Tanja Schurkus – Schwester Melisse

Historisches zu »Schwester Melisse«

In diesem Interview spricht die Autorin Tanja Schurkus über eine geschäftstüchtige Nonne, das preußische Köln und warum es gerade in Klöstern so gute Schnäpse gibt.

von Alessa Schmelzer

Histo Journal: Den meisten wird der Name »Klosterfrau Melissengeist« ein Begriff sein. In Deinem neuen Buch entwirfst Du die Biografie einer Klosterfrau, die keine mehr war. Was war der auslösende Funke, gerade über diese Frau zu schreiben?

Tanja Schurkus {TS}: Auch ich kannte natürlich die blaue Packung mit den drei Nonnen darauf, aber ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, welche Geschichte dahinter stecken könnte – oder dass es etwas mit meiner ›Lieblingszeit‹, der napoleonischen Ära, zu tun haben könnte.Bei einem Spaziergang über den Kölner Melatenfriedhof fiel mir das Grab von Maria Clementine auf. Im Friedhofsführer standen dann einige Angaben zu ihrer Person, die mich sehr neugierig machten: Klostereintritt mit 17, dann nach der Säkularisierung ›Wanderjahre‹ in der Kriegszeit Waterloo und schließlich die Firmengründung in Köln.

Histo Journal: Das beginnende 19. Jahrhundert ist geprägt von starken politischen Umwälzungen. Napoléon und sein Desaster in Waterloo, Code civil. Der Stadt Köln wurde der Titel ›bonne ville de l’Empire francais‹ verliehen. Gemäß den Bestimmungen des Wiener Kongresses fiel Köln dann an Preußen. Warum war der Preußenkönig im Rheinland so verhasst?

TS: Preußen war schon für die voran gegangenen Generationen „der Feind“ gewesen. Köln unterstand als freie Reichsstadt dem Habsburger Kaiserhaus. Das wiederum war im 18. Jahrhundert bereits in einige Kriege mit dem aufstrebenden Preußen verwickelt gewesen. 1803 wurde das Rheinland ein französisches Departement. In der Völkerschlacht 1813 kämpften daher Soldaten aus dem Rheinland gegen Preußen und andere deutsche Staaten. Vor allem der Feldmarschall Blücher entwickelte daher einen Hass auf die ›Pfaffenbrut‹ aus dem Rheinland – denn dort war man natürlich katholisch und die Preußen waren Protestanten. Es gab also sowohl politische wie auch religiöse Gründe für das rheinische Misstrauen gegenüber den Preußen.

Infobox: Bildmaterial

Waterloo

Waterloo – Verwundete

Waidmarkt

Waidmarkt

Chézy

Helmina von Chézy

Werbeinschrift

Werbeschrift

Kolben

Destillierkolben

Schaeben

Haus Schaeben

HIsto Journal: Mir – als gebürtiger Kölnerin – stellt sich die Frage: wie preußisch war Köln 1825 denn wirklich? Ich erinnere mich sehr lebhaft daran, dass z.B. meine Großeltern noch sehr viele französische Begriffe verwendet haben.

TS: Französisch war bis 1815 die Sprache der internationalen Begegnung. Viele Bürger sprachen es zumindest ein bisschen, so wie heute Englisch. Das hatte aber nichts mit einer besonderen Verbundenheit mit dem Land zu tun. Erst mit den napoleonischen Kriegen kam die Idee von den Nationen auf; die Rheinländer sahen sich am ehesten als „rheinische Nation“, von einem solchen Staat wollte man aber auf dem Wiener Kongress nichts wissen. Preußen wollte das katholische Rheinland auch erst nicht haben, sondern an Holland verkaufen {!}. Schließlich wurde es aber doch preußische Provinz oder »Muss-Preußen«, wie die Rheinländer es nannten. Über die Wesensart fühlte man sich tatsächlich mehr Frankreich verbunden, als dem strengen, protestantischen Preußen. Um 1825 sahen die meisten Kölner den Status als preußische Provinz nur als vorüber gehend an.

Histo Journal: Maria erhielt eine Jahresrente von 160 Gulden. Wohlgemerkt von den Preußen. Was veranlasste den preußischen König ihr eine Rente zu zahlen, während Helmina von Chézy sich für den gleichen Einsatz verteidigen musste?

TS: Es gibt nur wenige Berichte über Marias Einsatz bei Waterloo. Sie muss sich aber durch großen persönliche Tapferkeit hervorgetan haben, weil sie noch während der Kampfhandlungen die Verwundeten auf dem Schlachtfeld versorgte. Von Chézy kritisierte die Organisation der Verwundetenversorgung in ihren Berichten, und das war gleich bedeutend mit einer Kritik am preußischen Staat. Dafür musste sie vor Gericht.

Histo Journal: In Deinem Buch zeichnest Du auch eine politische Seite der Nonne. Magst Du etwas zum ›Kölner Ereignis‹ sagen?

