Buchbesprechung: Rebecca Gablé – Die fremde Königin

Histo Journal Besprechung: Rebeccca Gablé »Die fremde Königin«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

Inhalt
»Könige sind wie Gaukler. Sie blenden die Untertanen mit ihrem Mummenschanz, damit die nicht merken, dass das Reich auseinanderfäll.«
Anno Domini 951: Der junge Gaidemar, ein Bastard vornehmer, aber unbekannter Herkunft und Panzerreiter in König Ottos Reiterlegion, erhält einen gefährlichen Auftrag: Er soll die italienische Königin Adelheid aus der Gefangenschaft in Garda befreien. Auf ihrer Flucht verliebt er sich in Adelheid, aber sie heiratet König Otto.
Dennoch steigt Gaidemar zum Vertrauten der Königin auf und erringt mit Otto auf dem Lechfeld den Sieg über die Ungarn. Schließlich verlobt er sich mit der Tochter eines mächtigen Slawenfürsten, und der Makel seiner Geburt scheint endgültig getilgt. Doch Adelheid und Gaidemar ahnen nicht, dass ihr gefährlichster Feind noch lange nicht besiegt ist, und als sie mit Otto zur Kaiserkrönung nach Rom aufbrechen, droht ihnen dies zum Verhängnis zu werden …

Weitere Informationen zur Autorin sowie eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Lübbe Verlags.

Bastei Lübbe
Hardcover
763 SEITEN
ISBN: 978-3-431-03977-1
Ersterscheinung: 27.04.2017
26,00 Euro

Ein aufrechter König mit vielen Gesichtern

Rebecca Gablé hat sich vor allem einen Namen mit ihrer Waringham-Saga gemacht. Einer englischen Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen und Jahrhunderte erstreckt. Von Anfang an erweist sich Rebecca Gablé stets als profunde Kennerin der englischen Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit.

In »Das Haupt der Welt« widmete sie sich dann erstmals der deutschen Geschichte. Damit schlug sie eines der für Deutschland prägendsten Kapitel nach Karl dem Großen auf, nämlich die Geschichte seines späteren Nachfolgers Otto I. Um seinen Aufstieg zum König der Franken und Sachsen geht es in »Das Haupt der Welt« und ebenso in »Die fremde Königin«. Diese Königin ist Adelheid von Burgund, Königin von Italien.

Wenn man wie ich mit einer Gegend, dem Harzvorland nämlich, verwurzelt ist, in der die Ottonen nicht nur durch ihre Pfalzen und Kirchenbauten präsent sind, sondern in der das Ansehen der deutschen Kaiser und Könige bis heute in Ehren gehalten wird, indem man – zumindest noch in meiner Elterngeneration, in jeder Familie Söhne namens Heinrich und Otto, Wilhelm oder Ludolf findet, und bei den Mädchen Mathilda, Ida oder eben Adelheid, dann entwickelt man zwangsläufig ein besonderes Verhältnis zu diesem Kaisergeschlecht. Deswegen habe ich auch nur zögerlich zu dem ersten Teil um die Königswerdung Ottos I. gegriffen. Aus Sorge, dieses in meiner Vorstellung so strahlende Kapitel der Deutschen Geschichte würde durch die Lektüre ihren Glanz verlieren. Denn natürlich bin ich davon ausgegangen, dass Rebecca Gablé wie gewohnt akribisch recherchiert und schonungslos offenbart, wie es wirklich war. Und jeder weiß, dass die Realität von der Vorstellung mitunter abweicht. Wie man ahnen kann, erwies sich meine Sorge als unbegründet. Im Gegenteil. Ich habe kaum je ein Buch über diese Zeit gelesen, die diesem besonderen Herrscherhaus und seiner Zeit derart gerecht wird. Ohne dabei zu beschönigen oder Unbequemes auszulassen. Otto I. war schließlich kein Heiliger; er war ein König, später Kaiser. Ämter, in denen man auch unpopuläre Entscheidungen treffen muss. Und letztlich war er auch nur ein Mensch.

