Ein Job für Delpha von Lisa Sandlin

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz


Inhalt

Beaumont, Texas, Golfküste, 1973. Delpha Wade kommt nach vierzehn Jahren Knast anscheinend zufällig in die Kleinstadt und versucht, wieder Fuß im bürgerlichen Leben zu fassen. Mit viel Chuzpe und kreativer Energie ergattert sie sich die Stelle als Sekretärin bei dem jungen Privatdetektiv Tom Phelan, der nicht unbedingt die hellste Leuchte ist, aber hartnäckig und sympathisch.
Das Duo stolpert bald über ein Komplott in der Ölindustrie, von der die Gegend wirtschaftlich dominiert wird, und bekommt es mit einem üblen Killer zu tun. Außerdem begegnet Delpha dem Mann wieder, der sie einst ins Gefängnis gebracht hatte. Wird sie sich rächen? Ja, aber auf keinen Fall so, wie man denken mag …

Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf. Herausgegeben von Thomas Wörtche

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Suhrkamp Verlags.

Taschenbuch
350 Seiten
ISBN: 978-3-518-46779-4
9,95 Euro

Das Gefühl von Freiheit

Texas, 1973. Delpha Wade sucht einen Job. Das ist erwartungsgemäß keine einfache Sache, denn Delpha ist soeben aus dem Gefängnis entlassen worden. Vierzehn Jahre hat sie gesessen. »Das schloss Scheckfälschung, Betrug, den Griff in die Kasse und Drogenbesitz aus«, denkt Tom Phelan, der Privatdetektiv, als sie sich bei ihm um eine Sekretärinnenstelle bewirbt und ist ein wenig beunruhigt. Aber ihr Bewährungshelfer ist sein Kumpel Joe Ford, und Tom ist ihm noch einen Gefallen schuldig. In Joes Augen zumindest. Tom Phelan erweist sich zwar als ziemlich hartgesottener Detektiv, doch ausgestattet mit einem weichen Herzen. Und so gibt er Delpha eine Chance. Zwangsläufig.

Phelan ist noch neu im Geschäft. Er arbeitete auf einer Bohrinsel, verlor einen Finger und hat sich jetzt als Privatdetektiv niedergelassen. Dies ist seine Rückkehr aus der Abgeschiedenheit einer rauen Männerwelt in das wirkliche Leben. Das Geschäft läuft noch nicht wie gewünscht, dem soll aber eine großflächige Werbeanzeige in der örtlichen Tageszeitung abhelfen. Und tatsächlich, mitten in das Bewerbungsgespräch mit Delpha Wade platzt eine Mandantin, und Delpha kann sofort zeigen, was sie kann.

Delpha erweist sich als Frau mit Eigeninitiative, Tatkraft, und schneller Auffassungsgabe. Vor allem wird ihre Begeisterung für Bibliotheken in der Folge überaus nützlich sein. In den Zeiten vor Wikipedia und Internet sind Bücher und Zeitungen ja die erste Informationsquelle. Und diese auszuschöpfen ist Delphas Talent. Eines von vielen sehr unterschiedlichen Talenten, wie sich schnell herausstellt. Die sie unter anderem auch in ihren Jahren im Frauengefängnis in Gatesville erworben hat. Als Phelan hört, weswegen Delpha im Gefängnis saß, fällt ihm ihr Fall auch wieder ein. Ein spektakulärer Fall, an dem auch ein Onkel von Phelan, der bei der Polizei arbeitet, beteiligt war. Delpha Wade wurde von zwei Männern, Vater und Sohn, vergewaltigt, und stach in Notwehr den jüngeren Mann nieder. Der Vater konnte entkommen. Doch statt es dabei bewenden zu lassen, tötete Delpha den jungen Mann. Eine Entscheidung, die selbst bei der örtlichen Polizei Verständnis fand, ihr aber wegen »vorsätzlicher Tötung« vierzehn Jahre Knast einbrachten. Hätte sie doch den Alten auch mit umgebracht, wird einer der Polizisten sagen, denn die Aussage des Vaters war für das Urteil ausschlaggebend. Und dessen Schilderung des Tathergangs unterschied sich von ihrer. Und ihre Tat sprach für sich.
Aber diese Zeit will Delpha hinter sich lassen. Und an ihr liegt es nicht. Akribisch folgt sie den Bewährungsauflagen, steckt ein, versucht zu vergessen.

Zäh kommt das Detektiv-Geschäft in Gang. In der Folge kommen verschiedene Aufträge herein, die zu bearbeiten sind, es geht um Pädophilie oder Drogenhandel. Eigentlicher Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist allerdings ein Fall von Industriespionage. Dieser nimmt mit eben jener Mandantin den Anfang, der Delpha quasi ihre Anstellung verdankt.

Tom Phelan, den der Leser, die Leserin, zu einer Zeit kennenlernt, als er noch seinem verlorenen Finger hinterhertrauert und die Anstellung einer hübschen, aber nicht sonderlich begabten Sekretärin in Erwägung zieht, stellt sich bald als begabter und sehr zielstrebig arbeitender Mann heraus. Er gewinnt im Laufe der Geschichte immer mehr an Format.

