Heidi Rehn

Historisches zu »Der Sommer der Freiheit«

Histo Journal Special: Heidi Rehn – Teil 4

In diesem Interview spricht Heidi Rehn über nervöse Herrschaften, Ritter der Lüfte und was sich in Wahrheit hinter den sogenannten Häkel- und Damenkegelklubs des wilhelminischen Zeitalters verbarg.

von Alessa Schmelzer

Histo Journal: Das gebildete Bürgertum {19./20. Jahrhundert} fuhr in die Sommerfrische und verlebte in zumeist sehr eleganten Hotels ein paar angenehme Wochen. Du beschreibst das in deinem Roman sehr ausführlich und gibst deinen Lesern somit die Chance sich mit den herrschenden Konventionen vertraut zu machen. Was kennzeichnet dieses Bürgertum, von dem Kurt Tucholsky um 1920 sagte, dass sein Zeitalter nun zu Grabe getragen würde und man nicht wisse, was anschließend komme.

Heidi Rehn {HR}: Wie der Name schon sagt, ist diese Schicht im wesentlichen durch die klassische, humanistische Bildung geprägt, die ihr im späten 18. Jahrhundert – im Gegenzug zum Niedergang der Adelsschicht – den Aufstieg gewährleistet hat. Im Lauf des 19. Jahrhunderts und vor allem im Kaiserreich hat sie dank der Bildung und des damit verbundenen Aufschwungs von Industrie, aber auch von akademischen Berufen wie Arzt, Rechtsanwalt, Universitätsprofessor, erheblich an Einfluss gewonnen und die wichtigen Posten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft besetzt. Somit war es die tragende Säule des deutschen Kaiserreichs. Humanistische Bildung stand weiterhin im Zentrum, um den Klassenerhalt zu garantieren. Demzufolge besuchten die Söhne das Gymnasium und studierten, während die Töchter auf die höhere Töchterschule gingen, insbesondere in musischen Fächern {Klavierspielen u.ä.} ausgebildet und auf eine standesgemäße Hochzeit vorbereitet wurden. Man verstand sich – ähnlich wie der Adel – als nach außen abgeschlossene Schicht und grenzte sich nach oben wie nach unten strikt ab. Das schönste Beispiel hat Thomas Mann in seinem Roman »Die Buddenbrooks« beschrieben, ebenso schildert Stefan Zweig in seiner »Welt von gestern« diese Schicht, die nach 1918 dem Untergang geweiht war. Weder die Einführung des Allgemeinen Wahlrechts noch die Emanzipation der Frau, sowie der zunehmende Einfluss der unteren Schichten dank Sozialdemokratie und Gewerkschaften und vor allem der demokratische Zugang zu den Bildungseinrichtungen für jedermann war im Sinn dieser Schicht und führte letztlich zu seiner allmählichen Auflösung.

Infobox: Bildmaterial

Barrable

Gemälde von George Hamilton Barrable um 1888 Töchter aus höherem Hause

Pauli

Breakfast Time der Malerin Hanna Pauli Sommerfrische um 1900

Richthofen

Jagdstaffel 11, Manfred v. Richthofen Copyright: Bundesarchiv, Bild 183-2004-0430-501 / CC-BY-SA

Baum

Vicki Baum. Portrait von 1930

Davison

Emily Davison

Dohm

Hedwig Dohm um 1870

Herzl


Theodor Herzl auf dem Balkon des »Les Trois Rois« 1901

Histo Journal: Warum logiert der Zentrumsabgeordnete Joseph Rosenbau mit seiner Familie seit Jahren ausgerechnet im ›Bellevue‹ der Familie Saur? Hat diese Wahl auch eine politische Komponente?

