Marcello Simoni – Die Abtei der hundert Sünden

Histo Journal Buchbesprechung: Marcello Simoni »Die Abtei der hundert Sünden«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

Inhalt
Frankreich im Jahr 1346. Maynard de Rocheblanche hat gerade die blutige Schlacht bei Crécy überlebt, als er in den Besitz eines Pergaments gerät, das Hinweise auf eine einzigartige Reliquie enthält. Doch das mysteriöse Schriftstück bringt ihn in höchste Gefahr: Mächtige Gegenspieler wollen es um jeden Preis an sich bringen. Maynard beginnt zu verstehen, dass er auf der Suche nach einem äußerst wertvollen und gefährlichen Objekt ist. Und er weiß: Sollte das Pergament jemals in die falschen Hände gelangen, würde die gesamte Welt ins Wanken geraten …

Emons Verlag
384 Seiten
ISBN 978-3-95451-942-2
14,95 Euro

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Emons Verlags

Von Rittern und Ränkeschmieden

Auf einer Lesung während der Crime Cologne stellte der Autor seinen Roman vor. Und es sei vorweg gesagt, dass, wenn man beabsichtigt, den vorgestellten Roman zu lesen, sollte man auf den Besuch einer Lesung mit Marcello Simoni verzichten. Der Autor erzählt sehr bereitwillig über die Handlung, seine Personen, deren Charaktere – dass man das Buch eigentlich nicht mehr lesen muss, auch wenn Simoni das die Trilogie tragende Geheimnis dann doch verschweigt.
Und dieses Geheimnis bleibt auch am Ende des Romans geheim. Denn »Die Abtei der hundert Sünden« ist das erste Buch einer als Trilogie geplanten Reihe um den Ritter Maynard de Rocheblanche und dessen Schwester Eudeline.

Die Schlacht von Crécy bildet einen schrecklichen Höhepunkt des Hundertjährigen Krieges, in dem sich England und Frankreich gegenüberstanden. In dieser Schlacht wurden die Franzosen vernichtend geschlagen, unter den Besiegten ist auch der Ritter Maynard de Rocheblanche. Noch auf dem Schlachtfeld stößt er auf einen sterbenden Edlen. Es ist Jang de Blannen, der König Johann von Böhmen. Dieser bittet ihn um einen letzten Dienst: »Unendlich langsam zog er einen Gegenstand aus seinem eisernen Handschuh und überreichte ihn Maynard. Der nahm ihn, ohne Fragen zu stellen. Es handelte sich um eine schmale Pergamentrolle, die in einem goldenen Siegelring steckte.« {Seite 18} Sein Auftrag: Maynard soll das Papier hüten und niemandem zeigen, auch Jang de Blannens Sohn Karel nicht.
Maynard betrachtet es als ein Vermächtnis, das Pergament zu hüten, sieht es aber ebenso als notwendig an, das damit verbundene Geheimnis zu lüften.

Natürlich gibt es etliche, die ein Interesse an dem Pergament haben, das zu einer Reihe von Reliquien gehört, die einst gestohlen wurden. Und bald sieht sich Maynard – und nicht nur er – den Ränken eines übermächtigen Gegners ausgeliefert.
Die Suche nach dem Geheimnis, das das Pergament verbirgt, führt Maynard zunächst zu seiner Schwester nach Reims und schließlich weiter nach Ferrara in die Abtei Santa Maria di Pomposa. Und von hier aus nimmt die Geschichte Fahrt auf, unbarmherzige Cliffhanger hetzen den Leser von Kapitel zu Kapitel.
Die Geschichte ist aus verschiedenen Perspektiven erzählt, doch es ist hauptsächlich die Geschichte des Maynard de Rocheblanche, der gegen einen unbekannten, und doch überaus mächtigen Gegenspieler antritt, der seine Figuren schon auf dem Feld positioniert hat, während Maynard noch blind herumirrt. Wer ist Freund, wer Feind?

Überaus kundig schildert Simoni die Welt des Mittelalters, der Ritter und Herrschern, der Äbtissinen und Adligen, aber auch der Söldner und Bauern. Vor allem begeistert Simoni sich, und damit auch seine Leser, für die Fresken der Abtei Santa Maria di Pomposa. Deren Bilderzyklus stellt einen wichtigen Raum in seiner Trilogie dar. Seine Schilderungen dazu bietet Interessierten einen großen Lesegenuss.

Mühevoll war dagegen, Sympathien für die Helden der Geschichte zu entwickeln. Maynard selbst erscheint unvermittelt ruppig, er stößt vor den Kopf, entschuldigt sich dann ebenso plötzlich – oder auch nicht, so dass es gelegentlich schwerfällt, seine Beweggründe nachzuvollziehen. Auch seine Schwester, die Äbtissin des Klosters Sainte-Balsamie in Reims, neigt zu unberechenbar heftigen Ausbrüchen.

Den Einstieg in die Lektüre erschweren mitunter sonderbare Formulierungen wie »… und lenkte sein Pferd im Trab durch die Bäume.« {S. 10} oder auch die gelegentlich schwer vorstellbaren Beschreibungen örtlichen Gegebenheiten oder zeitlichen Abläufe. Mag sein, dass dies der Übersetzung geschuldet ist.

Ganz bitter ist jedoch, dass das Buch endet, ohne wenigstens für ein paar der Probleme eine Lösung zu bieten, bis auf einen hänge alle aufgenommenen Fäden in der Luft. Nun, es ist natürlich der erste Band einer Trilogie. Dennoch … Dennoch hätte ich mir eine klarer abgegrenzte Handlung in dem Roman gewünscht, es handelt sich schließlich nicht um ein Welten-Epos im Stil von Games of Thrones.

Fazit

Wer über ein gutes Gedächtnis verfügt, so dass er sich auch nach dem Erscheinen der Folgebände noch an den Inhalt dieses Buchs erinnert, dem sei das Buch sehr empfohlen. Es ist überaus spannend und bietet interessante Einblicke vor allem auch in die Kunst der Freskenmalerei, und die Inhalte der Bilder. Wer kunsthistorisch interessiert ist, aber in erster Linie einen spannenden Mittelalterthriller sucht, ist also mit diesem Buch bestens bedient.