Buchbesprechung: Paulo Coelho »Die Spionin«

Histo Journal Buchbesprechung: Paulo Coelho »Die Spionin«

Gelesen & Notiert von Tanja Schurkus

Inhalt
Wer ist die Frau hinter dem schillernden Mythos? Paulo Coelho schlüpft in ihre Haut und lässt sie in einem fiktiven, allerletzten Brief aus dem Gefängnis ihr außergewöhnliches Leben selbst erzählen: vom Mädchen Margaretha Zelle aus der holländischen Provinz zur exotischen Tänzerin Mata Hari, die nach ihren eigenen Vorstellungen lebte und liebte und so auf ihre Art zu einer der ersten Feministinnen wurde. Doch als der Erste Weltkrieg ausbricht, lässt sie sich auf ein gefährliches Doppelspiel ein.

Mit Schwarzweiss-Fotos, einer Lebenschronik Mata Haris und einer Karte ihrer Reisen quer durch Europa.

Übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann
Hardcover Leinen
192 Seiten
Diogenes Verlag
ISBN: 978-3-257-06977-8
19,90 Euro

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Diogenes Verlags.

Die Spionin, die zu viel liebte

Paulo Coelho widmet sich in seinem aktuellen Roman der exotisch-erotischen Gestalt der Mata Hari, die 1917 als deutsche Spionin in Frankreich hingerichtet wurde.

Mata Hari – eigentlich Margaretha Gertrud Zelle – hat schon oft die Phantasie der Menschen angeregt, und damit verdiente sie auch ihr Geld: In selbst entworfenen Tänzen, denen sie ein hinduistisches Erbe andichtete, entblätterte sie sich und das zu einer Zeit, als ein entblößter Frauenknöchel schon als zu anzüglich galt. So kommt Coelho auch zu der Aussage, dass ihre Hinrichtung nicht aus ihren sporadischen Spionage-Tätigkeiten folgte, sondern aus dem Umstand, dass sie als Frau selbstbewusst mit ihrer Erotik umging: »Verurteilt wurde ich nicht wegen Verbrechen, die ich tatsächlich begangen habe – und deren größtes es war, in einer von Männern beherrschten Welt eine emanzipierte, unabhängige Frau zu sein.« {22}
Er lässt Mata Hari in seinem Buch selbst zu Wort kommen, in einem fingierten Brief an ihren Anwalt. Und dieses Konstrukt trägt nicht: Ein Mensch, dem die Hinrichtung droht, würde sich darauf konzentrieren, die bestehenden Vorwürfe zu entkräften. Seine Mata Hari aber plaudert über ihre Lebensstationen.

Barfuß zum Weltruhm

Dabei scheint Margaretha zunächst gar kein eigenes Leben zu haben: Sie ist das Opfer männlicher Übergriffe und das schon in der Schule in ihrem Geburtsland Holland. Verbürgt ist, dass sie wegen einer »Affäre« mit dem Schuldirektor die Bildungseinrichtung wechseln musste. Sie heiratet den gut 20 Jahre älteren Offizier Rudolph MacLeod und geht mit ihm nach Java, Kinder werden geboren, Kinder sterben, der Mann entpuppt sich als trunksüchtiger Perversling. Es folgt die Scheidung, Margaretha kehrt nach Europa zurück. Der Moment, in dem sie sich entscheidet, als exotische Tänzerin aufzutreten, wäre sicherlich ein Schlüsselmoment ihrer Biografie. So weit man weiß, brachte sie der Reitlehrer, für den sie in Paris arbeitete auf die Idee. Nichts davon bei Coelho: Hier stellt sie sich kurzerhand als Tänzerin vor, um ein Visum zu erhalten.
Nach heutigen Maßstäben würde man sagen, dass Margaretha sehr geschickt darin vorging, sich als Marke zu etablieren. Sie ändert ihren Namen in Mata Hari, ein dem Malaischen entlehnter Begriff, der etwa »Auge der Morgenröte« bedeutet und legt sich eine Fake-Biografie zurecht, inklusive brahmanischer Abstammung und tragisch verblichener Tempeltänzerinnen-Mutter. Das Geschick, mit dem sie europäische Phantasien über das Fremde ausnutzt, findet wenig Anerkennung bei Coelho: Ihre Selbst-Inszenierung spielt sich im Hintergrund ab, hätte dabei aber viel komisches Potenzial gehabt. Seine Mata Hari kommt fast ein bisschen dümmlich daher. »Ich verstand überhaupt nichts« {100}, sagt sie angesichts von Rüstungsgütern und Truppenaufmärschen, die den Ersten Weltkrieg ankündigen.

Tulpen statt Pikantes

Trotz der gewählten Ich-Perspektive kommt einem diese Figur nicht nahe. Mal schätzt sie den {sexuellen} Umgang mit Männern, mal beklagt sie sich: »Männer lieben es, Dinge zu erklären und zu allem eine Meinung zu haben« {53}, mal liebt sie es für sexuelle Gefälligkeiten beschenkt zu werden, mal empfindet sie sich als missbraucht. Nie tritt eine Persönlichkeit an ihr hervor, der man das raffinierte Spiel mit den mächtigen Männern {und Frauen} der Gesellschaft zutraut. Und auch wenn sie selbst sich als Kurtisane gesehen hat: Pikante Szenen sucht man in dem Buch vergebens, trotz des Hinweises auf ihre Bi-Sexualität. Dieser Roman über eine Nackttänzerin kommt mit sehr wenig Körper aus. Statt dessen gibt es kleine philosophische Gespräche, die uns wissen lassen:
»Die Blumen lehren uns, dass nichts ewig währt.« {27}

Die Nackte und die Toten

Im letzten Teil des Buches antwortet der Anwalt auf den Brief. Nach historischen Maßstäben gibt es keinen Zweifel, dass Mata Hari ein »Bauernopfer« war: Die militärische Situation der Franzosen war schlecht, es hatte Aufstände in den Schützengräben gegeben. Man musste Schuldige für das Scheitern auf dem Schlachtfeld präsentieren.
Mata Hari hatte Kontakte nach Deutschland, sie wurde als »H21« geführt, und alles weist darauf hin, dass sie sich als Doppelagentin versuchte. Vermutlich wurde sie den Deutschen zu teuer und lieferte zu wenig – und die französische Spionage-Abwehr konnte einen Erfolg verbuchen.
Das gibt Stoff für Täuschungen und Verrat, für Wagnis und Scheitern. Aber Coelhos Mata Hari stolpert eher naiv durch das Szenario und ist auch hier wieder zu keiner Zeit Motor der Handlung: Sie bleibt Opfer und ist damit als Figur eines Romans allenfalls zu bedauern.
Coelho vergleicht ihren Fall mehrmals mit dem des Offiziers Dreyfus. Doch die Rehabilitierung Mata Haris will nicht recht funktionieren, denn wen kümmert es heute noch, ob sich die Justiz 1917 im Angesicht von Millionen Toten ein Fehlurteil leistete?
Der Roman arbeitet heraus, dass Mata Hari auch das Opfer einer bigotten Gesellschaft wurde, die sich in Korsetts und Vatermördern lustfeindlich gab, aber das Sinnliche suchte. Mata Hari verdankte dieser Doppelmoral ihren Ruhm und ihren Untergang. Zu einer Märtyrerin der Emanzipation macht sie das nicht.