Interview mit Stolzenburg und Vanek: Faszination des Grauens?

Silvia Stolzenburg & Tereza Vanek im Interview

Andere Epochen, andere Sitten, aber selbst in Zeiten allgegenwärtiger Gewalt überschreiten manche Zeitgenossen das gängige Maß – und gehen gerade dadurch in die Geschichte ein.

von Ilka Stitz

Wer historische Romane schreibt, darf nicht zimperlich sein. Jeder, der ein solches Vorhaben plant, muss sich über die allgegenwärtige Gewalttätigkeit im Klaren sein. Zwar regeln seit der Antike Gesetzeswerke das Miteinander innerhalb einer Gesellschaft, dennoch haben Leibstrafen – wie Züchtigungen, Prügel, Folter, Pfählen, Rädern oder Kreuzigen – lange einen Platz in der Rechtsfindung gehabt. Römisches Recht, Sachsenspiegel, Code Pénal, diese Rechtsgrundlagen regeln bestenfalls die Anwendung von Gewalt, in Frage stellen die Gesetzeswerke sie indes nicht. Selbst die Aufklärung oder die Französische Revolution – denen die Zivilgesellschaft viel verdanken – kann auf Sanktionen durch Hinrichtungen nicht verzichten. Es scheint die Ansicht zu herrschen: Erst wenn das Übel beseitigt ist, kann Gutes wachsen.

Vor allem im Mittelalter und der frühen Neuzeit ist Gewalt ein Phänomen, das die Menschen all überall umgibt. Kriege, Aufstände für politische Ziele, aber auch alltägliche Ausbrüche von Gewalt: Wirtshausschlägereien, begünstigt durch unmäßigen Alkoholgenuss, Vergewaltigung, die einer schutzlosen – also unverheirateten, verwitweten oder verwaisten – Frau drohen, Grenzstreitigkeiten zwischen Nachbarn, Selbstjustiz oder familiäre Auseinandersetzungen. Man musste ständig damit rechnen, Prügel einzustecken, oder gar das Leben zu lassen. Ein Menschenleben galt in diesen Tagen nicht viel.
Trotz allem gibt es immer wieder Persönlichkeiten, denen es – im Guten wie im Schlechten – gelingt, aus der gewaltbereiten Masse hervorzustechen und sich noch über den Tod hinaus einen Namen zu erwerben, der noch Generationen nach ihrem Tod mit grausigen Schauder, aber auch mit bewundernder Faszination genannt wird.
Histo Journal unterhielt sich mit zwei Autorinnen, die sich in ihrem Roman bzw. Romanen solchen Persönlichkeiten gewidmet haben: Tereza Vanek schrieb mit »Im Dienst der Gräfin« einen Roman über die ungarische Gräfin Elisabeth Bathory, die im Ruf steht, fast als weibliches Pendant zum Marquis de Sade, hunderte ihrer Dienstmädchen gequält und missbraucht zu haben. Hierzulande bekannter ist wahrscheinlich Vlad Draculea, dem sich Silvia Stolzenburgs Roman »Der Teufelsfürst« widmet. Dem Grafen Dracula, der als erster Vampir in die Geschichte einging.
Auch wenn die historischen Fakten derlei Umtriebe für den Graf und die Gräfin nicht mit Sicherheit bestätigen, so hielt sich der Ruf der Grausamkeit sowohl bei der Gräfin Barthory als auch beim Grafen Vlad Draculea. Und so ein Ruf kommt nicht von ungefähr …

Histo Journal: Silvia, warum wählt man einen Stoff, der absehbar nach der Schilderung von speziellen grausamen Handlungen verlangt? Wie ich weiß, hattest Du den Stoff sogar auf mehrere Bände angelegt, das Thema Brutalität beziehungsweise Gewalt war also über eine geraume Zeit dein ständiger Begleiter. Für solch ein Vorhaben reicht die Faszination des Grauens allein wahrscheinlich nicht aus. Was steckt dahinter?

