Cora Stephan im Interview – Ab heute heiße ich Margo

Histo Journal Interview mit Cora Stephan

Den heutigen Donnerstag hat Cora Stephan ersehnt. Denn heute {10.03.} erscheint ihr neuer Roman »Ab heute heiße ich Margo« im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Diesen Roman zu schreiben war eine Herzensangelegenheit der Autorin. Ein Roman, den die Autorin nicht nur hat erzählen wollen, sondern müssen.
Was macht diese Geschichte so besonders? Wir haben nachgehakt. Ein Gespräch über Cora Stephans eigene Familiengeschichte, ›Kundschafter des Friedens‹ und Cat Stevens’ weißen Flokati …

von Alessa Schmelzer

Die Autorin Cora Stephan
© Autorenfoto: Isolde Ohlbaum

Histo Journal: Die Geschichte von Margo und Helene sei eine Herzensangelegenheit gewesen, las ich. Seit wann schwirrte das Thema in deinem Kopf herum?

Cora Stephan: Das Thema schlich sich über Jahre hinweg an. Manchmal hadere ich mit mir, dass ich mich nicht früher an die Arbeit gemacht habe – denn Stoff gab es genug: Meine Tante und meine Eltern haben jede Menge beschriebenes Papier hinterlassen. Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungen, Briefe. Hier habe ich Details gefunden, die in der »großen Erzählung« nicht vorkommen und auf die es doch {auch} ankommt.

Histo Journal: Also ein Roman, in dem du diese Erlebnisse oder Erfahrungen deiner eigenen Familiengeschichte literarisch ›verwertest‹.

Cora Stephan: Meine Eltern und meine Tante hätten in diesem Buch sicherlich viel wiedererkannt und wahrscheinlich schallend gelacht über das, was ich aus ihrer Geschichte gemacht habe. Denn der große Bogen und die einzelnen Charaktere sind selbstredend nichts als erfunden. Bei den Details aber habe ich mich hemmungslos bedient.
Auch, übrigens, in der eigenen Geschichte. Aber näheres verrate ich nicht. Nur soviel: Cat Stevens habe ich tatsächlich besucht und andächtig auf seinem weißen Flokati gesessen.

Histo Journal: Cora Stephan sitzt andächtig auf Cat Stevens’ weißem Flokati … Wann war das?

Cora Stephan: Das war 1969. Im Roman wird es dann Leonore sein, die ihm zu Füßen sitzt.

Histo Journal: Interessant. Wer mehr dazu wissen möchte, dem sei der Roman wärmstens ans Herz gelegt! Margos Geschichte nimmt ihren Lauf in Stendal. Gibt es einen autobiographischen Bezug zu Stendal?

Cora Stephan: Meine Tante Gudrun, eine großartige Fotografin, hat in Stendal gelebt, von ihr habe ich viele Details, unter anderem über die Lehrjahre einer Fotografin. Die Vorfahren meiner Mutter väterlicherseits stammen aus Dammratsch bei Oppeln {Opole} in Oberschlesien. Was mich persönlich betrifft: ich liebe diese Ecke der Welt, die ich erst lange nach der Wende entdeckt habe. Gerade Schlesien ist heute unglaublich spannend und in Bewegung. Nach dem Ende des Kommunismus haben viele Polen entdeckt, dass sich der Ort, an dem sie leben, sich ihnen ohne seine deutsche Geschichte und Kultur nicht erschließt. Heute nehmen viele dieses Erbe oft geradezu enthusiastisch an. Dadurch gewinnt das ehemalige Schlesien die Funktion einer Brücke zwischen den beiden Ländern, und das spürt man auf Schritt und Tritt.

Histo Journal: Du bist 1951 bei Osnabrück geboren worden. Das Kriegsende lag gerade einmal sechs Jahre zurück. Die Wirtschaftswunderzeit steht in den Startlöchern … 

Cora Stephan: Wir haben auf Trümmergrundstücken gespielt, ohne groß darüber nachzudenken, wie sie entstanden sind. Und elterliche Sprüche wie: »Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt! Wir hätten uns früher alle Finger danach geleckt!« kamen bei uns ebenso wenig an wie die ständige mütterliche Besorgnis, das arme Kind könne frieren. Wir hatten ja nie gehungert und nur selten mal gefroren.