Wenn man den Franken Karl den Großen {747-814} vielleicht als Urvater Europas betrachten könnte, weil er die unterschiedlichen Volksgruppen unter seinem Banner einte und die Keimzelle für das heutige Frankreich und Deutschland legte, könnte man Otto I. als Urvater Deutschlands bezeichnen. Doch Karl der Große war auch lange nach seinem Tod noch das strahlende Licht, in dessen Glanz sich jeder sonnen wollte. Jeder, der etwas auf sich hielt, stammte gern irgendwie vom Großen Kaiser ab. Otto I. {912-973} indes nicht. Als Herzog von Sachsen und König des ostfränkischen Reiches entstammte er dem sächsischen Adel. Ironischerweise tritt, wenn auch hundert Jahre später, also ausgerechnet ein Sachse die Nachfolge Karls des Großen an, ein Abkömmling jenes Volkes, gegen das Karl dreißig Jahre lang ins Feld zog, weil dieses ebenso kriegerische wie halsstarrige Volk sich hartnäckig allen Bekehrungsversuchen widersetzte. Bei der Christianisierung dieser Heiden ging Karl nicht zimperlich vor, was ihm den Beinamen ›Sachsenschlächter‹ eintrug. Und ausgerechnet ein sächsisches Herrschergeschlecht tritt nur rund hundert Jahre später in die Fußstapfen des mächtigen Franken. Auch wenn Otto I. Karl den Großen als Vorbild im Amte zu würdigen wusste, bleibt doch stets spürbar, welch tiefe Kluft die längst vergangenen Gemetzel zwischen Franken und Sachsen geschlagen haben.

Auch wenn in Rebecca Gablés Roman außer der Verehrung Ottos für Karl den Großen nichts von dieser Vorgeschichte spürbar wird, so ist ihm die Geschichte seines Volkes und damit auch seine eigene sicher präsent gewesen. Aber wenn man diese Geschichte kennt, und man dann in Gablés ersten Roman an der Seite Ottos Zeuge seiner Slavenmissionen wird, muss man feststellen, dass sein eigenes Vorgehen sich in nichts von dem des einstigen ›Sachsenschlächters‹ unterscheidet. Bezeichnender Weise geht der verantwortliche Graf Gero auch als ›Slavenschlächter‹ in die Geschichte ein. Mag sein, dass sich mit dieser reziproken Wiederholung einfach die damalige Sichtweise auf Konflikte spiegelt. Mal steht man auf der einen, mal auf der anderen Seite.

In ihren zwei Büchern widmet sich Gablé den entscheidenden Phasen von Ottos Herrschaft, seinem Weg zum Königsthron im ersten Buch, die zur Kaiserkrönung im aktuellen. Wie schon im ersten Teil ist es Rebecca Gablé auch in diesem Roman gelungen, Geschichte ebenso kundig wie detailfreudig zu erzählen und damit die Zeit und ihre Menschen, ihre Charaktere und Beweggründe lebendig werden zu lassen. Trotz allen Blutvergießens – in der Schlacht auf dem Lechfeld gegen die Ungarn zum Beispiel – sind die Spannungs- und Entspannungsmomente sehr ausgewogen. Mit leichter Hand erzählt die Schriftstellerin ihre Geschichte der Historie. Und der Leser folgt ihrer Erzählung über die Helden rund um Adelheid und Otto mit großer Begeisterung. Nicht zuletzt wegen der Detailfreude beim Erzählen, aber auch ihrem wunderbaren Humor. Zumal letzterer meist eingebettet in die Gegebenheiten der Zeit erscheint: »Adelheid traute Wichmanns Treueschwüren in etwas so weit wie den Beteuerungen eines Reliquienhändlers.« {S. 655} Adelheid wird Ottos zweite Frau, zunächst aus politischem Kalkül, doch dann erweist sich diese Partnerwahl in jeder Hinsicht als glücklich. Mit Klugheit, Diplomatie, ausgeprägtem Gerechtigkeitsgefühl, notfalls auch Intrigen, verschafft sie sich den Respekt Ottos und seiner Lehnsmännern ebenso wie seine Zuneigung.

