Das Geheimnis des Strandvogts

Buchbesprechung: Volker Streiter – »Das Geheimnis des Strandvogts«

Gelesen & notiert von Ilka Stitz

»Das Geheimnis des Strandvogts«
Volker Streiter

Inhalt des Buches:
September 1845. Zwei Pferde ziehen einen Leiterwagen mit wenigen Fahrgästen durch das nebelverhangene Watt von Föhr nach Amrum. Beinahe wären sie an der Leiche von Busso Dahl, dem Postläufer, vorbeigefahren. Er wurde von einer Harpune getroffen, mit einer Axt erschlagen und mit Holzpfählen im Watt angepflockt. Auf dem Gespann befindet sich auch der Reiseschriftsteller Georg Kohl, der die Insel Amrum erforschen möchte. Doch der Anblick der Leiche im Watt lässt ihn nicht los. Und so versucht er mit Hilfe von Dina Martensen und dem Herumstreuner Nickels, den Mörder zu finden. Dabei stoßen sie auf eine alte Geschichte und ein dunkles Geheimnis und bringen sich selbst in Gefahr.

Hör- statt Leseprobe

Das Geheimnis des Strandvogts

Wir schreiben das Jahr 1845, es ist bereits September, als eine kleine Reisegesellschaft auf einem Leiterwagen durch das Watt gen Amrum rumpelt. Unter den einheimischen Insulanern befindet sich ein Fremder, der Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl, der nach den Weiten Südrusslands nun die Inseln der Nordsee erkunden will, die zu dieser Zeit noch zum dänischen Königreich gehören. Vor allem Amrum hat es ihm angetan, denn die Dünen dieser Insel sind weithin berühmt, und ihnen beabsichtigt der Schriftstelle zunächst seine Aufmerksamkeit zu widmen. Doch schon auf dem Weg durch das Watt durchkreuzt ein schauriger Fund seine Pläne. Denn das vermeintliche Strandgut, das ein Fahrgast trotz Dämmerung und Nebel ausmacht, stellt sich als Leichnam heraus. Der Tote ist den meisten bekannt, es handelt sich um den Postläufer Busso Dahl. Und sogleich sieht sich Johann Kohl in einen Kriminalfall verstrickt. Einen äußerst bemerkenswerten Fall, denn Busso Dahl ist nicht nur erschlagen worden, er wurde überdies noch mit Holzpflöcken ins Watt genagelt. Und ein jeder auf der Insel, so scheint es Kohl später, hätte ein Motiv gehabt, den ungehobelten Trunkenbold zu beseitigen.

Streiter hat glaubwürdige und sympathische Charaktere geschaffen: Vor allem ist da natürlich der ortsfremde Johann Georg Kohl zu nennen. Ein weitgereister Mann, der sein Geld als Schriftsteller verdient. An seiner Seite, mit den Augen des Fremden, lernt auch der Leser die Besonderheiten von Land und Leuten kennen.
Darunter ist die junge Dina Martensen. Sie findet Gefallen an dem weitgereisten Kohl und verschafft ihm Einblicke in die engen Verflechtungen der Inselbewohner – und schenkt ihm mehr als nur das Verständnis für die Eigenheiten der Nordseeinsel.

Unterstützung erhalten die beiden – außer von der Familie des offenbar historisch belegten Pastors Mechlenburg und seiner Familie – vor allem von einem Dünenstreuner. Der Waisenjunge Nickels, der in einem Unterschlupf in den Dünen haust und sich mit kleineren Arbeiten über Wasser hält. Gemeinhin wird er für einen Dummkopf gehalten, als der sich der Junge indes ganz und gar nicht erweist.

Und nicht zuletzt ist da der cholerische Strandvogt Gulderling, dem eine alte Geschichte nachhängt. So scheint es, als waren seither noch immer ein paar Rechnungen offen. War nun die Zeit gekommen, sie zu begleichen?

Als Polizeibeamter versteht sich Volker Streiter auf die Lösung von Kriminalfällen, ebenso wie als Autor. Man kannte ihn bislang durch seine zeitgenössischen Kriminalromane, von denen einige ebenfalls auf Amrum spielen. Mit dem »Geheimnis des Strandvogts« legt er nun sein Debut im historischen Genre vor. Und das ist rundum gelungen. Mit viel Feingefühl gelingt es dem Autor, Ort und Zeit durch die gut gezeichneten Figuren, aber auch durch seine fein auf die Zeit abgestimmte Sprache lebendig werden zu lassen. Das 19. Jahrhundert ist stets präsent, hier und da verleiht das friesische Platt dem Roman stimmiges Lokalkolorit. Immer von allem soviel wie möglich, aber stets nur so viel wie nötig.

Fazit:

Da Streiter den Leser durch die Augen des Fremden, des neugierigen und interessierten Reiseschriftstellers Kohl Land und Leute, ihre Sprache, Eigenheiten und natürlich die Mordtat erkunden lässt, kommt das Buch auch ganz ohne ein Glossar aus, wie es bei vielen historischen Romanen üblich ist. Der Leser wird dergleichen aber nicht vermissen. Mit viel Gespür für Land und Leute erzählt Volker Streiter seine Kriminalgeschichte. Mit leichter Hand nimmt er den Leser mit in diese raue Gegend, in der der Blick weit reicht, in der einem der Wind ins Gesicht bläst und die Haare zerzaust – und wo man sich nach der spannenden Mörderjagd an der Seite der Helden am Ende auf eine Tasse Friesentee freut, in der mit leisem Knistern der Kandis zerspringt.