Buchbesprechung: Anthony McCarten – Licht

Histo Journal Buchbesprechung: Anthony McCarten »Licht«

Anthony McCartens Roman über den Erfinder Thomas Alva Edison, im Original 2012 erschienen unter dem Titel »Brilliance«.

Gelesen & Notiert von Tanja Schurkus

cover licht diogenes verlag

Inhalt
»Licht« ist die Geschichte von zwei sehr unterschiedlichen Männern, die sich treffen, um gemeinsam die Welt zu verändern. Der eine bringt mit seiner Erfindung weltweit Licht ins Dunkel, der andere ist ein Genie des Geldes. Doch während J. P. Morgan aus der Beziehung als reichster Mann der Welt hervorgeht, lässt sich der Erfinder der Glühbirne, Thomas Edison, von der schillernden Welt seines Partners verführen und setzt nicht nur seine Erfindungskraft, sondern auch seine Liebe und sein Seelenheil aufs Spiel.

Hardcover Leinen
368 Seiten
978-3-257-06994-5
Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.
Auch als eBook erhältlich
Preis: 24.00 Euro

Eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Diogenes Verlages.

Wo Licht ist, da ist auch Schatten

Wenn wir heute das Licht anschalten, verschwenden wir kaum einen Gedanken daran, warum es hell wird. Die beiden Voraussetzungen sind uns selbstverständlich: Strom und eine Glühbirne {oder ihre modernen Verwandten}. Für beides hat Thomas Alva Edison einen entscheidenden Beitrag geleistet. Der Roman von Anthony McCarten wirft einen Blick auf den Menschen und stellt dabei die Beziehung zu einer anderen Persönlichkeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt: J.P. Morgan, Bankier, Spekulant, Großkapitalist. Beide waren getrieben von dem Wunsch, mehr zu machen aus dem, was da war – nicht aus Gier oder Ruhmsucht, sondern aus einem fast manischen Vergnügen an den Möglichkeiten.

Thomas Edison ist die Hauptfigur in McCartens Roman, als Leser folgt man den bedeutenden Momenten seiner Laufbahn auf verschiedenen Zeitebenen. Dabei ist der Roman keine Hofberichterstattung: Neben den genialen Erfindungen, die bis heute unseren Alltag prägen, stehen die Irrtümer. So schickt Edison einen jungen Erfinder weg, der ihm einen Prototyp des Reißverschlusses vorstellt, denn wer sollte schon Knöpfe ersetzen wollen?
J.P. Morgan wollte – er trat als Investor in Edisons Leben. Die Leser werden aber nicht Zeuge einer Männerfreundschaft: Jeder sah in dem anderen nur das Nützliche, und in etlichen Szenen wird deutlich: Neben ihrem augenblicklichen Ziel hatten beide keine Wahrnehmung für das, was um sie herum geschah. Ob Familie oder Weltpolitik: In Edisons Erfinderwerkstatt spielte es keine Rolle, und Morgan suchte stets nur den nächsten Erfolg, den er aber, anders als Edison, auch gerne zur Schau stellte. So lässt Morgan Edison dann auch fallen, als deutlich wird, dass »sein« Gleichstrom sich nicht für die Stromleitung über weite Strecken eignet.

Das Ende dieser Freundschaft – wenn sie denn eine war – ist kein emotionales Drama, es ist nur die Veränderung der Bedingungen, die weder den Lesern noch den betroffenen Figuren nahe geht. Intensiver ist dagegen die Episode, in der Edison den Auftrag bekommt, seine Erfindung »lebensgefährlich« zu machen und in einem Hinrichtungsstuhl zur Anwendung zu bringen. Die »humane Art« des Strafvollzugs bedeutet für die ersten Delinquenten unsägliche Qualen, und Edison muss mit dem Leser erkennen: Eine Erfindung ist weder gut noch schlecht, es kommt darauf an, was aus ihr gemacht wird.

Vielleicht hätte es dem Roman gut getan, sich auf dieses moralische Dilemma zu konzentrieren, denn die Konfrontation Kommerz {Morgan} und Erfindergeist hat wenig moralische Brisanz, zumal auch Edison dem Geldverdienen nicht abgeneigt war. So bleibt der Roman den Lesern einen packenden Konflikt schuldig.

Über 2000 angemeldete Patente werden Edison zugeschrieben, aber der Roman macht deutlich, dass viele davon Teamwork waren, bzw. von Edison »übernommen« wurden. »Licht« entzaubert den Erfinder-Kauz nicht, noch offenbart er bisher Unbekanntes. Die Erfinderwelt Edisons wird – im wahrsten Sinne des Wortes – beleuchtet: Er war schwerhörig, zwei Mal verheiratet, unterzog sich Ernährungsexperimenten, versuchte, mit dem Jenseits in Kontakt zu treten und glaubte an die Unverbesserlichkeit von Knöpfen. Was man daher aus dem Buch mitnimmt, ist ein vielseitiges, wenn auch nicht vollständiges, Wissen über den Menschen Edison.

Fazit

Ein Buch wie eine gut gemacht Infotainment-Sendung: Fakten und Spielszenen, Vertrautes und Neues. Der richtige Lesestoff für alle, die sich für Wissenschaftsgeschichte interessieren, auch für solche, die sonst keine Romane lesen.