Der Attentäter

Histo Journal Besprechung: Ulf Schiewe – »Der Attentäter«

Gelesen & Notiert von Alessa Schmelzer

cover attentat

Inhalt
Juni 1914. Es ist die Woche, die alles entscheidet. Die Woche, in der sich drei junge Serben auf den Weg nach Sarajevo machen. Dort soll Franz Ferdinand, Thronfolger Österreich-Ungarns, einem Militärmanöver beiwohnen – und sterben. Gavrilo Princip und seine Gefährten haben sich seit Monaten auf diesen Tag vorbereitet. Doch dem Geheimdienst sind Gerüchte zu Ohren gekommen, und Major Rudolf Markovic tut alles, um den Thronfolger zu retten und eine diplomatische Katastrophe zu vermeiden …

Ulf Schiewe lässt uns diese entscheidende Woche der europäischen Geschichte hautnah miterleben – packend und extrem spannend.

Bastei Lübbe
Taschenbuch
Historische Romane
509 Seiten
Preis: 12,90 Euro

Eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Lübbe Verlags.

Ulf Schiewes neuer historischer Thriller widmet sich dem Ereignis, das die damalige Welt aus den Fugen bringen sollte. Packend und bis zur letzen Seite bravourös erzählt. Doch der Reihe nach … 

»Der österreichische Thronfolger und seine Gattin ermordet.«

So titelte die Vossische Zeitung am 28. Juni 1914. Der Korrespondent hatte diese Nachricht per Telegramm an seine Zeitung geschickt, die daraufhin umgehend ein Extrablatt herausbrachte. Die Ermordung des Thronfolgers und seiner Gattin verschärften daraufhin die Situation auf dem Balkan und führten wenige Wochen später in das hinein, was die Zeitgenossen als Weltenbrand bezeichneten. Die politische Situation, die zum Ersten Weltkrieg führte, ist komplex. Seit 1912 hatten die Zeitgenossen mit einer Krise auf dem Balkan gerechnet. Staaten wie Frankreich und Russland hatten sich vorab – im Falle eines Casus Belli – abgesichert. Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger evozierte einen Handlungsablauf, dessen Script wenige Jahre zuvor niedergeschrieben worden war.

Die Katastrophe nimmt ihren Lauf … 

Es gibt Attentate, die in unserem kollektiven Gedächtnis mit Personen verbunden sind. Das auf Präsident Kennedy war ein solches. Seinerzeit schockierte JFKs Tod die ganze Welt, es löste Gefühle der Trauer und des Mitgefühls aus. Auch hier hatte es vorab Warnungen gegeben (Reise ins konservative Dallas etc.), auch hier begleitete die Ehefrau ausnahmsweise den Ehemann.
Ganz anders verhält es sich bei dem Attentat von Sarajevo. Der Ort ist klar, die Auswirkungen auf die Weltpolitik, die dieses Attentat auslöste, ist es ebenso. Aber wer kam denn da genau am 28. Juni 1914 um’s Leben?
Kennedy war ein smarter US-Präsident – viele fanden ihn umwerfend attraktiv, er war vermögend, charmant, ein Held und Gentleman, galt als ein wundervoller Vater und an seiner Seite strahlte eine First Lady, die so viel Glamour verströmte, das allen ganz schwindelig davon wurde. Der österreichische Thronfolger Franz-Ferdinand war kein ›Typ Kennedy‹ und seine Sophie durfte zwar strahlen, aber selten bis gar nicht bei offiziellen Anlässen an seiner Seite. Bei seinen österreichischen Zeitgenossen hatte der Thronfolger einen schweren Stand. Dies nicht nur wegen seiner morganatischen Heirat (die dem Kaiser gar nicht recht war, der aber zähneknirschend zugestimmt hatte), also einer Ehe unter Stand. Zudem galt Franz-Ferdinand als jähzornig, war von aufbrausendem Temperament und alles in allem wenig umgänglich. Sein politischer Ein- und Weitblick indes war bemerkenswert. Der Thronfolger galt als Reformer, quasi als Stimme des Friedens, gedachte eine entschieden andere Politik zu führen als sein betagter Onkel, der nicht nur in Ehefragen im vorherigen Jahrhundert verhaftet war, sondern der sein Ohr auch in politischen Fragen einem Mann schenkte, den Franz-Ferdinand beizeiten in den Ruhestand geschickt hätte. Franz-Ferdinand hätte Generalstabschef Conrad von Hoetzendorf (der als kriegslüsternd beschrieben werden darf) entlassen. Das Attentat verhinderte das …

