Ich Germanicus! Feldherr Priester Superstar

Besprechung der Sonderausstellung »Ich Germanicus! Feldherr Priester Superstar«

Allein der Titel der Sonderausstellung »Ich Germanicus! Feldherr Priester Superstar« macht neugierig. Natürlich ist Germanicus kein Unbekannter. Wenngleich – so viel sei schon jetzt verraten – über den hübschen Spross der julisch-claudischen Dynastie eher wenig bekannt ist. Dennoch widmet ihm das Museum und Park Kalkriese eine internationale Sonderausstellung und wagt den Versuch über ein archäologisches Phantom Auskunft zu geben.

»Live Fast, Love Hard, Die Young« könnte auch das Motto des Germanicus gewesen sein. Er gehörte zur kaiserlichen Familie, stieg rasch empor, lebte ein Leben als Superstar auf der Überholspur, zeugte mit seiner Frau Agrippina maior neun Kinder und starb mit nur vierunddreißig Jahren. Obwohl ihm wirkliche Erfolge als Feldherr versagt blieben und er sich als Kaiser niemals beweisen konnte, flogen ihm die Herzen der Bevölkerung nur so zu.
Die Ausstellung in Kalkriese richtet ihr Augenmerk vor allem auf den Feldherrn und Superstar.

von Alessa Schmelzer

»Inmitten des Schlachtfeldes bleichende Knochen …«

Es war ein Überraschungsangriff. Wie aus dem Nichts heraus mussten römische Legionäre plötzlich zu ihren Waffen greifen, doch im morastigen Wald war an eine geordnete Schlachtaufstellung nicht zu denken. Überall – so muss es seinerzeit auf die Legionäre gewirkt haben – lauerte der nächste germanische Angreifer hinter einem Baum. Bereit zum Angriff. Szenen eines grausamen Gemetzels müssen sich abgespielt haben …

Die gemeinsam mit den Berliner Ausstellungsarchitekten neo.studio entwickelte Ausstellung inszeniert mit Lichtstimmungen und Projektionen emotionale Räume.
Bildcredit: »VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land / Elvira Parton«

Betritt der Besucher die Ausstellung findet er sich augenblicklich im Dickicht dieses germanischen Waldes wider. Zumindest sollen die grünen Lichtsäulen einen solchen Wald symbolisieren, während eine schwarz-weiße Tarnbemalung {eine Art Zebramuster} Boden und Wände bedeckt. Das alles sorgt für Verwirrung. Der Besucher muss sich – wie seinerzeit die römischen Legionäre – mühsam orientieren. Übrigens ist diese Form der Tarnung erstmals als Dazzle-Optik im Ersten Weltkrieg erfolgreich angewandt worden. Die Engländer überzogen ihre Kriegsschiffe mit farbigen {nicht immer schwarz-weißen} Mustern, um so die wahren Konturen zu verwischen.

Der Besucher befindet sich also sogleich mitten im Geschehen. Im Schnellschritt wird er über die Varusniederlage und deren horrende Verluste informiert – und zum wichtigsten Exponat der Ausstellung geführt: einer Vitrine mit Knochen. Acht Knochengruben haben die Archäologen in Kalkriese ausgegraben. »Inmitten des Schlachtfeldes bleichende Knochen …«, lässt Tacitus die Leser seiner Annalen wissen. Die archäologischen Funde in Kalkriese belegen seine Ausführungen – und somit die Anwesenheit der Truppen des Germanicus. Als jener das Schlachtfeld erreichte, war die fleischliche Hülle der gefallenen Legionäre und toten Tiere freilich längst vergangen. Verbissspuren geben aber noch heute Auskunft darüber, dass die Leichen zu posthumen Opfern wilder Tiere geworden waren. So ist es auch kein Wunder, dass die Skelette in den Knochengruben nicht immer vollständig sind … Germanicus ließ die Überreste der Legionäre in Knochengruben bestatten, den Legionären somit die letzte Ehre zukommen. Sein Auftrag war das allerdings nicht. In seiner Funktion als Priester {Augur} hätte er sich mit den Toten auch gar nicht abgeben dürfen. Aber der »Feldherr Priester Superstar« war wohl ein Heißsporn, einer, soviel wird gleich im ersten Raum klar, der sich offenbar nur ungern an Befehle hielt. Und Kaiser Tiberius wird über so viel – nennen wir es vorsichtig – Eigensinn ›not amused‹ gewesen sein.

