Frantz

»Frantz«

Filmkritik von Tanja Schurkus

Lügen sind bunt

1918 trauert Anna um ihren im Krieg gefallenen Verlobten Frantz und trifft an seinem Grab einen Franzosen, der ebenso unter diesem Tod zu leiden scheint wie sie. Anscheinend kennt er Frantz aus gemeinsamen Studientagen in Paris, doch jetzt gehört er zu den Erzfeinden. Langsam nähern sich die Trauernden an, bis der Franzose Adrien sein Geheimnis Preis gibt.

©X Verleih {Warner}

Frantz
F/D 2016
Regie: François Ozon
Darsteller: Pierre Niney, Paula Beer
Kinostart: 30.09.2016

Frantz und der Franzmann

Der Regisseur François Ozon führt uns in eine schwarz-weiße Welt, nicht weil 1918 ist, sondern weil Loyalitäten und Feindschaften in den Köpfen der Leute deutlich getrennt sind. Und weil viel Blut geflossen ist: Europa ist farblos geworden. Die Gespräche werden von Parolen beherrscht. Der Franzose, der in diese deutsche Stadt kommt, kann nicht mit Sympathien rechnen. Anna aber glaubt an seine Trauer, als sie ihn am {leeren} Grab von Frantz weinen sieht. Sie lädt Adrien zu ihrer Schwiegerfamilie in spe ein; vom Vater des im Weltkrieg gefallenen Frantz wird der Gast nicht freundlich empfangen. Für ihn sind die Franzosen die Mörder seines Sohnes. Als aber Adrien von der gemeinsamen Vorkriegszeit mit Frantz erzählt, wird der Film bunt; geschickt wird der Kontrast gesetzt zwischen den hölzernen Stuben, wo Formen und Verlegenheit gepflegt werden und der Erinnerung und der freien Natur: Hier ist Farbe und Fröhlichkeit, hier vollzieht sich Annäherung.
Der Film lässt sich dazu viel Zeit, getragen von dem intensiven Spiel Pierre Nineys {Adrien} und Paula Beers {Anna}. Geschickt wird Spannung aufgebaut: Als Zuschauer fürchtet man um den sensiblen Adrien, der sich mit völkischem Hass konfrontiert sieht. Dabei ist der Film plakativ und differenziert zugleich: Hinter den dumpfen Parolen von Deutschlands Schmach stecken persönliche Schicksale von Leid und Verlust, keine Familie steht ohne Tote da. Kann man sich über die Leichenberge hinweg die Hände reichen?

Liebe ist nicht das Gegenteil von Krieg

Während Adrien wie ein zweiter Sohn endlich in die Familie aufgenommen wird, vergrößert sich seine Seelenqual; wir ahnen, welches Geheimnis er mit sich trägt:
{Achtung Spoiler!}
Er hat Frantz im Schützengraben getötet und anhand der Briefe seine Familie ausfindig gemacht. Die gemeinsame Vergangenheit – erlogen. Oder nicht? Adrien und Frantz waren sich ähnlich wie Brüder. Ozon zeigt den Weltkrieg somit vor allem als europäischen Bruderkrieg, in dem eine junge Generation von alten Ressentiments aufgewiegelt in den Tod geschickt wurde.
Anna kann ihre Gefühle für Adrien nach dieser Offenbarung nicht mehr zulassen und lügt dennoch für ihn weiter. Als nach seiner Abreise seine Briefe ausbleiben, folgt sie ihm nach Frankreich und begegnet dort dem selben überhitzten Nationalismus, den selben »Hausaltären« für die gefallenen Brüder, Söhne, Ehemänner.
Ich will nicht noch einmal spoilern; wer Ozons Filme kennt, weiß, dass er kein Regisseur des Happy Ends ist. Er erlaubt sich die kleine Ironie, dass die zarte Liebe zwischen Adrien und Anna nicht an dem Blut und den Leichen des Weltkriegs zu scheitern droht, sondern – fast banal, wie so viele Beziehungen: An der Unfähigkeit, sich selbst und dem anderen Menschen die Gefühle einzugestehen und sich danach zu verhalten. Schützengräben können überwunden werden, Zurückweisung und Eifersucht aber nicht.

Nicht alles wird gut

Für diesen Film muss man Zeit mitbringen {und zarte Gemüter sollten auch Taschentücher dabei haben}. Durch die deutliche dramaturgische Zäsur der Reise Annas nach Paris gewinnt er eine Länge, die aber nicht langweilig wird. Zu geschickt wählt Ozon jede Szene aus und auch die Figuren, die im letzten Viertel noch eingeführt werden, tragen zum großen europäischen Drama ebenso bei wie zu der kleinen traurigen Liebesgeschichte, hinter der auch eine Selbstfindung steht. Anna muss sich emanzipieren: Von der Trauer, von dem Andenken, von Schuldgefühlen. Das alles geschieht leise, oft fängt die Kamera ihr unbewegtes, aber Tränen bedecktes Gesicht ein.
Am Ende sind es die kleinen, zwischenmenschlichen Lügen, die eine Aussöhnung möglich machen, nur so kann dem fatalen gegeneinander Aufrechnen ein Ende bereitet werden.

Fazit

Ein Film bei dem alles stimmt: Die Geschichte, die Inszenierung, das Schauspiel und die Botschaft, die ebenso leise wie intensiv ist. Wer in diesen Zeiten glaubt, dass wir Europa nicht mehr brauchen und lieber wieder Parolen in die Welt setzt, sollte sich diesen Film anschauen {wird es aber leider nicht tun}. Lasst euch nicht zum gegenseitigen Morden verführen, sagt der Film in jeder Szene, und denkt nicht in schwarz-weiß, denn das ist nur in Filmen tiefgründig.

Histo Journal Filmpunkte: 5 von 5