Silvia Stolzenburg {Silvia}: Sicher nicht. Die Figur des Vlad Draculea hat mich schon im Studium fasziniert. Damals stand Bram Stokers »Dracula« auf der Liste der Pflichtlektüre, allerdings war es nicht die Vampirlegende, die meine Neugier geweckt hat. Vielmehr wollte ich der Figur aus Fleisch und Blut nachspüren, dem realen Vlad Draculea, der die Gemüter derart erhitzt hat, dass er im Lauf der Zeit zu einem Symbol des Grauens wurde. Ich wollte ihn von der Patina der Legende befreien. Was ist historisch belegt, was ist Legende, was Propaganda, das waren die Fragen, die mich am meisten beschäftigt haben.
Dass er Grausamkeiten begangen hat, ist historisch dokumentiert. Doch diese müssen natürlich stets im historischen Kontext gesehen werden. In der Mitte des 15. Jahrhunderts war es durchaus gang und gäbe – auch im deutschen Reich – Menschen zu pfählen oder auf andere grauenvolle Art und Weise ums Leben zu bringen. Ganz egal, wie unvorstellbar diese Taten uns heutzutage erscheinen, für die Menschen damals gehörten sie zur Tagesordnung.

Histo Journal: Wie war es bei Dir, Tereza? Du bist als gebürtige Tschechin nahe des Einflussgebietes der Gräfin Bathory aufgewachsen. Ich kannte sie nicht, aber in Deiner Heimat ist sie sicher vielen ein Begriff?

Tereza Vanek {Tereza}: Ja, richtig. In meiner tschechischen Heimat ist sie recht bekannt, daher hörte ich bereits als Teenager von der Geschichte der Bathory. Das Thema interessierte mich, schien mir aber auch abschreckend, da wirklich höchst grausam. Als ich dann Jahre später ein deutsches Fachbuch mit der Übersetzung der Unterlagen des damaligen Prozesses über sie las, hatte ich vorerst genug. Mit einer Frau, die jungen Mädchen angeblich bei lebendigem Leibe das Fleisch vom Körper gebissen hatte, wollte ich mich nicht weiter auseinandersetzen. Erst als ich zufälligerweise im Internet auf die These stieß, dass die Bathory nicht unbedingt schuldig im Sinne der Anklage gewesen sein muss, war meine Neugier wieder geweckt. Ich machte mich auf die Suche nach einschlägiger Fachliteratur, was sich als schwierig herausstellte. Elisabeth Bathory scheint häufiger Thema von Schauergeschichten als seriöser historischer Forschungen gewesen zu sein. Schließlich stellte sich aber heraus, dass weder ihre Schuld noch Unschuld eindeutig erwiesen ist. Das gab mir als Autorin die Freiheit, meinem Roman nach Gutdünken zu gestalten. Aber auf Grausamkeit völlig zu verzichten, schien mir bei einem solchen Thema nicht glaubwürdig. Auch das 17. Jahrhundert der Gräfin Bathory war ja noch eine Epoche, in der harte körperliche Strafen und blutige Kriege weit verbreitet waren. Wie Silvia sagte, man kann nicht über vergangene Zeiten schreiben, ohne auch diese unschönen Aspekte zu erwähnen.

Histo Journal: Was hat es mit Euren historischen Figuren auf sich? Abgesehen davon, dass sie sich durch ihre besondere Grausamkeit hervorgetan haben, was ist das besondere an ihnen?

Bei der Gräfin Elisabeth Bathory war ich selbst überrascht, als welch interessante Person sie sich schließlich anhand der Quellen erwies.

Tereza Vanek

Silvia: Bei Vlad Draculea fand ich seine Zähigkeit, sein Durchhaltevermögen und seine unglaubliche Unnachgiebigkeit bemerkenswert. Es war für mich kaum begreifbar, dass es der Herrscher eines derart winzigen Fürstentums geschafft hat, einen der größten Eroberer der Menschheitsgeschichte, Sultan Mehmed, so mit Grauen zu erfüllen, dass dieser vor ihm die Flucht ergriffen hat. Den Werdegang dieser Figur nachzuzeichnen, mich als Autorin in ihn hineinzuversetzen und ihm teilweise sogar Sympathie entgegenzubringen; ihn auch als Opfer der Umstände zu erkennen und zu begreifen, was einen Menschen zu derartigen Taten bringen kann, das war für mich die besondere Herausforderung bei diesem Thema. Und ja, es hat mir schlaflose Nächte bereitet …

