Buchbesprechung: Christian Kracht – Die Toten

Histo Journal Buchbesprechung: Christian Kracht: »Die Toten«

Gelesen & Notiert von T.M. Schurkus

Cover Die Toten

Inhalt
Die Toten

Inhalt
Die Wiedergeburt der gothic novel aus dem Geist des Kinos
Christian Krachts neuer Roman »Die Toten« führt uns mitten hinein in die gleißenden, fiebrigen Jahre der Weimarer Republik, als die Kultur der Moderne, besonders die Filmkultur, eine frühe Blüte erlebte.
Hier, in Berlin, »dem Spleen einer unsicheren, verkrampften, labilen Nation«, versucht ein Schweizer Filmregisseur, angestachelt von einem gewissen Siegfried Kracauer und einer gewissen Lotte Eisner, den UFA-Tycoon Hugenberg zur Finanzierung eines Film zu überreden, genauer gesagt: eines Gruselfilms, genauer gesagt: in Japan. Das überschneidet sich mit ebensolchen Plänen im dortigen Kaiserreich, mit denen man dem entstehenden Hollywood-Imperium Paroli bieten will …
Ein Roman in betörend-magischer Sprache, der das Geheimnis des Films als Kunstwerk der Moderne feiert, seine großen Meister von Murnau bis Lang, die Sehnsucht großer Künstler nach Transzendenz und Erlösung und die Erinnerung als Quelle unseres Ichs. Ein Roman über die Geister, die ständig unter uns sind, ob wir es wollen oder nicht.

Hardcover mit Schutzumschlag
224 Seiten
ISBN 978-3-462-04554-3
Auch als eBook erhältlich
Preis: 20,00 Euro

Eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Kiepenheuer & Witsch Verlages.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Die Anfänge des Kinos waren, wie allgemein bekannt, wenig glamourös. Auf Jahrmärkten und in »Ein Nickel-Buden« {Nickelodeons} wurden kurze Filme vorgeführt, das Publikum duckte sich schreiend vor vermeidlich herannahenden Zügen und lachte über Stolperfritzen. Die »Hochkultur« wollte von diesem Medium lange nichts wissen.
Der technische Fortschritt des Films, insbesondere das Aufkommen des Tonfilms, fiel in Europa zusammen mit dem Aufkommen des Faschismus. Die neuen Machthaber in Deutschland, Spanien und Italien, erkannten in der Breitenwirkung des Films das geeignete Mittel, um ihre Propaganda unters Volk zu bringen. Dabei war vornehmlich in Deutschland der ideale Propaganda-Film der, von dem die Zuschauer vor allem unterhalten wurden, sie sollten nicht bemerken, dass sie für ein Weltbild vereinnahmt wurden.

Zu diesem Zeitpunkt, Mitte der 30er Jahre, ist Christians Krachts Roman »Die Toten« angesiedelt. Der Roman beginnt mit einer Filmszene: Ein Japaner begeht rituellen Selbstmord. In der Pornografie würde man von »Snuff« sprechen, der realen Tötung vor laufender Kamera. Diese Filmaufnahmen sieht Nägeli, ein Schweizer Filmemacher, der schon lange etwas großes Schaffen will, aber ihm fehlt das Geld. Er reist nach Berlin und fabuliert von einem Filmprojekt, das er mit dem japanischen Regisseur realisieren will. Zwischen Heinz Rühmann und einigen Cocktails in einer Berliner Nacht wird ihm ein großes Budget bewilligt. Neben der politischen Achse will man eine kulturelle nach Japan schaffen, und vor allem will man die Vorherrschaft des amerikanischen Films brechen.

Nägeli folgt seiner Verlobten nach Japan, die dort bereits eine Affäre mit dem japanischen Regisseur hat. Der große Film kommt nie zustande: Der Regisseur geht auf einer Pazifiküberfahrt von Charlie Chaplin bedroht über Bord und Nägeli irrt durch Japan, macht expressionistische Filmaufnahmen, die er zu einem Kunstfilm zusammenschneidet. Das Ergebnis interessiert niemanden.

Der große Film als Ergebnis einer großen Vision, realisiert von Ausnahmecharakteren die Kulturheroen gleichen – diesem Blick auf das Filmeschaffen wohnt etwas Faschistoides inne, wie Rüdiger Suchsland in seiner aktuell in den Kinos laufenden Dokumentation »Hitlers Hollywood« darlegt. Kracht demontiert den Mythos von den großen Träumern geschickt: Sein Nägeli ist kein Visionär, er ist ein kleiner Junge, der die Anerkennung des Vaters sucht und sich die verbliebenen Haare über die Halbglatze kämmt. Er hat keine Ideen, er hat Verlegenheiten, er überzeugt nicht, er blamiert sich. Seine Innovationen mit der Kamera verdanken sich dem Voyeurismus des kleinen Mannes. Er und seine Mitstreiter scheitern folglich nicht an großen Widerständen, sie verlieren sich: In den Weiten des Ozeans, in einem fremden Land, in der Beziehungslosigkeit.

Das überraschende Moment ist eine der erzählerischen Stärken des Buches, Verwunderung die Grundhaltung beim Lesen. Die Dinge entwickeln sich unvorhersehbar, man folgt keiner Geschichte, man sucht einen Ausgang. Folgerichtig sind daher die surrealen Momente und die Anspielungen auf Horror-Filme: der Cineast kann »The Ring« {bzw. das japanische Original} wiedererkennen, aber auch Animee und Monster-Filme.
Die Sprache aber zeichnet das Buch vor allem aus: Neben langen Schachtelsätzen, die den umständlichen Bemühungen Nägelis entsprechen, stehen kurze lakonische Bemerkungen. Hinter allem scheint ein ironischer Beobachter zu stehen, der von Anfang an weiß, dass Träume nicht groß sind, sondern sie Augen verkleben.

Fazit

In Christian Krachts Buch lässt sich kein Dr. Faustus vom Teufel zur Größe {ver}führen, hier scheitern {fiktive} Fußnoten der Geschichte. Macht aber nichts, scheint hinter allem zu stehen. Das Ertrinken in den Weiten des Pazifiks ist auch erzählenswert.
Und so ist das Buch absolut lesenswert, für mich das beste deutschsprachige Buch 2016.