Histo Journal: Wolltest du als Kind nicht wissen, was in dem ›anderen‹ Deutschland geschehen war? Oder sprach man nicht darüber?

Cora Stephan: Die meisten Kinder sind eher wenig an den Erfahrungen ihrer Eltern interessiert, sie wollen selbst welche machen. Erst um die Pubertät herum gerieten meine Eltern bei mir unter Generalverdacht. Das hat die Verständigung nicht gerade erleichtert. Ich bedaure das schon lange – diese vertane Chance. Das lag nicht nur an den {womöglich schuldbewusst} schweigenden Eltern, sondern auch an jugendlicher Radikalität, die man gottlob irgendwann verliert.
Die Arbeit an meinem Buch hat mir die Erlebnisse meiner Eltern weit mehr vergegenwärtigt, als es wohl jemals in einem Gespräch gelungen wäre.

Histo Journal: Wann hast du dich erstmalig für die Vergangenheit, für Geschichte interessiert?

Cora Stephan: Als kindliche Leseratte, spätestens mit der Lektüre von »Sinuhe, der Ägypter«, danach wollte ich selbstredend Archäologe werden. Später im Studium merkte ich bald, dass mir weit wichtiger als die Begriffe die lebendige Geschichte war – ich habe dann über die Geschichte der Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert promoviert, nicht über irgendeine Spezialfrage des Marxismus, wie es damals in den Geisteswissenschaften an der Frankfurter Uni üblich war.
Was meine Lektüre betrifft – und mein Schreiben – , so ziehe ich alles vor, was historische Resonanz hat. Der Mensch ist ja nicht nur Gegenwart und hat nicht nur eine eigene Vergangenheit, er trägt die Würde und die Last der Vorfahren mit.

Histo Journal: Und mit dieser Würde und der Last der Vorfahren wiederum deren Handlungen, Einsichten, Überlegungen … Was also ist zu tun? Das Studium der Geschichte mache nicht klug für ein andermal, doch weise für immer, wusste Jacob Burckhardt zu sagen.

Cora Stephan: Ich glaube nicht, dass man aus der Geschichte »Lehren ziehen« kann, gewiss aber lehrt sie uns, dass Schwarzweißdenken die Wirklichkeit und die Natur der Menschen verrät. Und sie lehrt Demut: There but for fortune go I. {So sähe mein Schicksal aus, wäre das Glück {oder Gott} nicht auf meiner Seite gewesen.}
Man kann es auch flapsig sagen: Der Blick auf die Geschichte mit all ihren Details und Querschlägern vermasselt einem das scharfe Urteil {auch über die eigenen Vorfahren}. Man wird gnädiger.

Histo Journal: Als Kind – mir ging es so – habe ich meine Großeltern mit Fragen zur Kriegszeit {und der davor} gelöchert. Sie waren {stellvertretend für alle} die Adressaten meiner kindlichen Erschütterung … 

Cora Stephan: Als Erwachsene habe ich einmal gemeinsam mit ihm die Mutter eines Freundes ›gegrillt‹. Wir monierten in anklagendem Ton, wie sie denn ein Lager in der Nähe ihres Wohnorts nicht habe wahrnehmen können. Sie erwiderte einigermaßen hilflos, Zwangsarbeiterlager seien für sie damals normal gewesen. Das ist der Punkt: der »Referenzrahmen«. Für uns ist es schockierend, für die Menschen damals gehörte es zur Normalität. Sie dachten sich nichts dabei.

Histo Journal: Die Figuren in deinem Roman agieren – wie es immer so schön heißt – authentisch. Margo nimmt zwar Veränderungen in ihrem Umfeld wahr, misst dem aber wenig Bedeutung bei. An Politik hat sie nur Interesse, wenn diese in ihr Lebenskonzept passt.

