Kristin Hannah – Die Nachtigall

Histo Journal Buchbesprechung: Kristin Hannah »Die Nachtigall«

Gelesen & Notiert von Alessa Schmelzer

»Ich stelle mir gern vor, dass ich Frieden finde, wenn ich gestorben bin, dass ich all die Menschen wiedersehe, die ich geliebt und verloren habe. Dass mir zumindest verziehen wird. Aber ich weiß es besser.«

Inhalt
Zwei Schwestern im von den Deutschen besetzten Frankreich: Während Vianne ums Überleben ihrer Familie kämpft, schließt sich die jüngere Isabelle der Résistance an und sucht die Freiheit auf dem Pfad der Nachtigall, einem geheimen Fluchtweg über die Pyrenäen. Doch wie weit darf man gehen, um zu überleben? Und wie kann man die schützen, die man liebt?
In diesem epischen, kraftvollen und zutiefst berührenden Roman erzählt Kristin Hannah die Geschichte zweier Frauen, die ihr Schicksal auf ganz eigene Weise meistern.

Übersetzt von Karolina Fell
Gebunden mit Schutzumschlag
608 Seiten
Rütten & Loening
ISBN: 978-3-352-00885-6
19,99 Euro

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Verlags Rütten & Loenig

Immer stärker bedrängte mich eine quälende Frage, die heute genauso bedeutsam ist wie vor siebzig Jahren: Würde ich, als Frau und Mutter, jemals mein Leben – und noch viel wichtiger: das Leben meines Kindes – riskieren, um einen Fremden zu retten?«, lässt Kristin Hannah die Leser ihres Romans »Die Nachtigall« in der Nachbemerkung des Romans wissen.
Unbestreitbar ist dies eine interessante Frage, die sich {nicht nur} die Autorin stellt. Eine philosophische Frage ist es überdies. Was soll ich tun? Auf die damalige Zeit bezogen: Was hätte ich getan? Hätte ich moralisch gut gehandelt? Und anders gefragt, was hätte mich davon abgehalten eben dies nicht zu tun? Hannahs Roman »Die Nachtigall« mag als Antwort auf diese an sich selbst gerichtete Frage zu verstehen sein. Der Appell an das eigene Ich zur Aufrechterhaltung der eigenen Moral. Der Roman ist zudem noch mehr. Er ist eine Hommage an all jene couragierten Frauen, die in der Résistance aktiv waren.
Der Blick in die Vergangenheit der Menschheitsgeschichte zeigt schließlich eines ganz deutlich: Wegsehen kann und darf niemals das Gebot der Stunde sein. Vor mehr als siebzig Jahren sahen etliche Menschen weg, verschlossen ihre Augen – man mag das Klischee an dieser Stelle wohlwollend verzeihen – und Herzen. Vernunftbetontes Handeln war mit einem Mal passé, und dies flächendeckend. Moral als ein Schuh mit abgetragener Schuhsohle, dessen Aufarbeitung nicht mehr lohnt und mit leichter Hand entsorgt werden konnte.

»Wenn du durch die Hölle gehst, bleib nicht stehen.« – Winston Churchill

Als vor mehr als siebzig Jahren, während des Zweiten Weltkrieges, die Deutschen in Frankreich einmarschierten und das Land zum Teil besetzt hielten, regte sich bei einigen Menschen Widerstand. Menschen, die nicht wegsehen, sondern helfen wollten. Jenen zu helfen, deren Leben von den Faschisten bedroht war. All diese unerschrockenen und mutigen Menschen formierten sich in der Résistance. Männer und Frauen gleichermaßen setzten ihr Leben auf’s Spiel, um das anderer zu retten. Dieses Engagement war gefährlich, nicht nur für die Widerstandskämpfer selbst, sondern auch für deren Familien. Frauen und Männer der Résistance, die Verfolgten zur Flucht verhalfen, abgestürzten Piloten das Leben rettete, gefälschte Papiere organisierte und Verfolgten über geheime Fluchtrouten in andere Länder brachte. Ein riskantes Unterfangen. Jean-Paul Satre schrieb im September 1944, da war Paris just von den Alliierten befreit worden: »Wenn man mich foltert, werde ich durchhalten?« {erschien in der 1941 gegründeten Geheimzeitschrift »Les Lettres françaises«}. Allein die Frage in ihrer Konsequenz zu denken ist furchteinflößend. Umso bemerkenswerter sind die Taten jener Menschen, die sich in der {eigentlich sind es viele verschiedene Gruppierungen} Résistance engagiert haben. Dass eben auch Frauen Teil der Résistance gewesen waren, wird in der Geschichtsschreibung häufig unterschlagen. Dabei waren sie ebenso entschlossen und heldenhaft den Konsequenzen ins Auge zu schauen wie die Männer.