TS: 1837 ließen die preußischen Behörden den Kölner Erzbischof Droste zu Vischering verhaften. Der Anlass war, dass der sich geweigert hatte ›Mischehen‹ zwischen Katholiken und Protestanten abzusegnen. Berlin hatte nämlich verfügt, dass die Kinder aus diesen Ehen immer nach der Konfession des Vaters getauft werden sollten. Ins Rheinland kamen aber eben männliche Beamte und Militärs, und so wurden immer mehr Familien protestantisch. Für die katholischen Angehörigen {und die Mütter} bedeutete das aber eben nach der damaligen Vorstellung, dass man in der ewigen Seligkeit getrennt sein würde.

Histo Journal: Elkendorf, Struensee, Maria Clementine – wie viel Quellenmaterial existiert heute noch? Wie schwierig ist es dies einzusehen {Einsturz des Kölner Archivs}.

Französisch war bis 1815 die Sprache der internationalen Begegnung. Viele Bürger sprachen es zumindest ein bisschen, so wie heute Englisch. Das hatte aber nichts mit einer besonderen Verbundenheit mit dem Land zu tun.

TS: Ich hatte das Glück, dass der Band zur Kölner Stadtgeschichte der Preußen-Zeit erschien, als ich die Recherchen begann. Die Kommission konnte noch mit dem Material aus dem später eingestürzten Stadtarchiv arbeiten. Elkendorfs »Medizinische Topografie der Stadt Köln von 1825« liegt ebenfalls mit sehr guten Herausgeber-Kommentaren vor. Das Archiv der Firma Klosterfrau Healthcare Group wurde dagegen im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört.

Histo Journal: Bei magerer Quellenlage über Maria Clementine: Wie hast Du Dich dieser historischen Figur genähert?

TS: Über Maria gibt es in der Tat wenige {Selbst}zeugnisse. Ich habe also versucht, aus ihren Lebensstationen auf ihren Charakter zu schließen. Da fallen einige Widersprüche auf: Aufopfernd in der Krankenpflege und ›toughe‹ Geschäftsfrau; gläubige Katholikin und gutes Einverständnis mit dem preußischen König; Anhänglichkeit an das alte {Kloster}system aber selbstständige Unternehmerin. Mir war klar, dass eine solche Person keinen ›milden‹, zarten Charakter haben kann.

Histo Journal: Du zitierst einen preußischen Königsbrief an Maria Clementine. Wo hast Du den gefunden? Im ›Klosterfraumelissengeist Archiv‹?

TS: Das Archiv kann leider nicht besucht werden, das Haus hat aber eine Schrift herausgegeben, in der nach eigener Auskunft die wichtigsten Quellen zusammen gestellt sind. Darin ist auch der Brief an den König von Preußen enthalten.

Histo Journal: In welchem Maria Clementine die Genehmigung des preußischen Königs erbat sein königliches Wappen exklusiv verwenden zu dürfen. Das hört sich nach einer ziemlich gewieften Unternehmerin an …

TS: 1829 gab es noch keinen gesetzlichen Markenschutz. Das königliche Wappen war daher die einzige Möglichkeit, ein Produkt unverwechselbar zu machen und sich vor Nachahmern zu schützen. Tatsächlich hat Maria später beim zuständigen Ministerium einige Konkurrenten angezeigt, die es dennoch wagten. Warum sich der preußische König ihr so verbunden zeigte … vielleicht war es auch von seiner Seite ein ›PR‹-Trick, um sich bei seinen katholischen Untertanen im Rheinland beliebt zu machen.

Histo Journal: Ein enger Vertraut Marias ist Gottfried, der Buchhändler. Durch ihn gelangt Maria an verbotene Bücher. Warum waren Bücher wie {Lamettrie: »Die menschliche Maschine«} in Köln nicht legal zu beziehen?

TS: Nach 1815 hatten der Zar von Russland, der Kaiser von Österreich und der König von Preußen die so genannte »Heilige Allianz« geschlossen. Man sah die Sache so, dass die Philosophie der Aufklärung zur Französischen Revolution geführt hatte und die zu Napoleon. Also wollte man gegen alles vorgehen, was das »Gottesgnadentum« der Herrschaft in Frage stellte. Mit den Karlsbader Beschlüssen wurde die Zensur in den deutschen Ländern dann umgesetzt. Zahlreiche Bücher und Schriften kamen auf die Zensurlisten, also musste heimlich damit gehandelt werden.

Histo Journal: Nicht eben ungefährlich … Du beschreibst die Vorgänge des Destillierens äußerst anschaulich. Hast Du einen Crash Kurs in ›Destillieren leicht gemacht‹ absolviert? Aber ernsthaft: Wie bist Du an all diese Informationen gekommen?

TS: Ganz modern über das Internet. Viele Museen {und Schnapsbrennereien} betreiben aber auch historische Destillier-Apperaturen. Mir ging es aber weniger um den technischen Vorgang als um das Prinzip dahinter. Das stammte noch aus der Alchemie, einer ›ketzerischen‹ Wissenschaft. Nach kirchlicher Lehre sind alle Substanzen so von Gott geschaffen, wie man sie vorfindet, sie dürfen also nicht umgewandelt oder geteilt werden. Die Alchemisten haben es trotzdem getan – und bald auch die Klöster. Fast jeder kennt einen guten Klosterschnaps.

