Die Bücherjäger

Buchbesprechung: Dirk Husemann »Die Bücherjäger –«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

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Inhalt

Ein Buch, das die Welt verändern könnte

Konstanz 1417: Poggio Bracciolini ist ein Meister im Aufstöbern antiker Texte – ein Bücherjäger, der sich in altehrwürdige Klosterbibliotheken einschleicht. In einem Bergkloster am Bodensee entdeckt er ein Buch, das an eine Kette gelegt ist. Doch kaum hat Poggio die ersten brisanten Zeilen entziffert, ist der Foliant verschwunden. Entschlossen nimmt der Bücherjäger die Verfolgung der Diebe auf. Denn wenn der Text in die falschen Hände gerät, wird er die gesamte abendländische Welt ins Wanken bringen.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Lübbe Verlags.

Lübbe Verlag
Taschenbuch
447 Seiten
ISBN 978-3-404-17693-9
11,00 Euro

Im Jahr 1417 ist in Konstanz der Teufel los, fast im wahrsten Sinne des Wortes. Die Anhänger des deutschen Königs hatten Papst Johannes mit der Aussicht auf ein Turnier aus der Stadt gelockt, um ihn zu ermorden. Der Papst ist Johannes der XXIII, mit bürgerlichem Namen Baldassare Cossa hat er sich als Seeräuber im Thyrrenischen Meer einen Namen gemacht. Als Sohn des Grafen von Troia war Cossa zunächst Offizier, wurde als Laie Kardinal und erhielt später die geistlichen Weihen. Bis er zum Papst avancierte. Zu einem von drei Päpsten, genauer gesagt, denn es ist die Zeit des abendländischen Schismas. In den letzten Jahren, als die Päpste in Rom und Avignon konkurrierende Ansprüche stellten, wurde Cossa Nachfolger von Alexander V., der 1409 vom Konzil von Pisa als neuer Papst gewählt worden war. Damit gab es aber nun drei konkurrierende Päpste. Mit jeweils entsprechender Gefolgschaft.

So ist der historische Rahmen des Romans grob umrissen, der während des Konzils in Konstanz seinen Anfang nimmt. Mit der Flucht Baldassares aus der Stadt.

Eigentliche Hauptfigur ist jedoch Gianfrancesco Poggio Bracciolini, ein Bücherkenner und Jäger, wie auch alter Freund des Papstes Johannes, aus der Zeit, in der er noch Baldassare hieß. Während der Papst in Koblenz um sein Leben rennt, leidet Poggio unter den Gesangseinlagen Oswald von Wolkensteins. »Doch die Weise klang nach Schwermut und jener Form der Melancholie, wie sie die Langeweile eines adeligen Lebens in einer zugigen Burg hervorbringt.« {S. 13} Er ist mit den Tiroler Sänger Wolkenstein zu einem Kloster unterwegs, dessen Scriptorium literarische Schätze beherbergen soll, ein Bergstift, »in dem angeblich die absonderlichsten Texte aus der Zeit der Römer in einem Zauberschlaf vor sich hindämmerten«, verheißt Wolkenstein. {S. 16} Und das lockt den Bücherfreund Poggio natürlich, der immer auf der Suche nach Schriften der antiken Autoren ist, die in den Klöstern noch zu finden waren. Die kostbaren Pergamente konnten schließlich abgeschabt und statt des heidnischen Textes mit christlichen Botschaften neu beschrieben werden. Im Kloster Sankt Fluvius sollte es laut Wolkenstein jedenfalls ein Skriptorium mit solchen Schätzen geben. »Und wenn nicht gerade ein eifriger Mönch die Rhetorik des Cicero abschabte, um auf der ledernen Seite Platz für das Lukasevangelium zu schaffen, so waren diese Schätze noch zu heben.« {S. 16}
In just diesem Kloster Sankt Fluvius nimmt dann jedoch ein Abenteuer seinen Lauf, das Poggio so nicht abgesehen hat. Er ist eigentlich ein Mann der Feder, und brachte schon so manchen Lehrer mit seinen mangelnden Waffenkünsten zur Verzweiflung. So sind es dann auch eher seine Findigkeit und Schlagfertigkeit als seine Schlagkraft, die ihn aus den Gefahren herausmanövrieren. Mit von der Partie ist neben Oswald von Wolkenstein noch die zwielichtige Agnes, die die Beiden in Sankt Fluvius finden. Damit ist das Trio der Bücherjäger komplett. Agnes sie ist die Witwe des zwar zum König gewählten, aber kurz darauf ermordeten König Jobst von Mähren und flüchtete sich in den Schutz des versteckt liegenden Klosters. Ihr ist es zu verdanken, dass Poggio hinter das Geheimnis eines dort angeketteten Buches kommt, das von Jobst von Mehren dort deponiert wurde. So überraschend, wie das Buch auftauchte, ist es schon wieder verschwunden. Vorher gelingt es Poggio noch, einen Teil der verborgenen Ursprungsschrift sichtbar zu machen: Es enthält anscheinend Ungeheuerliches. Der Klappentext verrät schon: »Denn wenn dieser Text in die falschen Hände gerät, wird er die gesamte abendländische Welt ins Wanken bringen.« Und der Foliant ist offenbar nicht der einzige seiner Art. Poggios Jagdinstinkt ist geweckt. Alle drei machen sich auf die Suche, jeder mit eigenen Zielen. Eine Suche, die von Widrigkeiten und Feinden behindert wird, denn schon sind ihnen die Söldner des amtierenden Königs Sigismund auf den Fersen.

