Die Toten von Paris

Buchbesprechung: Michelle Cordier »Die Toten von Paris–«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

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Inhalt

Paris 1944. Jean Ricolet — ein junger Inspektor aus dem Süden Frankreichs — wird nach der Befreiung nach Paris versetzt. Er soll der Form halber den Mord an einem Nazi untersuchen, der für die Verteilung der Raubkunst zuständig gewesen ist. Im Zuge seiner Ermittlungen sucht Ricolet die Kunststudentin Pauline Drucat auf, die für die Nazis als Expertin arbeiten musste, doch gleichzeitig eine Spionin der Résistance war. Gemeinsam beginnen sie und Ricolet der Spur des Mörders zu folgen. Und schnell erhärtet sich ihr Verdacht, dass von der Verteilung der Raubkunst nicht nur die deutschen Besatzer profitierten …

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Lübbe Verlags.

Lübbe Verlag
Taschenbuch
334 Seiten
ISBN 978-3-404-17684-7
9,90 Euro

Gerade haben die Alliierten die Deutschen aus Paris verlassen, als der junge Inspektor Jean Ricolet im Sommer 1944 aus den südfranzösischen Cevennen in der Metropole eintrifft. Überwältigt von der Stadt, die sich noch ganz dem Taumel der wiedergewonnen Freiheit hingibt, genießt Ricolet die fremden Eindrücke der Großstadt. Einerseits erlebt er die Härten des Krieges, zerbombte Gebäude, Lebensmittelknappheit, Barrikaden, Einschusslöcher, andererseits die erwachende urbane Lebendigkeit und Lebensfreude. So erhebend die städtische Atmosphäre auf ihn wirkt, so ernüchternd ist sein Arbeitsantritt in der Securité. Viele Polizisten wurden als Kollaborateure verhaftet oder suspendiert, herrscht Personalmangel, seine beiden Kollegen schieben resigniert Dienst nach Vorschrift. Der ihm vorgesetzte Kommissar Brulait betrachtet das Landei Ricolet mit gemischten Gefühlen. Ist er ein Tölpel vom Land, oder ein pfiffiger Bauernschlauer? Einerseits könnt Brulait fähige Verstärkung in seinem Team gut gebrauchen, andererseits käme ihm selber wegen seiner Kooperation mit den Deutschen eine weitere Schlafmütze sehr gelegen. Ricolet bekommt den Fall eines vom Mob erschlagenen Fleischers, eine klare Sache, denkt Brulait, Routinearbeit. Genau richtig für den Neuen.
Doch Ricolet ist weit davon entfernt, sich mit Lappalien zufrieden zu geben. Voller Tatendrang beginnt er seine Nachforschungen, und entdeckt sehr schnell Ungereimtheiten in seinem Fall. Während sich niemand für einen toten Fleischer interessiert, sind die Augen der Öffentlichkeit auf einen anderen Fall gerichtet, den des Massenmörders Petiot. Ein Arzt, der seine Opfer getarnt als Fluchthelfer fand.

Als dann eine mumifizierte Leiche auf einem Dachboden gefunden wird, wird auch Ricolet eingebunden. Eine Spur führt ihn ins Jeu de Paume, dem Sitz der Deutschen der ERR, dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, nichts anderes als eine Rauborganisation, die Kunst nach Deutschland transferierte. Dort stößt Ricolet auf die junge Kunststudentin Pauline Ducrat arbeitet im Jeu de Pomme. Sie hatte sich der Resistance angeschlossen. Um Kunstwerke vor der Verschleppung zu retten, hatte sie sich als Agentin in den ERR einschleusen lassen. Vor allem geht es ihr um die Rettung eines Bildes, Raffaels Bildnis eines jungen Mannes, das sie im Depot zufällig fand. Doch dann war es plötzlich verschwunden und Pauline will alles daransetzen, es wiederzubekommen. Dazu ist ihr die Hilfe des jungen Inspektors sehr recht.
Michelle Cordier bettet ihre Kriminalhandlung athmosphärisch dicht in die Szenerie ein. Beschreibungen von Personen, Straßen, Gebäuden schaffen ein Bild der Stadt im Jahr 1944, tragen aber auch immer zur Fortgang der Handlung oder der Charakterisierung der Personen bei. Nie gibt es Informationen rein aus Fabulierlust oder Wissensausbreitung, eine Versuchung, der Autoren von historischen Romanen leicht erliegen. Indes spürt der Leser, die Leserin auf jeder Seite unaufdringlich die ausgezeichnete Recherche des Romans. Cordier malt in ihrem Roman ein Bild von Paris, wie es sich dem Besucher in diesem letzten Kriegsjahr wahrscheinlich tatsächlich geboten hat.
Aber auch die Handlung fesselt von der ersten Seite an, die einen Einblick in die mitunter zermürbende Arbeit einer Agentin beschreibt, bei der auch körperlicher Einsatz verlangt ist, um die Glaubwürdigkeit zu wahren.
Die Fälle entwickeln ihre eigene Dynamik als Ricolet um sein Leben fürchten muss. Gegen Ende ist die Aufmerksamkeit des Lesers, der Leserin gefordert, um der verwickelten Handlung folgen zu können. Es sind dann doch sehr viele Personen, die im Gedächtnis zu behalten Mühe macht.

Fazit

Ein toller Roman mit viel Zeitkolorit, der trotz vieler Verwicklungen bis zum Ende fesselt. Er gibt einen Einblick in die Zeit der französischen Besatzung, die Welt der Kollaborateure und der Resistance. Dabei ist es ein Genuss, mit dem Inspektor vom Land durch die Großstadt zu streifen und dem Geruch frischen Baguettes – wenn es denn welches gibt – nachzuspüren.