Louise Welsh – Tamburlaine muss sterben

»Das ist das Theater des Blutes«

Histo Journal Besprechung: Louise Welsh »Tamburlaine muss sterben« – Übersetzer: Wolfgang Müller

Gelesen & Notiert von Tanja Schurkus

Inhalt:
1593 ist London eine aufregende, unruhige Stadt. Ein verzweifelter Ort, bedroht von Krieg und Pest. Fremde sind hier nicht willkommen, aufgespießte Köpfe grinsen von der Tower Bridge. Der Stückeschreiber, Poet und Spion Christopher Marlowe hat noch drei Tage zu leben. Drei Tage, in denen er mit gefährlichen Regierungsvertretern konfrontiert wird, die ihr eigenes Süppchen kochen, mit Doppelagenten, mit Schwarzer Magie, mit Verrat und Rachsucht. Drei Tage, in denen er den mörderischen Tamburlaine sucht, einen Killer, der seinem eigenen, äußerst gewalttätigen Theaterstück entsprungen zu sein scheint. »Tamburlaine muss sterben« ist die abenteuerliche Geschichte eines Mannes, der Kirche und Staat herausfordert und entdeckt, dass es Schlimmeres gibt als die Verdammung.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Antje Kunstmann Verlags

Es lebe Christopher Marlowe!

Shakespeare ist tot – und das nun schon seit 500 Jahren. Es lebe Christopher Marlowe. Der ist auch tot und zwar seit 523 Jahren. Aber in dem Roman »Tamburlaine muss sterben« von Louise Welsh lebt er noch einmal auf und mit ihm das London der elisabethanischen Zeit. Der Roman erschien schon 2004 in England und 2005 auf Deutsch im Antje Kunstmann Verlag. Das Shakespeare-Jahr bietet einen wunderbaren Anlass, diesen Roman einer Preis gekrönten Autorin vorzustellen.

Würde man Christoper Marlowe noch kennen, wenn es Shakespeare nicht gegeben hätte? – und wenn da nicht die ewigen Gerüchte wären, dass beide die selbe Person waren? Fakt ist: Über Shakespeare weiß man wenig und das was man weiß, ist so unspektakulär, dass es nicht zu seinen Stücken und Gedichten zu passen scheint. Deftig geht es da zu, es wird gestorben, gemordet und vor allem geliebt. Und das soll ein Mann geschrieben haben, dessen Geiz und Sparsamkeit vor allem aktenkundig geworden sind, dem es eines Tages irgendwie nicht ganz wohl war und der dann starb. Das kümmerte zunächst anscheinend kaum jemanden, und in sein Grabmal meißelte man einen Getreidesack statt Papier und Feder.
Das soll der größte Dichter aller Zeiten sein?

Christopher Marlowe dagegen war zwielichtig, aufsässig, verdächtig, ein Sohn dunkler Gassen und verschlagener Spelunken, saß mehrmals im Kerker, stand im Ruf ein Spion seiner Majestät zu sein und fand sein Ende in einer Messerstecherei. Dass man aus ihm und Shakespeare ein und dieselbe Person machen möchte, liegt vielleicht an der etwas beunruhigenden Frage: Woher nehmen Schriftsteller eigentlich ihre Ideen? Die eigene Erfahrung ist zumindest ein nachvollziehbares Element. Aber die bloße Phantasie – die ist wissenschaftlich nicht zu ergründen. Ein Mann vom Schlage Marlowes, der konnte Shakespeares Stücke schreiben.
Historisch bewiesen ist jedenfalls, dass Marlowe und Shakespeare zur selben Zeit die Londoner Theater füllten und sich in Konkurrenz um dasselbe Publikum befanden. Marlowe war bereits eine umjubelte Größe in der Theaterszene, als Shakespeare nach London Stadt kam. Vermutlich hat der gleichalterige Shakespeare den Erfolge der Saison 1587 auf der Bühne gesehen: Tamburlaine der Große. In Marlowes Stück geht es um einen Emporkömmling im Osten, der sich ein Weltreich erschafft, dabei skrupellos und leidenschaftlich vorgeht, auf der Bühne wurde kein Blatt vor den Mund genommen, der Schurke wurde zum Helden, etwas, dass das Theater so noch nicht erlebt hatte. Und Shakespeare ging fortan ähnlich zu Werke – noch eine Quelle der Inspiration: Es sich bei anderen abschauen. Zumindest scheinen beide Autoren in den folgenden Jahren unmittelbar aufeinander geantwortet zu haben. Böse Zungen behaupten, dass Marlowe der größte Dichter aller Zeiten geworden wäre, wäre er nicht im Alter von 29 Jahren in einer Messerstecherei zu Tode gekommen {obendrein auch noch jenes magische Alter, in dem alle tragischen Genies zu sterben scheinen}. Verschwörungstheoretiker mutmaßen, dass Marlowe, dessen Verbindungen tief in das intriganten Umfeld des Königshauses reichten, das Pflaster zu heiß wurde und er seinen Tod inszenierte {er war ja vom Theater}, um ganz in seinem Pseudonym »William Shakespeare« aufzugehen, wo er dann ein möglichst unauffälliges Leben führte und wenig private Spuren hinterließ.

