Die Küste der Freiheit

Buchbesprechung: Maria W. Peter – »Die Küste der Freiheit«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

»Die Küste der Freiheit« handelt »von den Anfängen der jungen Nation, von den Träumen und Sehnsüchten derjenigen, die dorthin einwanderten und dort lebten.« So lauten die letzten Worte des Nachwortes, und besser könnte man den immerhin rund 850 Seiten starken Roman nicht zusammenfassen.


»Die Küste der Freiheit«
Maria W. Peter

Inhalt:
1775: Als ihr geliebter Lorenz mit seinem Regiment nach Amerika in den Krieg geschickt wird, ist Anna zutiefst verzweifelt. So verzweifelt, dass sie sich als Schuldmagd in die amerikanischen Kolonien verkauft. Bald schon findet sie sich mit zahlreichen anderen Auswanderern auf einem Schiff in die Neue Welt wieder. Doch der Weg in die Freiheit und zur Liebe ist weit …

Leseprobe auf der Website des Lübbe Verlages.


Maria W. Peter erzählt uns eine, bei aller Vertrautheit, dennoch ungewöhnliche Geschichte. Natürlich kennt ein jeder von uns die Epen um den Amerikanischen Freiheitskampf. Und dennoch überrascht es zu lesen, welch großen Anteil gerade die Deutschen an der Gründung der heute als mächtigsten Landes der Erde betrachteten Vereinigten Staaten von Amerika haben. Und nicht zuletzt, welche Spuren die Deutschen bis heute vor allem an der Westküste hinterlassen haben. Einen wesentlichen Anteil dabei hatten die Auswanderer, die aus religiösen Gründen die Heimat verlassen mussten, weil sie dort als Ketzer betrachtet wurden. Es sind auch die Mennoniten, oder Amischen – die Erben der Wiedertäufer – die die Westküste noch heute prägen.
Maria W. Peters Heldin Anna ist eine dieser Mennoniten aus Deutschland, aus Waldeck, die sich als Schuldmagd verdingen muss, um nach Amerika zu gelangen. Sie erhofft sich dort ein freies gottesfürchtiges Leben in der Geborgenheit und dem Schutz einer mennonitischen Gemeinde. Mennoniten lehnen Gewalt ab, leisten keinen Eid, leben bescheiden. Als Anna in der Neuen Welt ankommt, herrscht Krieg zwischen den Briten und den patriotischen Rebellen, die die Unabhängigkeit von der englischen Krone erstreben. Es verlangt den Gläubigen einiges ab, in diesen blutigen, brutalen Zeiten, in denen Gewalt, Unterdrückung und zudem Sklaverei herrschen, den mennonitischen Glaubensmaximen zu folgen. Zumal Anna sich als Schuldmagd verkaufen musste, deren Stand kaum über dem einer Sklavin liegt. Als wäre das nicht genug, verliebt sie sich auch noch in einen hessischen Leutnant von Adel, der nicht nur in den Krieg nach Übersee geschickt wird, sondern auch noch Papist, also katholisch ist. Größer, unüberwindlicher kann der Graben zwischen zwei Liebenden kaum sein.

Anna und Lorenz, der hessische Leutnant, haben viel zu erdulden, bis sich ihr Schicksal erfüllt.

Auf jeder Seite zeigt Maria W. Peter eindringlich und sehr berührend, dass es stets die Menschen selbst sind, die sich und ihren Mitmenschen das Leben schwer oder eben leicht machen können. Und dabei ist es völlig unerheblich, welchen Standes, Glaubens, welcher Rasse oder Herkunft man ist. Egal ob schwarz oder weiß, arm oder reich, überall finden sich gute Menschen oder eben böse, die einem helfen, oder verraten. Dabei sind die Menschen nicht zwangsläufig Gut oder Böse, sondern folgen den Idealen, die ihnen – im Augenblick – richtig erscheinen. Der Leser zieht mit Leutnant Lorenz von Tannau in den Krieg und kann seinen Beweggründen, seiner absoluten Loyalität zu seinem Fahneneid, zu seinem Herrn, durchaus folgen, die ihn zwingt, für ein ihm fremdes Land in den Krieg zu ziehen, und sogar offensichtlich irrige Kommandos seiner Vorgesetzten – wenn auch zähneknirschend – akzeptieren zu müssen. Ebenso einleuchtend indes sind Annas Beweggründe, jeglichen Eid zu verweigern, weil sich die Überzeugung, für die man heute eintritt, morgen schon als falsch erweisen kann. Man versteht, warum sie Gewalt ablehnt, ja, geduldig hinnimmt, warum sie nie an das eigene Wohl denkt, ja sogar ohne zögern ihr Leben aufs Spiel setzt, wenn es zu helfen gilt. Und man bewundert sie dafür, wohl wissend, dass man selbst diese Stärke nie haben würde. Aber dafür gibt es ja Romane, nämlich um immer wieder aufs Neue an die menschlichen Werte zu appellieren.
Allerdings wird der Glaube an das Gute im Menschen auf jeder Seite des opulenten Romans auf eine harte Probe gestellt. Überall lauert Gefahr und Betrug, aber ebenso schimmert überall der lichte Strahl der Hoffnung.
Und überall schimmert Maria W. Peters Neigung zur Antike hindurch. Nicht allein, dass des Leutnants Pferd den Namen ›Perikles‹ trägt. Natürlich, die Antike prägte nicht nur Europa, es ist spürbar, dass der lange Arm Roms bis Amerika reicht. Die Sehnsucht nach Freiheit trieb den Menschen in allen Zeiten voran. Und ebenso wie das antike Rom Amerika so manchem eine Chance bot, sein Leben, wenn nicht zu verbessern, so doch wenigstens selbstbestimmt zu leben. Auch wenn das zunächst bedeutet, Hindernisse zu überwinden. Und ebensowenig wie das alte Rom perfekt war, ist es Amerika, und doch ist dieses Land jenseits des Atlantiks doch bis heute Inbegriff eines freien, selbstbestimmten Lebens. Und so schreibt Maria W. Peter im Nachwort: »Trotz aller Ungerechtigkeiten der Vergangenheit und mancher Skandale der Gegenwart sind die Vereinigten Staaten von Amerika für viele Menschen weltweit ein politisches Vorbild und ein Symbol gesellschaftlicher und politischer Freiheit geworden – verkörpert in der am New Yorker Hafen von weit her sichtbaren Freiheitsstatue, welche – natürlich – die Göttin ›Libertas‹ darstellt.«

Fazit:

»Die Küste der Freiheit« ist ein eindringlicher Roman über die Entstehung des unabhängigen Amerikas, aber vor allem über fremde Lebens- und Denkweisen. Maria W. Peter zeigt, dass es immer nur auf den einzelnen Menschen ankommt. Denn Gut und Böse ist eben keine Frage der Hautfarbe, der Religion oder der Herkunft, sondern des Charakters. Und den zu formen liegt in unserer Hand.