Histo Journal Interview: Susanne Goga

Histo Journal Interview: Susanne Goga über »Es geschah in Schöneberg« {Leo Wechsler Reihe, Band 5}

Just ist mit »Es geschah in Schöneberg« der bislang fünfte Fall des sympathischen Kommissars Leo Wechsler erschienen. Lesern des historischen Genres ist Leo natürlich schon länger bekannt. Wie auch seine Erfinderin, die Autorin Susanne Goga. Ihr »Leo« – seines Zeichens unerschrockener Kommissar, der im Berlin der 1920er ermittelt – verzeichnet eine stetig wachsende Fangemeinde. Dem Histo Journal stand die sympathische Autorin Rede & Antwort.

von Alessa Schmelzer

Susanne Goga über das Berlin der 1920er Jahre, Wärmepflaster und wieso sie sich mit Buddha zu Schwarzwälder Kirschtorte und Kaffee verabreden möchte …

Histo Journal: Zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch zur Wahl ins PEN-Zentrum Deutschland.

Susanne Goga {SG}: Vielen Dank, Alessa.

Histo Journal: Was bedeutet dir die Aufnahme in den PEN? Verändert sich dadurch für dich etwas?

SG: Als eine geschätzte Übersetzerkollegin sagte, sie wolle mich für die Mitgliedschaft vorschlagen, war ich völlig überrascht. Für mich war das immer eine Organisation, in der die ganz Großen vertreten sind, und ich hätte nie damit gerechnet, hineingewählt zu werden.
Die Charta zu unterzeichnen, fühlte sich feierlich an, und ich betrachte die Mitgliedschaft als Verpflichtung, mich privat und beruflich für das freie Wort einzusetzen. Und zwar mehr, als ich es bisher getan habe, und an der einen oder anderen Aktion des PEN auch aktiv teilzunehmen. Wie das aussehen kann, wird sich im Laufe der Zeit zeigen. Ich freue mich erst einmal auf die Tagung nächstes Jahr, bei der ich mich offiziell als neues Mitglied vorstellen kann.

Foto: © Myriam Topel

Histo Journal: Du bist Autorin und Übersetzerin. Neben historischen Romanen, die im Diana Verlag erscheinen, hast du den charismatischen Berliner Kommissar Leo Wechsler erschaffen {dtv Verlag}. Er ermittelt in den ›Goldenen Zwanziger Jahren‹. Die Leo Reihe ist sehr erfolgreich. Mittlerweile ist sein fünfter Fall erschienen. Was war zuerst da? Leo oder die Idee einen Krimi im Berlin dieser Zeit zu schreiben? Oder beides gleichzeitig?

SG: Die Zeit und der Ort waren zuerst da, danach kam die Idee, beides in eine Krimihandlung zu verpacken. Als ich »Leo Berlin« konzipiert habe, das war 2003, gab es keine einzige Krimiserie, die im Berlin der Weimarer Republik spielte. Es hat mich sehr gereizt, etwas ganz Neues zu beginnen, mich auf ein Feld zu wagen, auf dem sich noch niemand ausgetobt hatte. Dass es inzwischen mehrere Serien und Einzelromane gibt, zeigt, wie spannend, vielfältig und aktuell diese Epoche ist.

Histo Journal: Warum fiel deine Wahl auf das Berlin der Zwanziger Jahre als Location?

SG: Ich habe mich schon immer für den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Jahre interessiert, weil man die deutsche Geschichte ab 1933 nicht verstehen kann, wenn man nicht weiß, welche Entwicklungen es vorher gab. Wenn man sich mit dieser Zeit beschäftigt, landet man unweigerlich in Berlin, der damals wohl bedeutendsten Metropole Mitteleuropas. Berlin hatte in dieser Zeit fast eine Million mehr Einwohner als heute, was nur ein Beispiel für die immense Anziehungskraft ist, die die Stadt damals ausübte.
In Berlin konzentrierten und verstärkten sich alle guten und schlechten Entwicklungen dieser Jahre: die politische Zerrissenheit, die sozialen Fortschritte, die kulturelle Vielfalt. All das kann man in Berlin wie in einem Brennglas betrachten, mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Darum gab es für mich überhaupt keinen Zweifel, in welcher Stadt mein Kommissar ermitteln sollte.

