Tanja Schurkus

Historisches zu »Matthias Claudius«

In diesem Interview spricht die Autorin Tanja Schurkus über ihre Faszination für Claudius, Schlammschlachten und Bälle aus der Zeit des Empire…

von Alessa Schmelzer

Histo Journal: Die meisten kennen Claudius’ Gedicht {oder vielmehr Abendlied}: Der Mond ist aufgegangen. Hat sich Deine Faszination für Matthias Claudius daran entzündet?

Tanja Schurkus {TS}:Ich beschäftige mich schon länger Zeit mit der Geschichte des französischen Empire. Mich fasziniert das Lebensgefühl dieser Epoche. Als ein Kollege auf mich zukam, weil der Brunnen Verlag eine Romanbiografie über Matthias Claudius auflegen wollte, war ich gleich begeistert. Auch in seinem Lebenslauf zeigt sich der unglaubliche Umbruch von der Ständegesellschaft des Ançien Régime zum Individualismus unserer Gegenwart. Aus seinem Glauben heraus nahm Claudius zu diesen Umwälzungen seine ganz eigene Position ein, die mir ein vielfältiges erzählerisches Spannungsfeld eröffnete.

Histo Journal: Die Rahmenhandlung setzt im Jahre 1813 ein. Die Franzosen hielten Hamburg {und etliche andere Regionen des heutigen Deutschlands wie Bremen, Lübeck, Königreich Westphalen} viele Jahre ›besetzt‹ und schürten damit den Unmut der Bevölkerung. Was reizt Dich an der Darstellung dieser Zeit?

TS: Die Antwort steckt bereits in der Frage: Die Epoche wird in Deutschland meist sehr einseitig dargestellt, nämlich als Zumutung. Dabei bedeutete sie auch einen Modernisierungsschub in der Gesellschaft und der Gesetzgebung, der für uns heute noch spürbar ist. Viele deutsche Herrscher suchten aus Kalkül das Bündnis mit Napoleon: Sie hatten sich aus der Oberhoheit Habsburgs gelöst und brauchten einen Garanten für ihre neue Souveränität. Aber auch Preußen sah seine Zeit gekommen, die Vorherrschaft in Deutschland für sich zu beanspruchen. Diese Rivalitäten führten zu den Kriegen von 1805, 1806 und 1809. Ein amerikanischer Historiker nannte diese Formierungskonflikte, die in der Völkerschlacht von 1813 gipfelten, ›the German Civil Wars‹. Hierzulande kennt man nur Napoleon mit seinem Größenwahn als Auslöser der Konflikte, dieser Blick auf die Ereignisse war daher neu für mich. Denn damit stellt sich auch die Frage nach den Alternativen zu der Nationwerdung, eine Frage, die in der teleologisch ausgerichteten deutschen Geschichtsschreibung selten behandelt wird. So steht die gesamte napoleonische Ära bei uns weitgehendim publizistischen Abseits, ist aber gleichzeitig sehr emotional besetzt – für einen Schriftsteller eine ungemein reizvolle Konstellation. Die Brüche einer Gesellschaft {oder einer Biografie} zu thematisieren, die Wunden und die Verwundbarkeit aufzuzeigen, sind für mich die herausforderndsten Aufgaben beim Schreiben, da man sie dann auch selbst aushalten muss.

Histo Journal: Wie stand Matthias Claudius letztlich zu den Franzosen und zu den Dänen, bis 1813 lebte er in Wandsbeck, das damals zu Dänemark gehörte?

TS: Das unterteilt sich in die Franzosen als Volk und den Franzosen als pars pro toto für die Protagonisten der Revolution. Da Claudius die adelsdominierte Ständegesellschaft als gottgewollt ansah, war die Revolution für ihn eine Sünde und für ihre Verfechter – auch auf deutschem Boden – hatte er wenige Sympathien. Von dem Feindbild des Franzosen, das von der nationalen Bewegung und ihren Dichtern zusehends propagiert wurde, wollte er aber nichts wissen. Er drückt es selbst so aus: ›Bös muß man freilich von keiner Nation sprechen; die Klugen halten sich allenthalben stille, und wer wollte um der lauten Herren willen `n ganzes Volk lästern?‹ Die ›lauten Herren‹ des Nationalsozialismus haben dennoch versucht, Claudius Hinwendung zur deutschen Volksdichtung für sich zu vereinnahmen – aber dem entging auch Schiller nicht.

