Mr. Turner

Bitte spucken Sie auf die Leinwand!

Der Film »Mr.Turner – Meister des Lichts« zeichnet den Weg des englischen Malers William Turner {1775-1851} in die Abstraktion nach.

Gesehen & Notiert von Tanja Schurkus

Titel des Film: Mr. Turner – Meister des Lichts
Regie: Mike Leigh
Darsteller: Timothy Spall, Dorothy Atkinson, Paul Jesson
Länge: 149 Min
Kinostart: 06.11.14

Mark Twain schrieb einmal: »Anyone who tries to find a plot maybe shot.« Für den Film »Mr. Turner« von Mike Leigh schafft das die richtige Erwartungshaltung: Er erzählt keine Geschichte, sondern reiht chronologisch Episoden aus dem Leben des Malers. Man braucht Geduld für 149 Minuten und wird belohnt, aber eben nicht durch geschickte Wendungen und spannende Konflikte, sondern durch den Blick in eine Vergangenheit, in der die Zukunft {der Malerei} ihren Anfang nahm.

Giraffenfrisuren und rasierte Schweinsköpfe

Wenn ich eine {Film}nation benennen sollte, die es immer wieder schafft, einer Vergangenheit ihre Besonderheit zu lassen ohne sie als museales Schaustück vorzuführen, dann ist es für mich zweifellos England. Und auch Mr. Tuner überzeugt mit einer Fülle von Details, die nie plakativ wirken: Das Voranschreiten der Zeit sieht man nicht nur im Alterungsprozess der Figuren, sondern auch in der Mode: Am Anfang tragen die Frauen aufsteckte Giraffenfrisuren {das Zurschaustellen der Tiere hatte in Europa zu einem Boom in der Formverzerrung geführt} und Schinkenärmel, am Ende werden die Röcke weiter. Unaufdringlich aber unausweichlich macht sich die Dampfkraft bemerkbar, die auch für Turner Gegenstand seiner Bilder wurde: Dampfschiffe, Lokomotiven. Wir erleben ihn als einen Menschen, der dem Neuen gegenüber aufgeschlossen ist, aber auch davon beunruhigt wird. Eine der amüsantesten Szenen des Films zeigt Turner bei einem Besuch in einem Studio für Photographien. Er erkundigt sich, warum die Bilder nicht bunt seien.
»Das konnte bis jetzt niemand heraus finden«, bekommt er zur Antwort und murmelt: »Wollen wir hoffen, dass es dabei bleibt.«

Turner etablierte sich mit Landschaftsbildern vor allem aber mit Bildern der See als Maler für die bessere Gesellschaft. Sein Vater, ein einfacher Ladenbesitzer, sorgte dafür, dass der Sohn entdeckt wurde, indem er die Zeichnungen des begabten Kindes an Passanten verkaufte. Der Film setzt ein, als Turner es bereits ›geschafft‹ hat und, recht wohlhabend, in einer sonderbaren Hausgemeinschaft mit dem Vater und einer Haushälterin lebt. Beide sehen es als ihre Aufgabe an, ohne eigene Ansprüche, die Arbeit Turners zu unterstützen.

Hautausschlag und linkischer Sex

Die Haushälterin ist dabei ein heimlicher Star des Films: Während Turners Bilder immer flächiger und gegenstandsloser werden, wird sie von Hautausschlag und Haltungsschaden entstellt – gezeichnet vom {Arbeits}leben. Ihre stille Liebe bleibt vom knurrigen Turner unbeachtet, was ihn jedoch nicht an ungeschickter Bedürfnisbefriedigung hindert. Timothy Spall, den viele aus den Harry Potter Filmen kennen, gelingt es aber, den kauzigen Maler, der seine Kinder verleugnete und keine Freundschaften suchte, als einen Menschen darzustellen, in dessen Welt man eintauchen möchte. Der Film verzichtet dabei ganz auf kunstgeschichtliche Ausführungen, erlaubt sich eher sie zu parodieren, und verlässt sich dabei selbst auf Bilder – schon die Eingangseinstellung sorgt für Gänsehaut und manche Schnitte sind so geschickt gewählt, dass man den Übergang vom Gemälde zur Szene zunächst nicht bemerkt.

Stiller Kämpfer

Stürme, Nebel, Dampf, Sonnenauf- und untergänge – in all diesen Motiven suchte Turner nach dem Wesen des Lichts. Um Verwaschungen und Verlaufung der Farbe zu erzielen, mussten auch schon mal Spucke helfen, Eier oder Sahne. Das Ergebnis waren Farbflächen mit eigener Strahlkraft. »Abscheulich«, sagt die junge Queen Victoria nur düpiert auf einer Gemäldeschau, wo Turners Bilder neben Porträts und Gemälden von Schlössern und Rössern wie grundierte Leinwände wirken. Er steht im Treppenhaus und hört es, aber er macht sich, anders als manche Kollegen, nicht zum Advokaten einer neuen Kunstrichtung, er protestiert nicht, wettert nicht gegen Ignoranz, sondern zieht im Morgengrauen mit seinem Zeichenblock aus. Auf den Theaterbühnen muss sich der gealterte Maler verspotten lassen als Verwerter von Essensresten, der aber immer noch einen dummen aber {Neu}reichen findet, der ihm für seine Pinselwaschungen sehr viel Geld zahlt. Tatsächlich aber lehnt er es ab, alle seine Bilder in eine private Sammlung zu verkaufen und vermacht sie dem englischen Volk.

Llanberis

Fazit:

Ich bin in diesen Film hinein gegangen ohne große Vorkenntnisse über diesen Maler und ich könnte auch hinterher kein Referat über ihn halten. Eine Persönlichkeit zeigt sich aber bekanntlich nicht an den Lebensdaten, und »Mr. Turner« hat mir, auch wegen des hervorragenden Schauspiels von Timothy Spall, eben diese Persönlichkeit nahe gebracht. Ich erlebe kein manisches Genie sondern eher einen linkischen und geschäftstüchtigen Krämersohn, dessen Blick über das Gesehene hinaus zum Sichtbaren ging. Und der Film wird ihm mit seiner Bildsprache mehr als gerecht.

Mein Lieblingssatz: »Ist in dem Fall ein ganzer gelehrter Dialog über die Stachelbeere und ihre bevorzugten Standorte.«

Histo Journal Filmsterne: 4.5 von 5