Templerburgen

Buchbesprechung: Thomas Biller »Templerburgen«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

Templerburgen – keine einfache Geschichte


»Templerburgen«
Thomas Biller

Ritter, Kreuzzüge, Verschwörungstheorien und ein mysteriöser Schatz: Der Templerorden ist heute Quelle der Faszination und zahlreicher Mythen.

Thomas Biller räumt in diesem Buch mit den phantastischen Behauptungen und Spekulationen über den Orden auf, gibt einen detaillierten Einblick in seine Struktur und Geschichte und befasst sich eingehend mit den Wehrbauten der Templer. Von wunderbar erhaltenen wie jener im portugiesischen Tomar bis zu lediglich in Fragmenten bewahrten wie der Ruine Gaston in der Türkei stellt er die Templerburgen vor, denen man nachweisen kann, dass sie sich tatsächlich in deren Besitz befanden beziehungsweise von ihnen errichtet oder umgestaltet wurden.

Eigens für diesen Band neu aufgenommene Fotografien und neu ausgewertete mittelalterliche Schriftquellen runden den anschaulichen Einblick in diese faszinierende Welt ab.

Alle Informationen zum Buch auf der Zabern Verlags Website.

Die Tempelritter – kaum ein Thema ist derart geheimnisumwittert. Seit Dan Brown ist ihre Geschichte mit Mysterien wie dem heiligen Gral oder dem Wirken der Illuminaten verknüpft. Die Suche nach dem Schatz der Templer bietet Stoff für Abenteuerromane und -filme. Die Geschichten und Legenden, die sich um den Templerorden ranken, ist den meisten im Großen und Ganzen bekannt. Ernüchternd wirkt dann, dass Thomas Biller im Klappentext seines Buches »Templerburgen« verkündet, mit diesen Mythen aufzuräumen.

Und doch, allein der Titel »Templerburgen«, das weiß auch Thomas Biller, weckt Erwartungen. So erlag auch das Histo Journal dem Charme dieses geheimnisumwobenen Ordens.

Thomas Biller indes macht schon auf den ersten Seiten klar, dass es zwei unterschiedliche Geschichten um die Tempelritter gibt: Die, die im Laufe der Jahrhunderte ihre sagenhaften Blüten trieb – eben diejenige, die einen guten Teil der Verlockung des Themas ausmacht – und die tatsächliche, die sich in schriftlichen und archäologischen Zeugnissen nachweisen lässt und dennoch reichlich Raum für Spekulationen offen lässt. Spekulationen, die wiederum die verwunschene Geschichtsschreibung bereichern. Die ihrerseits, so Biller, jeglichen Anfechtungen wissenschaftlicher Erkenntnisse trotzt.

Welche Burg nun tatsächlich den Titel »Templerburg« verdient, ist nicht so leicht festzustellen wie das häufige Auftreten dieser Bezeichnung nahelegt. So nennt Biller zwei Kriterien, nach denen er die Burgen für sein Buch ausgewählt hat. »Einerseits müssen zuverlässige mittelalterliche Quellen belegen, dass der betreffende Ort wirklich im Besitz der Templer war; und andererseits muss ein Mindestmaß von Hinweisen vorliegen, aus den Schriftquellen oder der Untersuchung des Baues, dass die Templer ihn wirklich errichtet oder zumindest umgestaltet haben.« {S. 15/17} Hinzu kommen noch die zahlreichen weiteren Besitztümer der Templer wie Gutshöfe oder Kommenden. Eine Gefahr indes stellt eine mögliche Verwechslung mit den Besitzungen der Johanniter dar, dem anderen großen Ritterorden, der ja die Templer vielerorts beerbte.

Templerburgen ohne Templer

So manche Burg schmückt sich mit dem wohlklingenden Titel »Templerburg«, ohne je mit einem Templer in Berührung gekommen zu sein. Einerlei. Sogar das Fachbuch des englischen Geschichtsprofessors Malcolm Barber »The New Knighthood, A History of the Order of the Temple« ziert ein Bild der Burg von Obidos in Portugal, eine königliche Burg, die nie im Besitz der Templer war. Aber sie ist stattlich und steht dem stattlichen Thema gut zu Gesicht.