Matthias Claudius

Histo Journal: Als Protagonistin der Rahmenhandlung fiel Deine Wahl auf Caroline, eine Tochter von Matthias Claudius. Wie hast Du Dich dieser Figur angenähert? Konntest Du Dich auf Briefe usw. stützen?

TS: Caroline und auch ihre Tochter Agnes haben persönliche Erinnerungen an die Kämpfe um Hamburg 1813/14 hinterlassen, die für mich eine wichtige Quelle waren. Auch über das Leben im Hause Claudius liefert Agnes viele Details {bis hin zur Farbe der Tapeten}, was einen als Autorin besonders freut.

Histo Journal: Caroline war mit dem Verleger Friedrich Perthes verheiratet. Hat sie über das Verhältnis zwischen ihrem Ehemann und ihrem Vater geschrieben? Perthes hat {zumindest später} die Werke von Matthias Claudius herausgebracht.

TS: Claudius Tochter Caroline heiratete Perthes 1797. Claudius hat seine Kinder nicht gerne aus dem Haus gehen sehen; die ›Welt das draußen‹ war etwas, wovor er seine Familie beschützen wollte. Perthes war zunächst ein Vertreter dieser ›Welt da draußen‹. Er bewunderte Claudius vor allem wegen dessen Glaubensfestigkeit und sah in ihm ein Vorbild. Eine besondere Innigkeit scheint mir aber zwischen Claudius und seinem Schwiegersohn nicht bestanden zu haben. Je mehr Perthes sich in die Tagespolitik {also der Traum von der hanseatischen Republik} einbrachte, desto unwohler scheint Matthias Claudius sich Claudius mit ihm gefühlt zu haben. Zum Werk von Friedrich Perthes gibt es überdies eine eigene Forschungsstelle.

Histo Journal: Mit Goethe und Herder lag Claudius ja im Clinch…

TS: Goethe und Herder lagen auch immer wieder miteinander im Clinch und als Schiller dazu kam, wurde eine richtige Schlammschlacht draus. Da ging es viel um Eitelkeiten und Geltungsdrang. Claudius dagegen sah die Genügsamkeit als eine der erstrebenswertesten Eigenschaften an. Das wurde ihm oft als Dummheit ausgelegt. Goethe hat Claudius offenbar eine Rezension des ›Werther‹ übel genommen, Herder missfiel Claudius Übersetzung des mystisch-freimaurerischen Buches von St.Martin. Mit Claudius frommer Innerlichkeit konnte man in Weimar generell nicht viel anfangen.

»Goethe und Herder lagen auch immer wieder miteinander im Clinch und als Schiller dazu kam, wurde eine richtige Schlammschlacht draus.«

Histo Journal: Welchen Stellenwert übernimmt die Religion im Denken, Handeln, Schreiben von Matthias Claudius?

TS: Er betrachtete sich selbst als einen Boten, nicht als einen Schöpfer. Diesen Platz besetzt für ihn Gott allein. Die Kunst – zumal das Dichten – konnte für ihn nie Ersatz für Religion sein, eine Einstellung, die ihn in Opposition zu Schiller brachte. Er ist dennoch kein religiöser Dichter: Er belehrt nicht über den Glauben, aber er schreibt aus einem Weltbild, dem das Gottvertrauen zugrunde liegt. Die Sehnsucht nach der Begegnung mit Gott zeichnet für Claudius dabei alle Glaubensrichtungen aus, so hat er sich z.B. mit den östlichen Philosophien beschäftigt. Ganz im Sinne Lessings und seiner ›Ringparabel‹ sieht er eine Verwandtschaft zwischen allen Gläubigen, und er bewertet die Religionen nicht aus seinem eigenen protestantischen Bekenntnis heraus.

Histo Journal: Was hat es mit dem ›Wandsbecker Bothen‹ auf sich?

TS: Wandsbek war damals ein kleines dänisches Örtchen außerhalb von Hamburg. Es gab dort ein Klatschblatt, das dem Grundherrn, dem Grafen von Schimmelmann, missfiel. Er suchte nach einem neuen Redakteur, und Claudius nahm die Stelle 1771 an. Neben Nachrichten aus aller Welt enthielt das Blatt, das 2x wöchentlich erschien, Rezensionen und Essais. Trotz des volkstümlichen Tons richtete sich das Blatt an Gelehrte. Denen sagte aber eben dieser Ton nicht zu – als Satire im Vergleich zu den englischen Vorbildern zu brav, als Literaturmagazin im Sinne Nicolais zu fernab vom Geschehen. Die Zeitung musste mangels Erfolg 1774 eingestellt werden.

