Wölfe

Rubrik: Ein Buch und seine Verfilmung

Mit Cromwell auf der Couch

Gesehen & Notiert von Tanja Schurkus

Königliches Freizeitvergnügen:
Henry VIII. {Damian Lewis, links} und Cromwell {Mark Rylance, rechts} beim Bogenschießen.
Foto: © Company Pictures/Playground Entertainment for BBC 2015/Giles Keyte

»Wölfe«
2014
Regie: Peter Kosminsky
Darsteller: Mark Rylance, Damian Lewis, Jonathan Pryce, Joanne Whalley u.a.
Sechsteilige Serie {je 65 Minuten}

Zur offiziellen Filmwebsite {Trailer u.a.}

Die Verfilmung der Hilary Mantel Romane »Wölfe« und »Falken« über Aufstieg und Fall von Thomas Cromwell im England um 1530 läuft nun auch im deutschen TV. Der BBC-Sechsteiler wurde in diesem Jahr als beste Mini-Serie mit dem Golden Globe ausgezeichnet. Über die Tudor-Zeit wurde schon viel geschrieben und vor einigen Jahren sorgte die gleichnamige Serie für hohe Einschaltquoten. Was macht die Verfilmung der Mantel-Bücher so besonders?

Auf die Kerze kommt es an

Henry VIII.

Schon für Hilary Mantel waren die Gemälde von Hans Holbein eine wichtige Inspiration und dabei geht es nicht nur um die Details der Mode: Auch die Wirkung des Lichts war für den Regisseur Peter Kosminsky von besonderer Bedeutung. Aber das Budget führt nicht nur Kerzen auf sondern vor allem Talglichter, denn die wurden damals verwendet und tauchen den Set in ein warmes, aber auch unvollständiges Licht: Sinnbildlich für das historische Dunkel, aus dem einiges hervor tritt und in dem vieles bleiben muss.
Außerdem brauchte die Produktion Stecknadeln, denn damit wurden zu Zeiten Heinrichs VIII. Teile der Roben an ihrem Platz gehalten. Und natürlich hat man die Stecknadeln eigens für die Serie anfertigen lassen. Wenig Kulissen, sparsamer Umgang mit Computer-Technik, alles im Sinne einer besonders überzeugenden Atmosphäre, die so beinahe jede Szene prägt, hinzu kommt die gründliche Recherche, die schon den Büchern zugrunde liegt: Kam der Mann mit der Krone nun von links oder kam er von rechts, um Anne Boleyn in den Stand der Königin zu erheben?

Holbein – Die Gesandten

Während man mit Beginn der 2000er Jahre vor allem vermeiden wollte, dass Filme und Serien mit historischen Inhalten zu ›lehrreich‹ werden könnten, kam es den Machern von »Wolf Hall« darauf an, den Stoff nicht auf Soap-Elemente zu reduzieren. Wie auch bei den Büchern von Mantel geht es um die Charaktere und ihre Beweggründe, um Menschen, die nicht als Funktionen historischer Bedeutsamkeit handeln. Bücher und Serie konzentrieren sich dabei auf Thomas Cromwell, der als Sohn eines Schmieds zu einem der mächtigsten Männer Englands aufstieg. Sein Schicksal bot dem Drehbuchautor Peter Straughan einen tragischen Anknüpfungspunkt: Als ihm der Stoff angeboten wurde, hatte er kurz zuvor seine Ehefrau verloren. Cromwell fand eines Abends seine Frau aufgebahrt vor – Cromwell als trauernder Ehemann, das war der Zugang des Drehbuchautors zu der Geschichte. Den menschlichen, persönlichen Seiten Cromwells wurde bisher in der englischen Geschichtsschreibung wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Und eben das reizte Hilary Mantel.

»Er macht mich glücklich.«

Die Autorin Hilary Mantel wurde in zahlreichen Interviews gefragt, warum sie ausgerechnet über Cromwell schreibe. Man könnte die Gegenfrage stellen: Warum nicht? Sein Werdegang scheint sich als Romanstoff geradezu aufzudrängen: Als Sohn eines Schmieds gelang es ihm, eine Laufbahn als Jurist einzuschlagen. 1520 trat er in die Dienste des Kardinals Wolsey und wurde schließlich zum Berater Heinrichs VIII. Als der Papst dem König in Scheidungsangelegenheiten nicht gefällig sein wollte, ließ sich Heinrich VIII. durch die von Cromwell forcierte Suprematsakte zum Oberhaupt der englischen Kirche erklären. Es folgten einige ›Scheidungen durch das Schafott‹ und auch Cromwell endete auf dem Richtblock – er war der Ketzerei und Hochverrats für schuldig befunden worden.

