Am 2. September vor 10 Jahren…

Der Schrecken brennender Bücher – vor zehn Jahren: Der Brand der Anna-Amalia-Bibliothek

Bibliotheksbauten zeugten schon immer von der Wertschätzung aufbewahrbaren Wissens. Die Zerstörung von Bibliotheken, sei es durch Unfälle oder durch Willkür, lösten daher immer wieder besonderes Entsetzen aus, so hat sich etwa die Zerstörung der Bibliothek von Alexandria tief ins kulturelle Gedächtnis eingeprägt.

von Tanja Schurkus

Ähnlich wie auch der Einsturz des Kölner Stadtarchivs ist der Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar ein Ereignis, das sich auf besondere Weise aus der Nachrichtenlage heraus gehoben hat. Am 02. September 2014 jährt sich der Brand der Bibliothek im so genannten »Grünen Schloss« zum 10. Mal.

Der Brand am Abend des 2.September 2004
Quelle: Wikimedia Commons Guety

Anders als bei der Katastrophe in Köln kamen keine Menschen zu Tode, aber die Verwüstung und Zerstörung von Büchern und Handschriften war vergleichbar groß: Über 100.000 Bände fielen den Flammen gänzlich zum Opfer, oder wurden durch Löschwasser und Brand stark beschädigt. Und wie beim Einsturz des Archiv lag die große Betroffenheit auch in dem Gefühl, dass solch eine Katastrophe wie ein (kaum zufälliger) Angriff auf die kulturelle Identität schien. Nicht trotz sondern vielleicht wegen des Übergangs in das digitale Zeitalter ist das Verschwinden berührbarer, erlebarer, riechbarer Bücher mit einem besonderen Schrecken verbunden. Auch wenn man selbst nicht zu den Menschen gehört, die regelmäßig mit alten Büchern arbeiten, ist es beruhigend zu wissen, dass diese Zeugen menschlichen Kulturschaffens an angemessenen Orten aufgehoben und gepflegt werden.

Bibliotheksbauten zeugten schon immer von der Wertschätzung aufbewahrbaren Wissens. Die Zerstörung von Bibliotheken, sei es durch Unfälle oder durch Willkür, lösten daher immer wieder besonderes Entsetzen aus, so hat sich etwa die Zerstörung der Bibliothek von Alexandria tief ins kulturelle Gedächtnis eingeprägt.

Weimar Musenhof

Mit dem Beginn der Aufklärung kam dem Buch eine neue, besondere Wertschätzung zu. Besonders augenfällig wird das in dem Staat, der sein Entstehen unmittelbar der Aufklärung zu verdanken hat: In den USA. In den neu gegründeten Städten war die öffentliche Bücherei weit stärker als jeder Sakralbau ein Symbol für das angestrebte gesellschaftliche Ideal. Große helle Lesesäle in klassizistischen Bauwerken von teils monumentalen Ausmaßen präsentierten das Buch als Gegenmittel zur Unwissenheit und damit als Gegenmittel zur Barbarei. Bildung – so die Botschaft – veredelt den Mensch im einzelnen und hebt die Gesellschaft als ganzes. Und das Buch war das beinahe unangefochtene Herrschaftssymbol des Verstandes. Sein Anblick und seine Präsentation alleine waren bereits eine Stellungnahme: Der Mensch war in der Lage, die Erbsünde und damit die dunklen Seiten seines Wesens zu überwinden und sich selbst kraft seines Geistes zu vervollkommnen.

»Der Umgang mit Büchern, etwa die Bereitschaft, Gelder zu ihrer Pflege und zu ihrem Schutz bereit zu stellen, wird immer ein Seismograph für das kulturelle Bewusstsein einer Gesellschaft bleiben.«

Diese Symbolkraft hat das Buch nicht verloren, im Gegenteil: Das Unbehagen an der Digitalisierung und damit das Unbehagen gegenüber dem »Unsichtbarwerdens« des Buches zeugt davon, dass man dabei auch das Verschwinden seiner kulturellen Funktion befürchtet. Datensätze können nicht brennen. Aber falls sie einen Charakter ausbilden, so ist der nur IT-Spezialisten zugänglich. Bücher, die in Bibliotheken einstehen, bilden dagegen ihre eigenen Biografien aus. Jeder Bibliotheksnutzer kennt die Faszination, die von mehr oder weniger dezent in den Text geschriebenen Anmerkungen ausgeht oder die in alten Buchlaufkarten liegt. Und folglich hebt es ein Buch hervor, wenn es von Karl Marx bekritzelt wurde oder durch Goethes Hände gegangen ist. Johann Wolfgang von Goethe war 35 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1832, Bibliothekar in Weimar. Und auch er erlebte dort eine Brandnacht, der zahlreiche Bücher zum Opfer fielen.