Cora Stephan: Margo wollte leben, nach ihrer eigenen Fasson, sie machte sich keine Gedanken über die »großen Fragen«. Vor allem war man damals nicht so selbstverständlich »politisch«, wie wir es heute für richtig und wichtig halten. Warum soll ein junges Mädchen nicht vor allem an seine eigene Zukunft denken? Und es schien ja alles so gut voranzugehen mit Deutschland, man konnte sogar auf ein eigenes Auto sparen …

Histo Journal: Was zu Margo passt, denn sie ist ja von Beginn an sehr an neuer Technik interessiert. Dazu später noch mehr. In Stendal schreibt sie aber in ihr Tagebuch: »Im neuen Deutschland brauchen wir keine Putzfrau, die fließend Französisch spricht, und keine Haushälterin, die den »Faust« auswendig kann. Das ist nicht das, was der Führer will. Die deutsche Frau soll die Gefährtin des Mannes sein, seine Kampfgenossin!« {S. 21} Das lässt mich an die der Frau zugewiesenen Rolle im Nationalsozialismus denken: Heimchen am Herd, Mutter etlicher Kinder … die ›gewöhnliche‹ Frau sollte doch vor allem eines nicht sein: eigenständig {»Schutz der Familie« etc}. Auch wenn Nazigrößen sich gerne vor allem mit mondänen Frauen umgehen haben.

Cora Stephan: Margo glaubt an das Bild von der Frau als »Geschlechts- und Arbeitsgenossin«, das Adolf Hitler nach der für ihn enttäuschenden Wahl im März 1932 entworfen hat. Das Frauenbild im Nationalsozialismus changiert im übrigen. Zwar sollten die Frauen Kinder bekommen und waren ihren Männern untertan, aber sie wurden zugleich als Arbeitskräfte dringend gebraucht. Margo hatte überdies das Glück und den Verstand, den richtigen Mann zu heiraten: einen, der ihr Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit immer respektierte. Man sollte nicht unterschätzen, dass es auch private Bündnisse gegen politische Zumutungen gab und gibt.

Histo Journal: Dennoch begann die Entrechtung der Juden 1933, erfolgte die Auflösung der Gewerkschaften, gab es eine veränderte Situation an Hochschulen, Bücherverbrennung, Kirchen …

Cora Stephan: Was in Berlin passierte, geschah nicht spiegelbildlich in der Provinz. In Stendal gab es, soweit man weiß, keine Bücherverbrennungen. Auch das, was an Hochschulen geschah, geriet nicht unbedingt ins Blickfeld einer unpolitischen jungen Frau, für die eine Universität weit weg lag. Nach den Straßenschlachten und dem Regierungschaos der Weimarer Republik waren im übrigen Gewerkschaften ebenso wenig Sympathieträger wie Sozialdemokraten und Kommunisten. Dass unter Hitler der dauernde Regierungsstreit und die Massenschlägereien verfeindeter Gruppen aufhörten, fanden viele Menschen durchweg erleichternd.
Auch die spektakulären Aktionen gegen Juden beschränkten sich auf die Großstädte. Natürlich hieß das nicht, dass man in der Provinz »nichts wusste« oder nichts hätte wissen können: wie Juden langsam aus dem öffentlichen Leben verschwanden, hat auch Margo durchaus gemerkt. Aber es geschah schleichend.
Dass ihr das nicht als etwas Ungeheuerliches erschien, lag am »Referenzrahmen«: sie wusste nicht, warum man etwas gegen Juden haben sollte, aber wenn die Regierung dafür Gründe anführte, wusste sie ja womöglich mehr als die »einfachen Leute«. So funktioniert das, nicht nur unter den Bedingungen der Nazi-Diktatur.
Auch viele Juden, die sich schon längst nicht mehr als Juden auffassten, mochten an eine echte Lebensgefahr nicht glauben. Sie hatten im ersten Weltkrieg das Deutsche Reich verteidigt, das ihnen einst die Freiheit gegeben hatte. Sie waren gute Deutsche, Kriegsveteranen wie Hitler, was konnte ihnen also geschehen? Sie blieben.
Die Massendeportation deutscher Juden setzte erst im Herbst 1941 ein.

Histo Journal: Berlin versus Provinz also.

Cora Stephan: Ja. Es ist nicht alles Berlin. Und Berlin ist und war nicht Deutschland.