HR: In Baden-Baden gab es damals sehr viele, sehr traditionsreiche und sehr vornehme Hotels und es besaß schon eine gewisse Aussagekraft, welches man sich als Logis wählte. Das ›Hotel Messmer‹ direkt vis-a-vis des Konversationshauses etwa galt im 19. Jahrhundert als Lieblingshotel des deutschen Kaiserpaares. Wilhelm I. und seine Gattin Augusta verbrachten dort fast 40 Jahre lang ihre Sommerfrische. Demzufolge verkehrten dort in der Folge eher Kaisertreue und Konservative, was sich bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts hielt. Das ›Hotel Angleterre‹ eingangs der Lichtentaler Allee galt ebenfalls als bevorzugte Herberge von konservativen Politikern und Angehörigen der Fürsten- und Adelsgeschlechter. Vor dem Krieg 1870/71 war es das »erste Haus am Platz«, in dem u.a. Bismarck und einige andere hochrangige Herrschaften ihren politischen Geschäften nachgingen. Die österreichische Kaiserin Elisabeth {»Sisi«} weilte dort ebenfalls einige Male. Später löste das ›Hotel Stephanie‹, heute das berühmte ›Brenners‹, das ›Angleterre‹ an der Spitze der ersten Häuser am Platz ab. Der ›Europäische Hof‹ an der Kaiserallee dagegen war das Lieblingshotel der russischen Gäste und Künstler {u.a. die Schriftsteller Gogol, Turgenjew und Dostojewskij}. 
Jemand, der wie meine Romanfigur Joseph Rosenbaum, viel Wert darauf legte, bewusst abseits der offenen politischen Zuordnungen zu wohnen, der wählte vor dem Ersten Weltkrieg das ›Hotel Bellevue‹ an der Lichtentaler Allee. Zwar verkehrten auch dort immer wieder hochrangige Politiker, doch wirklich eher zu privaten Zwecken. In den Zwanziger Jahren tat es übrigens Gustav Stresemann meiner Romanfigur nach und weilte während seines letzten Aufenthaltes in Baden-Baden im ›Bellevue‹, bevor er 1929 unerwartet einem Schlaganfall erlag.

»Vor dem Krieg 1870/71 war es das »erste Haus am Platz«, in dem u.a. Bismarck und einige andere hochrangige Herrschaften ihren politischen Geschäften nachgingen. Die österreichische Kaiserin Elisabeth {»Sisi«} weilte dort ebenfalls einige Male.«

Histo Journal: Joseph Rosenbaum als Zeitungsverleger der ›Bonner Neuesten Nachrichten‹ – welche Zeitung stand da Pate? Mir kommen die ›Kölnische‹, ›Vossische‹ oder ›Frankfurter‹ oder ›Münchner Neueste Nachrichten‹ in den Sinn.

HR: Eine direkte Zuordnung zu einer bestimmten Zeitung wollte ich ganz bewusst vermeiden, deshalb habe ich den Namen nach dem Vorbild der ›Kölnischen Zeitung‹, des ›Bonner Generalanzeigers‹ und der ›Münchener Neuesten Nachrichten‹ zusammengebastelt. Wichtig war mir aber zu zeigen, dass das Blatt wie viele Zeitungshäuser im 19. Jahrhundert in Familienbesitz war und sich im frühen 20. Jahrhundert gegen die aufstrebenden Großkonzerne {Ullstein, Mosse, Scherl, später natürlich auch Hugenberg} behaupten muss. Aber das ist dann eine andere Geschichte….

Histo Journal: Joseph Rosenbaum feiert im Krieg seinen 60zigsten Geburtstag. Er hat illustre Gäste eingeladen, darunter Wilhelm Spiritus und Josef Zander, Felix von Hartmann…allesamt historisch verbürgte Personen. Warum hast du sie eingebunden?