Die julisch-claudische Dynastie – eine schrecklich nette Familie

Allein für die Büsten lohnt der Besuch der Sonderausstellung. Es handelt sich – bis auf die Büste der Livilla, einer Tochter des Germanicus – um Originale.

Eintrittskarte
Foto: Alessa Schmelzer

In diesem ›Raum der Büsten‹ wird der Besucher mit der auf den ersten Blick kompliziert anmutenden Familienstruktur der julisch-claudischen Dynastie konfrontiert. Hilfestellung gibt eine übersichtliche Stammtafel, die auf eine große Leinwand aufgezogen ist. Sie vermittelt dem unerfahrenen Besucher das ›who is who‹ der prominentesten Familie Roms. Wer war wer? Wer heiratete wen? Wer hasste wen? Wer mochte wen? Wer adoptierte wen? Wer fühlte sich in der Nachfolge um den Kaisertitel übergangen? Wer verabreichte wem Gift? Diese und andere Fragen werden geklärt. Vor allem aber liegt auch hier der Fokus auf der Frage: Wer eignet sich als Nachfolger des Augustus?
Der Kaiser und seine Frau Livia haben sich mit dieser Frage intensiv auseinandergesetzt. Nicht jedes Familienmitglied war für den ›Job‹ als Kaiser geschaffen. So schied z.B. Claudius, späterer Kaiser und Bruder des Germanicus, von Anfang an wegen seines Stotterns aus. Während einer wie er also ins Hintertreffen geriet, bauten Augustus und Livia andere auf. Die so Zurückgesetzten intrigierten nicht selten, doch sie hatten – that’s life – dafür schlimme Konsequenzen zu tragen. Eine Medienstation erläutert dieses Ringen um die Macht auf recht amüsante Art und Weise. So viel sei verraten: Büsten als Schachfiguren auf einem Schachbrett anzuordnen ist einfach witzig. Grafisch setzt sich das Schachbrettmuster auf dem Boden fort.
Schließlich finden Augustus und Livia ihren Kandidaten. Es ist Germanicus. Mit ihm, so ihr Ansinnen, herrsche letztlich doch ihr Blut über das römische Imperium.

Neue Entwicklungen wie diese musste das Herrscherhaus selbstverständlich auch nach außen kommunizieren. Dazu dienten diese Büsten, denn es versteht sich von selbst, dass sie nicht einfach nur schick in der Gegend herumstanden. Als offizielle Bildnisse dienten sie ebenso zur Imagepflege und zu Propagandazwecken wie Bildnisse auf Münzen oder Darstellungen auf Schwertern. Das ›Schwert des Tiberius‹, eines der Highlights gleich zu Beginn der Ausstellung, transportiert somit also auch eine klare politische Aussage.

Glamour nicht nur in Germanien

Germanicus und seine Ehefrau Agrippina maior – das wird in der Ausstellung klar – waren DAS Glamourpaar ihrer Zeit. Jung, dynamisch, gut aussehend und beliebt. Ein Traumpaar. Tatsächlich liegt der Vergleich mit heutigen Prominenten, deren Leben und Leiden und Lieben in den Boulevardblättern dokumentiert wird, auf der Hand. Immerhin waren Germanicus und seine Frau nach dem Tod von Kaiser Augustus 14 n. Chr. die direkten Anwärter auf den Kaisertitel. Der als charismatisch geltende Germanicus war immer ›on the road‹, mitten im Geschehen. Stets an seiner Seite, Frau und Kinder. Sie reisten immer mit. Nicht ohne Grund trägt einer seiner Söhne den Namen Caligula …
Sie waren ein richtiges Powerpaar mit einer neunköpfigen Kinderschar. Der sich volksnah gebende und nicht zuletzt deshalb so beliebte Germanicus erschien dem römischen Volk so ganz anders als Tiberius. Denn der hockte daheim als Kaiser und verfolgte mit Argusaugen die Schritte seines Adoptivsohnes.