Nun will Thomas Biller also die Geschichte gerade rücken. In seinem Buch »Templerburgen« beginnt er mit einem Überblick über die Geschichte und das Wesen der Templer. Und die Materie ist allemal interessant genug und kann leicht auf phantastische Ausschmückungen verzichten. Allerdings will es Biller nicht gelingen, dies dem Leser zu vermitteln.

Das hat mehrere Gründe. Ein Zitat, das zwei verdeutlichen soll: »An der Spitze des Ordens stand der Großmeister, der über ein spezialisiertes, zehn- bis vierzehnköpfiges Gefolge verfügte; darunter befanden sich ein Kaplan, ein Schreiber … später auch drei Ritter für den Haushalt und als Kammerdiener. Die hohe Bedeutung der Pferde in einem Ritterorden wird daran deutlich, dass der Großmeister über einen eigenen Hufschmied verfügte und dass die Zahl seiner Reit- und Packpferde genau festgelegt war. Die nach heutigen Begriffen freilich geringe Gesamtzahl der Templer spiegelte sich in seiner Eskorte in Kriegszeiten, denn auch dann begleiteten ihn nur sechs bis zehn weitere Ritter.« {S. 28}
Schon bei diesem einen Absatz stellten sich mir mehrere Fragen, die gar nicht oder erst an späterer Stelle im Buch erläutert werden. Auf wen beziehen sich zum Beispiel die Pronomen »seiner Eskorte«oder »begleiteten ihn«? Wer ist gemeint? Der Templer als solcher? Der Großmeister? Nun gut, logisch scheint der Großmeister zu sein. Dann stellte sich als nächstes die Frage, wieviele Großmeister gibt es überhaupt, ja, aus wie vielen Rittern bestand der Orden überhaupt insgesamt? Zwischen zehn und vierzehn? Das scheint mir doch ein wenig knapp, um die selbst gestellte Aufgabe zu erfüllen, nämlich die Pilger im heiligen Land zu schützen. Einige Seiten später liest man endlich, dass die Ritter zwar den kämpfenden Muslimen deutlich unterlegen waren, aber immerhin ihre Gesamtzahl bei 2500 bis 3000 gut ausgebildeten und flexibel verfügbaren Kämpfer lag {S. 35}.

Neben dem mangelnden Lektorat – denn vieles hätte sich durch eine aufmerksame Lektüre und ordnende Hand eines Lektors verbessern lassen – ist die Bebilderung ein weiteres Manko dieses Zabern-Bandes. Die Fotos scheinen hauptsächlich dem Privatarchiv des Autors zu entstammen, und teilweise schon recht betagt zu sein. Das ist sehr schade, lebt doch ein Buch wie dieses zu einem großen Teil auch von seiner Illustration, die man bei einem Verlag wie Zabern in guter Qualität kennt und auch hier erwarten würde.

Dennoch ist nicht alles schlecht an diesem Buch. Beispielsweise präsentiert Biller im zweiten Teil die befestigten Hinterlassenschaften der Templer nach Ländern sortiert. Der Leser erhält einen guten Überblick über den Zweck, die Lage und die Ausgestaltung der Besitzungen und einen Eindruck über die Besonderheiten jeder Burg. Auch unbefestigte Besitzungen in nicht unmittelbar von feindlichen Angriffen bedrohten Ländern erhalten ein eigenes Kapitel. Hier handelt sich hauptsächlich um Gutshöfe bzw. Kommendebesitz, der oft in deutschen Landen angetroffen werden kann. Diese landwirtschaftlichen Betriebe oder klosterähnlichen Anlagen sicherten die Versorgung der Kämpfer in den Kriegsgebieten.

Erhellend ist auch der Einblick in die weitverzweigten und unterschiedlich motivierten internationalen Beziehungen, die die Templer führend in Handel und Finanzdienstleistungen werden ließen. Ein Erfolg, der naturgemäß Neider und damit Feinde auf den Plan rief und wahrscheinlich auch zu ihrem Untergang führte.

