Regina Schleheck – Der Kirmesmörder Jürgen Bartsch

Histo Journal Besprechung: Regina Schleheck »Der Kirmesmörder Jürgen Bartsch«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

Inhalt
Ein pochendes Herz
Langenberg, 1966. Der Fall Bartsch erschütterte die Nachkriegs-BRD wie kein anderes Kapitalverbrechen. Jürgen Bartsch, der nach einer Kindheit voller Kälte und Missbrauch zu einem sadistischen Soziopathen wurde, lockt Kinder von Kirmesplätzen in Essen und Umgebung, um sie zu quälen, zu missbrauchen und zu ermorden. Bei der Jagd nach dem Kirmesmörder gerät eine ganze Region in Panik. Als Jürgen Bartsch schließlich gefasst wird, fordern die Menschen Vergeltung.

Wahre Verbrechen – Gmeiner Verlag
Taschenbuch
224 Seiten
12,99 Euro
ISBN 978-3-8392-1939-3

Eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Gmeiner Verlages.

Doch das Wichtigste von allen ist die Liebe …

Den älteren unserer Leser ist Jürgen Bartsch vielleicht noch ein Begriff, der {im weitesten Sinne} Düsseldorfer Serientäter, der in den 60er Jahren vier Jungen auf bestialische Weise ermordete. Jetzt hat Regina Schleheck einen biografischen Roman geschrieben, der das Werden und das Sein dieses Mannes auf sehr besondere Weise beleuchtet.

Wenn man sich mit historischen Romanen befasst, sind einem Gräueltaten aller Couleur naturgemäß vertraut. Denn in allen Jahrhunderten begegnet uns rohe Gewalt, gehörte sie gar mehr oder weniger zum alltäglichen Leben der Menschen. Aber wie es scheint, war der Mensch zu allen Zeiten besonders kreativ darin, immer neue Mittel und Wege zu erfinden, um Artgenossen vom Leben zum Tode zu befördern. Und dies mal gnädig schnell, mal langsam und qualvoll. Sei es zur Strafe, aus Rache, aus Liebe oder Leid, um Macht zu demonstrieren, an Geld zu gelangen oder rein aus der Lust am Töten.
Da werden Hexen verbrannt, Verräter gefoltert, Ehebrecherinnen gesteinigt, Gliedmaßen ausgerenkt, Haut abgezogen, schon in der Bibel greifen Autoren stets gern auf solche Szenarien zurück. Weil sie wie der Scheiterhaufen eben zu bestimmten Lebenswelten gehören, oder typische Begleiter von bestimmten Ereignissen sind, wie zu Kriegen eben auch Vergewaltigungen gehören.

Das ist furchtbar, geht an die Substanz sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen. Und bleibt da eine Distanz des Fiktiven. Die Hexe, die gefoltert und schließlich verbrannt wird, kennt der Leser nicht persönlich. Die Zeit der Geschehnisse ist bekannt, und bleibt dem heutigen Menschen doch fremd.

Bei Regina Schlehecks Buch über Jürgen Bartsch ist das anders. Dieser Mann – eher wohl Jugendliche – quälte und tötete vier Jungen auf eine bestialische Weise, die man kaum in Worte fassen kann. Regina Schleheck unternimmt es dennoch. Und ihr gelingt es, dass man nicht nur mitleidet, sondern vielmehr ganz persönlich betroffen ist. Fast könnte man meinen, man kenne die Opfer persönlich, und nicht nur die, auch den Täter, der ein Schulfreund, ein Nachbar hätte sein können. Die Bestie wird zum Menschen.

Regina Schleheck beschreibt den Werdegang dieses Serienmörders im wahrsten Sinne von der Wiege an. Durch die Augen von Menschen, die ihn kannten, die seinen Lebensweg ein Stück begleiteten. Ein jeder beschreibt seine eigene Wahrnehmung dieses jungen Mannes, der so anders als seine Altersgenossen ist.
Kein Wunder, wuchs er in seinen ersten Lebensjahren doch in fast gänzlicher Isolation auf. Weil seine Eltern doch nur jeglichen schädigenden Einfluss von ihrem Adoptivsohn fernhalten wollten, ihn prügelten und einsperrten, und mit ihrer guten Absicht ein asoziales Monster erschufen, dem Gewalt als Form von Zuwendung erschien. Die gute Absicht …

Die Biographie Bartschs ist bekannt: das Waisenkind, das von dem Metzgerehepaar Bartsch adoptiert wurde und mit 15 Jahren bereits wegen sexueller Belästigung eines anderen Jungen auffällig wurde. Die Zuwendung der Eltern bestand in der Zahlung von Schweigegeld an die betroffene Familie, Geld, dass sie Jürgen dann vom Lohn abzogen. Geld, und das lernt Jürgen auch dadurch, eröffnet viele Möglichkeiten und schafft Verlockungen, denen seine Opfer nicht widerstehen können.