HR: Um der Geschichte Authentizität zu verleihen, Fiktion mit Realität zu verknüpfen. Ein wichtiger Mann der Stadt Bonn und des Rheinlandes wie meine fiktive Gestalt Joseph Rosenbaum muss zu seinem Geburtstag besondere Honoratioren der Stadt und näheren Umgebung einladen. Wilhelm Spiritus {1854-1931} war von 1891 bis 1918 Oberbürgermeister der Stadt Bonn, wurde wegen seines besonderen Einsatzes für die Stadt im Ersten Weltkrieg sogar zum »Oberbürgermeister auf Lebenszeit« gewählt, wovon er jedoch selbst Abstand nahm. Josef Zander {1878-1951} war Zentrumspolitiker und von 1915 bis 1933 sowie noch einmal von 1946-1948 Bürgermeister des damals noch eigenständigen Godesberg. Er setzte sich übrigens dafür ein, dass die Stadt den Zusatz »Bad« erhielt.Felix von Hartmann {1851-1919} war von 1912 bis 1919 Erzbischof von Köln, auch das ein wichtiger Mann für einen Zentrumspolitiker und angesehenen Bürger der Stadt Godesberg wie meine Romanfigur.

»Erst die jünger Forschung beweist immer deutlicher, welches Trugbild damit gezeichnet wird. Schon im Sommer 1914 gab es weitaus mehr regierungs- und kaiserkritische Stimmen in der Bevölkerung als lange Zeit angenommen.«

Histo Journal: Später gesellen sich andere hinzu – Konrad Adenauer und Wilhelm Marx.

HR: Auch das dient der Authentizität und Einbindung der Geschichte in den historischen Hintergrund. Adenauer und Marx waren zu der Zeit wichtige Zentrumspolitiker. Sie tauchen hier im Zusammenhang mit der Diskussion um die Zukunft des Rheinlandes nach Ende des Ersten Weltkrieges auf. Adenauer {damals Oberbürgermeister der Stadt Köln} und Marx {der in der Weimarer Republik viermal Reichskanzler einer bürgerlich-liberalen Koalition werden sollte} gehörten zu jenen Politikern, die für die Aufteilung des ehemaligen Kaiserreichs in vier autonome Republiken eintraten. Die westlichen Teile Preußens sollten in einer »Rheinischen Republik« aufgehen. Meine Romanfigur Joseph Rosenbaum sieht diese Tendenzen seiner Parteifreunde allerdings eher skeptisch, hadert wieder einmal mit sich und der Parteiräson.

Histo Journal: Kaisertreue, Konservative, Sozialisten – das politische Gefüge um 1913 mag uns heute fremd erscheinen. Im Roman wird Kaiser Wilhelm II. zitiert, der den Reichstag gerne als »Quasselbude« oder »Reichsaffenhaus« bezeichnete. Wie ist das Verhältnis von Kaiser, Politik und Gesellschaft vor dem Krieg?

HR: Das ist eine Frage, über die zu Recht umfangreiche Abhandlungen existieren. In aller Kürze vielleicht nur so viel: Letztlich habe ich die Zitate aufgegriffen, um die – vorsichtig ausgedrückt – distanzierte Haltung Wilhelms II. zum Reichstag zu illustrieren. Das Kaiserreich war eine konstitutionelle Monarchie. d.h. der Kaiser berief die Regierung und den Reichskanzler, die somit nicht auf die mehrheitliche Unterstützung des Reichstags angewiesen war. Gerade Wilhelm II. legte Wert auf seinen Machtanspruch und mischte sich, gestützt auf seine persönlichen Berater, sehr stark in die Regierungspolitik ein. Vom Reichstag oder gar einer Beteiligung der darin versammelten Abgeordneten an der Politik hielt er dagegen wenig. 
Die gesamte Kaiserzeit war natürlich geprägt vom Aufstieg der Parteien, da gab es vor allem die Konservativen, das Zentrum, die Liberalen und die Sozialdemokraten, die sich mitunter sehr stark befehdeten. Die Gesellschaft war noch sehr klassenbewusst. Es gab den Adel, das Bürgertum, die Arbeiter. Querverbindungen waren noch sehr selten und eher verpönt.
Die Mehrheit der Bevölkerung war system- und kaisertreu. Die »alte Ordnung« noch völlig intakt, wenn sich auch die ersten Risse bemerkbar machten. Mit Wilhelm II. Rede zum Kriegsausbruch am 1. August 1914 {»Ab heute kenne ich keine Parteien mehr«} schienen diese Divergenzen allerdings – zumindest vorübergehend – noch einmal aufgehoben und alle vermeintlich treu hinter dem Kaiser und seiner Politik vereint. Erst die jüngere Forschung beweist immer deutlicher, welches Trugbild damit gezeichnet wird. Schon im Sommer 1914 gab es weitaus mehr regierungs- und kaiserkritische Stimmen in der Bevölkerung als lange Zeit angenommen.