Tereza: Bei der Gräfin Elisabeth Bathory war ich selbst überrascht, als welch interessante Person sie sich schließlich anhand der Quellen erwies. Sie muss eine hochintelligente, sehr gebildete Frau gewesen sein, die nach dem Tod ihres Mannes eigenständig riesige Besitztümer sehr erfolgreich verwaltete. Es sind mehrere Briefe von ihr erhalten, die auf einen sehr sachlichen, eher unterkühlten Charakter hinweisen. Dennoch wird an einigen Stellen deutlich, dass ihr das Schicksal ihrer Untergebenen nicht gleichgültig war und sie sich sogar manchmal für diese einsetzte. Es ist schwer, diese Frau mit dem blutrünstigen Monster in Einklang zu bringen, als welches sie häufig dargestellt wird.

Histo Journal: Die Herangehensweise an das Thema ist ja bei Euch sehr unterschiedlich. Könnt ihr kurz beschreiben, wie Ihr Euren Roman angelegt habt und warum?

Silvia: Eines der wichtigsten stilistischen Mittel ist im Fall von Vlad Draculea natürlich, dass ich ihm eine eigene Perspektive gegeben habe, die mit anderen Perspektiven kontrastiert.

Histo Journal: Zum Beispiel der der Ulmer Adelstochter Zehra von Katzenstein, die sich der Anklage des Vatermordes erwehren muss, und der Hexerei. Wir kommen später darauf zurück …

Silvia: Mit Draculea als Perspektivfigur ermögliche ich es dem Leser, sich in Vlad hineinzuversetzen und mit ihm zu leiden, zu hassen, zu hoffen und zu verzagen.

Histo Journal: Ja, das ist dir gelungen. Als Leser war ich überrascht, dass man die Handlung von Draculea gut nachvollziehen kann. Man kann seine Gründe für seine Handlungen durchaus verstehen, auch wenn man sie nicht billigen kann. Dies ist ein Weg, der eine große Nähe zum Protagonisten schafft, die nicht immer angenehm ist. Allerdings schilderst Du ihn ja auch nicht als abgrundtief böse, auf mich wirkte er eher wie ein sehr verzweifelter Charakter. – Tereza, Du hast eine andere Herangehensweise gewählt …

Tereza: Ja, für mich stand fest, dass ich neben der doch nur sehr bedingt sympathischen Bathory eine Hauptfigur wollte, mit der meine Leser sich besser identifizieren können und aus deren Perspektive daher auch erzählt werden sollte. Die vermeintliche Serienmörderin sollte über eine lange Strecke des Romans hinweg undurchschaubar bleiben. Die Frage, ob sie die ihr zugesprochenen Verbrechen wirklich begangen hat und aus welchem Grund, wollte ich so lange wie möglich offen lassen. Das wäre mit ihr als Perspektivfigur nicht möglich gewesen.

Histo Journal: Darum erzählst Du die Geschichte durchgehend aus der Sicht der Gewandschneiderin Emilia, die das Schicksal in Wien in das Haus der Gräfin verschlägt. Wien, Ungarn oder Walachei – Ihr lebt beide in Deutschland, seid Ihr vor Ort gewesen, wo Eure Geschichten spielen, um Euch inspirieren zu lassen?

Silvia: In Vlads Fall habe ich nicht in der Walachei recherchiert, da vieles ohnehin nicht mehr so aussieht wie damals. Ich habe mich aber aller schriftlichen Quellen bedient, die ich finden konnte und Freunde und Bekannte aus Rumänien um Hilfe bei der Sprache und den Handlungsorten gebeten, wenn ich diese nicht aus den Quellen rekonstruieren konnte.

Tereza: Ich muss die Orte, an denen meine Bücher spielen, immer mit eigenen Augen sehen. Für die Dienerin der Gräfin war ich in Wien, Csejte – heute Cachtice in der Slowakei – und Sarvar in Ungarn. Vor Ort auf den Spuren meiner Figuren zu wandern, ist mir wichtig. Hinzu kommt, dass ich generell recht reiselustig bin. Auch wenn sich die Gegend und teilweise auch die Landschaft inzwischen ziemlich verändert haben, habe ich nach jeder Recherchereise das Gefühl, nun näher an meiner Geschichte zu sein und noch ein paar zusätzliche Details einbauen zu können.

Ich hatte nicht erwartet, eine so tiefe Verbindung zu meiner Hauptfigur, Vlad, aufzubauen.

