Die Manns – Geschichte einer Familie

Eine ›amazing family‹

Buchbesprechung: Tilmann Lahme »Die Manns – Geschichte einer Familie«

Gelesen & Notiert von Alessa Schmelzer


Die Manns
Geschichte einer Familie
Biographie

Acht Menschen, acht Blickwinkel: So wurde die Geschichte der Manns noch nicht erzählt.

Thomas Manns literarisches Werk überragt die Konkurrenz – und es beherrscht die Familie. Seine Frau Katia hält ihm den Rücken frei und die Kinder vom Hals. Ihre scharfe Zunge ist gefürchtet. Der schöne Sohn Klaus will als Schriftsteller so berühmt sein wie der Vater. Erika, die älteste Tochter, liebt so leidenschaftlich, wie sie hasst. Der scheue Golo sucht sein Glück fern der Familie. Michael will ein großer Musiker werden und kämpft gegen seinen Jähzorn und die hohen Ansprüche der Familie. Der Liebling des Vaters, Elisabeth, redet mit Tieren und rettet die Welt. Und alle lästern über Monika. Die Geschwister experimentieren in der Liebe und mit Drogen, verschleudern das Geld der Eltern – und werden zu ernsthaften Gegnern Hitlers. Wohin das Schicksal sie auch trägt: Die Manns halten zusammen. Und sie verraten einander.
Tilmann Lahme erzählt anhand zahlloser bisher nicht zugänglicher Quellen das aufregende Leben der Familie Mann.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Verlags.

Im Universum der Mann Familie

Man wird später Bücher über uns – nicht nur über einzelne von uns – schreiben«, hielt Klaus Mann 1936 in seinem Tagebuch fest. Nicht erst heute, achtzig Jahre später, wissen wir: Er sollte Recht behalten. Jüngstes Beispiel ist das im Fischer Verlag erschienene Buch »Die Manns – Geschichte einer Familie« von Tilmann Lahme.

Tilmann Lahme beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Familie Mann. Im Jahre 2006 gab er gemeinsam mit Kathrin Lüssi den Band »Golo Mann. Briefe 1932 – 1992« {Wallstein Verlag} heraus, bevor 2009 im Fischer Verlag seine zu Recht gerühmte Biographie über Golo Mann erschien. Jetzt legt er mit »Die Manns – Geschichte einer Familie« eine Familienchronik der Kernfamilie Mann vor. Mitte 2016 wird mit »Die Briefe der Manns. Ein Familienporträt«, dessen Mitherausgeber Lahme ist, ein weiteres Buch über diese Familie im Fischer Verlag erscheinen.

Spätestens seit vor ein paar Jahren der Breloer Dreiteiler ›Die Manns – Ein Jahrhundertroman‹ über die deutschen Bildschirme flimmerte, ist das {nicht eben wissenschaftliche} Interesse an der Mann Familie neu erwacht. Anhand dieses Doku-Dramas, ein Mix aus Spiel- und Dokumentarszenen, glaubte ein jeder plötzlich den Nobelpreisträger in- und auswendig zu kennen. Inklusive Ehe- und Familienprobleme sowie Bruderzwist und das Leben im Exil. Natürlich gibt es eine Fülle von Büchern über Thomas Mann, Heinrich Mann, Golo Mann, Klaus Mann, Erika Mann … und über die Familie der Manns. Da stellt sich die Frage: Brauchen wir wirklich noch ein weiteres Buch über sie? Wissen wir nicht schon alles über den Zauberer, das Mielein und die sechs Kinder?