Histo Journal: Leo Wechsler ist nicht nur sympathisch, er ist auch intelligent, vorurteilsfrei, neugierig und er handelt überlegt. Eine Figur, die sich stetig entwickelt {menschlich und beruflich}. Wie viele neue Facetten an ihm entdeckst du selbst beim Schreiben eines neuen Falles?

SG: Das ist eine interessante Frage. Ich entdecke immer neue Facetten an ihm. Und, wie es bei Menschen eben ist, bleibt er auch nicht gleich, er verändert sich über die Jahre hinweg.
Als wir ihn 1922 kennenlernen, ist er zwar freundlich, von seiner Einstellung her aber ein eher pessimistischer Mensch. Das ändert sich, als er Clara Bleibtreu kennenlernt. Und natürlich darf ich hier auch den Einfluss seines Freundes Robert Walther nicht verschweigen, das würde er mir sehr übelnehmen.
Da ich die Figur über viele Jahre entwickle, spiegeln sich in ihr auch äußere Gegebenheiten wider. Leo agiert nicht nur, er reagiert auch auf Veränderungen um ihn herum. Die Ausschreitungen der SA im letzten Roman oder der Pogrom in »Die Tote von Charlottenburg« sind nur zwei Beispiele.

Histo Journal: Leos aktueller Fall führt ihn direkt in die Welt der mondänen Modesalons und die der Homosexuellenszene. Bleiben wir zunächst in der Welt der Mode: Was hat dich am Thema ›Modesalon in den Zwanzigern‹ gereizt?

SG: Berlin war über lange Zeit hinweg, eigentlich seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine Modestadt. Die Bekleidungsindustrie war einer der wichtigsten Erwerbszweige. Davon erzähle ich auch in meinem historischen Roman »Die Sprache der Schatten«, der in den 1870er Jahren spielt.
Nun befinden wir uns im Jahre 1927, und es hat sich einiges verändert. Es gibt immer noch das alte Konfektionszentrum um den Hausvogteiplatz, aber die jungen, aufstrebenden Firmen siedeln sich zunehmend am Kurfürstendamm an. Dort entsteht ein zweites Modezentrum. Zwischen diesen beiden geographischen Polen bewegt sich auch die Geschichte von »Es geschah in Schöneberg«.

Histo Journal: Hast du an die Modezeichnungen oder Werbezeichnungen einer Annie Offterdinger oder Lieselotte Friedlaender gedacht, als du Szenen im Modehaus »Morgenstern & Fink« geschrieben hast? Mir kamen sie in den Sinn, weil sie diesen neuen, eleganten Typus Frau darstellen und mir die Kreationen von Morgenstern & Fink so vorgestellt habe. Hast du eventuell das Kunstgewerbemuseum Berlin besucht?

SG: Ich habe einige Bücher über die Mode der damaligen Zeit wie auch die Geschichte der Berliner Konfektion, die natürlich viele Zeichnungen und Fotos enthalten, die meine Fantasie beflügelt haben. Leider stehen die Namen der IllustratorInnen nicht dabei.
Sehr hilfreich war auch die Rechnung eines Modehauses, denn gerade wenn es um Preisangaben geht, gestalten sich Recherchen für historische Romane oft sehr schwierig.
Das Kunstgewerbemuseum habe ich nicht besucht, werde das aber bestimmt beim nächsten Besuch nachholen.

Histo Journal: Die damaligen Modehäuser waren ziemlich exquisit, nicht für den schmalen Geldbeutel gedacht. Kersten & Tuteur war eines von ihnen, du erwähnst es {wie auch Simon & Block} hinten im Nachwort. Das Gebäude befindet sich in der Leipziger Straße und ist heute denkmalgeschützt. Hast du es auf einem deiner vielen Streifzüge durch Berlin aufgesucht?

