Tatort Mittelalter – Berühmte Kriminalfälle

Buchbesprechung: Malte Heidemann / Franziska Schäfer »Tatort Mittelalter«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

»Rechtlos war der Mensch in dieser Zeit mitnichten. Es herrschte sogar häufig eine sehr klare Rechtsauffassung.«


»Tatort Mittelalter«
Malte Heidemann / Franziska Schäfer

Berühmte Kriminalfälle
Verbrechen, die Geschichte schrieben: Hexen und Ketzer auf dem Scheiterhaufen, Raubritter und Straßenräuber, Tod am Galgen, Bauernaufstände und Machtkämpfe am Königshof – das ist unser Bild der dunklen Seiten des Mittelalters.

Malte Heidemann und Franziska Schäfer stellen prominente Kriminalfälle des Hoch- und Spätmittelalters vor: darunter die spektakuläre und hochpolitische Entführung des minderjährigen Königs Heinrich IV., die Urkundenfälschungen der Herzöge von Österreich oder die Folgen eines nur gedachten Ehebruchs. Die Autoren zeigen, wie die mittelalterliche Gesellschaft mit großen Verbrechen und kleinen Vergehen umging. Dabei greifen sie auf zahlreiche historische Quellen zurück und liefern so einen wichtigen Beitrag zur Kriminalgeschichte des 11. bis 15. Jahrhunderts.

Kapitel des Buches: Vorwort, Der entführte König: Der elfjährige Heinrich IV. zwischen den Fronten der Großen des Imperiums (1062), Petrus Abaelard, der entmannte Philosoph (1117/18), Bruch von Landfrieden und Treue: Der tiefe Fall Heinrichs des Löwen (1180), Ketzerei als Massenphänomen: Der Untergang der Katharer und Albigenser (1143/1326), Der ehelichen Untreue bezichtigt: Das Schicksal der bayerischen Herzogin Maria von Brabant (1256), Der »Rintfleisch-Pogrom«: Mord an Tausenden Juden in Süddeutschland (1298), Freitag, der 13. – ein Unglückstag für alle Zeiten? Die Gefangennahme der Templer in Frankreich (1307), Adelsfronde und Ehekrieg: Der Mord an König Edward II. von England (1327), Kaiserlicher Diebstahl oder erzwungene Schenkung? Karl IV. und die Reliquien (Mitte des 14. Jahrhunderts), Urkundenfälschung: Die Herzöge von Österreich und das sogenannte Privilegium maius (1358/59), Klaus Störtebeker – der enthauptete Seeräuber (1401), »Mit dem Kessel gerichtet«. Der Münzmeister von Thann und die Verlockung des schnellen Geldes (1406), Jan Hus, das Konstanzer Konzil und die Zusage freien Geleites (1415), Rivalität bis aufs Blut: Die Morde an Ludwig von Orléans und Johann Ohnefurcht (1407/1419), Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orléans – ketzerisches Charisma? (1431), Unterschlagung und Geheimnisverrat: Der Tod des Nürnberger Ratsherrn Niklas III. Muffel am Galgen (1469), Literatur.

Leseprobe auf der Zabern Website.

Von 500-1500 dauerte das Mittelalter, darauf haben sich Historiker mittlerweile halbherzig geeinigt. Doch noch immer ist oft die Rede vom »finsteren Mittelalter«, eine Schmähung, die rund 1000 Jahre europäischer Geschichte pauschal aburteilt.
War es tatsächlich so, dass Raubritter und Straßenräuber hinter jeder Straßenecke lauerten, während auf den Plätzen Ketzer und Hexen im Feuer loderten und korrupte Amtsträger in der ersten Reihe jubelten? Ganz so schlimm scheint es nicht gewesen zu sein. Allein aufgrund der tausend Jahre umfassenden Epoche sollte eigentlich klar sein, dass es innerhalb dieser Zeit durchaus auch Lichtblicke gegeben haben muss. Wie sonst kann man sich erklären, dass einige technische Errungenschaften gerade in dieser Zeit erfunden worden sind. Ein Beispiel sei die Brille, ein Sehwerkzeug, das dazu dient, Licht ins Dunkel zu bringen, um es mal im übertragenen Sinne auszudrücken.