Kafka trifft Marlowe, trifft Shakespeare

Aber um all diese Dinge geht es im Roman von Louise Welsh NICHT. Ihr Marlowe scheint sich zu denken »who the f*** is Shakespeare?«. Ihr Roman – mehr eine Erzählung – lässt einen getriebenen Mann zu Wort kommen, der gerne mit den verbotenen Dingen spielt: Mit anderen Männern, mit Atheismus, mit Würfeln, Karten und Nutten. Er weiß, dass es bald um ihn geschehen sein wird. Er hat sich erpressbar gemacht. »Ich bin eine abenteuerliche Natur«, sagt er in britischen Understatement über sich sich selbst. Und dann wird er vor den Kronrat zitiert – eine historisch verbürgte Tatsache. In Louise Welshs Buch wird daraus ein kafkaesker Moment: Dubiose Anklagen von Hochverrat und Spionage stehen im Raum, basierend auf Flugschriften, die mit »Tamburlaine« unterzeichnet sind. Aber Marlowe weiß, dass es darum nicht geht, er weiß dass er aufgrund seines Lebenswandels schuldig ist. Nicht mehr, als diejenigen, die über ihn zu Gericht sitzen, aber das ist das Wesen der Macht: Die Mächtigen kommen mit ihren Vergehen davon. Marlowe droht der Kerker und die Hinrichtung, wenn nicht … ja was?
Das Buch wagt sich an die dramaturgisch heikle Konstellation, dass das Ende den Lesern bekannt ist: Marlowe wird sterben. Und ganz offensichtlich geht es Louise Welsh auch nicht darum, eine weitere kriminalistische These aufzustellen darüber, wer denn nun den Dichter aus welchen Motiven ins Auge stach. Ihr geht es um das Psychogramm eines Mannes, der sich vor allem selbst zum Verhängnis wird. Er zückt den Dolch, wenn er besser verhandeln sollte, er lässt sich vom Alkohol die Zunge lockern, wenn er besser schweigen sollte und er lehnt stolz Angebote ab, die er besser annehmen sollte. Durch die gewählte Ich-Perspektive wird man auf packende Weise in den Kosmos dieser Figur hinein gezogen, sodass es sich das Buch gut erlauben kann, auf klassische Spannungsbögen zu verzichten.

Vorhang auf für Londons Gassen

Das Sprachgefühl von Autorin und Übersetzer tun ein übriges, um das Lesen zum Genuss werden zu lassen. Da gibt es Labyrinthe des Lernens und verwüstete Gesichter, das werden aus Theatergräben Pestgräben und vor allem gibt es London, das aus Pest und religiösen Unruhen wieder hervor gekrochen kommt. Der Roman ist bevölkert von Gestalten einer Halbwelt: Die Vermieterin, die in fast kannibalischer Manier Eingeweide frisst, ein Alchemist, ein blinder Buchhändler, ein Kerkermeister, schmierig wie eine Nacktschnecke. Und hinter oder über allem schwebt eine Königin, in deren Namen alles zu geschehen hat und um die sich zahlreiche Intrigen ranken, in die schließlich auch Marlowe verwickelt wird.
Wenn man eine Schwäche an diesem Buch benennen muss, dann liegt sie vielleicht darin, dass es einiges an Wissen über die Epoche und ihre Protagonisten voraus setzt {Raleigh, die Walsinghams, die Mitglieder des Kronrats}. Ständig wird man dazu verlockt, im Internet nachzulesen, wie sehr {oder wie wenig} sich die Autorin an der Faktenlage orientiert hat, obwohl es für die Handlung letztendlich kaum eine Rolle spielt. Der Verrat durch den engsten Freund erschüttert, auch wenn man im Schulunterricht nicht aufgepasst hat.

Fazit

Louise Welsh ist es gelungen, einen faszinierenden Protagonisten zu erschaffen. Ob Marlowe wirklich so gewesen ist? Unwichtig. Diesem Marlowe glaubt man seine Stücke. London ist in diesem Roman nicht nur Kulisse für Geschichtsliebhaber sondern ein Sumpf menschlicher Abgründe, in dem es besser ist zu sterben als zu leben.
Wenn man in diesem Sommer {k}einen Roman über Shakespeares Zeit lesen will, dann sollte man diesen nehmen.