»7 Uhr Brand Plünderung schrekliche Nacht«

Weimar Frauenplan

Dieser Eintrag findet sich in Goethes Tagebuch für den 14.10.1806. In dieser Nacht kamen Truppen Napoleons nach dem Sieg bei Jena nach Weimar und bald schon flammten Brände an mehreren Stellen in der Stadt auf. Auch in Goethes Haus am Frauenplan fand sich bald ungebetener Besuch ein: Französische Soldaten, nach Tagen auf dem Schlachtfeld und dem Marsch ausgehungert und durchgefroren. Als pflichtbewusster Minister hatte sich Goethe auf dem Schloss eingefunden. Anna Amalia, die Mutter des Landesherrn, war geflohen. Zurückgeblieben war die Herzogin Luise. Mit ihr konnte er sich einzig darauf verständigen, dass die Stadt mit ihren 7.000 Einwohnern dem Ansturm von 40.000 Soldaten wenig entgegen zu setzen hatte. Goethe gab sich kurzerhand selbst die Einquartierung eines französischen Marschalls, in der Hoffnung, dass sein Haus und seine Bewohner so von Übergriffen verschont bleiben würden. Goethe schrieb später an seinen Verleger Cotta: »In jener unglücklichen Nacht waren meine Papiere meine größte Sorge, und mit Recht. Denn die Plünderer sind in anderen Häusern sehr übel damit umgegangen und haben wo nicht alles zerrissen, doch umher gestreut.«

»Goethe ließ sich unter dem Kanonendonner der Schlacht mit seiner vieljährigen Haushälterin Demoiselle Vulpius trauen, und so zog sie allein einen Treffer, während viele tausend Nieten fielen.«

So ging vieles aus Herders Bibliothek in Flammen aus. Der alte Wieland dagegen, der auch in Frankreich sehr verehrt wurde, fand sich von den Soldaten hofiert.
Im Hause Goethe sorgte Christiane Vulpius dafür, dass es zu keinen Ausschreitungen kam, in dem sie den Soldaten auftischen ließ. Allerdings suchten sie zu später Stunde den Hausherrn heim und machten sich in den privaten Gemächern breit. Auch hier soll Christiane einigen Mut bewiesen haben. Goethe äußerte sich später selten zu den Vorfällen – er ehelichte jedoch noch in der Nacht des 15. Oktobers seine ›Haushälterin‹, was in einer Zeitung aus dem Hause Cotta süffisant kommentiert wurde: »Goethe ließ sich unter dem Kanonendonner der Schlacht mit seiner vieljährigen Haushälterin Demoiselle Vulpius trauen, und so zog sie allein einen Treffer, während viele tausend Nieten fielen.«

Tatsächlich liest sich bei einigen Zeitgenossen eine gewisse Schadenfreude über Goethes Schreckensnacht. Sie endete mit dem Erscheinen des Marschalls Ney, der eigenhändig die unerwünschten Soldaten aus dem Haus getrieben haben soll. Bald traf Napoleon in Weimar ein und nachdem sein Zorn über die Sachsen verraucht war, nahm er sie unter seinen Schutz. Im Gegensatz zu Jena war Weimar mit dem Schrecken davon gekommen.

Bücher – Leben – retten

Herzogin
Anna Amalia

Auch die Anna-Amalia-Bibliothek, damals noch »Herzogliche Bibliothek« nahm keinen Schaden. Sie war bereits 1691 als öffentliche Bücherei mit 1.400 Büchern aus dem Besitz des Herzogs Wilhelm Ernst gegründet worden. Später bekam sie den Namen ihrer größten Förderin, der Herzogin Anna Amalia {1739-1807}. Ihre Musikaliensammlung wurde bei dem Brand 2004 fast völlig zerstört. Nicht zuletzt durch das Wirken Goethes in Weimar bekam die Bibliothek ihren Schwerpunkt auf der Literatur der Aufklärung und der Literatur des 19. Jahrhunderts. Die weltweit größte Faust-Sammlung konnte vor den Flammen gerettet werden. Mehr als 900 Helfer waren nach der Brandkatastrophe damit beschäftigt, Bücher und andere Kunstschätze aus dem Gebäude zu sichern. Papier, das von Löschwasser durchtränkt worden war, musste sofort eingefroren werden, um Schimmel- und Pilzbefall zu verhindern. 67 Millionen Euro wurden für die Restaurierung und Wiederbeschaffung der Bücher nötig, hinzu kamen die Kosten für die Sanierung des Gebäudes. Eine Anzahl von Büchern konnte durch Geschenke anderer Bibliotheken wie z.B. Wolfenbüttel oder Mainz oder von privat ersetzt werden.

Die Ursache des Brandes konnte nicht abschließend geklärt werden. Zur Zeit des Brandes befand sich das »Grüne Schloss« im Umbau, daher vermutet man einen Kabelbrand als Auslöser.

Nach dem Brand
Quelle: Wikimedia Commons PatrickD

Die Bücher mit denen Goethe und Schiller arbeiteten, sie gehören mit der Klassiker-Stadt Weimar inzwischen zum UNESCO Weltkulturerbe. Ihre Inhalte kann man in digitaler Form vor Bränden oder Fluten schützen, ebenso vor willentlicher Zerstörung. Ihre Gegenständlichkeit dagegen wird immer verwundbar bleiben. Büchern widerfährt oft das Schicksal ihrer Leser und Nutzer, das zeigt sich am deutlichsten unter Gewaltherrschaften. Aber es genügen schon Sparmaßnahmen und Haushaltsschnitte, um zu zeigen, was – schlimmer noch: wen – eine Verwaltung für entbehrlich hält. Der Umgang mit Büchern, etwa die Bereitschaft, Gelder zu ihrer Pflege und zu ihrem Schutz bereit zu stellen, wird immer ein Seismograph für das kulturelle Bewusstsein einer Gesellschaft bleiben.

Der Rokokosaal
Quelle: Wikimedia Commons Concord

Weitere Informationen

Mehr Bildmaterial, Zeichnungen und aktuelle Informationen zum Restaurationsstand der verbrannten Kulturschätze können Sie auf der WebsiteKlassik Stiftung {unter Einrichtungen können Sie aus verschiedenen Angeboten wählen} einsehen.

Oder Sie folgen unserem direkten Link zur Klassik Stiftung Weimar – Anna-Amalia-Bibliothek