Brigitte Glaser – Bühlerhöhe

Histo Journal Besprechung: Brigitte Glaser »Bühlerhöhe«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

Inhalt
Deutschland, 1952: Zwei Frauen mit Vergangenheit, ein geheimer Auftrag
Rosa Silbermann wird 1952 mit einem geheimen Auftrag in das Nobelhotel Bühlerhöhe geschickt. Die in den 1930ern aus Köln nach Palästina emigrierte Jüdin arbeitet für den israelischen Geheimdienst. Ihre Gegenspielerin ist die misstrauische Hausdame Sophie Reisacher. Die musste 1945 das Elsass verlassen und sucht ihre Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg. Beide haben erlebt, was es heißt, wenn ein ganzes Land neu beginnen will. Keine von ihnen vertraut der beschaulichen Landschaft des Schwarzwalds. Und beide wissen von einem geplanten Attentat auf Bundeskanzler Adenauer, wobei jede ihre eigenen Pläne verfolgt. Zwei Frauen in einer Männerwelt, in der es um Macht, Geschäfte und alte Seilschaften geht – und irgendwann um Leben und Tod.

Kriminalroman Deutschsprachige Literatur
Hardcover
gebunden mit Schutzumschlag
448 Seiten
20,00 Euro
ISBN-13 9783471351260

Eine Leseprobe finden Sie auf der Website des List Verlages.

Agentin wider Willen

Nach dem Zweiten Weltkrieg liegen die Städte noch in Trümmern, und doch schon geht es bereits spürbar aufwärts. Die 50er Jahre in Deutschland markieren den Beginn des Wirtschaftswunders, eine Zeit des Aufbruchs. Jetzt stellt sich die Frage, wie die schreckliche Vergangenheit bewältigt, die Schuld gesühnt werden kann. In der Diskussion ist ein Wiedergutmachungsgesetz mit Israel. Ein Gesetz, das weder von deutscher, noch von israelischer Seite ausschließlich mit Wohlwollen gesehen wird. Adenauer, der sich für das Gesetz engagiert, erhält Morddrohungen, drei Briefbombenattentate scheitern. Absender war die Organisation jüdischer Partisanen, daher sorgen sich auch die Israelis um Adenauers Sicherheit. Denn wenn der deutsche Kanzler Opfer eines Attentats würde, wäre das Wiedergutmachungsgesetz gescheitert. Dabei braucht der junge israelische Staat das deutsche Geld dringend. Allerdings sieht das die Extremistengruppe Irgun anders, sie will die Zahlung dieses Blutgeldes verhindern.
Die deutschen Sicherheitsleute des Kanzlers nehmen die Gefahr, die von Seiten Menachim Begins und seiner Irgun droht, nicht ernst. Also müssen die Israelis selbst für die Sicherheit des Kanzlers sorgen, denn sie haben konkrete Hinweise auf einen Anschlag, der während Adenauers Sommerfrische im Schwarzwald verübt werden soll.

Die Israelis wollen Rosa Silbermann dorthin schicken, denn sie verbrachte dort als Kind ihre Ferien und ist von daher zwar mit der Gegend vertraut, aber ausgebildete Agentin ist sie nicht. Darum soll sie dem abkommandierten Agenten Ari Goldstein, getarnt als dessen Ehefrau, auch nur ortskundigen Beistand leisten.
Rosa lässt sich schließlich darauf ein, obwohl sie die Erinnerungen an ihre Zeit in Deutschland fürchtet. Und wirklich wird ihr Aufenthalt in der Bühlerhöhe von Anfang an von ihrer Vergangenheit überschattet. Rosa, die zusammen mit ihrer Schwester Rachel zwar bereits kurz nach Hitlers Machtübernahme nach Israel ausgewandert war, hat jedoch alle ihre Verwandten in den Konzentrationslagern der Nazis verloren. Diese Familiengeschichte verfolgte Rosa und Rachel bis in ihren Kibbuz. Während Rosa für die Aufbauarbeit in Israel Landwirtschaft und Waffengebrauch lernte und im Kibbuz für die Milchwirtschaft und die Schießübungen zuständig war, hielt es ihre Schwester nicht lange im gelobten Land, sie zieht weiter nach Tanger.
Und über Tanger reist Rosa jetzt nach Deutschland ein.

