Buchbesprechung: Esther Grau – Grimms Albtraum

Histo Journal Buchbesprechung: Esther Grau »Grimms Albtraum«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

esther grau - grimms albtraum

Inhalt
Die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff raubt dem Märchensammler Wilhelm Grimm mit ihrer unverblümten Art den Schlaf. Ganz anders ihre Schwester Jenny, die mit ihm anbändelt. Vor Liebesintrigen ist aber auch der kokette Trotzkopf Annette nicht sicher … Vor allem für ihre größte Leidenschaft, die Dichtkunst, muss sie als adelige Frau im frühen 19. Jahrhundert lebenslang kämpfen.
Der biografische Roman erzählt unbekannte Seiten einer bekannten Dichterin und folgt ihrer Lebensreise vom Münsterland an den Rhein bis nach Meersburg am Bodensee. Er zeigt, dass die Dichterin der Biedermeierzeit alles andere als bieder war, sondern eine kluge Frau, die diplomatisch, humorvoll und durchaus unkonventionell ihrer Berufung folgte.

Paperback
Acabus Verlag
360 Seiten
ISBN 9783862823550
13,90 Euro

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Acabus Verlags

Portrait einer sehr erstaunlichen Dichterin

Einst brachte sie wohl mit ihren wenig damenhaften Sticheleien Wilhelm Grimm um den Schlaf, sein Albtraum ist in einem Brief dokumentiert. Von daher rührt der Titel des Romans: Grimms Albtraum. Er steht wohl für den sperrigen Charakter der Hauptfigur, der vermutlich bedeutendsten deutschen Dichterin des Biedermeiers, Annette von Droste-Hülshoff. Auch ich wurde in der Schule mit der »Judenbuche« traktiert, zudem sicher auch mit dem ein oder anderen Gedicht der adligen Dame aus dem Münsterland, an das ich mich nicht mehr erinnere. Bis in den Tatort aus Münster hat es die Dichterin aus Hülshoff geschafft. In der Folge »Der dunkle Fleck« ist »Der Knabe im Moor« zu hören, »Die tote Lerche« wird in einer nächtlichen Friedhofsszene der Tatort-Folge »Ruhe sanft« aus dem Jahr 2007 vorgetragen.
Vielmehr wusste ich eigentlich nicht über sie. Mit der Lektüre dieses nicht nur unterhaltsamen, sondern auch bereichernden Buches hat sich dieser Umstand erfreulich geändert. Und es zeigte sich: Diese mir bislang unbekannte Annette war eine ganz erstaunliche Frau.

Es beginnt im Januar 1797, gerade jetzt also vor nunmehr 220 Jahren. Am 10. oder 12. Januar kommt Annette, die eigentlich Anna Elisabeth Franzisca Adolphina Wilhelmina Ludovica Freiin von Droste zu Hülshoff heißt, zur Welt. Annette ist ein Frühchen, das, kaum auf der Welt, schon ums Überleben ringt. Dank der Amme Maria Catharina Plettendorf, die zeitlebens als Zweitmutter einen Platz in Annettes Herz einnimmt, überlebt der zarte Säugling.
Annette, das zeigt sich schon früh, ist ein sehr besonderes Kind. Vor allem begeistert sie sich für Geister- und Gruselgeschichten, laut Esther Grau ist es die Amme, die mit ihren Geschichten von Gräberknechten und Torfgräbern im Moor diesen Funken entfacht. Oder es wirkt der Einfluss des Vaters Clemens, der selbst wunderliche Geschichten über Spuk und Gespenster bis hin zu Zauberrezepten sammelte.
Aber das Kind lernt auch sonst mit großem Eifer. »Seit dem vergangenen Winter unterrichtete die Freifrau ihre Töchter in Lesen, Schreiben und der christlichen Lehre. Annette war noch keine sechs Jahre alt, als sie anfingen, aber so zart ihr Körper gebaut war, so ungestüm verlangte ihr Geist nach Nahrung. Trotzdem gingen ihr noch tausend andere Dinge neben dem Unterricht durch den Kopf.« {S. 17}
Annette ist durch ihre Kurzsichtigkeit stark eingeschränkt, trotzdem befleißigt sie sich einer winzigen Schrift, die außer ihrer Schwester Jenny kaum jemand zu entziffern im Stande ist. Stets wird sie ermahnt, aufrecht zu sitzen – wegen ihrer Kurzsichtigkeit beugte sie sich nah an das Papier – und nicht nur richtig, sondern auch schön zu schreiben. Unter den gegebenen Umständen eine Herausforderung. »Denn es war klar: Behielt sie die Haltung, verloren die Buchstaben die ihre – und umgekehrt.« {S. 17}
Mit sieben verfasst sie ihr erste Gedicht, geschrieben auf goldenem Schokoladenpapier, das sie im Turm der Burg versteckte.