Histo Journal: Der Roman ist in drei Teile {Buch 1, 1936 – 1945; Buch 2, 1945 – 1989; Buch 3 1989 – 2000} unterteilt. Drei Bücher, drei unterschiedliche Staatsmodelle. Das setzt geballtes Geschichtswissen beim Autor bzw. der Autorin voraus. Spanischer Bürgerkrieg, Nationalsozialismus, BRD versus DDR, Stasi, Doppelagenten, Wiedervereinigung … Welche dieser Zeiten forderte dich persönlich beim Schreiben der Geschichte am meisten?

Cora Stephan: Alle gleichermaßen. Es ist ja nicht ganz einfach, immer auf Augenhöhe mit seinen Charakteren zu bleiben, wenn man doch weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist … Und manchmal ist die Versuchung groß, die Akteure des Romans von etwas abzuhalten – weil man ja weiß, dass ihre Entscheidungen sich als dramatische Irrtümer erweisen werden. Doch derlei muss man sich versagen, sonst handelt man mit Stereotypen.
Sicher, man kann nicht jedes Klischee vermeiden. Doch ich habe immer versucht, mir klarzumachen, dass auch Gewaltherrschaften subtil funktionieren: man macht am besten alle, auch die Opfer, zu Mittätern. Das gilt für die Selbstverwaltung der Häftlinge im KZ. Das gilt aber auch für das Spitzelsystem der Stasi.
Und solche Strukturen sind weit spannender als die bekannte Rollenprosa der Bösewichter. Das Böse kenne ich. Jetzt will ich wissen, wie der Schattenbereich aussieht. Gerade, was die Spionagetätigkeit der HV A betrifft, spielte Verführung eine weit größere Rolle als Erpressung oder Drohung.

Histo Journal: Verführung? Du meinst Verführung zur Mittäterschaft – den eigenen Vorteil suchen, Opportunismus usw.?

Cora Stephan: Nein. Wer spionierte, ob in Ost oder West, handelte selten aus materiellen Gründen. Man denke an den sprechenden Namen »Kundschafter des Friedens« für die Auslandsagenten der HV A des MfS. »Frieden« war das große Versprechen, ein Ziel, das alle teilten, im Osten wie im Westen. Wer konnte schon gegen den Frieden sein? Das überzeugte viele im Westen, Geheimnisverrat zugunsten der DDR zu begehen. Auch Margo. Auf der Klaviatur spielte die Stasi sehr harmonisch.

Histo Journal: Stichwort HV A. Bleiben wir einen Moment bei Helene. Sie ist – so kommt es mir vor – die tragische Figur in deiner Geschichte. Spanischer Bürgerkrieg, {Über-}Leben im KZ-Bordell, Stasitätigkeit in der DDR. Gehen wir der Reihe nach vor: Warum war es wichtig Helene in den Spanischen Bürgerkrieg zu schicken?

Cora Stephan: Der Spanische Bürgerkrieg hat nicht nur unzählige Menschenleben gekostet und das Land verwüstet, er war auch das Wetterleuchten, das weit Schlimmeres ankündigte. Im Roman ist Helene bei den Anarchisten gelandet – bei jenen also, die zwischen den kommunistisch dominierten Rotbrigaden und den Truppen Francos regelrecht zerrieben wurden. Dieses Gefühl begleitet sie ihr Leben lang: sie gerät immer irgendwie zwischen die Fronten.

Histo Journal: Helene fügt sich also stets in ihr Schicksal, auch später in Ravensbrück, übrigens ja dem einzigen Frauenlager der Nazis. Frauen aus Ravensbrück wurden für die Lagerbordelle ›rekrutiert‹. Helene kommt nach Buchenwald.

Cora Stephan: Helene hat in Ravensbrück und im KZ-Bordell in Buchenwald gelernt, dass Widerstand das Elend nur vergrößert. Sie hat jede Gewissheit, jede vorstellbare Heimat verloren. Sie bejammert ihr Schicksal nicht, aber sie entwickelt eine manchmal furchterregende Distanz zu allem, was sie tut – und zu den Menschen, denen sie schadet. Erst zum Schluss versucht sie, die Kunst der Intrige einem guten Zweck zuzuführen.

Histo Journal: Das KZ-Bordell als Überlebensmöglichkeit. So ›rosig‹ ging es dort allerdings auch wieder nicht zu. Etliche Frauen verließen es traumatisiert, viele schwiegen aus Scham jahrzehntelang.