SG: Nein, dort bin ich leider nicht gewesen, aber natürlich auf dem Kurfürstendamm, von dessen Glanz nicht viel geblieben ist, und auch am Hausvogteiplatz. Dort gibt es heute ein Mahnmal, das »Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz«, da viele Firmeninhaber und Angestellte jüdisch waren und von den Nazis enteignet, deportiert und getötet wurden. Auf den Treppenstufen der dortigen U-Bahn-Station sind die Namen früherer Firmenbesitzer aufgeführt, und auf dem Platz selbst gibt es ein kleines Denkmal, das aus drei stilisierten Ankleidespiegeln besteht, wie man sie früher in den Modehäusern fand.

Histo Journal: Wie bist du eigentlich auf das Gift Capsaicin gekommen?

SG: Das war ganz schön schwierig. Ich brauchte für meinen Plan mit den vergifteten Kleidern eine Substanz, die über die Haut wirkt. Sie sollte nicht tödlich sein und musste einigermaßen problemlos in einem Kleid untergebracht werden. Nachdem ich in der Apotheke meines Vertrauens diesmal nicht fündig geworden war, hat mir ein Toxikologe geholfen, mit dem ich mich auch schon wegen der Paternostererbse beraten hatte. Von ihm stammt auch der Hinweis, dass man damals gerade die ersten Wärmepflaster entwickelte, in denen bis heute Capsaicin enthalten ist.

Histo Journal: Allein der Titel »Es geschah in Schöneberg« ist ja Programm … Schöneberg {rund um den Nollendorfplatz} war schon in den 20zigern ein queerer Kiez. Hast du den Titel selbst bestimmen können, oder war er vom Verlag vorgegeben?

SG: Wir verständigen uns immer über den Titel, und oft ist er ein Gemeinschaftsprodukt. In diesem Fall stammt er komplett von mir. Uns gefiel der Gedanke, wieder einen Stadtteil im Titel unterzubringen, und da kam ich auf den alten Schlager »Es war in Schöneberg, im Monat Mai«, den unter anderem auch Marlene Dietrich gesungen hat. Er stammt übrigens aus der Operette »Wie einst im Mai« von Walter Kollo. Ich habe den Titel ein bisschen abgewandelt, weil es im Lied um Mädchen geht, die Buben küssen, was ich für diese Geschichte nicht so passend fand.

Histo Journal: Warum war es dir wichtig, die Welt der homosexuellen Männer im Berlin der 20ziger Jahre darzustellen? Was hat dich an dieser Thematik besonders gereizt?

SG: Für mich ist diese Welt ein weiteres Beispiel für Freiheiten, die sich in der Weimarer Republik entwickelt haben und unter der nationalsozialistischen Herrschaft ein abruptes Ende fanden. Ungeachtet der Gesetzeslage war die Toleranz gegenüber homosexuellen Frauen und Männern war groß genug, um Menschen aus dem In- und Ausland nach Berlin zu ziehen. Es gab eine vielfältige Szene, die sich in alle gesellschaftlichen Bereiche erstreckte, von Vergnügungen bis hin zu Aufklärung und politischer Arbeit. Darüber zu schreiben, immer begleitet von dem Wissen, was nach 1933 geschah, hat mich sehr gereizt.

Histo Journal: Bismarck hat ja seinerzeit für eine Verschärfung des §175 gesorgt. Schon damals hatte es Versuche gegeben, den unseligen Paragrafen abzuschaffen. Was wusstet du bereits über den §175, bevor du mit der Recherche zum Krimi begonnen hast?

SG: Nicht sehr viel. Ich kenne noch den alten Begriff 175er für einen schwulen Mann, obwohl ich ihn selbst in meinem Alltag nicht mehr erlebt habe. Aber er ist nach wie vor neben dem Paragraphen 218 der berühmteste Einzelparagraph im deutschen Strafrecht, auch wenn er inzwischen vollständig abgeschafft wurde. Allerdings sehr viel später, als ich dachte, nämlich am 11. Juni 1994. Aktuelle Bestrebungen, die nach diesem Paragraphen verurteilten Männer zu rehabilitieren, finde ich sehr begrüßenswert.

Histo Journal: Hast du Einsicht in alte Polizeiunterlagen erhalten, nach denen Männer aufgrund dieses Paragrafen verurteilt worden sind?