»Neurasthenie ist eine psychische Erkrankung, die man heute zu den depressiven Erkrankungen zählt. Damals war sie mitunter als »Modekrankheit« verschrien.«

Histo Journal: Der Fortschritt der Technik läutet eine neue Ära des Wohlstandes an. Ob 1910 in Berlin, London und Paris – die Bilder gleichen sich. Leuchtende Reklameschilder, Parties, Kinos, Straßenbahnen, hupende Automobile, die die Pferde der Kutschen verschrecken, von all den Radfahrern ganz zu schweigen… dennoch diagnostizieren die Mediziner eine neue Krankheit: die Neurasthenie. Was hat es damit auf sich?

HR: Neurasthenie ist eine psychische Erkrankung, die man heute zu den depressiven Erkrankungen zählt. Damals war sie mitunter als »Modekrankheit« verschrien. Symptome waren Schwermut, Melancholie, Erschöpfungszustände u.ä. Es war wohl oft eine Art Überdruss, ein Verzweifeln an der Moderne, eine Hoffnungslosigkeit angesichts der sich rapide verändernden Welt, eine Unsicherheit und Ruhelosigkeit, an der die Betroffenen litten, weil sie nicht so ganz mit dem neuen Tempo Schritt hielten oder klar kamen.

Histo Journal: Der Fortschritt in der Technik zeitigt eine neue Dimension der Grausamkeit in der Kriegsführung an. Wilhelm Lamszus kündigt diese Grauen schon 1912 in seinem Buch »Das Menschenschlachthaus – Bilder vom kommenden Krieg« an. Hat ihm keiner zugehört? Was haben die Politiker, die Militärs eigentlich geglaubt wie der Krieg mit diesen neuen Waffen {Flugzeuge usw.} vor sich gehen würde? Haben sie überhaupt darüber nachgedacht?

HR: Auch das ist wieder eine Frage, die nur sehr schwer in aller Kürze zu beantworten ist. Vor dem Hintergrund der immensen technischen Fortschritte war man in allen Nationen wirklich der festen Überzeugung, mit diesen neuen Waffen einen räumlich wie zeitlich begrenzten, nahezu ›sauberen‹ Krieg ohne allzu großen – unnötigen – Verluste (die man seit einigen Jahren beschönigend als »Kollateralschaden« bezeichnet) austragen zu können. Gerade die Einsätze von Gas, aber auch die Verwendung von Maschinengewehren, Panzern und all der anderen neuen Waffen bis hin zu Flugzeugen waren zuvor noch nie erprobt worden. Im Lauf des Ersten Weltkrieges wurden sie quasi mit jedem Einsatz weiterentwickelt. Man hatte noch keine genaue Erfahrung mit ihnen, sondern setzte sie wirklich ein, ohne auch nur einen Anflug von Ahnung über die Konsequenzen zu haben. Es war auch keine Zeit, länger darüber nachzudenken, weil jede beteiligte Nation ständig weiter an neuen Waffen und Techniken feilte. Hinzu kam der weit verbreitete Glaube der Zeit, alles, was technisch machbar wäre, müsse auch getan werden. Ein fataler Glaube. Leider diskutiert man bis heute Ähnliches. Man denke nur an den Irakkrieg unter George Bush und die These, mittels der computergesteuerten Technik einen ›sauberen‹ Krieg führen zu können, bei dem man quasi millimetergenau zuschlagen könne und höchstens nur einige »Kollateralschäden« hinzunehmen wären.

Histo Journal: Grischa, Selmas Bruder, ist Flieger und wähnt sich am Anfang noch unter Gentlemen in der Luft. Was hat es mit diesen Rittern der Lüfte oder auch dem Roten Baron auf sich?

