Zeitreise: Simmern

Kaiser, Räuber und Wappenfälscher – oder: Wo liegt Simmern?

»Wenn einer eine Reise tut…« – Unsere Redakteurin Tanja Schurkus war in Simmern. Was sie in die ehemalige Residenzstadt verschlug, wer der Schinderhannes war und warum sich Rehe Regen wünschen, lesen Sie in ihrem ›Zeitreise-Bericht‹.

von Tanja Schurkus

Im Soonewald, im Soonewald
steht manche dunkle Tann
Darunter liegt begraben bald
Ein braver Wandersmann
Im Schneppenbacher Forste,
Da geht der Teufel rumdibum,
Die Ank voll schwarzer Borste
Und legt die jungen Weibsleut um!


Aus Carl Zuckmayers Stück über den Schinderhannes

Ich gebe zu, dass ich von einem Ort namens Simmern noch nie etwas gehört hatte, bevor ich mit den Recherchen zu einem Abenteuerkrimi begann. Ich unternahm eine dieser obskuren Einkaufstouren, wie sie wahrscheinlich nur bei Autoren vorkommen: Ich schaute auf eine neue und eine alte Landkarte und suchte nach einem großen, zusammenhängenden Waldgebiet in Deutschland, das 1812 zu Frankreich gehört hatte. Die Kandidaten: Der Schwarzwald (zu bergig) und der Hunsrück. Passt, ab in den Einkaufskorb. Und dann brauchte ich noch einen großen Ort, der damals Verwaltungssitz war (Präfektur/ Unterpräfektur). Simmern also. Wikipedia ließ mich wissen, dass es dort ein Hunsrück Museum gibt, dass die Serie »Heimat« dort in der Nähe gedreht wurde, dass man sich den Schinderhannesturm ansehen kann, und – für Autoren ganz wichtig – dass es ein Schwimmbad mit Wellness-Bereich gibt.

Simmern – Reste der alten Stadtmauer

Die Deutsche Bahn hatte sich allerdings schon vor Jahren von Simmern getrennt. Jeder gab dem anderen die Schuld und ich – Scheidungswaise des ÖPNV – stieg also in Koblenz in den Bus um. Der quälte sich in den unteren Gängen die Steigung über den Rhein hinauf. Ich malte mir aus, wie in vergangenen Zeiten Fuhrwerke und Kutschen in die Höhen gerumpelt waren, denn auch hier galt das Gesetz: Wo immer du hinkommst – die Römer waren schon da. Eine ihrer bedeutenden Heerstraßen lief über Kastellaun und Simmern, die Ausoniusstraße, benannt nach dem gleichnamigen Dichter, der sie in seinem Gedicht »Mosella« erwähnte. Von Hügelgräbern hatte ich gelesen, den Treverern und einer Blüte im Mittelalter, auf alten Stichen sah Simmern aus wie die kleine Schwester von Nürnberg.

Marktplatz in Simmern

Das Gewerbegebiet holte mich allerdings auf den Boden der Tatsachen: Ausstatter für Badezimmer statt römische Thermen, Autohäuser, Tierbedarf und Fitness-Studios statt mittelalterliche Mauern. Der Bus entlässt mich am still gelegten Bahnhof, alle anderen Insassen huschen in bereit stehende Autos, es gießt in Strömen, ich spanne meinen Schirm auf und stehe am Anfang eines Romans. In der Pension (die, wie sollte es anders sein, schräg gegenüber des Schwimmbads liegt) druckse ich herum bei der Frage, was mich nach Simmern führt. Das »Ich recherchiere für einen Roman« kommt mir immer so abstrus vor wie »Ich werde mal Astronaut.« Schließlich habe ich doch mein Coming-Out und keiner lacht – beschwingten Schrittes gehe ich zum Neuen Schloss. Wie anders die Uhren hier ticken, denn das »neue« Schloss ist von 1712!

Das Neue Schloss/ Hunsrück Museum

Und wo ist das alte? Das Museum empfängt mich wie eine schlafende Schönheit, die auf DEN Touristen wartet. Auf drei Etagen entfaltet sich die Geschichte von steinzeitlichem Werkzeug bis hin zu den Auswanderern des 19. Jahrhunderts (aus dem Hunsrück wurde viel ausgewandert, und an diesem regnerischen Tag kann ich es verstehen.) Immer wieder begegnet mir der Name der Grafen von Sponheim – Raugrafen, Herzöge, Fürsten.

Aus der Blütezeit Simmerns

Ihre Genealogie füllt einen ganzen Raum, sie verzweigen sich ins Haus der Wittelsbacher und der Habsburger. Sie residierten schließlich in Karlsruhe, Heidelberg, München und Wien. Hier also, zwischen Hunsrückhalle und Ausfallstraße stand die Wiege der Kurpfälzer Herrscher. Im 16. Jahrhundert hatten sie ihre Blütezeit, richteten in Simmern Werkstätten für die neue Buchdruckkunst ein. Dort entstand auch das »Rüxner´sche Tunierbuch« – allerdings enthielt es zahlreiche Fälschungen von Wappen (warum?, fragt sich da der Autor. Kriminelle Energie eines Buchdruckers? Bestechung? Groß angelegte Intrige?).
Die Heirat Liselottes von der Pfalz mit dem Bruder des französischen Sonnenkönigs führte schließlich zur großen Katastrophe für Simmern: Im Erbfolgekrieg kam es 1689 zum »Sacco di Simmern« – französische Truppen legten die Stadt in Schutt und Asche. Damit war auch das Alte Schloss dahin, von dem nur noch einige Türme und Mauerreste existieren. Als Residenzstadt hatte Simmern damit ausgedient, die Fürsten packten endgültig ihre Sachen.