Silvia Stolzenburg

Histo Journal: Recherche umfasst ja auch den Bereich der Gewalt. Wir kennen Gewalt als Straftat, darüber hinaus ist dergleichen in unseren Breiten eher theoretischer Natur, greifbar allenfalls in Film und Fernsehen, der Zeitung oder eben dem historischen Roman. Um Gewalttaten, noch dazu sehr spezielle wie beispielsweise das Pfählen, gut beschreiben zu können, muss man die Methoden kennen. Aber sich mit einem solchen Thema so zu beschäftigen, dass man schon fast selbst Hand anlegen könnte, ist kein schöner Gedanke …

Silvia: Ja. Sich in diese Szenen hineinzuversetzen, hat unheimlich viel Kraft gekostet. Da ich beim Schreiben grundsätzlich Bilder im Kopf habe, musste ich diese natürlich irgendwie wieder loswerden. Deshalb bin ich oft abends mit meinem Mann ausgegangen, um mich mit ihm auszutauschen und mir die Last von der Seele zu reden.

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Histo Journal: Bei Dir, Tereza, spielen die Schilderungen der Quälerei keine so große Rolle. Wie die Verletzungen entstanden sind, erfährt der Leser, wie auch Deine Protagonistin von Menschen aus dem Umfeld der Gräfin, oder sogar von dieser selbst. Du zeigst eher das Resultat, die Verletzungen, aber vor allem den gebrochenen Menschen, die Magd, die sich lieber das Leben nimmt, als weiter im Dienst der Gräfin zu bleiben.

Tereza: Für uns moderne Menschen sind Grausamkeiten natürlich abstoßend und es erfordert mir auch immer eine gewisse Überwindung ab, sie detailliert zu schildern. Und bei der Gräfin war es ja nicht die Art der Grausamkeit, sondern eher die Maßlosigkeit bei den an sich alltäglichen Bestrafungen, die damals als Problem empfunden wurde.

Histo Journal: Was hattet Ihr am Anfang für eine Erwartung an das Thema? Und wurde die Erwartung erfüllt?

Silvia: Ich hatte nicht erwartet, eine so tiefe Verbindung zu meiner Hauptfigur, Vlad, aufzubauen.

Tereza: Meine persönliche Ambition bei dieser Thematik war zunächst einmal, den Charakter einer innerlich zerrissenen, durch schwere Schicksalsschläge geprägten Frau zu schildern, die sich der Kategorisierung in Gut und Böse entzieht. Hinzu kam der Wunsch, die Welt des frühen 17. Jahrhunderts und vor allem das des damaligen Ungarns für meine Leser wieder lebendig zu machen. Inwieweit mir das gelungen ist, müssen diese beurteilen.

Histo Journal: Silvia, in deinem Buch gibt es ja außer Deinem Helden, dem Grafen Draculea noch eine weitere Figur, Zehra von Katzenstein. Während Vlad Draculea am osmanischen Hof Demütigungen ausgesetzt ist, sich aber zum Heerführer entwickelt, ist Deine Heldin in Ulm mit ganz anderen Schwierigkeiten konfrontiert. Sie wird als Vatermörderin angeklagt, überdies der Hexerei beschuldigt. Ihr droht die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen.

Silvia: Richtig, Hexereiprozesse waren um 1450 schon in vollem Gange. Meine Schilderung eines Prozesses in Ulm habe ich den Quellen zum Ulmer Gerichtswesen entnommen, das lief also alles tatsächlich so ab.

Histo Journal: Wie ist das mit der Leichenschau, die Du ebenfalls schilderst. Mir ist dergleichen erst ab dem 15. Jahrhundert geläufig, als ›äußere Leichenschau‹. Laut der Bambergischen Halsgerichtsordnung wurde sie in der Regel bei Verurteilten durchgeführt. Was sind Deine Quellen?