SG: Nein, weil es für die Geschichte selbst nicht relevant war. Hätte ich über ein derartiges Strafverfahren geschrieben, wäre ich natürlich auch da bei meinen Recherchen mehr in die Tiefe gegangen. Ich habe mich aber eher auf die Lebenssituation und die verschiedenen Institutionen, die damals in Berlin existierten, konzentriert.

Histo Journal: Friedrich Radszuweit, Dr. Magnus Hirschfeld – nur zwei Männer, die seinerzeit mutig gegen die Abschaffung des §175 kämpften. Die Nazis haben diesen Bestrebungen rasch ein Ende gesetzt. Nicht nur das Institut von Dr. Magnus Hirschfeld wurde von den Nazis im Zuge der Bücherverbrennungen komplett zerstört … Mir kommt es so vor, als würdest du die Arbeit jener Männer und Frauen ehren wollen, die seinerzeit für ihre Rechte kämpften. Ist das so?

SG: Wenn Leserinnen und Leser es so empfinden, freut mich das sehr. Ich schreibe natürlich Romane, keine historischen Sachbücher, aber wenn ich mit meinen Geschichten Menschen im Nachhinein Anerkennung verschaffen kann, ist das für mich eine zusätzliche Bestätigung. Ich habe größten Respekt vor diesen Menschen, die damals, und viel mehr noch im Nationalsozialismus, um ihre Gleichstellung kämpften und Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt waren.

Histo Journal: Hirschfeld übernahm ja sogar eine Rolle in dem Film »Anders als die anderen«, der im Mai 1919 in Berlin Premiere hatte. Hast du den Film gesehen? Und hast du im Zuge deiner Recherchen Kritiken aus der damaligen Zeit zum Film gelesen?

SG: Ja, ich habe den Film gesehen, und ich finde ihn erstaunlich mutig. Natürlich fällt der homosexuelle Geiger Erpressung und gesellschaftlicher Diskriminierung zum Opfer und nimmt sich das Leben – ein glückliches Ende war damals nicht denkbar – aber wenn man sich ansieht, in welcher Zeit der Film entstanden ist, ist er gewagt. Denn er stellt den Geiger als Opfer dar, nicht als Täter oder Kriminellen, was in damaliger Zeit durchaus fortschrittlich war.
Ich habe mich mit der Rezeption beschäftigt und gelesen, was auch im Roman erwähnt wird, dass die Filmaufführungen teilweise von aufgebrachten Soldaten und rechten Kräften gestört wurden. Die erste Fassung des Films wurde 1920 verboten, eine spätere Version 1927. Wie durch ein Wunder gelangte ein Exemplar des Films in die Ukraine und wurde später wiederentdeckt. Die Originalfassung ist leider für immer verloren gegangen.

Histo Journal: Ein mutiger Film, finde ich auch. – Auch sprachlich {vom Berliner Dialekt mal abgesehen} bist du im Berlin der Zwanziger ganz verhaftet, was Begriffe wie ›Puppenjunge‹ bezeugen. Diese Begriffe sind uns heute nicht unbedingt geläufig. Wie spürst du sie auf? In Romanen etc.?

SG: In Romanen {wie »Blutsbrüder« von Ernst Haffner, sehr zu empfehlen}, in der Sekundärliteratur, so etwas setze ich aus vielen Quellen zusammen. Bücher über die damalige Polizeiarbeit sind immer nützlich oder auch die polizeihistorische Sammlung in Berlin.

Histo Journal: Auf die polizeihistorische Sammlung kommen wir gleich zu sprechen … Die Lektüre welcher Sekundärliteratur {Sachbuch} hat dich zum aktuellen Leo besonders bereichert oder auch inspiriert?

SG: Am wichtigsten war für mich »Historische Orte und schillernde Persönlichkeiten im Schöneberger Regenbogenkiez. Vom Dorian Gray zum Eldorado« von Andreas Pretzel, dem ich die detaillierten Schilderungen verschiedener Lokale und wichtiger Persönlichkeiten verdanke.
Toll ist auch der Bildband »Sündiges Berlin. Die Zwanziger Jahre: Sex, Rausch, Untergang« von Mel Gordon, das ich mir gegönnt habe und das als Zugabe eine CD mit Songs aus der Zeit enthält.
Die dritte wichtige Quelle war »Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950. Geschichte, Alltag und Kultur«, hg. vom Berlin Museum. Mit diesen drei Quellen kommt man schon sehr weit.

