Poetik der Biographie

Histo Journal Besprechung: Angela Steidele – »Poetik der Biographie«

Gelesen & Notiert von T.M. Schurkus


»Poetik der Biographie
Angela Steidele

Kunst oder Wissenschaft? Historische Königsdisziplin oder Romane mit Fußnoten? Seit der Antike sind Biographien beliebt. Doch was sie sind und was sie leisten, ist umstritten, denn eine Poetik der Gattung wurde nie entwickelt. Nachdem sie selbst mehrere Biographien vorgelegt hat, wagt sich Angela Steidele nun daran, die inneren Gesetzmäßigkeiten jeder Biographie zu klären. Was passiert beim Suchen, Ordnen und Interpretieren der Quellen? Was veranlasst den Biographen zum Schreiben? Wie viel Autobiographie steckt in jeder Biographie? Erzählt die Biographie mehr von der Gegenwart als von der Vergangenheit? Ist sie überhaupt eine eigene Gattung? Nach Anne Lister. Eine erotische Biographie {2017} und Zeitreisen. Vier Frauen. Zwei Jahrhunderte, ein Weg {2018} schließt Angela Steidele mit dieser Poetik ihre Trilogie zum biographischen Schreiben ab.

Matthes und Seitz
2019
Reihe Fröhliche Wissenschaft, Bd. 150

Eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Verlages.

Die Biografie kommt zu kurz

Anmerkungen zu Angela Steideles »Poetik der Biographie«

Drei Dinge, die alle über Biografien zu wissen scheinen

Vor kurzem gab es eine amüsante Aufregung im Netz: Erste Auszüge aus einer Biografie über den österreichischen Ex-Kanzler Sebastian Kurz waren publik geworden, und es hagelte Hashtags wie »50 Shades of Kurz«, denn die Biografin Judith Grohmann hatte sich scheinbar von der Erotik der Macht inspirieren lassen, und darüber hinaus bedient sie sich einer Sprache auf Groschenroman-Niveau. Der Vergleich zum Hausfrauen-Porno lag da auf der Hand. Die Netz-Häme ist dabei nicht nur ein Kommentar zum politischen Geschehen in der Alpenrepublik, sie zeigt auch, welcher populärer Konsens über die Gattung der Biografie herrscht.
Erstens muss man sich eine Biografie verdienen. Auch die Schreckensgestalten der Geschichte haben ihre Biografen gefunden – vermutlich sind sie zahlenmäßig stärker vertreten als die vorbildlichen Charaktere – aber in der öffentlichen Wahrnehmung ist eine Biografie lebender Zeitgenossen zunächst mal eine Auszeichnung. Biografie und historische Größe gehören zusammen. Eine Auszeichnung, die Sebastian Kurz von vielen nicht zugestanden wird.
Zweitens darf man eine Biografie nicht selbst lancieren. Zwar ist es längst allgemein bekannt, dass Prominente Ghostwriter an den Start schicken, bzw. durch Verlage an den Start schicken lassen, aber offensichtliche Hofberichterstattung stößt auf Ablehnung. Wird aber trotzdem gekauft. Auch Empörung ist eine Form der Gruppenbildung, die durch das Internet inzwischen Diskurs beherrschend geworden ist. Und man will sich mit empören, sicherlich wird die Kurz-Biografie {immerhin die dritte} kein Ladenhüter.
Drittens muss die biografierte Person auf den Großteil seiner/ ihrer Lebensleistung zurück blicken können. Menschen, die in jüngeren Jahren Biografien an den Start schicken, scheinen selbst der Ansicht zu sein, dass ihr übriges Leben bedeutungslos sein wird. Warum sich mit solch einem Charakter beschäftigen? Weil es unterhaltsam ist, wenn andere bis über die Schamgrenze hinaus um Aufmerksamkeit betteln. Davon leben Instagram und Co. Vermutlich wird die Kurz-Biografie eine Fortsetzung aus eigener Feder erleben: »Ich war kurz Kanzler« oder so ähnlich.