»Kom Liebes Hähnchen kom heran
Und friß aus meinen Händen.
Nun kom du Lieber kleiner Mann
das sie’s dir nicht entwenden«

Diese entzückenden Zeilen sind dem Hähnchen gewidmet, einem verkrüppelten und von den anderen Hühnern gemobbtes Federvieh, das Annette, vielleicht weil sie selbst so zart war, in ihr Herz geschlossen hatte. {S. 22}
Gern begleitet der Leser Annette und ihre Lieben weiter auf ihrem Lebensweg. Ihre große Erfüllung findet Annette erwartungsgemäß in der Dichtkunst. Ihre Mutter unterstützt sie zunächst. Zu deren Freude ernten Annettes Verse, vorgetragen auf den häuslichen Gesellschaften, viel Lob und Anerkennung. Kopien ihrer Dichtkunst werden weitergereicht, ihr früher Ruhm erreicht bald Münster. Bereits 1809 erhält sie das Angebot von Redakteur Raßmann, an seinem Münsterischen poetischen Tagebuch als Mitarbeiterin mitzuwirken. Da plötzlich ist es vorbei mit der Unterstützung der Mutter, die ihr die Veröffentlichung untersagt. Von der Mutter gemaßregelt, vom Onkel August verspottet, sieht sie sich dazu verdammt, nur noch zum Hausgebrauch zu dichten. Vielleicht liegt es aber auch an Annettes Geltungsdrang, den die Familie eindämmen will. Annette sieht sich gern bewundert und im Mittelpunkt stehend. Kritik an ihrer Arbeit kränkt sie zutiefst.

Die kunstliebende Familie ermöglicht ihr den Kontakt zu den geistigen Größen der Zeit. Nicht nur zu Wilhelm Grimm, dem Sammler der Hausmärchen, der den Hülshoffs die ein oder andere Geschichte verdankt. Bei ihrer Reise zu Verwandten im Rheinland lernte sie Sibylle Mertens-Schaaffhausen kennen, mit der sie fortan eine enge Freundschaft verband. Im Haus der begeisterten Archäologin und Mäzenin verkehrten auch Johanna und Adele Schopenhauer sowie Goethes Schwiegertochter Ottilie. In Bonn begegnete Annette von Droste-Hülshoff außerdem August Wilhelm Schlegel. Trotz aller Ambitionen entzog sie sich nie den Anforderungen ihrer Familie, die sie, die unverheiratete Landadlige, bei jeder Gelegenheit als Krankenpflegerin heranzog. Auf deren Unterstützung sie ihrerseits selbst wegen ihrer schwachen Konstitution bis an ihr Lebensende angewiesen war.
Viele Facetten des Lebens von Annette von Droste zu Hülshoff werden aufgefächert. Unklar jedoch bleibt, warum Annette nie verheiratet wurde. Vielleicht ist es ein spezielles Liebesabenteuer, das ihr einen prägenden Stempel aufdrückt: Die Liebe zu Heinrich Straube, dem Bettelstudenten, den ihr Onkel August in die Familie einführt. In ihm glaubt die damals Dreiundzwanzigjährige einen Seelenverwandten gefunden zu haben, einen verständigen und verständnisvollen Mann, der ihre Arbeit schätzt, und dessen Kritik sie annehmen kann. Er ist zwar unterhaltsam, aber wenig ansehnlich und zudem arm, dennoch hofft Annette, dass die Familie einer Eheschließung mit ihm zustimmt. Doch soweit kommt es gar nicht. Ein weiterer Freund vom Onkel, August von Arnswaldt, erscheint auf der Bildfläche, und Annette ist sogleich hingerissen von dem gutaussehenden, gebildeten Mann. Die Dichterin ist ohnehin leicht zu begeistern und für Schmeicheleien sehr empfänglich. Am Ende entscheidet sie sich für ihre alte Liebe Heinrich, doch dafür ist es dann zu spät. Sie ist das Opfer einer Intrige geworden, angezettelt unter anderem von ihrem Onkel August. Arnswaldt wurde angeblich geschickt, um ihre Treue auf die Probe zu stellen. Und Annette hat versagt. Zwanzig Jahre lang bleibt sie fortan dem Haus ihres Onkels fern.
Aber auch ihre Schwester Jenny, die engste Vertraute, heiratete erst 1834, mit knapp vierzig Jahren, den deutlich älteren Germanisten Joseph von Laßberg und zog mit ihm in das Schloss Eppishausen im Kanton Thurgau in der Schweiz. Anlässlich der schweren Geburt der Zwillinge Hildegard {† 1914} und Hildegunde {† 1909} verbrachte Annette einige Zeit bei ihnen.
Bei Jenny findet sie oft und lange Unterschlupf, zuletzt in deren letzten Wohnsitz, der Meersburg am Bodensee. Jenny, die selbst künstlerisches Talent besitzt, unterstützt sie, wann immer sie kann. {Von Jennys Hand stammt übrigens das Portrait Annettes, das zu D-Mark-Zeiten den 20er Schein zierte}. Vor allem übernimmt sie es, lesbare Abschriften von Annettes Werken anzufertigen.
Am Ende ist es auch die Schwester, die Annette eine Beziehung zu einem Mann ermöglicht. Levin Schücking, der Sohn von Annettes Freundin Catharina Schücking, ist der Auserwählte. Welcher Art die Beziehung zwischen Annette und dem deutlich jüngeren Levin ist, kann der Leser ahnen. Levin bekommt eine Stelle als Archivar auf der Meersburg und ist fortan in Annettes Nähe. Bis sich Levin andere berufliche Möglichkeiten eröffnen. Er heiratet eine andere, und benutzt Informationen von Annette für ein Schmähgedicht auf den Adel, in dem auch Annette nicht verschont wird. Es kommt zum endgültigen Zerwürfnis.
Annette, die aufopferungsvoll Kranke pflegte, aber selbst wegen ihrer zarten Konstitution immer wieder erkrankte, half letztlich auch das milde Bodenseeklima nicht. Am 24. Mai 1848 verstarb die Dichterin in Meersburg am Bodensee.