Histo Journal: Wann hast du zum ersten Mal einen Roman {und welchen} von Christopher Isherwoods gelesen? Du erwähnst seinen Roman »Leb wohl, Berlin« im Nachwort, auf deiner Facebook Autorenseite hast du zudem ein Foto hochgeladen, welches die Infoplakette zeigt, dass CI in diesem Haus in der Nollendorfstr. 17 ab 1930 lebte.

Foto © Susanne Goga
Christopher Isherwood, Berlin

SG: Mein erstes Buch von Christopher Isherwood war »Goodbye to Berlin«, das als Grundlage für das berühmte Musical »Cabaret« diente.
Außerdem habe ich seine Autobiographie »Christopher and his kind« gelesen, in der er dieselbe Zeit schildert, diesmal aber aus seiner Sicht als schwuler Mann, der »wegen der Jungs« nach Berlin zog.
Und ich kenne auch seinen {von Tom Ford mit Colin Firth verfilmten} Roman »A Single Man«.
Bei einem meiner Besuche musste mir natürlich das Haus in der Nollendorfstraße ansehen, in dem sich damals die Pension befand, in der Isherwood lebte und die durch »Cabaret« unsterblich wurde.

Histo Journal: Angenommen dein Leo würde verfilmt werden. Es kommt aber noch besser: Du darfst die Besetzung bestimmen. Wer würde welche Rolle bekommen?

SG: Ich bin da sehr offen, solange Benedict Cumberbatch den Leo spielt. Da sage ich dann mit Oscar Wilde: »Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.«
Davon abgesehen wäre eine Verfilmung natürlich grundsätzlich ein Traum.

Histo Journal: Damit wäre die Hauptrolle ja dann vergeben … Bleiben wir noch einen Moment bei einer möglichen Verfilmung. Könntest du dir vorstellen das Drehbuch zu {mit zu-}schreiben? Hättest du einen Drehbuchfavoriten?

SG: Mitschreiben schon. Es allein zu schreiben, traue ich mir nicht zu, denn ich habe gar keine Erfahrung mit dem Verfassen von Drehbüchern. Dafür gibt es Profis, die das viel besser können als ich. Favoriten habe ich keine.

Histo Journal: Mit welcher Figur aus deinen Leo Krimis würdest du gerne einen Kaffee trinken und dabei ausgiebig quatschen? Vielleicht mit Gennat, dem Buddha der Kriminalisten?

SG: Schwere Entscheidung. Ich würde gern mal mit Leo um die Häuser ziehen, aber für die Sachfragen könnte ich mir auch einen Kaffeeklatsch mit Gennat vorstellen. Auf dem Sofa in seinem Büro bei Schwarzwälder Kirschtorte.

Foto © Susanne Goga
Aufgenommen in der PH Sammlung Berlin

Histo Journal: Gennat gilt als Wegbereiter moderner Polizeiarbeit. Hast du dich über ihn in Tempelhof in der Polizeihistorischen Sammlung informiert? Auf deiner Facebook Autorenseite hast du ein Foto eingestellt, das ihn zeigt. Sammelt er Geld für einen Polizeiwagen? Das kann ich auf dem Foto nicht richtig erkennen.

SG: Ja, ich war mehrfach dort, das ist eine tolle Einrichtung. Und man bekommt Gelegenheit, durchs Polizeipräsidium im ehemaligen Flughafen Tempelhof zu laufen, was ein zusätzlicher Reiz ist.
Zu dem Foto: Wenn ich mich recht entsinne, haben die Kriminalbeamten für einen guten Zweck gesammelt. Das berühmte Mordauto existierte seit 1926, das Foto müsste jünger sein.
Die polizeihistorische Sammlung hat mir auch schon öfter Fragen beantwortet – z.B. nach Dienstwaffen und Polizeipfeifen -, was immer sehr hilfreich war.

Histo Journal: Hast du eine dieser alten Dienstwaffen ’mal in die Hand nehmen dürfen? Vielleicht eine Replik?