Cromwell

Wie erlebt, betreibt, erleidet ein Mensch diesen wechselvollen Lebensweg? Die ersten Ideen zu einem Roman über Cromwell hatte Hilary Mantel 30 Jahre vor Erscheinen der Bücher »Wölfe« und »Falken«. Immer wieder wurde auf biografische Zusammenhänge zwischen der Autorin und ›ihrem‹ Helden hingewiesen: Auch Hilary Mantel stammt aus einfachen Verhältnissen. In Irland geboren und aufgewachsen war die Nähe zu Geschichten, meist bedrohlichen, von Kindheit an gegeben. Die Angst vor dem Bösen, vor dem Wirken des Teufels war so real wie die Steuererklärung. Als sie beginnt sich krank zu fühlen, als sie diffuse Schmerzen erleidet, glaubt sie, etwas Diabolisches sei am Werk. Viele Jahre wird sie mit Psychopharmaka behandelt; sie recherchiert selbst und stellt sich die Diagnose: Endometriose. Die Ärzte bestätigen ihr dies; sie leidet an einer angeborenen Störung, bei der Gebärmutterzellen auch im Bauchraum und anderen Körperbereichen vorkommen, dort aber auch dem Monatszyklus unterliegen, also unter Schmerzen abgestoßen werden. Sie unterzieht sich einer Operation, die aber nur die schlimmsten Symptome lindern kann. Ihre Produktivität als Schriftstellerin wird von manchen in Beziehung zu ihrer Kinderlosigkeit gesetzt – etwas, das man bei männlichen Autoren kaum tun würde. Tatsächlich bedauert Mantel, dass die Krankheit ihr nicht die Ausdauer bei der Arbeit erlaubt, die sie gerne hätte. Dennoch schreibt sie die erste Fassung von »Wölfe« innerhalb eines halben Jahres nieder. Es ist nicht ihr erster Roman: Mit »Brüder« hat sie einen umfassenden Blick auf die Protagonisten der französischen Revolution geworfen. Doch der Roman findet lange keinen Verlag und wird dann auch kein Erfolg. Erst mit der Darstellung Cromwells kann sie Publikum und Kritiker gleichermaßen begeistern: Für beide Bücher gewinnt sie den renommierten "Man Booker Prize" und gewinnt eine große Fan-Gemeinde, die gespannt auf den Abschluss der Trilogie {»The Mirror and the Light«} wartet. Dabei bedient sie nicht immer das, was bei der weiblichen Leserschaft angeblich gefragt ist.

Königliche Gebärmaschinen

Als Kind träumte sich Hilary Mantel in die Rolle von Rittern und Feldherren; Schwerter schwingende Frauen wird man dennoch oder eben deswegen in ihren Romanen vergeblich suchen. Die historische Wirklichkeit sah insbesondere für die hochwohl geborenen Frauen anders aus: Sie hatten eine dynastische Pflicht zu erfüllen oder doch zumindest erotisches Vergnügen zu ermöglichen.

Aha!
Mehr über Hilary Mantel erfährt man am besten aus ihrer eigenen Feder: Ihre Kindheit in Irland, ihr Weg über das Studium in die Schriftstellerei, die Jahren im Ausland mit ihrem Mann, einem Geologen, und ihr Kampf gegen die Krankheit – das zeichnet sie in ihrem Buch »Von Geist und Geistern« nach, erschienen 2015 im DuMont Buchverlag.

Als beides nicht {mehr} gelang, kostete es Anne Boleyn das Leben. Ein mächtiger Mann mit sexuellen Launen, ein Strippenzieher im Halbdunkeln und eine ehrgeizige, verführerische Frau: Eine Phantasie anregende Konstellation. Aber die Frauen der königlichen Familien sind auch heute noch Gegenstand aufgeheizter Geschichten und Gerüchte. Hilary Mantel setzte sich damit in ihrer Rede »Königliche Körper« auseinander und löste im englischen Königreich Diskussionen aus. Als sie etwa die schwangere Kate Middleton als puppenhaft beschrieb, lag für viele die Mutmaßung nahe, die kinderlose und durch Medikamente dicklich gewordene Mantel würde bei solchen Äußerungen durch Neid getrieben – ein Vorwurf, den man einem Mann kaum gemacht hätte. Man hätte es eher als kluge Kulturkritik betrachtet, wenn Mantel sich darüber Gedanken macht, wie ein Leib zum nationalen, öffentlichen Eigentum wird; ihre Äußerung, das Leben von Lady Di hätte vielleicht eine glücklichere Wendung nehmen können, wenn die Prinzessin nicht allzu romantisierte Vorstellungen vom Leben am Hof gehabt hätte, genährt von Barbara Cartland Romanen, führte zu einem Aufschrei der Empörung und zu dem #we are all Cartland.

So hat Hilary Mantel nicht nur durch die namhaften Buchpreise bewiesen, dass historische Romane als Beitrag zu vielen kritischen Diskursen gesehen werden können: Über Geschlechterrollen, über Macht und Machtmenschen, über rücksichtslose Karrieren, über das Missverstandenwerden. In der Geschichte liegt alles bereit und sie spielt in den Büchern und in der Verfilmung die Hauptrolle, nicht die Erwartung der Zuschauer und Leser des 21. Jahrhunderts.