Der Pulverturm (heute: Schinderhannesturm)

Der Name »Simmern« tauchte dann in einem ganz anderen Zusammenhang wieder in den Geschichtsbüchern auf: Um 1800 trieb Johannes Bückler sein Unwesen in der Region, genannt der »Schinderhannes«, weil er der Sohn eines Abdeckers war. Die Gegend war von den Revolutionskriegen zerzaust, Truppen aller beteiligten Seiten verlangten Verpflegung, die öffentliche Ordnung war zusammengebrochen. Eine gute Zeit für Räuber. Sein Aufstieg vom örtlichen Banausen zum legendären Räuber begann mit einem Sprung – am 20. August 1799 entkam er aus dem Pulverturm, der seither seinen Namen trägt, und floh in die nahen Wälder.

Hinweisschild Radwanderweg

Warum er in den folgenden Jahren dort immer wieder der Entdeckung entgehen konnte, wird mir am nächsten Tag klar; d.h. erst einmal ist es wieder alles andere als klar: Es schüttet immer noch, also sehe ich der nötigen Radtour zu einigen Romanschauplätzen im Soonwald mit Unbehagen entgegen. Aber der Gott der ungeschriebenen Romane meint es an diesem Tag gut mit mir: Nach dem Frühstück, was ist das? Sonnenschein! Eine halbe Stunde später lacht der blaue Herbsthimmel über mir. Einige Rehe scheinen sich aber auf den Wetterbericht verlassen zu haben (Regen und Ruhe), statt dessen kommt ein Autor daher geradelt und stört die Beschaulichkeit. Ein wenig Nebel, Krähenrufe, die richtige Stimmung für einen Schauerkrimi (vor allem nachdem ich mir am Vorabend »Blair Witch Project«* angesehen habe …).

Blick über den Hunsrück

Der Soonwald besitzt ein sehr dichtes Unterholz, wer sich hier jenseits der Wege und Straßen bewegt, bleibt unentdeckt, das wusste auch der Schinderhannes. Einige Schlupfwinkel soll er hier, z.B. in der Treberhanshütte, unterhalten haben. Aber für seine Raubzüge musste er hervor und wurde schließlich auf der anderen Rheinseite gefasst. Ihm und zahlreichen Bandenmitgliedern wurde 1803 der Prozess gemacht, in Mainz kam er auf die Guillotine. Warum wurde gerade sein Name so legendär? Darüber spreche ich mit einem der ehrenamtlichen Museumshelfer. Der Räuberhauptmann verstand sich offenbar auf PR, die bei seinen Zeitgenossen gut ankam: Gegen die Franzosen, gegen die reichen jüdischen Kaufleute, auf Seiten der einfachen Bauern. In Wahrheit drangsalierte er Reiche und Arme, Juden und Christen und politische Absichten hatte er keine. Aber nicht zuletzt waren es Schriftsteller, die ihm das Image des deutschen »Robin Hood« verpassten.
Eine Reise – vor allem eine Radwanderung – auf seinen Spuren lohnt sich auf jeden Fall! Im Internet und bei der Touristen Information in Simmern erhält man entsprechende Karten und Tipps. Meine Empfehlung ist der Herbst als Reisezeit, denn die Hunsrück-Bäume zeigen ein sehr intensives Farbspiel, beinahe ein deutscher »Indian Summer.«

Im Soonwald

Zum Abschluss meiner Recherche-Reise döse ich in der Wellness-Abteilung auf dem Wasserbett. Ich denke an Rehe und Markttage, an den großen Brand und die kleinen Bauern und an meinen Gendarmen, der ein finsteres Geheimnis des Soonwalds zu klären hat. Die freundlichen Mitarbeiter des Hunsrück-Museums haben mir dabei geholfen, ihn zum Leben zu erwecken. Man erfährt in Simmern nicht nur etwas über eine Region am Rande Deutschlands, sondern vor allem, dass große Geschichte oft im Kleinen beginnt. Von der im Mittelalter viel gerühmten Residenzstadt ist nicht mehr viel zu sehen, aber gerade das macht das Arbeiten an historischen Romanen so reizvoll: Man kann Vergessenes und Verborgenes wieder beleben.

P.S.: Wer neugierig geworden ist auf den Romanschauplatz Simmern/ Soonwald kann in »Der Dichter des Teufels« den ersten Fall für meinen Gendarmen nachlesen.

Erfahren Sie mehr über den Gendarmenvon Tanja Schurkus.

Weiter führende Links:
Website der Stadt Simmern
Website des Hunsrück Museums
Website Schinderhannes-Radweg

* »Blair Witch Project« ist ein US-amerikanischer Horrorfilm

Bildmaterial: Copyright Tanja Schurkus