Zweifellos ist Rosa Silberstein die Hauptfigur des Romans. Ihre Geschichte, die eine deutsch-jüdische Geschichte ist, bildet den roten Faden. Durch Rosa bekommt der Leser einen sehr eigenen Blickwinkel auf das Deutschland der Nachkriegszeit, das gerade aus den Trümmern der Nazizeit und des Krieges entsteht. Nämlich aus ihrem einerseits emotional distanzierten Blickwinkel, weil Rosa die Greuel des dritten Reiches, so wie wir heute, nur aus der Distanz kennt, andererseits aber einen sehr intimen, weil sie durch ihre persönliche Geschichte innig davon berührt ist.

Starke Frauenrollen

Noch zwei weitere Frauen spielen in Brigitte Glasers Roman ebenfalls Hauptrollen, Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Die zweite, der Rosa gleich nach ihrem Eintreffen begegnet, ist Sophie Reisacher, die Hausdame im Luxushotel Bühlerhöhe im Schwarzwald. Und die dritte, Agnes Rheinschmidt, arbeitet als Angestellte im Nachbarhotel Hundseck. Jede dieser drei Frauen ist geprägt von ihren unterschiedlichen Kriegserlebnissen.

Sophie Reisacher, gebürtige Elsässerin aus Straßburg, wurde durch die Ehe mit einem deutschen SS- Mann zur Kollaborateurin und lebt nach dem Tod ihres Mannes nun, von den Franzosen verachtet, in Deutschland quasi im Exil. Sie strebt nach Höherem und arbeitet mit jedem zusammen, der sie ihrem Ziel – endlich auf der anderen Seite des Empfangstresens stehen! – näherbringt, und zurück nach Straßburg, ihre Heimatstadt. »Paris, Paris. Natürlich wollte sie nach Paris, weil sie über Paris nach Straßburg zurückkonnte. Als verheiratete Französin oder Schweizerin mit einem neuen Namen, darauf kam es an, und der Welschschweizer Xavier würde bei den Elsässern sogar als Franzose durchgehen. Nur so konnte sie mit erhobenem Kopf zurückkehren, nachdem sie Straßburg in Schimpf und Schande und bei Nacht und Nebel hatte verlassen müssen …« {S. 104}

Agnes hingegen ist ein Kind des Schwarzwaldes. Ein Mädchen mit schlichtem Gemüt, das ihren Chef Hartmann mit ihrer unbeholfenen Art zur Weißglut bringen kann. Menschen verunsichern sie, Halt findet sie in den Zahlen, und in ihrem Glauben. Ihre Sprache ist geprägt durch ihren zarten Schwarzwälder Dialekt, der den Leser sofort für die junge Frau einnimmt.

Im Grunde ist es nur eine Woche – wenn man Rosas Vorbereitungen im Kibbuz und ihre Anreise außer Acht lässt – die Brigitte Glaser in »Bühlerhöhe« schildert. Eine Woche, in der Rosa auf sich allein gestellt ist, denn ihr vermeintlicher Ehemann, der Topagent Ari Goldmann, lässt auf sich warten. Rosa gibt ihr bestes, um auf eigene Faust den vermeintlichen Attentäter zu entlarven, oder zumindest Adenauer vor ihm zu schützen.