Der muslimische Osten

In Bezug auf den muslimischen Osten stellt Biller dar, wie sich das Verhältnis des Ritters zu seinem Einsatzgebiet wandelte. Sicherlich ein Phänomen, das nicht nur den Tempelritter sondern die Kreuzfahrer allgemein betrifft, aber ein interessanter Aspekt, der nicht aus den Augen verloren werden darf. »War die Mentalität der Kreuzfahrer anfangs durch den fanatischen Willen zur gewaltsamen Unterwerfung und Vernichtung der Muslims geprägt, so spielte diese Haltung während der Existenz der Kreuzfahrerstaaten [im wesentlichen Jerusalem, Tripolis, Antiochia, Anm. d. Red.] natürlich weiterhin eine Rolle, aber neben sie trat im Laufe der Zeit eine zweite, andersartige. Denn jene fränkischen Christen, die sich dauerhaft im Orient niederließen oder gar dort geboren waren, konnten die Region nicht mehr ausschließlich als Objekt von Eroberung und Beutezügen sehen, sondern begannen sie begreiflicherweise als Heimat zu empfinden, in der man auch friedlich leben, arbeiten und Handel treiben konnte.«
Es hieß das Erreichte zu bewahren, statt Neues zu erobern. Ein interessanter Aspekt, der die weitere Geschichte Europas erklären hilft, da die Kreuzfahrer etliche wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften, wie beispielsweise die Windmühle, aus dem Orient nach Europa brachten. Leider streift Biller dieses Thema nur kurz.

Fazit:

Für wen ist dieses Buch nun eine nützliche Lektüre? Der Experte wird vermutlich kaum wirklich Neues darin entdecken, der Laie wird durch in die Leere laufende Bezüge und Einstreuungen von Namen, Fakten und historischen Details verwirrt, die unerklärt bleiben, zumal auch ein Glossar fehlt. Wer weiß schon, was es bedeutet, dass der Orden keine Kreuzzugssteuer zahlen muss, wenn unklar bleibt, wer diese Steuer erhebt und wer sie denn sonst bezahlen muss. Oder dass die Templer die Erlaubnis erhielten, Besitzungen zu verkaufen und zu verpachten, wenn man nicht erfährt, was zu der Zeit für einen christlichen Orden Usus ist.
Zudem irritieren widersprüchliche Urteile des Autors den Leser zusätzlich. Hat der Orden nun einen guten Leumund oder nicht? War ihr Ruf von Anfang an schon schlecht oder wuchs das Misstrauen erst im Laufe der Zeit? So ganz einig ist sich Thomas Biller bei seiner Einschätzung nicht. Es kommt immer auf die jeweilige Betrachtung an, scheint seine Kernaussage zu sein.
Und einer der spektakulärsten Aktionen der mittelalterlichen Geschichte, nämlich dem Untergang, oder besser gesagt der Auslöschung, des Templerordens, wird Thomas Biller in seiner Abhandlung gar nicht gerecht. Immerhin war es eine konzertierte Aktion von bislang unbekannten Ausmaßes, als europaweit alle führenden Templer zeitgleich verhaftet wurden, organisiert und durchgeführt ohne technische Kommunikationsmittel. Die Verhaftungen erfolgten auf Geheiß des französischen Königs und des Papstes – so jedenfalls ist es gemeinhin in der Literatur zu finden.
Der Papst hat zwar den Vorwurf der Ketzerei, den der König erhob um seine Anklage zu begründen, nie bestätigt, dennoch war er es, der den Großmeister Jacques de Molay und den Präzeptor der Normandie Geoffroy de Charnay auf den Scheiterhaufen brachte. War das Ende der Templer wirklich nur der Plan des französischen Königs, und das Urteil des Papstes eine Entlastungsmaßnahme? Musste dieser den höchsten Amtsträgern der Templer die Schuld an den angeblichen schweren Verfehlungen des Ordens zuschieben, weil im Falle ihrer Unschuld nur noch er selbst als Verantwortlicher in Frage gekommen wäre? {S. 54} Dies scheint eine etwas dürftige Interpretation der Geschehnisse.
Ein Großteil des Templer-Erbes trat der Johanniter Orden an, der bis heute überlebte. Ein verborgener Templer-Schatz jedenfalls – so Billers Überzeugung – der als unversehrte Einheit allen Kriegen und Katastrophen, Inflationen und Staatsbankrotten trotzte und an einem geheimen Ort versteckt liege, sei eine Phantasterei außerhalb jeder Plausibilität. Allerdings, und das muss auch er einräumen, bietet wenigstens das Verschwinden des zentralen Archivs der Templer solchen Legenden weiten Raum.
Wenigstens das.

Zitate entnommen aus: Thomas Biller, Templerburgen, Zabern Verlag 2014