HR: Auch das war eine typische Erscheinung der Technikgläubigkeit jener Zeit. Zu Beginn des Krieges flogen Flugzeuge erst wenige Kilometer, überquerten mit Mühe und Not den englischen Kanal. Am Ende legten sie weite Strecken problemlos zurück, bestückt mit Maschinengewehren und Bomben. 
Die Flieger galten als »Ritter der Lüfte«, waren buchstäblich abgehoben vom restlichen Kriegsgeschehen. Sie kämpften nach einem eigenen Ehrenkodex, waren in ihren jeweiligen Nationen die Elitetruppe, die besondere Vorrechte besaß. Der Rote Baron, Manfred von Richthofen {1892-1918}, führte die legendäre Jagdstaffel des deutschen Heeres an und erlangte als Flieger mit den meisten feindlichen Abschüssen so großen Ruhm, dass die feindlichen Flieger bei seiner Beerdigung aus Respekt vor seiner Leistung Kränze auf sein Grab abwarfen. Das zeigt das besondere Bewusstsein der Flieger, die sich selbst über nationale Grenzen hinweg gegenseitig Achtung für ihre Leistung zollen. Eigentlich pervers, denn das, was sie für eine ›saubere‹ Kriegführung ansahen, brachte Leid und Tod über die Menschen am Boden und war letztlich alles andere als gentlemanlike.

Histo Journal: Robert, der französische Fotograf, dokumentiert den Krieg später mit einer Goerz-Anschütz-Kamera, der Reporter Kamera. War diese Kamera für fotografierende Reporter konzipiert worden?

HR: Die Goerz-Anschütz-Kamera war DIE Reporterkamera der Zeit. Es waren Klappkameras, die noch mit Platten arbeiteten, also einen erheblichen Materialbedarf hatten. Trotzdem waren sie die ersten Kameras, die sich zusammenklappen und damit in einer Tasche bequem transportieren ließen, also relativ einfach außerhalb eines Fotostudios einsatzbereit waren. Deshalb ihre Eignung als ›Pressekamera‹, insbesondere dann in Kriegszeiten. Produziert wurde diese Kamera übrigens noch bis 1927.

»Die Goerz-Anschütz-Kamera war DIE Reporterkamera der Zeit.«

Histo Journal: Von Robert erfährt Selma von einer Kodak Kamera. Gab es den Slogan: »Sie drücken auf den Knopf, wir erledigen den Rest« wirklich schon?

HR: Der Slogan entstand bereits 1888. Ende des 19. Jahrhunderts kam die erste Rollfilmkamera auf den Markt, auch in Europa. Im Ersten Weltkrieg stattete man bereits Soldaten ganz bewusst mit solchen Kameras aus, damit sie Bilder an der Front schossen und nach Hause schickten. Das sollte die Propaganda im Sinn der kriegführenden Regierungen positiv unterstützen, was dann aber leider meist nicht so gelang wie geplant. Der Erste Weltkrieg ist dennoch der erste Krieg, von dem es so viel Bildmaterial gibt. Leider hat man allerdings auch schon zu dieser Zeit verstanden, Bilder zu manipulieren, Szenen nachzustellen, Motive zu retuschieren. Aus vermeintlich authentischen Zeugnissen wurde fragwürdiges Propagandamaterial, was so natürlich in der Breite nicht erkannt wurde.

Histo Journal: Was hat es mit diesem Holz-Greifen auf sich, in den Hedda im Roman einen Nagel schlägt? Gab es solche Nagelspenden überall?

HR: Solche Holzstatuen in Form von Adlern oder Herrscherköpfen gab es in nahezu jeder größeren Stadt. Es war eine Möglichkeit, Geld für die Soldaten zu sammeln.

Histo Journal: Joseph Rosenbaum vertritt am Ende des Romans die Ansicht, dass Deutschland die Schuld am Ersten Weltkrieg hat. Unter Historikern ist das allerdings keineswegs so klar. Nehmen wir nur die Historiker Gerd Krumeich, Sönke Neitzel und Christopher Clark. Drei Historiker – drei Meinungen. Woran hast du dich orientiert?