Silvia: Für die Leichenschau habe ich – wie für die meisten wichtigen Dinge – eine meiner Hauptquellen benutzt: Das Lexikon des Mittelalters. Dort steht, dass die gerichtliche Leichenschau sich zunächst auf die äußerliche In-Augenschein-Nahme des Leichnams beschränkte, bevor im Spätmittelalter ausnahmsweise auch die Obduktion als Unterfall der pathologischen Sektion zur Anwendung gelangte. (S.1851, Bd.V)

Histo Journal: Tereza, nicht, dass mir die Gräfin bei der Lektüre sonderlich sympathisch geworden wäre, aber dennoch beschlich mich schnell das Gefühl, dass die Gräfin Opfer ihrer politischen Gegenspieler geworden ist. Sie war eine mächtige Frau in ihrem Land, verfügte über Einfluss und Geld, sie hatte verwandtschaftliche Beziehungen zu einem Umstürzler, sie war als Witwe in gewisser Weise Anfeindungen ihrer männlichen Kontrahenten ausgeliefert. Es wäre ein Wunder, wäre man ihr durchweg wohlgesonnen gewesen. In Deinem ausführlichen Nachwort erläuterst Du ja die Faktenlage sehr ausführlich.

Tereza: Eine Intrige ist wohl bloße Theorie. Allerdings würde sie einige Unklarheiten im Fall Bathory erklären und sie passt auch in die Zeit, die von religiösen Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten geprägt war. Elisabeth gehörte wie die meisten ungarischen Adeligen zum protestantischen Lager. Da Ungarn aber zunehmend unter den Einfluss der Habsburger geriet, waren die Katholiken allmählich auf dem Vormarsch. Dass sich auf protestantischer Seite heimlich Widerstand zu formieren begann, scheint durchaus wahrscheinlich. Hier wäre die Bathory mit ihren zahlreichen Ländereien eine mächtige Verbündete gewesen und es bot sich daher an, sie unter einem Vorwand aus dem Weg zu schaffen. Es wäre eine mögliche Erklärung, warum der Prozess gegen sie ein abgekartetes Spiel gewesen zu sein scheint.

Histo Journal: Während der Lektüre fragte ich mich immer, welche Rolle wohl der Ehemann bei der Entwicklung der Person Elisabeth Bathory gespielt hat. Zwar ist er zur Zeit Deines Romans, 1606 bereits tot, dennoch schilderst Du ihn als die ursprünglich ›treibende Kraft‹, als Auslöser für die – ich möchte mal sagen: rücksichtslose, geradezu hemmungslosen Züchtigungen Elisabeths. Hat er die sadistischen Neigungen in ihr geweckt? Ich fühlte mich ein wenig an diese Dutroux-Geschichte seinerzeit in Belgien erinnert. Spielte eine derartige reale Geschichte bei der Interpretation der Gräfin eine Rolle?


Tereza: Nein, das nicht. Was den Ehemann betrifft, so ist seine Rolle ungewiss. Viel persönliches ist über Ferenc Bathory nicht bekannt. Er war ein begabter Kriegsmann, der die Türken nach langer Zeit wieder aus Ungarn zurückdrängte. Daher gilt er heute als Nationalheld. Im Umgang mit seinen Soldaten soll er ein harter Mann gewesen sein, aber das war damals sicher nichts ungewöhnliches. Allerdings bezog der erste Vorwurf der Grausamkeit gegen die Bathory auch ihn mit ein, nur kennt man die Hintergründe dabei nicht. In manchen Quellen heisst es, dass die Gräfin »mindestens eine« ihrer Foltermethoden von ihrem Mann übernommen habe. Andererseits wird berichtet, er hätte sie wegen ihrer Grausamkeit gegenüber den Dienstmägden oft zurechtgewiesen. Wie es wirklich war, weiß man nicht. In meiner Geschichte ist der Ehemann tatsächlich der Auslöser, da sie durch ihn ihre eigenen sadistischen Neigungen entdeckt und ausleben kann. Konkrete Mord- und Missbrauchsfälle haben mir nicht als Vorbild gedient. Aber ich habe mich vor dem Schreiben des Romans mit einer Psychotherapeutin unterhalten, die auch mit gewalttätigen Kriminellen zu tun hat.

Histo Journal: Die Gräfin hatte drei Kinder, was ist aus ihnen geworden?

Tereza: Die Töchter sollen beide recht jung gestorben sein, überlebten die Mutter nur um ein paar Jahre. Da sie aber eher unbedeutende Gestalten waren, ist es nicht einfach, Informationen über sie zu finden. Ihr Sohn Pal Nadasdy hingegen trat das Erbe seiner Eltern an und ließ die Burg von Sarvar umgestalten. Leider liegen von keinem ihrer Kinder Aussagen vor, was sie von den Anschuldigungen gegen ihre Mutter hielten.