SG: Ich habe keine Waffe in die Hand genommen, aber auch nicht danach gefragt. Ich habe die Sammlung bisher zweimal besucht und mehrfach Mail-Kontakt gehabt, aber keinen persönlichen Termin. Das werde ich vielleicht einmal tun und dann auch fragen, ob ich etwas anfassen darf. Das wäre schon toll – Waffe, Handschellen, Ausweise …

Histo Journal: Nach dem Krieg war ein neuer Typus Frau entstanden. Nicht nur die Mode trug dieser veränderten Rolle Rechnung {mit dieser Entwicklung war mit der Machtübernahme der Nazis dann leider Schluss}. Emanzipation der Frau, eine neue Sexualmoral {siehe auch §175} sind Indizien dafür. Starke Frauen des neuen Typs gibt es auch in Leos Leben. Seine Clara kämpft zum Beispiel für gleiche Bildungsrechte der Tochter. Wie wichtig ist dir persönlich die Einbindung solcher Aspekte?

SG: Ich versuche immer, ganz unterschiedliche Aspekte in die Romane einzubeziehen und den Alltag der Figuren möglichst überzeugend zu schildern. Dazu gehören auch Überlegungen, auf welche Schule die Kinder gehen sollen und wie man das bezahlt. Damals war höhere Schulbildung noch kostenpflichtig.
Dass Clara sich dafür einsetzt, Marie auf eine Oberrealschule zu schicken, in der sie sich mit Naturwissenschaften beschäftigen und Abitur machen kann, lag mir sehr am Herzen. Leo ist ein recht progressiver Mann, aber irgendwann kommt immer der Punkt, an dem er sich allein für die Familie verantwortlich fühlt, auch finanziell. Und da greift Clara dann ein und sagt, hallo, ich bin auch noch da. Und deine Tochter hat das gleiche Recht auf Bildung wie dein Sohn, selbst wenn es Geld kostet.
Die Emanzipation der Frauen schwingt bei mir immer mit, wobei ich das Thema in »Die Tote von Charlottenburg« besonders herausgestellt habe.

Histo Journal: Für deine Leo-Krimis beschäftigst du dich mit der Zeit der Weimarer Republik recht intensiv. Das Erstarken der Nazis ist auch im neuen Leo spürbar, subtil zwar, aber es hängt doch wie eine dunkle Wolke über allem. Ich denke hier an zum Beispiel an die Szene mit dem Kollegen Meyer und den Transvestiten, oder die Rettung eines Mannes durch Lotte und Carl, nicht zu vergessen Sohn Georg …. Irgendwann werden die Nazis das Kriminalkommissariat übernehmen … fürchtest du dich eigentlich vor diesem Moment im Krimi?

SG: Die dunkle Wolke wird drohender, da hast du recht. Und ich mache mir natürlich Gedanken, wie es nach ’33 weitergehen könnte. Natürlich sind es noch fünf Jahre bis dahin, aber ich habe mir Gedanken gemacht und auch einige grobe Ideen. Das werden Entscheidungen auf mich zukommen, die wehtun, darüber bin ich mir im Klaren. Es macht mir schon Angst, mir Leo in der NS-Zeit vorzustellen, andererseits ist es auch eine Herausforderung. Es hängt auch davon ab, wie lange die Leserinnen und Leser Leo begleiten möchten.

Histo Journal: Siehst du aktuell Parallelen zur damaligen Zeit?

SG: Interessante Frage. Seit »Es geschah in Schöneberg« im Januar erschienen ist, taucht diese Frage immer wieder in Interviews auf oder wird in Rezensionen angesprochen. Das war bei den früheren Bänden nicht so. Es liegt zum einen wohl daran, dass die Nazis sich im Roman allmählich im Alltag bemerkbar machen, aber auch an der politischen Situation des Jahres 2016.
Natürlich kann man AfD oder die Pegida-Gruppen nicht mit der NSDAP gleichsetzen, das wäre zu einfach und unseriös, aber ich sehe durchaus Parallelen: den Aufbau von Feindbildern, um ein diffuses Wir-Gefühl zu erzeugen; die Hilflosigkeit oder die Anbiederungsversuche anderer Parteien; das Abtun oder Unterschätzen rechter Gruppierungen.
Vor wenigen Tagen las ich in einer Tageszeitung einen verstörenden Artikel, der dazu aufrief, die Rechten »doch mal machen zu lassen«, um sie zu entzaubern. Dazu kann ich nur sagen, das ist schon einmal schief gegangen. Ein Experiment, das man nicht wiederholen sollte.