HR: An keinem der von Dir genannten, denn ihre Bücher sind ja erst jetzt – hundert Jahre später – erschienen. Joseph Rosenbaum aber vertritt die Position einiger Zentrumsabgeordneter im Jahr 1918, d.h. er ist auf einem ganz anderen Kenntnisstand als die Historiker heute. Deshalb musste ich mich damit auseinandersetzen, was er wissen und gedacht haben konnte, und musste die aktuellen Forschungsergebnisse ausblenden. Das wäre sonst ahistorisch gewesen.

Histo Journal: Gero zerbricht {nicht nur} an seinen Kriegserlebnissen. Sein Rückgang in das Gefecht wirkt auf mich wie ein nicht selbst verübter Suizid. Viele Soldaten hielten einen ›Heimaturlaub‹ nervlich nicht aus und flohen zurück an die Front, nicht wenige töten sich. Georg Trakl z.B. nahm eine Überdosis Kokain zu sich. Nach 1918 waren die psychiatrischen Anstalten überfüllt. Konnte man den Menschen damals denn adäquat helfen?

HR: Aus heutiger Sicht muss man das natürlich verneinen. Aber das ist natürlich eine völlig unfaire Betrachtungsweise. Der Erste Weltkrieg hatte aufgrund der eingesetzten Waffen und Techniken wie auch der räumlichen Schauplätze eine Dimension, wie man sie vorher noch nie hatte. Insofern gab es keine Vergleichsmöglichkeiten, keine Erfahrungen mit dem, was die Soldaten wie auch die zivilen Opfer z.B. im direkten Umfeld an der Front erlebt und erlitten hatten. Wie hätte man da adäquat psychiatrisch helfen sollen, zumal die Psychiatrie ja auch noch in den Kinderschuhen steckte? Wenn man z.B. Hemingway, Remarque, Arnold Zweig und andere Autoren liest, was sie noch Jahre später über ihre Kriegserfahrungen schreiben, erhält man einen ungefähren Eindruck, was in den Betroffenen wohl vorging. Aber richtig ausmalen kann und will man sich das eigentlich nicht. Hemingway erzählt in »Paris – ein Fest fürs Leben«, dass er niemals wieder ohne Licht schlafen kann. In einem dunklen Raum zu liegen, verursacht ihm Panik. Ich glaube, das Schlimmste für diese Menschen war, zu erkennen, dass niemand versteht, was sie da durchgemacht haben und was sie letztlich nie mehr in den Alltag zurückkehren lässt. Das schildern auch heute häufig Soldaten, die von Kampfeinsätzen zurückkehren. Diese Kluft ist einfach unüberwindbar und letztlich nicht therapierbar.

»Homosexualität war nicht nur gesellschaftlich geächtet, sondern sogar strafbar, wie der seit 1871 in Deutschland existierende berühmte § 175 {der übrigens erst 1994 aufgehoben wurde} regelte.«

Histo Journal: Verweilen wir einen kurzen Moment bei Gero. Im Roman hat Gero sexuelle Affären, Beziehungen zu Männern. Ich hatte den Eindruck er sei homosexuell und versuche mit der Beziehung zu Selma die Dehors zu wahren, also den vorherrschenden Konventionen zu entsprechen. Hätte jemand davon erfahren, was wäre mit einem homosexuellen Mann wie Gero geschehen?