Und doch wirft Schlehecks Darstellung ein weiteres Licht auf diesen Menschen Jürgen Bartsch. Dieser arme Wurm, der letztlich nur vor Augen führt, was die Abwesenheit von Liebe und Zuwendung aus einem Menschen machen kann. Einem Menschen, der wie jeder andere auch, sicherlich die ein oder andere abseitige Neigung in sich trägt, die aber nicht unbedingt in einer so schrecklichen Form zum Ausbruch hätte kommen müssen. Wenn … ja wenn …

Wenn ich … Hätte ich … ? Diese Fragen quälen beispielsweise Anni, die Kinderkrankenschwester, die in Regina Schlehecks Buch den Jungen Bartsch bereits in der Wiege kennen- und lieben lernt. Denn er ist ein wonniges, ein hübsches Kind. Ein Kind, dass Menschen für sich einzunehmen versteht. Dieser Meinung sind alle, die ihn sehen. Elf Monate verbringt der Junge auf der Säuglingsstation, bis er von Frau Bartsch mit nach Hause genommen wird. Womit die Schwierigkeiten beginnen, erweist sich das bislang so problemlose Kind als nicht stubenrein. Die Schwesternschülerin Anni soll helfen, die Probleme zu bewältigen. Zuständig für das leibliche Wohl, wird ihr jedoch jeglicher persönliche Kontakt untersagt. Kaum dass sie einmal mit ihm spielen, ihm vorlesen kann. Den schlechten Einfluss solch niederer Leute auf ihren Sohn versuchen die Eheleute Bartsch so weit wie möglich zu unterbinden. Einzig die Oma ist ein Lichtblick in dieser dunklen Zeit. Anni quält sich jahrelang mit dem Vorwurf, dass sie etwas hätte tun müssen. Doch was hätte sie denn tun können?
Im Kindergarten und in der Schule fällt Jürgen aus dem gewohnten Rahmen und der Grausamkeit der Kinder zum Opfer. Hier lernt er, dass Geld Freunde schafft. Jedenfalls zeitweise.

Besonders eindringlich, bedrückend und nahegehend sind die Schilderungen der Opfer. Einem jeden der Jungen widmet Regina Schleheck ein Kapitel und schafft so für jedes einzelne Opfer einen literarischen Gedenkraum. Hilflos steht man den Jungen zur Seite, in einer seltsam nahen Distanz, gleichermaßen Beobachter und Mitleidender. Man ist sicher: auch ich wäre mitgegangen. Denn gleichzeitig scheint stets das Charisma des Mörders durch: gerade noch denkt einer der Jungen daran, dass kürzlich ein Junge verschwunden war, und geht in der nächsten Minute doch mit dem fremden Mann mit, der ihm eine Runde im Autoscooter und eine Bratwurst spendiert. Sein letzter Gedanke ist: Ich habe es ja gewusst! Gleichzeitig ist ihm klar: in Wirklichkeit hat er keine Sekunde daran gedacht. Diese Szene drückt die Ambivalenz dieses Buches aus, diese gleichzeitige Nähe und Distanz, dieses Mitfühlen mit den Opfer, aber eben auch mit dem Täter.

Und dann ist da auch noch der Blick in die Zeit, in diese eigentlich so junge – aber wenn man es genau betrachtet, doch so ferne – Vergangenheit. Die Autorin lässt den Leser in die Zeit des kalten Krieges hineinfühlen, als Homosexualität und Abtreibung verboten war und der Nationalsozialismus mit manchen seiner Methoden in manchen Köpfen noch eine gute Option war. Damit macht Schleheck deutlich, wie rasant die Veränderungen der jüngeren Geschichte vonstatten gehen.

Fazit

Ein großartiges Buch, das durch seine facettenreiche Erzählweise einen detaillierten und intimen Blick in die Zeit der sechziger bis hinein in die siebziger Jahre gibt. Die herrschende Aufbruchstimmung, die deutsche Engstirnigkeit, die Schuldgefühle. All dies bildet den Schauplatz des Romans, auf dem Täter und Opfer glaubwürdig und geradezu zwangsläufig agieren.

Regina Schleheck schildert eindringlich einen der historisch bedeutendsten Kriminalfälle in Deutschland, der die junge Bundesrepublik noch lange prägte. Nahegehend, berührend doch niemals platt dringt Regina Schleheck in die Psyche von Opfern und Täter ein; bringt nahe, ohne zu nahe zu treten.

Anzumerken ist noch, dass die Autorin die Namen aller Beteiligten, außer denen der Familie Bartsch, geändert hat. Natürlich ist es ein leichtes, sich über die diversen Internetmedien über den Fall und die betroffenen Personen zu informieren. Leider gibt es kein Nachwort, dass die Gründe für diese Entscheidung erläutert, die den biographischen Charakter des Buches gegenüber dem Roman zurücktreten lässt.

Kleine Wermutstropfen sind hingegen zum einen die gelegentlich modern anmutende Ausdrucksweise der jugendlichen Protagonisten, die befremdet. Und zum anderen bleibt formal noch anzumerken, dass hinsichtlich der verwendeten Ausrufungszeichen weniger mehr gewesen wäre.
Außerdem, das ist aber ein persönliches Empfinden, wäre in diesem Fall mehr denn je ein Nachwort wünschenswert gewesen, das dem Leser die Gratwanderung zwischen Fiktion und Wahrheit in diesem Fall erleichterte, gerade weil er dem ein oder anderen noch aus eigener Anschauung zumindest vage bekannt sein dürfte.