Buchbesprechung: Grimms Morde von Tanja Kinkel

Buchbesprechung: Tanja Kinkel »Grimms Morde«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

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Inhalt

Der neue historische Roman der Spiegel-Bestsellerautorin Tanja Kinkel führt zurück in das neunzehnte Jahrhundert und verbindet märchenhaftes Setting und historische Spannung mit einer grausamen Mordserie. Rot wie Blut…
Kassel, 1821: Die ehemalige Mätresse des Landesfürsten wird nach Märchenart bestialisch ermordet. Die einzigen Indizien weisen ausgerechnet auf die Gebrüder Grimm. Weil die Polizei nicht in Adelskreisen ermitteln kann, die sich lieber Bericht erstatten lassen, anstatt Fragen zu beantworten, kommen den Grimms Jenny und Annette von Droste-Hülshoff zur Hilfe. Ein Zitat aus einer der Geschichten, welche die Schwestern zur Märchensammlung der Grimms beigetragen hatten, war bei der Leiche gefunden worden. Bei ihrer Suche müssen sich die vier aber auch ihrer Vergangenheit stellen: Vorurteilen, Zuneigung, Liebe – und Hass, und diese Aufgabe ist nicht weniger schwierig. In einer Zeit, wo am Theater in Kassel ein Beifallsverbot erteilt wird, damit Stücke nicht politisch missbraucht werden können, Zensur und Überwachung in deutschen Fürstentümern wieder Einzug halten und von Frauen nur Unterordnung erwartet wird, sind Herz und Verstand gefragt.
Geschickt verwebt Tanja Kinkel die privaten Verwicklungen von zwei der berühmtesten Geschwisterpaare der deutschen Literaturgeschichte in ein unglaubliches Verbrechen. Ein Mordsbuch.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Droemer Verlags.

Hardcover, Droemer HC
480 Seiten
ISBN: 978-3-426-28101-7
22,90 Euro

Üblicherweise kennen wir Tanja Kinkel von ihren fulminanten historischen Romanen, wobei sie sich nie auf eine Epoche festlegt, sondern sich souverän zwischen Antike und der Jetztzeit bewegt und so die Leser stets aufs neue überrascht. In Grimms Morde verknüpft Tanja Kinkel den historischen mit dem Kriminalroman. Einem Genre, in dem sich die Autorin, wenn ich es recht überblicke, eher selten bewegt.

Die Brüder Grimm, um die geht es natürlich. Wenn man den Titel gelesen hat ist das keine Überraschung. Und die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm mit Mord und Totschlag in Verbindung zu bringen, ist ebenfalls keine Kunst, wenn man die blutrünstigen Kinder- und Hausmärchen bedenkt, in denen ja literweise Blut vergossen wird und Menschen mitunter auf grausige Weise vom Leben zum Tode befördert werden. Genau diese Märchensammlung wird den Grimms zum Verhängnis, in dem Moment nämlich, als die Freiin von Bachros tot aufgefunden wird. Die Freiin ist ja nicht irgendein Mordopfer, nicht irgendeine Adlige, sondern die ehemalige Mätresse des alten, just verstorbenen Kurfürsten von Hessen-Kassel. Und sie ist auch nicht einfach ermordet worden, sondern genau entsprechend eines der Grimmschen Märchen, nämlich dem der „Drei schwarzen Prinzessinnen« aus dem zweiten Band der Hausmärchen. Die Freiin wurde mit dem Wachs von Kirchenkerzen erstickt. Außerdem, damit auch niemand den Zusammenhang übersieht, hat ihr der Mörder einen Zettel beigegeben mit einem mundartlichen Zitat aus eben dem genannten Märchen. Und damit zieht sich der Kreis der Betroffenen weiter. Aber zunächst gerät Jakob Grimm unter Verdacht, schließlich sind es seine Märchen, die die Inspiration zu einem Mord lieferten. Oberwachtmeister Blauberg würde den Verdächtigen zu gern des Mordes bezichtigen, doch die Beweislage ist dürftig. Doch die ohnehin auf wackeligen Beinen stehende Karriere der beiden Brüder, die in den Diensten des Kurfürsten stehen, gerät nun bedenklich ins Schwanken. Hilfe tut Not. Und Wilhelm schreibt einen Brief ins Münsterland, denn von dort stammte das Märchen, um das es hier geht, ursprünglich.