Verschollene Briefe im Archiv

Auch Lahme erfindet das Rad nicht neu. Schließlich dienten auch ihm als Basis für seine Recherchen Briefe, Tagebücher, Tonbandaufzeichnungen oder Reden der Familienmitglieder. Nur eines ist in seinem Fall anders … 

Vor wenigen Jahren waren im Thomas-Mann-Archiv in Zürich ganz plötzlich Archivschachteln mit noch unbekannten Briefen aus dem Nachlass Katia Manns gefunden worden. Bei dem Inhalt handelte es sich um weder inventarisierte noch gesichtete Briefe, weshalb dieser Fund die Archivleitung nicht nur überraschte, sondern diese vor allem in Erklärungsnot brachte … wie dem auch sein mag. Seit 2012 sind diese wiederaufgetauchten Briefe aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Tilmann Lahme durfte sie sichten und den Inhalt verwerten. Offenbar ein großes Vergnügen, ermöglichen diese Briefe doch einen neuen Blick auf die ›amazing family‹. Vor allem, weil wir dank Lahme vieles über die innerfamiliäre Kommunikation erfahren. Wie haben sie mit- und/oder übereinander kommuniziert? Wie ist die Stimmung innerhalb dieser Familie? Dieser neue Blick auf die Familie ist hochinteressant und macht Lahmes Buch so außergewöhnlich.

Die Wahrheit hinter der Geschichte

Im Fokus des Buches stehen die Erlebnisse der Eheleute Thomas und Katia sowie der Kinder Erika und Klaus, Golo und Monika, Elisabeth und Michael ab dem Jahr 1922. Anhand der Briefe, Tagebuchaufzeichnungen etc. gibt Lahme chronologisch Auskunft über diese Personen. Womit beschäftigen sie sich just? Wie sehen ihre Lebensziele aus? Welche Sehnsüchte, Forderungen, Sorgen usw. haben sie? Ihre Themen sind so vielfältig wie die Eheleute und Geschwister verschieden sind. Es geht um Liebe, Eifersüchteleien, Zurückweisung oder Affären. Immer wieder geht es um Geld, das nie ausreicht und das die Kinder brieflich von ihrer Mutter erbeten. Es geht um unterdrückte oder ausgelebte Homosexualität, um Ruhm oder dessen Ausbleiben. Ebenfalls auf dieser Themenliste befinden sich Drogen, Tablettenkonsum und Depressionen.
Allerdings entsprach nicht jede Geschichte, die man innerhalb der Familie erzählte, der Wahrheit. Manchmal musste diese einer besseren Story {so häufig im Exil} weichen, um dem Bild der ›amazing family‹ gerecht zu werden. Rigoros demaskiert Lahme derartige Familienmärchen und bringt die Wahrheit ans Licht. Lahme plaudert indes keine Geheimnisse aus – sowieso ist Lahmes Stil wohltuend nüchtern, aber nicht ohne Witz, so dass es eine reine Freude ist das Buch zu lesen. Alle Briefe u.ä., die im Thomas-Mann-Archiv in Zürich gelandet und somit der Forschung übergeben worden sind, sind von den Erben zuvor freigegeben worden. Die Manns wussten also genau, was sie preisgeben – und was nicht …

Extras

Es ist eine hochwertige Ausgabe, die der Leser mit »Die Manns – Geschichte eine Familie« in Händen hält. Es ist eine gebundene Ausgabe mit Lesebändchen {!}, der Geburts- und Sterbedaten der einzelnen Familienmitglieder, Abkürzungsverzeichnis der Personen {TM, KM usw.}, Kurztitel in den Anmerkungen, Anmerkungsteil nach Kapiteln geordnet, Auswahl Literatur über die Familie Mann sowie die Bildnachweise und ein Personenregister {plus Werke}.

Fazit

Mit »Die Manns – Die Geschichte einer Familie« liefert Tilmann Lahme eine fesselnde Familienchronik der Manns. Gleich einem Chirurg setzt Lahme sein Skalpell an und legt unprätentiös, aber schonungslos Schicht um Schicht dieser Familiengeschichte frei. Am Ende der Lektüre ist der Leser nicht nur bestens über das innerfamiliäre Denken und Fühlen im Bilde, sondern erhält durch die Manns einen interessanten Einblick in das politische Geschehen jener Zeit.