Histo Journal: Ab 1774 war Matthias Claudius Freimaurer. Was bedeutete das für sein Denken, Handeln, Schreiben. Was geben die Quellen dazu preis? Inwieweit hast Du Dich als Autorin darauf beziehen können?

TS: Claudius äußert sich nur sehr vereinzelt dazu. Ich denke, ihm ging es vor allem um die Geselligkeit. Die Freimaurer waren ja so was wie das facebook des 18. Jahrhunderts. Seine aktive Zeit in der Loge scheint nur wenige Jahre umfasst zu haben. Johann Bode, der Verleger des Wandsbecker Boten, war sehr umtriebig im Richtungsstreit der Freimaurer und hat auch Goethe für die Freimaurer, bzw. Illuminaten geworben. Claudius dagegen schloss sich der mystizierenden Gruppe der Kreuzfrommen an. Seine Rolle im Streit um die so genannte Hochgradmaurerei ist durch die bisher bekannten Quellen jedoch nicht zu klären.

Wandsbeker Wappen

Histo Journal: Matthias Claudius trat als Gegner der Aufklärung auf – Stichwort ›Emkendorfer Kreis‹…

TS: Claudius betrachtete die Aufklärung als einen ehrenwerten, aber unzulänglichen Versuch der Befreiung, da sie sich nur an den Verstand richtete. Die Seele ließ sie außer acht. Nur der Religion kam es zu, den Menschen aus seinem “irdischen Gefängnis” zu befreien. Claudius empfand die Aufklärung außerdem als ein elitäres Gedankenspiel, von dem das “einfache Volk” ausgeschlossen war. Er lebte ja selbst auf dem Land, in seinen Gedichten geht es viel um die Sorgen von Bauern und Müttern, von Invaliden und Mägden. Auf dem Land gab es auch keinen ständischen Dünkel, er verkehrte mit dem Adel auf Augenhöhe, etwa mit der Fürstin Gallitzin und ihrem mystisch ausgerichteten Kreis, davon zeugen seine Briefe. Die Notwendigkeit einer sozialen Umwälzung hat er von seinem Standpunkt aus nicht gesehen. Vielleicht liegt es daran, dass er im Gegensatz zu vielen schreibenden Zeitgenossen selten gereist ist. Eine Neuverteilung des Grundbesitzes, Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungsfreiheit – all diese politischen Folgen der Aufklärung waren für ihr zweifelhafte Beunruhigungen, gegen die er sich in seinen Beiträgen wandte.

»Für mich ist es sehr wichtig, dass mir das Lebensgefühl einer Zeit zugänglich ist.«

Histo Journal: Wie haben Freunde Matthias Claudius charakterisiert?

TS: Seine Briefe, die Zeugnisse von Herder und Goethe und die Aufzeichnungen seiner Tochter und seiner Enkelin waren für mich die wichtigsten Quellen. Sie geben Auskunft über den Menschen, und mir ging es beim Schreiben weniger um eine biografische Vollständigkeit als um Lebendigkeit. Das ist natürlich zum Teil immer spekulativ, aber ein Lebensgefühl steckt für mich nicht in Jahreszahlen oder ›harten Fakten‹. Ich muss ein Buch auch ohne aufwendige Recherchen schreiben können, nur so bin ich mir sicher, dass ich etwas zu einem Thema zu sagen habe, was jenseits der Summe der Fakten liegt. Für mich ist es nicht wichtig, wann eine bestimmte Kleiderordnung in Kraft trat, ich will nachempfinden, wie es ist, einer Kleiderordnung unterworfen zu sein. Das ist der Raum meiner eigenen Intuition, die sich natürlich aus meiner Faszination für diese Zeit, für diesen ›Zeitgeist‹ speist.

Histo Journal: Welche Literatur hast Du für Deine Recherche genutzt?

TS: Es gibt leider keine neuere kritische Gesamtausgabe seiner Briefe, die ›aktuellste Edition‹ ist aus den 30er Jahren. Vieles ist auch in den Jahrhunderten verloren gegangen. Es gibt aber zahlreiche Biografien und Einzelaufsätze zu Claudius und eine Werksausgabe, die ich außerdem herangezogen habe.