Dirk Husemann verfügt über ein detailliertes Wissen über die Zeit und die Sprachgewalt, die Epoche und die Charaktere in Bildern und Worten zum Leben zu erwecken. Er studierte Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Ethnologie, steht von daher historischer Materie nah. Seine bisherigen Romane beschäftigen sich mit historischen Begebenheit ganz unterschiedlicher Epochen, vom 6. Jahrhundert in »Die Seidendiebe«, über das 9. Jahrhundert »Ein Elefant für Karl den Großen« und »Die Eispiraten«. Jetzt im 15. Jahrhundert widmet er sich den Bücherjägern, die tatsächlich existiert haben. Poggio, Agnes und Baldassare sind historisch belegt, näheres zu den Personen und Begrifflichkeiten erläutert Husemann in einem Nachwort und Glossar.

Poggio hat sich vom Schreiber zum Sekretär der römischen Kurie hochgearbeitet und »besorgte« für den Heiligen Stuhl Handschriften von Bedeutung. Er kaufte sie, oder stahl sie auch, wenn es sein musste. Die Texte schickte er dem Papst, und Kopien davon an seinen Freund Niccolò Niccoli in Florenz, der sie in Umlauf brachte. Auf diese Weise halfen sieden Geist der Antike in Italien zu verbreiten und die Renaissance auf den Weg zu bringen.

Auch wenn der Roman im Jahr 1417 spielt, so erfährt der Leser, die Leserin, durch gelegentliche Rückblenden, die die Helden zu denen wurden, die sie sind. Poggios Kindheit als Apothekersohn und Anekdoten über seine Freundschaft zu Baldassare dienen nicht nur zur Abrundung der Charaktere, sondern bieten eigenen Charme. Dadurch entwickelt sich eine große Nähe zu den Personen und man steht unerschütterlich an Poggios Seite, auch wenn der hier und da nicht ganz legal agiert. Die Flamme des Feuers seiner Begeisterung für die gesuchten Texte springt auch auf den Lesenden über.

Fazit

Ein fesselnder Abenteuerroman aus der Zeit der gerade entstehenden Renaissance, der einen weiten Blick auf die Epoche und ihren Menschen ermöglicht. Husemanns Sprache ist sehr fein, seine Dialoge auf den Punkt gebracht, die Charakteristik seiner Figuren plastisch. Er schreibt sehr lebendig, mit originellen zeitgenössischen Sprachbildern und Ausdrücken, die der Epoche, aber auch der Person und jeweiligen Situation auf das Beste gerecht werden.
Einzig, dass anscheinend der Unterschied zwischen »anscheinend« und »scheinbar«, sowohl bei dem Autor als auch dem Lektor, vollkommen in Vergessenheit geraten sind, ist anzumerken. Gerade, wer scheinbar viel Sorgfalt auf eine korrekte Sprache legt, sollte sich des Unterschiedes zwischen den beiden Ausdrücken bewusst sein, dieses Manko schmerzt daher besonders.
Aber dies ist ja eine allgemein zu beobachtende sprachliche Verschleißerscheinung, und mindert die Lesefreude nur marginal. Auf jeden Fall bietet »Die Bücherjäger« eine rundum empfehlenswerte Lektüre.