Feldherr und Superstar

Mit seinen Feldzügen hatte Germanicus jedoch überhaupt kein Glück. Weder erwies er sich als genialer Stratege noch waren ihm offenbar die Götter gewogen. Dennoch trieb er seine Legionäre von einer Schlacht in die nächste. Auch nachdem Tiberius ihm Ende 15 n. Chr. einen Triumphzug in Rom zugesichert hatte und somit signalisierte »Abmarsch! Zurück nach Rom!«, weigerte sich Germanicus dem Befehl zu entsprechen. Stattdessen blieb er wo er war – und begann einen erneuten Feldzug. Frei nach dem Motto, dass Augustus Germanien bis zur Elbe befriedet sehen wollte, und er folglich in dessen Sinne handelte. Germanicus war – anders als Tiberius, dessen Germanienpolitik defensiv ausgerichtet war – waghalsig und auf Expansionskurs. Eine Schlacht gegen Arminius brachte ihm zwar dessen schwangere Frau Thusnelda als Gefangene ein, jedoch nicht den ersehnten Sieg. Erst Ende 16 n. Chr. kehrte er endlich auf Befehl des Kaisers zurück. Am 26. Mai 17 n. Chr. bekam er seinen verdienten Triumphzug, denn immerhin hatte er zwei der drei Legionsadler zurückgewonnen {die seinerzeit in der Varusschlacht verloren gegangen waren}. Auch wenn die Verluste auf römischer Seite höher waren als in der Schlacht des Varus …

Im Prinzip scheiterte Germanicus also in Germanien – ein Aspekt, der in der Ausstellung durchaus – wie auch die unterschwellige Konkurrenz zwischen Tiberius und Germanicus – ausgeleuchtet wird. Die Feldzüge werden dem Besucher mittels einer Medienstation sehr übersichtlich näher gebracht. Ebenso wie der Punkt der Versorgungslage eines solchen großen Heeres, denn nicht mehr drei Legionen kämpften in Germanien, es waren acht. Den Abschluss der Sonderausstellung bildet ein grob skizzierter Ausblick auf die letzten Lebensmonate des Germanicus auf seiner ›Orientreise‹.

Schwachpunkte der Ausstellung

Wenngleich ein Besuch der Ausstellung lohnt, hat sie leider auch Schwachpunkte. Einer der – aus meiner Sicht – wesentlichen Schwachpunkte ist, dass Arminius als Gegenspieler nur en passant erwähnt wird.
Fraglich bleibt bis zum Schluss, warum der Begriff ›Priester‹ in den Titel aufgenommen worden ist, denn der Funktion als Augur wird so gut wie keine Aufmerksamkeit geschenkt.
Am Ende – so mein Eindruck – ist den ›Machern‹ der Ausstellung wohl ein wenig die Puste ausgegangen. Eine Videoinstallation zum Thema ›Scheitern‹ nimmt unverhältnismäßig viel Raum ein, soll aber ganz offensichtlich den Bezug zu unserer heutigen Zeit deutlich machen.
Die Orientreise sowie der Tod des Superstars in Antiochia 19 n. Chr. wird leider im Sauseschritt abgehandelt.

Fazit

Dank besonderer Objekte aus internationalen sowie deutschen Museen ist »Ich Germanicus! Feldherr Priester Superstar« eine insgesamt sehenswerte Sonderausstellung. Ein Manko indes bleibt: Hat der Laie nicht einen fachkundigen Historiker oder Archäologen zur Seite, bleibt ihm die wirkliche Tiefe der Ausstellung wohl weitestgehend verschlossen. Das ist wirklich bedauerlich, denn eine Reihe namhafter Ausstellungen der vergangenen Jahre zeigt, dass auch eine für Laien konzipierte Ausstellung für ›Leute vom Fach‹ nicht langweilig sein muss.

Tipp

Sie sind weder Althistoriker noch Archäologe – trotzdem hingegen. Das Museum bietet sonntags eine öffentliche Führung an. Zudem können private Führungen gebucht werden. Daneben rate ich allen Interessierten den zur Ausstellung erschienenen Aufsatzband zu erwerben.