Histo Journal: Ob Destillerie oder Apotheke – Maria zog sich den Unmut der Bürger zu. Wie ist das zu erklären?

TS: Überwiegend wurde Maria sehr geschätzt, denn sie unterstützte die Armenfürsorge großzügig. Tatsächlich konnte ich keine Belege finden, dass sie von Seiten der ›Schulmedizin‹ angefeindet wurde. Ich darf den guten Goethe strapazieren: Den Konflikt mit dem Apotheker habe ich um des dramatischen Effekts willen eingefügt.

Histo Journal: Was kann sich der moderne Mensch unter einem ›Lesezirkel‹ im damaligen Köln vorstellen?

TS: Zum einen konnte sich nicht jeder eigene Bücher oder Zeitschriften leisten, also tat man sich zusammen. Der besagte Kölner Lesezirkel war aber vor allem politisch und fühlte sich der republikanischen Idee verbunden, deswegen wurde er 1832 verboten. Einige Mitglieder wurden verhaftet, andere konnten nach Paris fliehen, so auch der Verleger und Buchhändler Gerhard Pappers {der Vorbild für meinen fiktiven Gottfried war}. Pappers schloss sich in Paris dem »Bund der Geächteten« an, aus dem später die kommunistische Bewegung hervor ging.

»Mir war klar, dass eine solche Person keinen ›milden‹, zarten Charakter haben kann.«

Histo Journal: Joseph Görres war der Herausgeber des »Rheinischen Merkurs«. Zunächt achtete man ihn. Später fiel er bei den Preußen in Ungnade – warum?

TS: Joseph Görres hat seine Gesinnungen auffallend oft gewechselt, an seiner Vita kann man daher die vielen Wechselfälle der Zeit sehr anschaulich nachvollziehen. Erst begeisterte er sich für die Französische Revolution, dann für die Gegenbewegung. Daher beauftragten ihn die Preußen, mit dem »Rheinischen Merkur« für die neuen Herrschaftsverhältnisse nach 1815 Werbung zu machen. Aber Görres begeisterte sich mehr und mehr für den mystischen Katholizismus. 1829 siedelte er nach München über und führte seine Feder fortan gegen die preußische Hegemonie in Deutschland.

Histo Journal: Maria Clementine hat an Joseph Görres geschrieben. Auf eine Antwort wartete sie vergebens … {Zitat: Ich bin nur eine arme, alte Klosterfrau.}

TS: Warum er nicht antwortete, {oder ob seine Antworten nicht mehr existieren} ist nicht überliefert. Maria beklagte sich bei ihm über die strenge Überwachung, die die preußische Polizei besonders eifrigen Katholiken zukommen ließ. Auch war sie in den Verdacht geraten, eine sehr aufwieglerische Flugschrift verfasst zu haben, die ich auch im Buch zitiere.

Histo Journal: Marias Lehrjunge heißt Gustav Schaeben. Er war Erbe ihres Unternehmens. Lenken dessen Nachkommen auch heute noch die Geschicke der »Klosterfrau Melissengeist«?

TS: Nein. Die Firma musste in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts Insolvenz anmelden und wurde später neu gegründet. Die Firmensubstanz von »Klosterfrau Melissengeist« ging in andere Hände über. Beide Unternehmen, die Klosterfrau Healthcare Group und die Firma Schaeben stellen heute ein Melissenwasser her.

Histo Journal: Noch ganz kurz zum Thema Wunderkind: Das klingt ein wenig phantastisch. Nichtsdestotrotz haben {oder wollten} die Menschen daran glauben. Gibt es dafür eine rationale Erklärung?

TS: Das in den Pupillen eines Kindes ein Schriftzug lesbar war, erschien mir auch sehr phantastisch. Tatsächlich gab es aber diese Zeitungsmeldung – ob das Mädchen Glaslinsen eingesetzt hatte {man konnte sie damals schon herstellen, aber nur kurze Zeit tragen, weil sie sehr dick waren} oder es sich tatsächlich um eine Laune der Natur handelte, bleibt im historischen Dunkeln.

Histo Journal: Vielen Dank, Tanja.


»Schwester Melisse«
Tanja Schurkus

Jeder kennt den Klosterfrau Melissengeist. Doch wer weiß, dass hinter diesem Produkt in der blauen Schachtel eine höchst ungewöhnliche Firmengründerin steckt?
Tanja Schurkus hat nachgeforscht und erzählt die packende Geschichte der Ordensfrau Maria Clementine Martin. Als unter Napoleon alle Klöster säkularisiert werden, verlässt sie den Orden. In der Schlacht von Waterloo pflegt sie unter größtem Einsatz Verwundete.
Ab 1825 lebt sie in Köln und nutzt ihre guten Kenntnisse aus der Klosterapotheke und Pflanzenheilkunde, um ihr ›Melissenwasser‹ als Arznei herzustellen. Je erfolgreicher ihre Firma ist, umso lauter stellt sich ihr die Frage: Darf sie als Frau, die einmal das Gelübde der Armut abgelegt hat, ein profitables Geschäft betreiben? Wie sieht Gottes Weg für ihr Leben aus?

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