Das Ende der Unschuld und der Beginn historischer Größe

Der Selbst-Inszenierung widmet Angela Steidele in der »Poetik der Biographie« ebenfalls einige Gedanken, wenn sie feststellt, dass es keine »prä-biografische« Existenz gibt, kein Leben, dem die Selbst-Gestaltung hin zur Biografie nicht schon inne wohnen würde. Man kennt aus der Geschichte zahlreiche Beispiele, in denen Schriftsteller*innen Briefe verbrannt haben, Politiker*innen Tagebuchseiten verschwinden ließen oder Herrscher*innen sich größer, gesünder, makelloser malen ließen. Es ist Aufgabe der quellenkritischen Arbeit, solchen Beeinflussungen der eigenen Biografie nachzuspüren.
Diese These der fehlenden »biografischen Unschuld« hätte ein weiteres Nachdenken verdient: Gibt es im Leben »bedeutender Persönlichkeiten« den Moment, in dem sie ihre biografische Unschuld bewusst verlieren? – der Moment, in dem sie sich einer über ihren Tod hinaus weisenden Bedeutung bewusst werden und beginnen, Quellen zu steuern? Zweifellos muss es den geben. Und somit gibt es auch eine »biografische Unschuld«, die aber nicht durch die späteren Biografen durchbrochen wird, sondern durch den Biografierten selbst. Die späteren Biografen können/ müssen sich entscheiden, ob sie sich zu Komplizen dieser Inszenierung machen oder zu Kritikern.

Angela Steidele stellt gleich in mehreren Thesen klar, dass es letztlich nur eine Komplizenschaft geben kann, schon die Auswahl der zu schildernden Persönlichkeit gehe von einem Moment des Affekts aus. Dieser steigere sich dann bis zum Phänomen des sich-selbst-Hineinschreibens: »Jede Biografie ist auch eine Autobiografie« {36}.

Die Zwangsgemeinschaft der Erwählten

Kommt es zwischen Autoren und Biografierten zu einer Art Stockholm-Syndrom? Die intensive Beschäftigung mit dem Leben einer anderen Person lässt kein Element aus, von den banalsten Dingen wie Stuhlgang über die pikanten, wie Sexualleben, bis hin zu den signifikanten, wie künstlerischer Durchbruch, politische Großtat etc. Der ständige Vergleich drängt sich auf, und es ist unvermeidlich, dass sich Parallelen finden {Ach, Napoleon konnte auch nicht tanzen? – Ich bin wie Napoleon!}. Die menschliche Psyche ist so angelegt, dass wir die Preisgabe von intimen Details als Angebot einer tiefen Verbindung ansehen. So wurden bei den gefälschten Hitler-Tagebüchern {die damit auch eine Art Biografie darstellen} begeistert die Textstellen zitiert, in denen der Diktator von Verdauungsproblemen berichtet: Auch Massenmörder haben Blähungen! – was zu der Forderung nach einer völlig neuen Geschichtsschreibung führte. Plötzlich waren Menschen bereit, Hitler in ihre Leben zu lassen, die eine ideologisch denkbar große Entfernung zu ihm proklamierten.
Die »Preisgabe« von privaten und intimen Details ist natürlich einseitig {auf den meist verstorbenen »Gegenstand« beschränkt}, und von einem Bündnis kann daher nicht die Rede sein. Besonders bei der affirmativen Biografie müssten sich die Autoren daher ständig die Frage stellen, ob die Grenze zur Bloßstellung nicht überschritten wird. Daher greifen Autorinnen und Autoren oft zu einem Kunstgriff: Steidele zitiert Wolfgang Hildesheimer, der erklärt, dass Autoren in sich das Gefühl pflegen, von ihrem Gegenstand »erwählt« worden zu sein {49}. Und als Auserwählte müssen sie sich nicht den Regeln von Diskretion und Zurückhaltung unterwerfen.

Bloßstellung, Bildersturm und Twitter

Dass der Affekt der Anfang einer jeden biografischen Arbeit ist, kann Angela Steidele hervorragend an ihren eigenen »Gegenständen« belegen. Die »Poetik der Biografie« ist der dritte Teil der Arbeit um die freigeistige und freizügige Anne Lister und auch Resümee zu den Büchern über »Rosenstengel« Catharina Linck und Adele Schopenhauer – zu Recht widmet Angela Steidele ihnen dieses Büchlein. Die literaturwissenschaftlichen Thesen ergänzt Steidele durch Reflexionen und Anekdoten aus der Arbeit an ihren Büchern und zeigt dabei gekonnt die Fähigkeit, den englischen »wit« in der deutschen Sprache aufblitzen zu lassen. Leiser Humor, Selbstironie und präzise Beobachtungen machen die kleinen Einschübe zu eigenen literarischen Perlen. {Die Wendung »sich im biografischen Handwerk die Hände schmutzig machen« {59} werde ich gerne in meinen Sprachgebrauch übernehmen}.

