Histo Journal Cinema: Die geliebten Schwestern

Der Dichter, dem die Frauen vertrauen

1788 begegnet Friedrich Schiller seiner späteren Frau Charlotte von Lengefeld – verguckt sich aber auch in deren Schwester Caroline, die in einer unglücklichen Ehe gefangen ist. Der Film erzählt, frei nach Tatsachen, die Geschichte dieser Dreiecksbeziehung bis zu Schillers Tod.

Gesehen & Notiert von Tanja Schurkus

Titel des Films: Die geliebten Schwestern. D/A 2013
Regie: Dominik Graf
Darsteller: Florian Stetter, Hannah Herzsprung, Henriette Confurius
Länge: 140 Minuten
Kinostart: 31.07.14
Website: keine

Trailer

Goethezeit Portal

Darin sind die Weiber fein: Wenn sie sich zwei Männer im Einvernehmen halten können …« So dichtete Goethe in »Die Leiden des jungen Werther“«, lange bevor er die Bekanntschaft Schillers machte. Und Schiller dachte sich also, dass ›mann‹ auch ganz gut damit fährt, wenn man sich zwei Weiber im Einvernehmen halten kann: Die Schwestern Lengefeld. Charlotte wurde dabei die Rolle der Rationalen und Ausgleichenden zugewiesen, Caroline dagegen tritt als die Sinnliche und Impulsive auf. Aber nur Charlotte war zu haben und noch in seinem Verlobungsbrief machte Schiller ihr deutlich, dass sie nur ›2. Wahl‹ war: »Was Caroline vor dir voraus hat, musst du von mir empfangen: Deine Seele muss sich in meiner Liebe entfalten, und mein Geschöpf musst du sein.«

Braver Dreier

Nein, dieser Brief wird im Film nicht zitiert, obwohl sehr viel aus echten und fiktiven Dokumenten vorgelesen wird. Vielleicht sollte die moderne Zuschauerin nicht durch Schillers Frauenbild verschreckt werden. So wie der Dichter der Erzieher der Nation sein sollte, so war für ihn der Mann der Erzieher der Frau. Sie ist Gefühl, er ist Verstand, sie ist die kleine Welt, er ist die große Welt – und das lässt sich keineswegs aus der Einstellung der Zeit erklären. Ein Zeitgenosse merkte über Schiller an, wer so über Frauen denke, gehöre Kopf unter an einen Baum gehängt, bis er sich eines besseren besinnt.

Der Schiller des Films aber ist ein meist lächelnder Sonny-Boy, der, verarmt und auf der Flucht, seinen Platz in der Gesellschaft sucht und in den Verdacht der Erbschleicherei bei den Lengefelds kommt. Seine abgetragenen Anzüge und seine Zukunftsängste wecken denn auch weibliche Beschützerinstinkte bei den Schwestern. Von dem drogensüchtigen Rüpel, der mit dem Stück »Die Räuber«, in dem es viel um »Nönnlein schänden« geht, einen Skandal auslöste, ist nichts zu sehen, wie der Film überhaupt jede Provokation vermeidet – bei dieser frivolen Konstellation fast ein Kunststück, aber der Film soll vermutlich schulvorführungs tauglich sein.

Nicht viel Neues in Jena und Weimar

Aber es ist ja eben auch kein Film über Schiller. Es ist auch kein Film über seine spätere Frau Charlotte. Und kein Film über Caroline. Der Film lässt alle drei zu Wort kommen, da sie aber nichts Widersprüchliches zu erzählen haben, entsteht ein eher flaches dramaturgisches Patchwork. Sie geben einander Stichworte, romantischer Edelmut statt Zickenkrieg. Es ist das Zeitalter der Empfindsamkeit, also wird nach 10 Filmminuten geheult, aber die Konflikte verlassen die Ebene der Zeit nicht: Ehe zu Dritt – das geht doch nicht! Scheiden lassen – das geht doch nicht! Unehelich schwanger werden – das geht doch nicht!
Nur gelegentlich taucht der Film in die psychologischen Untiefen seiner Figuren ab. Eine der stärksten Szenen ist daher der Auftritt der Freifrau von Kalb, mit der Schiller zeitgleich ein Verhältnis hatte. Das Eheunglück der Caroline von Lengefeld mit dem Freiherrn von Beulwitz bleibt dagegen behauptet.
Der Film folgt also den biografischen Eckpunkten von drei Figuren und es gelingt ihm daher nicht, die Zuschauer für die Ängste und Hoffnungen einer Figur einzunehmen, wirkliche Spannung entsteht nur szenenweise. Das ständige Sich-trennen und Wieder-zusammenfinden der Drei bekommt daher Längen, denn was soll man sich wünschen? Dass Schiller endlich mit Charlotte glücklich wird und Caroline verschwindet? Dass er sich zu Caroline bekennt und seine Frau sitzen lässt? Ob und inwiefern er unter der Situation (auch) gelitten hat, spart der Film aus. Statt dessen zieht Carolines zweiter Ehemann an Schillers Krankenbett das Fazit: Er wollte an dieser Frauengemeinschaft Anteil haben.

Naja, nachdem einiges an Geschirr zerdeppert und viel im Kindbett geschrien wurde, mag man sich dem nicht wirklich anschließen.

Schiller und die Schwestern Lengefeld

Hommage an das geschriebene Wort und an Gassen voller Pferdemist

Seine Stärke hat der Film – wie auch schon Grafs Verfilmung des Romans »Das Gelübde« von Kai Meyer – in der Darstellung der Epoche. Vorbei die Zeiten im deutschen Kino, wo man sich, wohl aus Kostengründen, auf einen Schauplatz beschränkte und alles ein bisschen nach Schülertheater aussah. Auch wenn die Figuren ›ihre‹ Briefe bisweilen in die Kamera sprechen, wird das durch Überblendungen geschickt und temporeich geschachtelt. Störender wirkt da mitunter das voice-over des Regisseurs Dominik Graf, denn wie so oft wird das Offensichtliche erzählt: Man sieht Caroline eilig einen Brief schreiben und die Erzählstimme sagt: »Caroline schrieb in aller Eile einen Brief.« Der Film wirkt daher stellenweise überdokumentiert. Dafür verzichtet Graf auf plakative anachronistische Effekte (Es wird kein Nachttopf aus dem Fenster geschüttet), allerdings müssen die Figuren auch hier artig ihre Vorfreude auf unsere Zeit kundtun, weil jetzt jeder jederzeit Bücher kaufen kann. Graf möchte seinen Film dann auch als Hommage an das (geschriebene) Wort verstanden wissen. Die Überzeugten wird es wie immer überzeugen.

Fazit:

Der richtige Film für alle, denen Jane-Austen-Verfilmungen zu asexuell sind und natürlich für Deutschlehrer, die ihren Schülern nahe bringen wollen, dass auch Klassiker ein Liebesleben hatten (und sich ohne Smartphone ständig Nachrichten zukommen lassen konnten).

Mein Lieblingssatz: »Sie grinsen heute schon den ganzen Tag unter ihrem Niveau.«

Histo Journal Filmsterne: 3.5 von 5