Cora Stephan: Wie hätte es in einem KZ-Bordell rosig zugehen können? Aber Helene verdankte dem ihr Überleben. Es gab nunmal weit grausamere Schicksale. Und es gibt eine völlig irre Pointe dabei. Helene hatte das Glück, als Asoziale {und nicht als Jüdin oder gar Vaterlandsverräterin} in Ravensbrück und Buchenwald zu landen. Im Bordell aber verdiente sie etwas Geld – und schon galt sie nicht mehr als asozial.
Was für ein Aufstieg! Man könnte heulen.
Aber so ist es nunmal: alle Frauen aus dem KZ-Bordell haben die Nazizeit überlebt.

Histo Journal: Diese Distanz, von der du gerade sprachst, nehmen Opfer häufig ein. Mich wundert, dass sie in Deutschland geblieben ist. In der DDR sogar für das 1950 gegründete Ministerium für Staatssicherheit tätig wurde. Was ist der Grund hiefür?

Cora Stephan: In diesem Kontext ist die Geschichte der Selbstverwaltung des KZ Buchenwald von Bedeutung. In Buchenwald war es kommunistischen Kadern gelungen, die Lagerverwaltung zu übernehmen, was nicht ohne existentielle Widersprüche blieb – das gilt ja auch für das Überleben von Helene im Lagerbordell. Dennoch waren die »Genossen« Helenes letzter Anker in einer fremden Welt. Deshalb ist sie nicht im Westen, sondern in der sowjetischen Besatzungszone geblieben und durch die »Genossen« zu Brot und Arbeit gekommen.

Histo Journal: Dazu wollen wir an dieser Stelle natürlich nicht zu viel verraten. Wie und wo hast du für das Thema Stasi recherchiert?

Cora Stephan: Ich habe natürlich alles gelesen, was ich dazu in die Finger kriegen konnte. Vor allem aber hatte ich großartige inoffizielle Mitarbeiter, vor allem Helmut Müller-Enbergs, den wohl besten Kenner des MfS, sowie Jörg und Kristina Drieselmann vom Stasi-Museum. Schon unter der Ägide Gauck habe ich übrigens bei »Horch und Guck« recherchiert, als die ganze Einrichtung in der Normannenstraße noch intakt war, mitsamt Duftproben und »Traditionskammer«.

Histo Journal: Du hast unter der Ägide Gauck bei »Horch und Guck« recherchiert? Wann war das?

Cora Stephan: Das war 1997, als ich für meinen ersten Krimi recherchierte – »Caruso singt nicht mehr.« Damals konnte man noch im Keller von Haus 8 den »Kupferkesselraum« besichtigen, wo die ganze Elektronik abhör- und anpeilsicher untergebracht war und nach der Wende über 17 000 Säcke mit geschredderten Akten und mehr als hundert ausgebrannte Reißwölfe lagerten. In der »Traditionskammer der Abteilung XX« feierten sich die Tschekisten des Wachregiments Feliks Dzierzynski mit Bannern, Auszeichnungen und Erfolgsmeldungen. Ein absolut gruseliges Spießerkabinett.

Histo Journal: Da die Sprache schon einmal darauf kam: Was hat es mit der HV A auf sich?

Cora Stephan: Die Hauptverwaltung A {A wie B, nicht wie »Aufklärung«} verstand sich als etwas Besseres. Vor allem teilte man nicht die Obsession Erich Mielkes, des obersten Chefs des MfS, der vor allem an der Bespitzelung der eigenen Bevölkerung interessiert war. Man war fürs Ausland zuständig, für Spionage und Wirtschaftsspionage. Jemand wie Helene nannte sich »Kundschafterin des Friedens«.

Histo Journal: »Kundschafterin der Friedens« ist ein euphemistischer Begriff für eine Spionin … Wer deinen Roman liest, erfährt darüber natürlich noch mehr. Dunkel erinnere ich mich an Gabriele Gast, die war ebenfalls »Kundschafterin der Friedens« und als solche hat sie es bis zur Regierungsdirektorin des BND geschafft. Im Roman thematisierst du u.a. auch die Affäre Guillaume.

