Beate Maly – Tod am Semmering

Histo Journal Buchbesprechung: Beate Maly »Tod am Semmering«

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

Inhalt
Österreich 1922. Im Grandhotel Panhans am Semmering trifft sich die feine Gesellschaft zu einem wohltätigen Tanzkurs. Doch der schöne Schein trübt sich, als einer der Gäste vergiftet wird. Inmitten eines Schneesturms ist das Hotel von der Außenwelt abgeschnitten, die Polizei unerreichbar und ein Entkommen unmöglich – auch für den Mörder. Die pensionierte Lehrerin Ernestine und ihr Begleiter Anton Böck machen sich daran, den dramatischen Vorfall aufzuklären – und stoßen auf ein noch viel entsetzlicheres Verbrechen …

Broschur
Emons Verlag
272 Seiten
ISBN 978-3-95451-995-8
22,00 Euro

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Emons Verlags

Tango im Schnee

Es ist immer eine Freude, wenn allein der Anblick eines Buches bereits entzückt. Noch viel schöner ist es natürlich, wenn der Inhalt den dadurch geweckten Erwartungen entspricht.

Der Roman der Österreicherin Beate Maly, »Tod am Semmering« spielt 1922, wie der Name verheißt, am Semmering. Es ist die Zeit des Jugendstils, und das vermittelt das Cover des Buches schon auf den ersten Blick. Und passend dazu führt uns die Autorin in das Luxushotel Panhans am Semmering – für den unkundigen Leser wird im Anhang erklärt, wo sich dieser befindet – und fühlt sich sogleich versetzt in die zwanziger Jahre, mit Zigarettenspitzen und Fransenkleidern. Ein Tangokurs lockte die noble Gesellschaft in das feine Hotel, das heutigentags in einer halben Stunde von Wien aus per Zug zu erreichen ist, seinerzeit jedoch dauerte es dreimal so lange.

Die Bankierswitwe Rosalia Schwarz hat den Kurs organisiert, dessen Erlös einer Wohltätigkeitseinrichtung zugutekommen soll, die Kriegswaisen unterstützt. Angesichts des hochkarätigen Angebots – sie engagierte berühmte Tangolehrer aus Argentinien – handelt es sich um die erste Gesellschaft, die an diesem Wochenende dem Tanze frönen will. Wobei offenbar eher die Damen die treibenden Kräfte waren, denen die Herren {un}willig folgen.

Doch nicht alle Gäste entstammen den ersten Kreisen: Unter den Kursteilnehmern befinden sich auch die pensionierte Lehrerin Ernestine Kirsch und ihr Tanzpartner, der Apotheker Anton Böck. Ernestine erhielt die Karten von einer erkrankten Bekannten, für die sie gern einspringt. Anton Böck sieht sich eher als Opfer einer Intrige seiner Tochter Heide und der heimlich verehrten Ernestine. Letzterer kann er einfach nichts abschlagen, nicht einmal dieses gefürchtete Tanzen. Unversehens findet er sich im Panhans wieder, aber angesichts der weithin gerühmten Küche ist die Aussicht auf das Wochenende für den bekennenden Feinschmecker dann nicht mehr ganz so grausig.
Unterdessen verschlechtert sich das Wetter, ein Schneesturm wütet, Strom und Telefon fallen aus, die Semmeringbahn stellt ihren Betrieb ein. Man ist von der Außenwelt abgeschnitten. Sei’s drum, man will sich eine schöne Zeit machen, und selbst sollte man wetterbedingt gezwungen sein, länger zu bleiben, bietet das Hotel ja allen Komfort. Und den Herrschaften kommt es auf einen Tag mehr oder weniger nicht an.
Während Anton Böck sich in der illustren Gesellschaft fehl am Platze fühlt, genießt Ernestine Kirsch den Ausflug in die mondäne Welt.

Ein idyllisches, ruhiges Wochenende erwartet die Gäste, so scheint es zunächst. Bis sie sich näher kennenlernen. Und da fällt ein Herr besonders auf: Generaloberst Johann Herrmann von Rauch. Er brüskiert jeden durch seine schlechten Manieren, er schikaniert und beleidigt nicht nur seine Ehefrau, erst recht das Personal, überdies scheint er auch bei dem ein oder anderen Gast kein unbeschriebenes Blatt zu sein.
Und am nächsten Morgen ist er tot. Vergiftet, darüber sind sich Apotheker Böck und Doktor Schöller einig.
Was tun? Das Telefon ist ebenso tot wie der Generaloberst, die Bahn fährt nicht, man ist auf sich allein gestellt. Ernestine, mit der Tat- und Überzeugungskraft einer Lehrerin, übernimmt die Ermittlungen. Hilfreich ist dabei das Argument, dass der Mörder unter den Anwesenden zu finden sein muss, sie alle also in Gefahr schweben könnten.

Es ist ein klassischer Who-Dunnit, das Beate Maly nun entfaltet. Mit einer Personenkonstellation, die nicht ganz zufällig an Miss Marple und Mister Stringer erinnert. Wie diese ergänzen sich auch Ernestine Kirsch und Anton Böck auf das Beste. Ernestine, die draufgängerische Detektivin, Anton der Bedenkenträger und williger Helfer, und, wenn es sein muss, auch verlässlicher Retter.
Erzählt wird die Geschichte in bester britischer Tradition des cosy crime, und mit viel Witz. Und tatsächlich bildet das österreichische Ambiente einen gelungenen Konterpart zu den bekannten britischen Krimisujets von Agatha Christie bis Inspektor Barnaby. Allein was die skurrilen Charaktere betrifft, die, wenn sie nicht in Österreich beheimatet wären, ebensogut in Britannien anzutreffen sein könnten.

Alles in allem bekommt der Leser eine unterhaltsame Lektüre geboten, die vor allem durch die liebenswürdigen Charaktere besticht. An ihrer Seite schleicht man gern durch die Flure des Hotels, lauscht an Zimmertüren oder genießt einfach das ausgezeichnete Abendessen. Vom Tangotanzen ganz zu schweigen.
Angesichts der Vielzahl an Gästen, die dem Tanzkurs frönen, wäre allerdings ein Personenverzeichnis zur Orientierung hilfreich gewesen.

Fazit

Wer noch ein Weihnachtsgeschenk sucht oder selbst einen Kriminalroman im Stil eines britischen cosy crime schätzt, findet mit diesem Roman nicht nur ein schön gestaltetes Buch, sondern auch eine spannende und unterhaltsame Lektüre.