In der Betonung des Schulterschlusses zwischen Biografen und Biografierten lässt Angela Steidele eine Sonderform der Biografie jedoch völlig außer Acht: Das Enthüllungsbuch. Es entsteht fast immer zu Lebzeiten der biografierten Person und wird immer aus dem Lager der Gegnerschaft geschrieben, manchmal auch von enttäuschten Weggefährten. Das Enthüllungsbuch hat seine Funktion nicht in einer {oft vergeblich geleugneten} Heldenverehrung, sondern versteht sich als nötiges Korrektiv. Es erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit sondern arbeitet sich an den populärsten Fakten über die Person ab. Das Image einiger römischer Kaiser wurde {zu ihrem Nachteil} von Historikern geprägt, die mit dem Imperator noch ein Hühnchen zu rupfen hatten. Und nach Donald Trumps Amtsantritt verging kaum eine Woche, in der kein Enthüllungsbuch über seinen Werdegang und seine Amtsführung erschien. Nachhaltig geschadet hat ihm offenbar keins davon, denn er bringt die Selbstinszenierung dagegen in Stellung: Gegen die Fülle an Twitter-Behauptungen kann kaum ein Biograph antreten.

Biografie als Kampfschrift

Der Frage, inwiefern das digitale Zeitalter die Arbeit von Biografen verändern wird, widmet sich Angelas Steidele bedauerlicherweise nicht. Für sie ist die zentrale Frage an die Biographie die, ob sie mehr Wissenschaft oder mehr Kunst ist. Hier hätte eine Präzisierung des Begriffs »Wissenschaft« in den aktuellen Diskurs geführt: Die Biografie ist Teil der Geschichtsschreibung. Warum leisten sich Gesellschaften die Erforschung ihrer Geschichte? Um Ist-Zustände zu verstehen und Vorhersagen über die Zukunft zu treffen beispielsweise. Vor allem aber soll Geschichte identitätsstiftend sein – und damit ist Geschichtsschreibung beinahe politischer als die Politikwissenschaft selbst. Erst die ideologischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts und das Aufbegehren gesellschaftlicher Minderheiten hat in den letzten Generationen dazu geführt, dass die Biografie als Heldenverehrung der immer selben Gestalten ausgedient hat. Angela Steidele beleuchtet diesen Prozess durch die Aussage, dass »die Biografik […] ein durch und durch patriarchales Genre ist.« {26} Die Frauen-Biografik hat in den letzten Jahrzehnten deutlich aufgeholt, sodass schon erste Ermüdungserscheinungen sichtbar sind, ist sie doch dem immer selben Muster verpflichtet: Dem Vorbild für die Gemeinschaft {anderer Frauen insbesondere}. Die zum Schweigen verurteilten Stimmen über Biografien hörbar zu machen, war und ist ein Ansinnen vieler Rights-Groups.
Derweil hat eine ganz andere Gruppe sich das historische Bewusstsein von Minderheiten und diskriminierten Bevölkerungsteilen zu eigen gemacht: Die Neue Rechte. Sie tritt ebenfalls mit der Behauptung an, als Stimme unterdrückt zu sein. Entsprechende Biografien werden wahrscheinlich nicht lange auf sich warten lassen – bis dahin unterstellt man den Biografien afrikanische stämmiger Sportler Asylbetrug und hält diese Behauptung auch ohne Fakten aufrecht.

Akademische Gemütlichkeit und politische Brisanz

Kann es also angesichts solcher Entwicklungen das größte Problem der Biografie sein, dass sie mit Mitteln der literarischen Gestaltung den Boden der Tatsachen mitunter verlässt? Will man sich dort noch mit Rechtfertigungen aufhalten, während man von rechts überholt wird? Fakten sind längst nicht mehr die Dinge, die sich an Quellen überprüfen lassen; Fakten sind die Dinge, die die öffentliche {oder historische} Meinung am stärksten beeinflussen. Hieran hatte und hat die Biografie immer schon einen ebenso zweifelhaften wie rühmlichen Anteil. Diesen zu beleuchten hätte eine Brisanz, die der »Poetik« leider fehlt. Immerhin kann das Fazit manche Fachtagung zu einem gütlichen Ende führen:
»Biographien lehren, die unglückliche Spaltung in unserem Denken – etwa zwischen Sachbuch und Belletristik – zu überwinden.« {93}

Fazit

Eine hervorragende, kurzweilige und kenntnisreiche Handreichung für versierte Leser*innen {und Autoren} von Biografien, leider nicht mehr – wir freuen uns auf eine Programmatik der Biografie im post-faktischen Zeitalter.