Einer der wichtigen Helden des Romans ist der Panzerreiter Gaidemar, ein Bastard, der nur eine vage Vermutung über seine Eltern hat. Aus eigenem Antrieb und hartem Einsatz gelingt ihm der Aufstieg. Sein Schicksal ist eng mit dem Adelheids verbunden: Ottos Bruder Wilhelm wählte ihn aus, Adelheid, die Königin Italiens aus der Gefangenschaft zu befreien. Der skrupellose Berengar von Ivrea hatte die junge Frau zur Witwe gemacht, indem er ihren Mann König Lothar vergiftete. Und weil sich Adelheid standhaft weigert, Berengars Sohn zu ehelichen und so ihm selbst die Königskrone Italiens zu überlassen, kerkert er sie und ihre Tochter samt Geistlichem und Magd ein. Durch einen Tipp Gaidemars gelingt es ihr, sich buchstäblich mit den eigenen Händen aus dem Verließ zu graben. Mit dieser Eingangsszene stellt Rebecca Gablé dem Leser auf wenigen Seiten eine Frau vor, die nicht nur mutig, tatkräftig und klug ist, sondern auch mitfühlend und gegenüber den ihr Anvertrauten absolut loyal. Kein Wunder, dass sie bei dem Panzerreiter Gaidemar einen tiefen Eindruck hinterlässt. Unter anderem durch seine Augen erlebt der Leser das Leben am Hofe, wo die ganz große Politik gemacht wird, lernt treue Bündnispartner kennen, ebenso wie intrigante Verräter. Und man erlebt, was Ottos mitunter ungeschickte Entscheidungen für den Einzelnen bedeuten.

Ein Rätsel der Geschichte wird wohl immer bleiben, warum Otto I. sich immer wieder aufs Neue nachsichtig und versöhnlich gegenüber seinem verschlagenen Bruder Heinrich – in Rebecca Gablés Roman der Übersichtlichkeit halber Henning genannt – erweist. Dieses Rätsel wird auch in diesem Roman nicht abschließend gelöst. Immerhin steht man mit seiner Verwunderung nicht allein, denn jeder an Ottos Seite fragt sich dies ebenfalls. Sicherlich hat Rebecca Gablé recht, dass seine tiefe Religiosität eine gewichtige Rolle spielt, und nach der Richtschnur des Glaubens Vergebung das eigene Seelenheil sichert. Wahrscheinlich hat auch sein ausgeprägter Familiensinn damit zu tun, obwohl er gerade im Umgang mit seinen Söhnen und Geschwistern nicht immer eine glückliche Hand beweist. Bezeichnenderweise erfährt er den größten Widerstand gerade durch seine eigenen Blutsverwandten, nicht zuletzt durch seinen Bruder Henning.

Fazit

Ein großartiger Roman, hervorragend recherchiert und mit leichter Hand geschrieben bereitet er Lust und großes Vergnügen, sich mit einem bedeutenden Kapitel deutscher Geschichte zu befassen: Eben dieser fremden Königin Adelheid, die es aus dem sonnigen Italien in das kühle Sachsen verschlägt. Rebecca Gablé macht diese so bewegte Zeit erlebbar, sie schafft eine Nähe zu den Protagonisten, die die Entscheidungen des Königs nachvollziehbar werden lässt und klarmacht, welche wichtige Rolle Adelheid dabei spielte und warum Otto ihr nachweislich große Liebe und ebenso großen Respekt entgegenbrachte. Der Autorin gelingt das, was einst Horaz fordert: Aut prodesse volunt aut delectare poetae aut simul et iucunda et idonea dicere vitae. – Entweder die Dichter wollen nützen, oder sie wollen erfreuen, oder aber sie wollen das zur Sprache bringen, was für das Leben zugleich angenehm und nützlich ist. {Horaz, ars poetica 11,3} Rebecca Gablé indes schafft dies alles zugleich. Schade nur, dass am Ende der Leser seufzend zurückbleibt, weil selbst dieser eigentlich umfangreiche Roman, irgendwann ausgelesen ist.