Cora Stephan: Man war bei der HV A gar nicht glücklich über das Ehepaar Guillaume, vor allem Günter Guillaume hat nach der Enttarnung geredet wie ein Wasserfall. Ohne diese Bekenntnislust hätte man bei der HV A wenigstens stolz darauf sein können, dass man so nahe am Machtzentrum des Gegners angelangt war.

Histo Journal: Deine Romanfiguren erleben die Wiedervereinigung von BRD und DDR. Umso größer muss der Schock für die SED und die Stasi die Wiedervereingung gewesen sein. Schnell vernichten – ähnlich dem Vorgehen der Lagerkommandanten in den KZs – was allzu belastend ist {also alles}. Die durch die Aktenvernichtungsmaschinen gejagten Unterlagen kennen wohl alle. Die Wiedervereinigung liegt jetzt beinahe drei Dekaden zurück. Wie hast du sie damals empfunden?

Cora Stephan: Ich war und bin begeistert vom Ende der DDR. Habe den Sommer 1990 in Schwerin verbracht, beim »Mecklenburger Aufbruch«, dem Zeitungsprojekt der Bürgerrechtlerin Regine Marquardt, dem ersten Versuch, in der DDR eine unabhängige Wochenzeitung zu etablieren, bevor es die »Großen« aus dem Westen taten. Was für eine spannende Zeit das war. Ich habe hautnah mitbekommen, wie ein Gemeinwesen unterging, bevor sich neue Strukturen durchsetzen konnten. Und wie tragisch vieles verlaufen ist, als man altes Unrecht revidieren wollte und dafür nicht selten neues schuf. Und wie schnell die alten Kader wieder auf den wichtigen Pöstchen landeten …

Histo Journal: Nach all den historischen nun ein paar ahistorische Fragen. Wie verlief die Zusammenarbeit mit dem Verlag Kiepenheuer & Witsch, dem du sehr zugetan zu sein scheinst?

Cora Stephan: Ein Herzensbuch ist etwas, das man schreiben MUSS. Als meine Verlage bei Randomhouse über das Projekt nicht so begeistert waren wie ich, habe ich mich von den Erwartungen anderer freigemacht und das Manuskript auf eigenes Risiko fertiggestellt. Erst danach ging mein Agent auf Verlagssuche.

Histo Journal: Was zeichnet den Verlag Kiepenheuer & Witsch in deinen Augen besonders aus?

Cora Stephan: Zum einen natürlich der Enthusiasmus, mit dem alle dort mein Buch und mich aufgenommen haben – und dass sie wie ein Frühlingswald dahinterstehen. Entscheidungen für oder gegen ein Buch werden dort gemeinsam getroffen, das macht die enorme Schlagkraft des Verlags aus. Zum anderen die gründliche Arbeit am Buch, in jeder Hinsicht: was den geballten Einsatz überhaupt und die Ausstattung im Besonderen betrifft. Und in Hinblick auf die Arbeit am Text. Bei manchen Büchern fragt man sich, wozu sie einen Verlag nötig hatten. Hier weiß ich es ganz genau: selten habe ich ein so genaues und zugleich respektvolles Lektorat erlebt.

Histo Journal: Heute {10.03.} ist der Roman im Buchhandel zu bekommen. Hörbuchfans müssen sich noch ein wenig gedulden. Aber diese wird dann belohnt werden. Tanja Fornaro liest den Roman ein. Eine gute Wahl, finde ich.

Cora Stephan: Das Hörbuch konnte leider nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt werden. Es erscheint aber sicher bald, 640 Seiten einlesen ist ja keine Kleinigkeit. Über die Sprecherin Tanja Fornaro freue ich mich sehr. Ich mag ihre Stimme, sie strahlt Souveränität und Intelligenz aus.

Histo Journal: Liebe Cora, danke, dass du dir die Zeit genommen hast auf all diese Fragen zu antworten. Vielen Dank. Bleibt noch eines: Für deinen Roman »Ab heute heiße ich Margo« wünschen wir vom Histo Journal viel Erfolg! Und beim Folgeband {du sagtest ja, die Geschichte von Leonore und Clara müsse noch erzählt werden} schließen wir dann hier wieder an. :-)

Ilka Stitz hat »Ab heute heiße ich Margo« gelesen und besprochen.▹ Buchbesprechung lesen!

▹ Leseprobe auf der Website des Verlags.