Geschichte eine gewisse Spannung verleihen, im Fokus steht letztlich die persönliche Entwicklung Henriettes. Ihr Aufbegehren, ihr Mut und die sich daraus ergebende neue Richtung ihres gesamten Lebens. Die immer wieder von der Autorin mit Bedacht eingestreuten Briefe an Freud, lassen den Leser tief in die Psyche Henriettes eintauchen und verstehen, was sie fühlt und denkt und welche Handlungen diese Reflexionen evozieren. So ist es kein Wunder, dass Henriettes Bestrebungen eine sie fordernde Aufgabe zu finden, die sie ausfüllt und glücklich macht, bei ihren Zeitgenossen zunächst Unverständnis hervorruft {auch ihre Freundinnen zeigen sich irritiert}. Diesen emanzipatorischen, gängige Konventionen sprengenden Aspekt zu beschreiben, ist eine der Stärken des Romans. En passant blitzen die gesellschaftlichen Strukturen hervor, in all ihren Ungleichheiten, und verdichten sich im Laufe des Romans zu einem großen Ganzen. So erhält der Leser nicht nur einen interessanten Einblick in das Leben Henriettes, die ohne ihre Magdale im Haushalt mehr oder weniger ›aufgeschmissen‹ ist und Hilfe ihrer Freundinnen in Anspruch nehmen muss, sondern auch in das Leben anderer Frauen, die in der sozialen Schicht weit unter Henriette stehen.

Fazit

Die Autorin überzeugt durch intelligente Unterhaltung jenseits des Mainstreams. Lesenswert! Einzig bedauerlich ist dies: »Tod und Irrtum« ist mit knapp zweihundertfünfzig Seiten ein recht schmales Bändchen. Dabei wünschte der Leser Weigels sorgfältig komponierter Geschichte, ihrem flüssigen Schreibstil, der liebevollen Figurenzeichnung und der ausgewogenen Portion an Lokalkolorit mehr Raum.