Die Fehde – nicht nur ein Privileg des Adels

Das Mittelalter hatte aber durchaus dunkle, ja geradezu finstere Seiten. Es war eine grausame Zeit. Ständig sah man sich in Gefahr, seines Hab und Guts, oftmals gar seines Lebens beraubt zu werden. Soziale Unterdrückung, Ausgrenzung Andersgläubiger und Minderheiten waren neben allgemeiner Gewalttaten und Betrügereien bittere Realität. Das Rechtswesen stand noch ganz am Anfang seiner Entwicklung und vermochte dagegen kaum etwas auszurichten.
Doch auch wenn es Polizei und Justiz im heutigen Sinne noch nicht gab, »rechtlos war der Mensch in dieser Zeit mitnichten. Es herrschte sogar häufig eine sehr klare Rechtsauffassung. Nur können wir diese oft schwer greifen …«{Seite 7}, erläutern Malte Heidemann und Franziska Schäfer gleich zu Anfang ihres sehr lesenswerten Vorworts zu »Tatort Mittelalter – Berühmte Kriminalfälle«.
Ein Mittel, Gerechtigkeit herzustellen, war die Fehde – im übrigen nicht nur ein Privileg des Adels – also die rechtmäßige gewaltsame Konfliktaustragung. Ein Recht, das sich mit den Jahren änderte um sich den wandelnden Gegebenheiten anzupassen.
Ein weiteres Mittel, Unrecht zu sühnen, beziehungsweise »Schaden zu heilen«, war auch damals schon die Geldstrafe, allerdings stand sie nur Adligen frei, allen anderen drohte die körperliche Züchtigung oder auch der Tod. Auch der Inquisitionsprozess ist ein Kind dieser Zeit. Allerdings ist er keine Erfindung der Kirche und er nimmt in seiner ritualisierten Form unsere heutigen Gerichtsverhandlungen mit Anklage, Verteidigung und Richter vorweg.
Aber welches Vergehen galt im Mittelalter überhaupt als Straftat? Sicherlich Mord, Gewalttaten, Entführung, Diebstahl, Raub, Betrug, Schadenszauber. – Weitere zeittypische Verbrechen waren Felonie, der Verrat durch vorsätzlichen Bruch des Treueverhältnisses eines Gefolgsmannes gegenüber seinem Herrn. Und – natürlich – die Ketzerei. Gut dokumentiert sind die Vorkommnisse an Adelshöfen und Königshäusern. Ebenso die Ketzerprozesse, die vielfach durch akribische Aktenführung dokumentiert wurden.

Repräsentative Fälle

Aus diesem Fundus schöpfen die Autoren bei der Wahl ihrer Fälle. Dabei treffen wir auf Bekanntes, wie die Entführung des elfjährigen Heinrich IV durch den Kölner Erzbischof Anno. Oder den Fall Heinrichs des Löwen, ein Beispiel für Landfriedensbruch. Der angebliche Ehebruch der bayerischen Herzogin Maria von Brabant mag dem ein oder anderen ebenfalls geläufig sein. Und jeder hat wahrscheinlich vom spektakulären Ende des Seeräubers Klaus Störtebeker gehört. Diverse Ketzereiprozesse fanden ebenfalls Eingang in die Sammlung repräsentativer Fälle: Der Untergang der Katharer und Albigenser und der Fall des Jan Hus sowie den der Jungfrau von Orleans.
Besonders unterhaltsam zu lesen ist das Kapitel über Karl IV, einem Reliquienjäger sondergleichen. Kein Heiliger war sicher vor diesem Kaiser, der auch schon einmal selbst die Säge anlegte, sei es an das heilige Kreuz oder den Finger des Heiligen Nikolaus. Im Laufe der Zeit hat sich die Sammelwut Karls natürlich herumgesprochen: »Das Wissen um die Begehrlichkeiten des Luxemburgers führte letztlich dazu, dass viele Städte und Klöster kurzerhand ihre Reliquien versteckten, wenn der Besuch des Kaisers bevorstand.« {Seite 81}

Fazit:

Alles in allem bietet Tatort Mittelalter einen ebenso interessanten wie unterhaltsamen Einblick über die spektakulärsten Kriminalfälle dieser Epoche. Aus der Materie als solche ergibt sich auch ihre Einschränkung: Adressat des schmalen Bändchens ist eher der Geschichtsneuling als der im Fach versierte oder Autoren historischer Romane. Letztere erfahren wahrscheinlich wenig Neues. Zudem sind manche Kapitel recht mühsam nachzuvollziehen, da viele Informationen auf engem Raum untergebracht sind.
Dennoch: Der Interessierte entdeckt möglicherweise noch unbekannte Seiten an Altbekannten oder gar einen gänzlich neuen Fall, der der persönlichen Inspiration und Wissensauffrischung oder -bereicherung dienen mag.


Zitate entnommen aus: Tatort Mittelalter, Berühmte Kriminalfälle, Zabern Verlag 2013.