Hommage an die Frauen in der Résistance

Hannah erzählt in ihrem Roman die Geschichte zweier ungleicher Schwestern. Vianne und Isabelle sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während Vianne glücklich und zufrieden in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter aufgeht, übernimmt Isabelle sozusagen den Part der ewigen Rebellin. Alles, was einem jungen Mann gut zu Gesicht stünde und als Stärke gewertet würde, drückt ihr den Makel eines aufmüpfigen Mädchens, des nicht Damhaften, auf. Ein ums andere Mal fliegt sie von den besten Internaten für höhere Töchter. Zur feinen Dame, die adrett auf ihrem Stuhl hockt und artig Konversation betreibt, ist Isabelle nicht geschaffen. Der einsetzende Krieg verändert alles. Vianne verliert ihren Ehemann, der in den Krieg zieht. Ihr bleibt die achtjährige Tochter. Die Verantwortung für das Mädchen trägt sie nun allein. Jede ihrer Handlungen muss wohl überlegt sein. Vor allem, als ein deutscher Offizier bei Vianne einquartiert wird, mit dem es sich in irgendeiner Form zu arrangieren gilt. Beklommen erlebt sie zudem die Deportation von Freunden. Vianne muss sich entscheiden. Was soll sie tun?
Anders erlebt Isabelle den Krieg. Sie ist jünger als ihre Schwester und begierig etwas zu tun. Ohne Kind ist sie autark und letztlich nur für sich selbst verantwortlich. Sie stößt zur Résistance. Isabelle ist tapfer, rettet Leben, bis sie selbst in die Fänge der Gegner gerät …
Kristin Hannah verzichtet wohltuend auf plumpe Schwarz-weiß-Malerei. Ihre Figuren besitzen Kraft und Tiefe und eine ambivalente Gefühlswelt. Die Schwestern Vianne und Isabelle auf ihren Wegen zu begleiten, ist nervenaufreibend und wirft den Leser mehr als einmal in ein finsteres Dunkel hinein. Denn so unterschiedlich Vianne und Isabelle mit dem Einsetzen des Krieges umgehen; die Konfrontation mit dem Tod, der ständigen Angst vor der überall lauernden Gefahr eint sie schließlich doch. Denn die Frage »Was soll ich tun?« geht schließlich weit über die Verantwortung über das eigene Lebens hinaus … 

Extras

»Die Nachtigall« liegt als gebundener Roman aus dem Verlag Rütten & Loening vor. Das Cover besticht durch seine Schlichtheit. Leserinnen und Leser dürfen sich zudem über ein Lesebändchen, eine informative Karte im Inneren und über eine Nachbemerkung und eine Danksagung der Autorin freuen. Hannah bedankt sich beispielsweise bei der Autorin Tatiana de Rosnay für deren Hilfe. De Rosnay hatte 2007 den Roman »Sarahs Schlüssel« geschrieben, der die Deportation und unmenschliche Unterbringung französischer Juden 1942 in die Radstadion »Vél d’Hiv« thematisiert.
Ebenfalls freuen darf sich der Leser über die sprachgewandte sowie feinfühlige Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karolina Fell, die entschieden zum Genuss der Lektüre beiträgt, weil sie die Atmosphäre der Geschichte greifbar werden lässt..

Fazit

»Die Nachtigall« steht zu Recht seit über einem Jahr auf der Bestsellerliste in den USA. Die Geschichte der beiden ungleichen Schwestern liest sich wie eine Hommage an die Frauen, die in der Résistance gekämpft haben und in der Geschichtsschreibung so häufig unerwähnt bleiben. Hannah nimmt ihre Leser mit in eine düstere Vergangenheit und führt sie auch an jene Orte, an denen niemand sein möchte. Eindringlich, schonungslos und berührend. Lesenswert.

Zitat von jean-Paul Satre stammt aus »La République du Silence« erschienen in »Les Lettres françaises« am 9. September 1944.
Weitere Zitate entnommen aus »Die Nachtigall« von Kristin Hannah.