Sophie Reisacher indes ist Rosa von Anfang ein Dorn im Auge. Ist sie eine Konkurrentin um die Gunst ihres Geliebten Xavier? Auf jeden Fall ist diese Jüdin in höchstem Maß verdächtig. Die Reisacher, wie sie von allen genannt wird, ist gern gut informiert über ihre Gäste und hat zu diesem Zweck spezielle Methoden entwickelt. Und was sie über Rosa herausfindet, erregt im höchsten Maße ihren Verdacht. Zumal ein Geschäftspartner ihres Geliebten mit schlechten Nachrichten aus Tanger angereist ist, eben der Stadt, in der Rosa Silbermann ihre Kleider hat schneidern lassen.

Währenddessen Ari weiter auf sich warten lässt, versucht Rosa nach Kräften den Attentäter zu finden. Verdächtig ist natürlich der Araber aus Tanger. Rosa wird Zeuge, wie sich Agnes in seiner Gegenwart fast zu Tode fürchtet. Was hat das Mädchen aus dem Schwarzwald mit einem Araber aus Tanger zu tun? Die Lage spitzt sich zu, als dieser plötzlich spurlos verschwindet.

Geschickt webt Brigitte Glaser die Gedanken und Erlebnisse der drei Frauen ineinander. Jede verfolgt eigene Ziele und geht an ihre Grenze. Das sorgt für Spannung und treibt die Geschichte voran. Jede Frau stellt eigene Nachforschungen an, und zieht ihre eigenen Schlüsse aus den Entdeckungen, entsprechend ihrer persönlichen Erwartungen und Erfahrungen, und entsprechend unterschiedlich sind sie. Gerade das ist spannend zu verfolgen.

Auch wenn die Reisacher sicher keine sympathische Frau ist, so ist sie ein der Rosa Silbermann ebenbürtiger Charakter. Agnes indes wirkt eher wie ein Spielball des Schicksals. Sie ist eine, die wie sie selbst sagt, nur von A nach B, aber nicht darüber hinaus denken kann. Aber ihr bleibt nichts übrig, als sich ihren Ängsten zu stellen.

Fazit

Ein sehr empfehlenswerter Roman! »Bühlerhöhe« ist ein spannender historischer Thriller, eine sehr nahegehende, persönliche Geschichte auf dem großen politischen Parkett. Sicherlich auch wegen der drei sehr lebendig geschilderten Hauptfiguren fesselt die Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite. Durch diese drei Frauen ebenso wie durch die anderen liebevoll erdachten Nebenfiguren, werden Schauplatz und Zeit vor dem inneren Auge des Lesers lebendig. Zumal der Leser mit den Gedanken der Hauptpersonen ein jeweils anderes Stück der Deutschen Geschichte kennenlernt: Die jüdische, die des deutsch-französischen Grenzlandes Elsass oder die des Schwarzwaldes während des Einfalls der französischen Truppen – drei völlig unterschiedliche Sichtweisen, und jede auf ihre Art schrecklich. Und ganz nebenbei kann man dabei sehen, was die Geschichte aus Menschen macht.
Darüber hinaus erhält der Leser auch Einblick die Geschichte der Entstehung des Staates Israels außerhalb der großen Politik. Hilfreich bei der Schilderung mochte der Autorin dabei ihr eigener Aufenthalt in einem Kibbuz gewesen sein.
Da die Geschichte nicht nur aus der Perspektive der drei Frauen, sondern teilweise auch in – die Geschichte sehr bereichernden – Rückblenden erzählt wird, ist die klare Trennung der Perspektiven, die bereits die jeweiligen Kapitelüberschriften ankündigen, für die Orientierung hilfreich.

Außerdem gibt es im Anhang eine Begriffserklärung zur deutschen und israelischen Geschichte. Das Glossar beschränkt sich allerdings nur auf die wichtigsten Begriffe, ich hätte es mir etwas ausführlicher und übersichtlicher gewünscht. Aber das schmälert den Lesegenuss nicht im geringsten und animiert vielleicht sogar dazu, sich selbständig über diese wichtige Etappe auf dem Weg zum heutigen Deutschland zu informieren.