Histo Journal: Deine Protagonistin ist ja eine Gewandschneiderin, die in den Diensten der Gräfin steht. Die Szenen, in denen Du dich der Schneiderkunst widmest, sind sehr lebendig, schneiderst Du selbst?

Tereza: Ich nicht, aber meine Mutter hat früher Kleider genäht und ich habe ihr dabei zugeschaut. Daher kenne ich die grundlegenden Abläufe, habe mich beim Schreiben aber noch genauer informiert. Ich selbst habe schon lange den Traum, es einmal selbst zu probieren, es würde mir bestimmt große Freude bereiten, selbst Kleidung zu entwerfen, offenbar merkt man das an dem Buch. Bisher haben mir dazu aber Platz und Zeit gefehlt.

Histo Journal: Herzlichen Dank an Tereza Vanek und Silvia Stolzenburg für das interessante Gespräch.


Der Teufelsfürst
(Teil 1 der Teufelsfürst-Trilogie)
Wir schreiben das Jahr 1447. Im Osten Europas ist der Vorabend der Eroberung Konstantinopels angebrochen. Lediglich durch das winzige Fürstentum der Walachei von seinem größten Feind – dem Königreich Ungarn – getrennt durchbricht der osmanische Sultan immer wieder die Befestigungen an der Donau und stößt zusehends auf feindliches Territorium vor. Zwar ist die Walachei ein Vasallenstaat, aber auf den dortigen Woiwoden ist kein Verlass – trotz der Tatsache, dass sich zwei seiner Söhne, der elfjährige Radu und der sechzehnjährige Vlad Draculea, in türkischer Gefangenschaft befinden. Derweil der Vater der beiden Prinzen nicht nur gegen allzu überzogene Forderungen des Sultans, sondern auch gegen Intrigen seiner ungarischen Nachbarn zu kämpfen hat, geht der junge Vlad Draculea am Sultanshof in Edirne durch die Hölle. Wegen seines störrischen Verhaltens immer und immer wieder gezüchtigt, wird er von gnadenlosen Waffenmeistern in der Kunst der türkischen Kriegsführung ausgebildet, während er ohnmächtig dabei zusehen muss, wie der sinnesfreudige osmanische Prinz Mehmed seinem jüngeren Bruder nachstellt. Jeder Tag, den er als Geisel des Sultans verbringt, schürt seinen Hass weiter und er träumt davon, eines Tages aus der Gefangenschaft fliehen zu können.
Während Vlad Draculea am Hof in Edirne Rache schwört, bricht in Ulm das Leben der vierzehnjährigen Zehra von Katzenstein zusammen, als eines Morgens ihr Vater tot in seinem Bett aufgefunden wird. Eine Leichenschau ergibt, dass er vergiftet wurde, und ehe sie begreifen kann, was geschehen ist, findet Zehra sich vor Gericht wieder. Falsche Zeugen schwören, dass sie am Tod ihres Vaters Schuld ist, und sie wird für immer aus ihrer Heimatstadt verbannt. Mittellos, verzweifelt und ohne Schutz muss sie vor den Gefahren fliehen, welche vor den Stadttoren lauern. Ihre Flucht führt sie in das von Kriegswirren erschütterte Ungarn, wo sie schon bald eine folgenschwere Entscheidung fällen muss.


1606: Durch eine Seuche zur Waise geworden, gelangt die 17-jährige Emilia in die Dienste der Gräfin Elisabeth Bathory, der mächtigsten Frau Ungarns.
Emilia ist glücklich über die Möglichkeit ihrer Berufung zur Gewandschneiderin folgen zu können, doch schon bald überschatten Todesfälle und Misshandlungen das Leben am Hof. Obwohl Emilia in der Gunst der Gräfin steht, die ihre Fähigkeiten schätzt und ihr vertraut, erkennt sie eine dunkle Seite an ihrer neuen Dienstherrin.
Als sie sich in Istvan verliebt, der ebenfalls schicksalshaft mit Elisabeth verbunden ist, spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu und Emilia gerät in einen lebensgefährlichen Strudel aus seelischen Abgründen und politischen Ränkespielen.