C.J. Sansom – Die Schrift des Todes

»Nützlich sein in allem, was ich tue.« {Motto der englischen Königin Catherine Parr}

Histo Journal Besprechung: C. J. Sansom »Die Schrift des Todes«

Gelesen & Notiert von Alessa Schmelzer

Inhalt:
Tudor-London, Sommer 1546: Die Ära König Heinrichs VIII neigt sich ihrem Ende zu. Unerbittlich bekämpfen sich Katholiken und Protestanten, die Jagd auf Ketzer wird immer gnadenloser. In dieser aufgeheizten Situation wird Matthew Shardlake in den Palast der Königin gerufen. Er soll ein brisantes Buch wiederfinden, das sie verfasst hat und das aus ihren Gemächern gestohlen wurde. Der Inhalt dieses Werkes könnte sie aufs Schafott bringen. Doch bevor Shardlake und sein Gehilfe Jack Barak die Suche aufnehmen, wird in London ein Drucker tot aufgefunden.Bei ihm findet sich eine Seite des Buches.

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»Ich wollte sie nicht brennen sehen«

Ich wollte sie nicht brennen sehen«, vertraut Matthew Shardlake seinem Leser gleich zu Beginn seines neuen Falls an. Nein, natürlich will er das nicht. Aber Ketzer sind im London des Jahres 1546 nun einmal nicht mehr sicher. König Heinrichs VIII. Willkür und Wankelmütigkeit in Glaubensfragen sei Dank. Die Leugnung, »dass in Brot und Wein der Heiligen Wandlung Christi Leib und Blut gegenwärtig seien« {S.15}, ein falsches Wort, ein unvorsichtig hervorgebrachter Satz und – zack! – stirbt ein vormals unbescholtener Londoner Bürger qualvoll auf dem Scheiterhaufen. Begafft von einer zumeist tumben Menschenmenge, die sich an dem grausamen Schauspiel ergötzt. Shardlake indes ist kein Gaffer. Er gehört nicht zur Gruppe der empathielosen Gesellen, die die {literarische} Weltgeschichte überschwemmen wie Unrat. Ganz im Gegenteil. Nicht nur für seine Zeit ist Shardlake ein höchst empfindsamer und mitfühlender Mensch. Einer, der für seine ›Gefühlsduselei‹ verhöhnt und verlacht wird, die ihm als Schwäche ausgelegt wird. So wohnt Shardlake diesem grausamen Spektakel auch nicht freiwillig bei, sondern in seiner Funktion als Anwalt des Lincoln’s Inn, das er, aufgrund einer Anweisung Heinrichs VIII., zu repräsentieren hat.

Während die einen auf dem Scheiterhaufen brennen, sorgen andere sich hinter verschlossenen Palasttüren um ihre Zukunft. Eine, die sich sorgt ist ausgerechnet die Königin selbst, Catherine Parr. Sie befindet sich in einer mehr als nur verzwickt zu nennenden Situation. Ihr Büchlein »Die Klage eines Sünders« ist aus ihren Gemächern entwendet worden. Als sie Shardlake um seine Hilfe bittet, willigt der sofort ein. Denn Matthew, der kein Glück mit Frauen hat, empfindet nicht nur absolute Loyalität gegenüber seiner Königin, er ist auch seit Jahren heimlich sie verliebt. So nimmt der mittlerweile sechste Fall von Matthew Shardlake seinen Lauf. Um die Königin vor drohendem Unheil zu bewahren, zieht Matthew alle Register seines Könnens und bringt damit nicht nur sich selbst, sondern auch seinen treuen Gehilfen und Freund Barak und den jungen Nicholas in Lebensgefahr.