Wie man hört, sammelten die Brüder Grimm ihre Märchen aus dem Volke, gern auch in Mundart. Tatsächlich jedoch stammen sie zumeist aus Adelshäusern. Denn die adligen Damen haben in der Regel Zeit und helfen gern, so auch die des Hauses von Droste zu Hülshoff sowie deren Verwandte von Haxthausen. Durch Frauen wie sie, und eher selten durch die Erzählungen des einfachen Volkes, erfuhren die Grimms von den Geschichten. Dennoch fußen alle doch auf den Volksmund, da die Damen sie ja von ihren Ammen und Mägden erzählt bekommen hatten. Sollte man meinen. Das besagte von den schwarzen Prinzessinnen schickte jedenfalls keine geringere als Annette von Droste zu Hülshoff höchstselbst, damals Mitte zwanzig und noch ohne jegliche öffentliche Anerkennung als Dichterin. Was die junge, nach Anerkennung lechzende Frau im übrigen tief kränkt. Überdies ist momentan das Selbstbewusstsein der jungen Dichterin hart angeschlagen, da sie vor einem Jahr das Opfer einer Intrige wurde, die ihr Onkel August gegen sie gesponnen hat. Diese üble Kabale kostete sie ihre große Liebe und machte sie zum Gespött ihrer Familie. Nur ihre Schwester Jenny steht unerschütterlich an Annettes Seite. Sie, die stille, die wohlerzogene hat all das, was der ungestümen, selbstherrlichen und ein wenig selbstverliebten Annette fehlt. Wie sie sehr wohl selber weiß.
Als Wilhelm Grimms Brief eintrifft, fühlen sich die beiden Schwestern verpflichtet, dass sie nach Kassel, an den Kurfürstlichen Hof reisen müssen, um den Grimms beizustehen. Ihre Motive sind allerdings unterschiedlicher Natur. Während Annette die Aufgabe, das Geheimnis reizt, begrüßt Jenny die Abwechslung, die ihre Schwester endlich aus ihrer Lethargie reißt, mehr aber noch reizt sie das Wiedersehen mit Wilhelm, mit dem sie seit einiger Zeit einen lebhaften Briefwechsel unterhält. Und der bei Jenny zärtliche Gefühle weckte. Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass sie aus Gründen des Anstandes einen Begleiter brauchen. Dafür kommt allein August von Haxthausen in Frage, ein alter Freund der Grimms. Ausgerechnet dieser Intrigant, den Annette verabscheut. Aber sie reißt sich zusammen, für die gute Sache. Und sie wäre nicht Annette, wenn sie nicht die Verbindungen des Onkels für ihre Zwecke ausnutzte.

Vorort in Kassel erkennen sie schnell, dass der Verdacht des Oberwachtmeisters BlaubergBlaubergBlauberg nicht unbegründet ist, denn außer den Hinweisen auf die Märchen hat Jakob Grimm nicht das, was man ein freundliches Naturell nennen könnte. Im Gegensatz zum umgänglichen Wilhelm hält Jakob jegliche Höflichkeit für Zeitverschwendung und stößt mit seiner Aufrichtigkeit einen jeden vor den Kopf. In Annette findet er jedoch eine Gegnerin mit ähnlich scharf-spitzer Zunge, die sich von ihm nicht einschüchtern lässt. Zu aller Erstaunen, also Wilhelms und der Schwester Lotte, verdient sich Annette Jakobs Respekt. Sie ist die Einzige, deren logischen und intelligenten Deduktionen sogar Jakob widerspruchslos zu folgen bereit ist. Ausgerechnet Jakob, der in der Regel alles weiß. Besser weiß.

Gemeinsam forschen sie nach und dabei sind die beiden Schwestern von Adel den bürgerlichen Grimms eine große Hilfe, können sie doch in die adeligen Kreise um den Kurfürsten, zu den abgelegten und aktuellen Mätressen wie auch zu den höchsten Hofbeamten vordringen und unauffällig Erkundigungen einziehen.

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