»Bleib für unsere Kinder, Sopherl!«

Schiewe erzählt das Attentat aus mehreren Perspektiven. Da ist zum einen die ›Gruppe der Verschwörer‹, wie sie bei Schiewe heißen; Männer, die von der Idee eines groß-serbischen Nationalismus durchdrungen sind (weshalb sie sich von der Vorherrschaft Österreichs-Ungarns befreien wollen), die ihren Sitz in Belgrad haben und immer auf der Suche sind nach willigen Männern, die bereit sind für diese große Idee ihr Leben zu lassen. Die Gruppe der Männer ist heterogen. Sie kommen aus unterschiedlichen sozialen Gefügen, haben verschiedene militärische Kenntnisse. Eines ist ihnen indes gemein: Sie sind durchdrungen vom eigenen Nationalismus und für diese Idee bereit ihr Leben zu geben. Einer dieser jungen, willigen Männer ist Gavrilo Princip. Schiewe gelingt die Gratwanderung ihn dem Leser nicht als den ›bösen‹, sondern vielmehr als einen auf der Suche befindlichen Mann zu porträtieren. Als einen Mann, der für seine Landsleute den Heldentod zu sterben bereit ist, weil er glaubt für eine höhere, gerechte Sache einzustehen. Doch weder entschuldigt Schiewe dieses Verhalten noch manipuliert er die Meinung seiner Leser, indem er Ausflüchte für das Agieren der Attentäter sucht. Schiewes Darstellung wirft vielmehr einen Blick hinter die Maske eines Attentäters. Er entzaubert die Charaktere jener, die den Samen des Hasses in die Köpfe derjenigen einpflanzen, die glauben für eine ›gerechte Sache zu kämpfen‹. Das entschuldigt indes nicht deren Handeln, denn für das eigene Handeln ist jeder Mensch allein verantwortlich. Es ist also ein Blick in das Innenleben eines Attentäters, der angetrieben ist von abstrusen politischen Ideen, einer übersteigerten Heldenverehrung und der grotesken Erwartung selbst als Held in diesen verklärten Märtyrerkreis aufzusteigen.

Auf der anderen Seite finden sich der Thronfolger Franz-Ferdinand und seine Ehefrau Sophie. Schiewe erweist sich einmal mehr als einfühlsamer Erzähler, denn dieses Paar beschreibt er so plastisch, so lebensecht, dass der Leser fortan um ihr Leben bangt, wohlwissend, dass diese seine Hoffnung vergeblich ist. Alles beginnt so leicht; wir sitzen mit ihnen am Tisch, erleben ein einander liebendes Paar, erleben sie im Umgang mit ihren Kindern, der sehr liebevoll und wenig von jenem Drill verspüren lässt, den eventuell der Kaiser favorisiert hätte. Sophie und Franz-Ferdinand waren eine Liebesheirat eingegangen, die als morganatische Ehe bezeichnet wurde und viele Restriktionen für beide nach sich zog. Aber der Thronfolger hatte um ›seine Sophie‹ gekämpft und diesen Schritt nie bereut. Das alles und auch die sich daraus im höfischen Zeremoniell ergebenen Konsequenzen beschreibt Schiewe eindrucksvoll mal aus Franz-Ferdinands als auch aus Sophies Perspektive. Wir lernen beide als Privatpersonen kennen, erleben sie als ›einfache‹ Menschen mit Träumen, Wünschen und Vorstellungen. Schiewe beschreibt ihr Miteinander so warm und herzlich, dass sich der Leser inniglich wünscht das Unheil könne irgendwie an beiden vorüberziehen … 

Ein spannender – indes rein fiktiver – Erzählstrang findet sich in den Figuren des Rudolf A. Marković und Svetlana Marić. Der eine ist Major beim österreichisch-ungarischen Geheimdienst in Sarajevo und versucht nach Kräften einen Anschlag zu verhindern, die andere ist eine eigenständige Frau, die um Vieles weiß, aber nichts preisgibt. Ein gut eingeführter und mit allem verwebter Strang, der stetig an Fahrt aufnimmt.

Extras

Auch die Extras dieses Buches machen den Leser rundherum glücklich: So erfreut sich der Leser an der farbigen Skizze im Buchinneren, behält den Überblick über die handelnden Personen im gleichnamigen Verzeichnis und erfreut sich zudem an dem hilfreichen Glossar. Ein lesenswertes Nachwort des Autors ist ebenfalls abgedruckt. Gelungen ist zudem die Gestaltung des Covers, denn die blutverschmierte Uniform mit dem winzigen Einschussloches des Thronfolgers lässt keinen Zweifel darüber offen, dass es hier um einen authentischen Fall geht, den Schiewe spannend, einfühlsam und unterhaltsam zugleich erzählt.

Fazit

Schiewes Romane sind immer lesenswert und so habe ich auch diesen seinen historischen Thriller mit Vorfreude erwartet und mit Genuss und noch größerer Spannung gelesen. »Der Attentäter« entfaltet nicht zuletzt dank knapper, stilistisch ausgefeilter Sprache eine Sogwirkung, der sich kein Leser entziehen kann (und auch gar nicht möchte). Mit leichter Hand skizziert der Autor zudem die politischen Verhältnisse, deren Komplexität einem allein den Atem rauben könnten. Die Handlung konzentriert sich auf jene sieben Tage im Juni des Jahres 1914, die den Lauf der Geschichte entscheidend verändern. Temporeich – das Präsens schafft hier eine unmittelbare Nähe zum Geschehen – entwirft der Autor das packende Szenario des Attentats: Von der Vorbereitung über die Ausführung, die zu einem katastrophalen Ergebnis für alle führt.
Mit »Der Attentäter« zeigt Ulf Schiewe einmal mehr, warum er zu den besten Autoren des Genres zählt.