Fazit

Das Buch besticht durch seinen liebenswerten, munteren Stil, der das übersprudelnde Temperament und den Humor Annette von Droste-Hülshoff sehr lebendig werden lässt. Wie bei der ersten Begegnung mit August Heinrich Hoffmann, der sich später Hoffmann von Fallersleben nennt:
»Du meine Güte, wie viele Bärte trägt der Mann im Gesicht?«, flüsterte Annette Anna zu. »Mit seinem Cordwams und dem vielen Haar verliert man ihn im Wald sicher aus den Augen.«
Während der Lektüre wird der Leser förmlich zu einem engen Freund der Familie, sehr vertraut mit Personen und den Lebenswelten der Drostes, sei es im Münsterland, am Rhein oder am Bodensee. Es entsteht eine Nähe zu der Protagonistin, die herzustellen Autoren nicht häufig gelingt. Vor allem wuchs mir die liebenswert selbstbewusste, ebenso empfindliche wie temperamentvolle, so himmelhochjauchzende wie herzzerreißend betrübte Heldin Annette sehr ans Herz. Was hätte in heutiger Zeit alles aus ihr werden können, fragte ich mich.

Doch gibt es auch Wermutstropfen. Und einer ist eine reine Äußerlichkeit: Es ist doch immer ein Genuss, wenn ein Buch von außen den gleichen Genuss bietet wie sein Inhalt. Das kürzlich vorgestellte Buch »Tod am Semmering« gehört beispielsweise in diese Kategorie. Grimms Albtraum von Esther Grau leider nicht. Das finde ich als Leserin sehr, sehr schade! Aber weder Cover noch Titel werden diesem wunderbaren, unterhaltsamen und bereichernden Buch gerecht. Was veranlasst denn einen Buchfreund dazu, gerade zu diesem und eben nicht zu irgendeinem anderen Buch zu greifen? Die Äußerlichkeiten sind es doch, die zum Lesen verführen, oder eben den Betrachter mit Widerwillen erfüllen. Ich hätte diesem Buch eine glücklichere Hand bei der Buchgestaltung gewünscht, es hätte sie verdient!

Abgesehen von dem allzu düsteren Cover und dem irreführenden Titel Grimms Albtraum weist das Buch aber auch stilistische Mängel auf. Nämlich die Unsitte, wörtliche Rede nickend oder freuend zu äußern: »Wunderbar, da lerne ich heute ja gleich zwei Dichterinnenkennen«, freute sich Elise. …. »Mit Vergnügen«, entzückte sich die Bornstedt. {S. 266}. Schlimmer noch ist, dass Autorin und Lektorin anscheinend der Unterschied zwischen wenden und winden unbekannt ist. »Sie wandte ihre Finger aus den Daumenschrauben seiner Hände …« Darüberhinaus ein etwas sonderbares Bild. Aber nun. Denn ungeachtet dieser Widrigkeiten ist »Grimms Albtraum« eine sehr lohnende Lektüre, die die Begeisterung für eine Dichterin entfacht, die trotz intriganter Verwandtschaft und schwacher Konstitution, außer in ihrer Familie nur in der Dichtung ihren wahren Lebensinhalt fand. Und in der Liebe zu Gruselgeschichten, die in viele ihrer Gedichten und Epen einfloss:

Der Knabe im Moor
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt –
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche! …