Aber die wahre Stärke des Romans ist natürlich Delpha Wade und ihre Geschichte. Sie, die versucht, alles zu vermeiden, was Verdacht erregen könnte, die ihre Freiheit mit den staunenden Augen eines Kindes vor dem Weihnachtsbaum erlebt. Deren Empfinden, ein eigenes Zimmer, mit einem eigenen Schlüssel, zu haben, beim Leser, der Leserin ein tiefes Empfinden der eigenen Freiheit bzw. ebenso für das Gefühl der Abwesenheit von Freiheit hervorruft. Durch starke Bilder und Eindrücke wird durch ihre Augen erlebbar, wie es ist, endlich eigene Entscheidungen treffen zu können, und doch immer alarmbereit sein zu müssen, damit nicht der Schatten von Misstrauen auf einen fällt. »So tun als ob«, hat ihr Bewährungshelfer ihr mit auf den Weg gegeben. »Verhalten Sie sich ruhig und entspannt, dann sind sie irgendwann ruhig und entspannt. Bis dahin müssen Sie eben schauspielern und so tun als ob. … Bleiben Sie höflich, auch wenn man Ihnen die Tür zeigt. Reißen Sie keine Brücken hinter sich ein, denn wer weiß, ob Sie den Leuten nicht mal wieder begegnen. Wenn Sie eine Abfuhr kriegen, sagen Sie einfach: ›Danke, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben. Einen schönen Tag noch.‹ Dann lächeln Sie und gehen.« {S. 9} Daran, und an alle übrigen Ratschläge und Anweisungen hält sich Delpha. Mehr oder weniger. Manchmal völlig übertrieben, als sie versehentlich fast über eine Obdachlose stolpert. »Delpha erschrak, dann erstarrte sie, das Kinn gesenkt, die Arme unten, die Hände sichtbar, auch die mit der Handtasche.« {S. 10}

Aber Delpha findet schnell Anschluss an die Gesellschaft. Eine Gesellschaft von in ihrer Art sonderlichen Menschen. Sie strandet nämlich in einem Hotel, in dem Senioren wohnen. Diese lebensklugen Menschen nehmen Delpha wie sie ist und schätzen ihren Pragmatismus und ihre Haltung. Als Gegenleistung für das Hotelzimmer bekommt Delpha von der Eigentümerin den Auftrag, sich um ihre uralte Tante zu kümmern. Eine Tätigkeit, die Delpha nach ihrem Job als Sekretärin an den Abenden ausübt. Mit ihrer zurückhaltenden, ruhigen Art nimmt sie die Menschen für sich ein. Obwohl alle von ihrem Gefängnisaufenthalt wissen. Und natürlich, weil sich die Wahrnehmung der Leute von »richtig« und »falsch« deutlich von der der Gerichte unterscheidet. Delphas Fall ist bekannt, er ging seinerzeit groß durch die Presse, und viele, vor allem Frauen, empfinden Sympathie für die Täterin. Aber für andere zählt eben nur die Gegenwart. Die Vergangenheit soll ruhen.

Geradlinig, schnörkellos, gelegentlich nur mit knappen Halbsätzen, aber großartigen Sprachbildern und immer sehr einfühlsam erzählt Lisa Sandlin Delphas Weg zurück in die Gesellschaft, der ebenso Tom Phelans Weg ist. Und ihr erster großer Fall und die Ereignisse, die dieser Fall in Bewegung bringt, bekommt für beide eine tiefere Bedeutung, die über die reine Lösung des Falles hinausgeht. Sie lässt den Leser, die Leserin sehr nachvollziehbar, und manchmal überaus berührend, in die Gefühlswelt einer soeben entlassenen Strafgefangenen eintauchen. Und schafft einmal mehr die Erkenntnis, dass der Grat zwischen richtig und falsch manchmal ein sehr schmaler ist.

Fazit

Nicht aufgrund einer schnelllebigen Umgebung mit schnellen Transport und Kommunikationsmitteln, sondern nur mithilfe knapper, manchmal unvollständig hingehackter Sätze erzählt Lisa Sandlin ihre Geschichte sehr rasant, auf mitreißende, aber dennoch tiefgehende und sehr eindringliche Weise. Dem knappen Stil – »Show don’t tell« wie aus dem Lehrbuch – fällt allerdings gelegentlich die Übersicht des Lesers, der Leserin zum Opfer, wenn wegen der vielen Beteiligten, der ein oder andere Beteiligte aus dem Fokus gerät. Doch da heißt es, einfach dran bleiben, denn der Faden findet sich stets recht bald wieder. Und letztlich geht es ja in erster Linie gar nicht um den Fall, auch wenn der einige spannende und unvorhergesehene Wendungen bereit hält. Sondern es geht um die Rückkehr von Delpha und Tom ins wirkliche Leben.

Warum der Fall allerdings ausgerechnet 1973 abgesiedelt ist, erschloss sich mir nicht. Auch scheint mir der Status der Frau im Roman allgemein emanzipierter dargestellt als sie in den siebziger Jahren gewesen sein dürfte, in Texas zumal, das ja bis heute nicht als der fortschrittlichste der amerikanischen Bundesstaaten gilt. Die Frauen erscheinen zumeist als selbständig und entsprechend selbstbewusst, geschäftlich erfolgreich und dominant und haben nur in Sachen Kindererziehung ihre liebe Not. Bevorzugt sind sie geschieden oder verwitwet, und daher alleinerziehend. Aber davon abgesehen wartet »Ein Job für Delpha« mit großartigen Charakteren und überraschenden Wendungen auf und ist unbedingt als sehr kurzweilige Lektüre zu empfehlen.