Histo Journal: Was beeindruckt Dich am meisten an Matthias Claudius?

TS: Seine Immunität gegen die Moden der Zeit – er durchlebte drei Epochen, mit denen wir uns in der Schule geplagt haben: Sturm und Drang, Klassik, Romantik. Er fand sehr früh zu seiner eigenen Stimme. Wenn uns manche seiner Gedichte heute auch hausbacken erscheinen: Im Wandsbecker Boten und in den ›Asmus‹-Sammelbänden zeigt er eine fast postmoderne Form des Diskurses: Da stehen Aufsätze über die Seele neben Schüttelreimen, Rezensionen neben Glossen, fingierte Briefe neben Spielszenen und Liedern. Seine Literatur hat etwas flaneurhaftes, lange bevor es den Ausdruck gab. Ich glaube, dieser spezielle Impuls für die deutsche Literatur ist noch nicht ausreichend gewürdigt worden.

Histo Journal: Woran arbeitest Du derzeit?

TS: Ich bleibe vorerst der Epoche treu; neben einem großen epischen Roman, der mich seit Jahren begleitet {und es sicher noch lange tun wird}, mag ich es in letzter Zeit augenzwinkernd. Daraus ist die Idee zu ›napoleonischen Krimis‹ entstanden. Auch ein weiterer Roman, der auf einer historischen Biografie basiert, ist beim Brunnen Verlag im Gespräch. Diese Geschichte wird in Köln spielen und u.a. den Umbruch von der französischen zur preußischen Herrschaft behandeln.

Histo Journal: Kannst Du Dir vorstellen über eine andere Zeit zu schreiben?

TS: Wenn eine andere vergangene Epoche mich mir ihrer Brisanz und ihren Überraschungsmomenten begeistern kann – gerne. Aber bisher halten sie den Vergleich mit l’Empire nicht stand. Für mich ist es sehr wichtig, dass mir das Lebensgefühl einer Zeit zugänglich ist. Wir leben ja noch in den Nachwirkungen von Aufklärung und Revolution, unser Bild von der Antike wurde durch die Klassik geprägt, unser Bild vom Mittelalter durch die Romantik. Aber die Überlieferung geschah nach einer Auswahl und es wurde auch mal hinzuerfunden, wie im Falle des ›Ossian‹. Ich wage mich daher nicht in Zeiten, wo ich selbst Überlieferung und Projektion nicht trennen kann. Meine ›Wegmarke‹ ist da im Moment das Jahr 1700.

Histo Journal: In Deiner Freizeit betreibst Du Reenactment {oder Living History}. Was machst Du da?

TS: Am liebsten besuche ich Bälle aus der Zeit des Empire, dazu nähe ich mir Kleider nach historischen Vorbildern. Das ist natürlich auch eine Form der Recherche: Man trifft viele Leute, deren Kenntnisse über die Epoche schon so manche Frage beantwortet haben. Bei Biwaks und Schlachtnachstellungen bin ich eher Zaungast. Auch habe ich mir keine historische Identität zugelegt. Am Schreibtisch habe ich da genug ›Rollenspiele‹.

Histo Journal: Vielen Dank!


»Matthias Claudius«
Tanja Schurkus

Im Nachlass von Matthias Claudius {1740-1815} findet sich ein rätselhafter Brief, von der Nachwelt mit dem Vermerk versehen: ”An Napoleon Bonaparte gerichtet aber nicht abgeschickt.” In diesem Schreiben ist die Rede von einem großen drohenden Schlag, den es abzuwenden gilt und daher bittet der ”wohlmeinende Unbekannte”, so bezeichnet sich Claudius, um eine Unterredung unter vier Augen. Was hatte Claudius Napoleon mitzuteilen? Steht das Schreiben mit den zahlreichen freimaurerischen Anspielungen im Zusammenhang mit dem Aufstand Hamburgs gegen die französische Herrschaft? Oder handelt es sich nur um einen fingierten literarischen Brief? Diese Romanbiografie erzählt eine mögliche Geschichte dieses Briefes und gibt einen Einblick in das Leben des Dichters Matthias Claudius, der seine Familie mit seinem unerschütterlichen Glauben durch eine gefahrenvolle Zeit führte.