Histo Journal: Ich hätte vermutet, diese Frage sei schon häufiger auch bei früheren Leos in Interviews aufgetaucht. Das Auftauchen der Nazis kam schließlich nicht über Nacht … – Arbeitest du schon an einem neuen Fall für Leo? Kannst und willst du schon etwas dazu sagen? In welchem Jahr ist die Handlung angesetzt?

SG: Ja, ich bin mittendrin. Das Fall spielt im Januar 1928. Viel möchte ich nicht verraten, aber Schauplätze sind unter anderem ein Gymnasium und ein Theater.

Histo Journal: Klingt vielversprechend … – Ein paar deiner historischen Romane sind in andere Sprachen übersetzt worden. Zuletzt »Der verbotene Fluss« ins Italienische. Standest du mit der Übersetzerin Lucia Zen Ferrantini Kontakt? Habt ihr euch über verschiedene Passagen ausgetauscht?

SG: Lucia hat mich damals kontaktiert, um letzte Fragen zu klären. Wir haben uns in diesem Jahr auch persönlich kennengelernt und in Leipzig und Berlin getroffen, das war sehr nett und konstruktiv. Ich hoffe natürlich, dass es nicht das letzte Buch von mir war, das sie übersetzt. Also bitte Daumen drücken.

Histo Journal: Wir drücken! Wie sieht eigentlich ein normaler Arbeitstag bei Susanne Goga aus?

SG: Der Morgen ist meist dem Übersetzen vorbehalten. Da habe ich ein bestimmtes Pensum, das ich mir vornehme und in der Regel auch schaffe.
Geschrieben wird immer – nachmittags, abends, am Wochenende, in den Ferien, nicht zu vergessen die Ideen, die mir auch schon mal beim Küche fegen oder unter der Dusche kommen. Für mich ist Schreiben kein Zwang, und ich mache es so gern, dass mir bei einem Urlaub ohne Projekt etwas fehlen würde.
Zwischendurch passieren natürlich auch andere nicht unwichtige Dinge wie das Zusammensein mit meiner Familie, Kochen, Einkaufen und Freizeitgestaltung.

Histo Journal: Welches Buch liest du aktuell {und warum}?

SG: Ich lese gerade den Roman »Fall of Man in Wilmslow« von David Lagercrantz {dt. »Der Sündenfall« von Wilmslow}, in dem es um den Tod des berühmten englischen Mathematikers Alan Turing geht. Ich habe schon einiges über ihn gelesen und mehrere Filme über ihn gesehen. Viele Neues lerne ich nicht aus dem Buch, aber es ist aus einer interessanten Perspektive geschrieben und durchaus lesenswert.

Histo Journal: Hörst du gerne Hörbücher? Wann wird es Leos Fälle endlich als Hörbuch geben?

SG: Aus zeitlichen Gründen eher selten, meist auf längeren Autofahrten und fast immer englische Originale. Mein Favorit, wenn auch kein Hörbuch, sondern eine Radioserie, ist die englische Comedy »Cabin Pressure«. Wer gut Englisch kann und gerne lauthals lacht, sollte sie sich keinesfalls entgehen lassen. Ich habe schon seltsame Blicke geerntet, als ich mit iPod lachend durch den Supermarkt gelaufen bin.
Gute Frage. Würdest du die bitte meinem Verlag stellen? Ich würde mich auch sehr freuen, wenn es Leo als Hörbuch gäbe.

Histo Journal: Mache ich umgehend! Gibt es denn einen Sprecher, der dein Leo Favorit wäre?

SG: Gute Frage. Da ich selten deutsche Hörbücher höre, kenne ich mich nicht so aus. Spontan würden mir Ulrich Tukur, Ulrich Matthes und Sebastian Koch einfallen, die haben alle tolle Stimmen.

Histo Journal: Herzlichen Dank für das Interview, liebe Susanne.

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