»Die Klage eines Sünders«

»Die Klage eines Sünders« stammt wirklich aus der Feder Catherine Parrs. Sie verfasste es wahrscheinlich im Winter 1545/46. Der Inhalt des Buches ist zwar nicht direkt ketzerisch, weil darin die Heilige Messe nicht erwähnt wird, aber durchaus brisant. Ausgerechnet die englische Königin outet sich als reformatorische Gläubige, inklusive des Bekenntnisses, ewiges Leben sei ausschließlich durch den Glauben zu erlangen. Diese ›Lehre von der Rechtfertigung‹ {Sola fides, lat. allein durch den Glauben} ist eine protestantische Idee, die von den Katholiken als Häresie angesehen wird. Schon in ihrem ersten Buch »Gebete und Meditationen«, das 1545 erschienen war, zeigte sie eindeutig ihre Sympathie für die Protestanten. In Anbetracht des Glaubens-Zick-Zack-Kurs des Königs ist das Verschwinden des neuen Buches zumindest – nun ja – als heikel zu bezeichnen. Mag der König mittels Suprematsakte von 1534 {Geburtsstunde der angelikanischen Staatskirche mit Heinrich als deren Oberhaupt} vom Papst und somit der katholischen Lehre abgewichen sein, tief in seinem Inneren kann er mit ihr nicht brechen. Und so liefern sich reformatorische und alte Kräfte an seinem Hof einen erbitterten Kampf, laufen die politischen Vorbereitungen für die Zeit nach Heinrichs Ableben schon auf vollen Touren. Wird der junge Edward König werden? Oder wird Catherine Parr die Regentschaft übernehmen? Der Kampf mit allen Mitteln hat schon längst begonnen … 

Auf den neuen Fall mussten die Fans der Matthew-Shardlake-Reihe lange, sehr lange warten. Das Warten hat sich gelohnt. »Die Schrift des Todes« ist ein historischer Krimi, den der Leser nicht aus der Hand legen mag. Allein die dramatische Scheiterhaufen Einstiegssequenz lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren, so packend und wirklichkeitsgetreu ist sie erzählt. Wie in allen vorherigen Matthew-Shardlake-Romanen gilt auch hier: Beginnt der Anwalt erst einmal zu erzählen, kann man sich seiner Sogwirkung nur schwer entziehen. Und so katapultieren seine Worte den Leser unmittelbar in das England der Tudor Zeit, lässt die Hochphase der Ketzerverfolgung Londons vor dessen innerem Auge neu erwachen, die verbittert geführten Glaubenskämpfe hautnah miterleben und ihn Zeuge hinterhältiger Hofintrigen und fiesen Machenschaften werden. Mag die Geschichte auch über siebenhundert Seiten umfassen, langweilig wird es nie. Atemlos folgt der Leser der spannungsreich aufgebauten Handlung, tappt mit Shardlake und seinen Helfern in aufgestellte Fallen und mag sich immerzu fragen, wer nun eigentlich der Drahtzieher des Übels ist, das sich via Catherine Parr über Shardlake, seinen treuen Gehilfen Barak und den jungen Nicholas ergießt.

Man muss sie einfach alle lesen …

Wer das Tudor England liebt, der sollte nicht nur diesen, sondern gleich alle Shardlake Romane lesen. Wenngleich das chronologische Lesen nicht zwingend erforderlich ist, bietet es sich doch geradezu an, allein weil es den Genuss erhöht. Matthew Shardlake von Beginn an zu begleiten, ihn in jedem neuen Fall näher und noch besser kennenzulernen, ist reizvoll. Denn der nachdenkliche Anwalt, dessen körperliches Gebrechen, sein Buckel, ihn sein Leben lang aus- und von den ›Normalen‹ abgegrenzt hat, sieht und erlebt die Welt mit den Augen des Aussenseiters. Es ist diese Diskrepanz, die Shardlake erst zu dem Menschen macht, der er ist. Shardlakes persönliche Entwicklung mitzuverfolgen, ist faszinierend.

Bedauerlich an diesem Buch sind zwei Punkte:
1. Sein sperriges Format. Groß und schwer wie ein Pflasterstein liegt es in der Hand des Lesers. Ließen sich Teile 1 bis 5 bequem aufschlagen, Seite für Seite leicht umblättern, artet dieses Unterfangen bei der sperrigen Ausgabe des sechsten Bandes zum Muskel- und Ausdauersport aus. Genußvolles Lesen ist das nicht gerade …
2. Eine deutsche Hörbuchfassung der Matthew-Shardlake-Reihe sucht der geneigte Leser und Hörbuchfreak übrigens umsonst, es gibt sie {immer noch} nicht. Leider.

Entschädigt wird das Leserherz durch die vielen Extras im Buch selbst: Vorwort des Autors, Kartenmaterial, Übersicht der Personen und ausführliches Nachwort des Autors. Das Cover, wie schon die der vorherigen Bände, mit der erhabenen Schrift erfreut nicht nur das Auge, sondern bereitet auch haptisches Vergnügen. Wie alle Shardlake Romane, so wurde auch dieser von Irmengard Gabler ins Deutsche übertragen. Für den Leser ein Glücksfall, denn Gabler beweist nicht nur ein ausgezeichnetes Sprachgefühl, sie ist auch mit der Welt Shardlakes von Anfang an bestens vertraut.

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