HR: Homosexualität war nicht nur gesellschaftlich geächtet, sondern sogar strafbar, wie der seit 1871 in Deutschland existierende berühmte § 175 {der übrigens erst 1994 aufgehoben wurde} regelte. Gero ist bisexuell, auch das fällt darunter. Allerdings war in den Jahren vor 1914 in Berlin trotz dieser Strafbarkeit eine gewisse ›Toleranz‹ zu beobachten, d.h. offiziell verboten, wurde Homosexualität in gewisser Hinsicht hingenommen. Es gab immer wieder berühmte Fälle, in denen man Männer an den Pranger stellte, etwa die berühmte ›Grunewaldaffäre‹ kurz vor der Jahrhundertwende, als Adelige und sogar Mitglieder des Kaiserhauses der Teilnahme an sexuellen und homosexuellen Gelagen bezichtigt wurden. Gerüchte gab es viele, in der Friedrichstraße buhlten die Puppenjungen offen um Freier, ebenso waren das grüne, achteckige Toilettenhäuschen auf dem Savignyplatz in Charlottenburg ein berühmter Treff für Freier und Stricher. So mancher Häkel- und Damenkegelklub im Berlin der Kaiserzeit war in Wahrheit ein Lesbentreff.

Histo Journal: Die Emanzipation der Frauen erfolgte langsam. Und kaum ist man einen Schritt vorgegangen, muss man auch schon wieder drei zurück {um in der Geschichte ein wenig voraus zu greifen}. Die Frauenfiguren im Roman sind alle auf ihre Weise stark und außergewöhnlich. Die Großmutter Meta z.B. schreibt unter einem Pseudonym Frauenromane. Bei ihr habe ich sowohl an Vicki Baum {die du sehr schätzt} als auch an die bekannte Frauenrechtlerin Hedwig Dohm denken müssen. Andere Frauenrechtlerinnen nennst du auch, darunter z.B. Emily Davison oder Anita Augspurg. Doch der Reihe nach. Wer war Vicki Baum?

HR: Vicki Baum {1881-1960} ist eher Selmas Generation und Vorbild. In Wien geboren und zur Musikerin ausgebildet, begann sie in den letzten Kriegsjahren mit dem Schreiben, erlangte in den 1920er Jahren erste Erfolge mit Unterhaltungsromanen, wurde beim Berliner Ullstein Verlag Redakteurin und schaffte mit ihrem Episodenroman »Menschen im Hotel« {1929} den großen Durchbruch, auch international. 1931 wurde er bereits von Hollywood verfilmt. Das nahm sie zum Anlass, in die USA zu gehen, wo sie bis zu ihrem Tod 1960 in Hollywood lebte. Vor allem ihr erster Roman »Stud. Chem. Helene Willfür« {1928} ist in gewisser Hinsicht sehr emanzipatorisch, erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich in der Welt der Naturwissenschaften zu behaupten sucht, ein uneheliches Kind aufzieht und ihren eigenen Weg geht.

Histo Journal: Wer waren Emily Davison und Hedwig Dohm? Und: Hast du ihre Schriften gelesen?

HR: Emily Davison {1872-1913} war eine englische Suffragette, die sich sehr radikal für den Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen engagierte. Immer wieder landete sie im Gefängnis. Ihr tragischer Tod 1913, als sie sich vor ein königliches Rennpferd warf, um Aufmerksamkeit für ihren Protest zu erregen, machte sie letztlich zur Märtyrerin der Frauenrechtsbewegung.
Hedwig Dohm {1831-1919} war eine deutsche Frauenrechtlerin und im Vergleich zu Davison relativ gemäßigt, setzte sie doch vor allem auf das Wort als Waffe im Kampf um die Gleichberechtigung der Frau. Sie schrieb nicht nur Texte über die Erziehung, Stellung der Frau etc., sondern auch Novellen und Theaterstücke. Ihre frauenrechtlerischen Schriften habe ich auszugsweise gelesen sowie einige ihrer Novellen {zuletzt »Sommerlieben«}. Man muss sie aus der Zeit heraus, in der sie entstanden sind, verstehen. Ihren bildungsbürgerlichen Hintergrund, um das eingangs erwähnte Stichwort noch mal aufzugreifen, kann sie natürlich nie ganz verleugnen. In ihren theoretischen Texten ist sie oft sehr gouvernantenhaft, aber das ist natürlich eine Attitüde der Zeit.

Histo Journal: Bei Hedwig Dohm denke ich an die intelligente Frauenrechtlerin und gleichzeitig an die Familie Mann, denn ihre Tochter war die Mutter von Katia Mann. Letztere hätte Mathematik studieren können, es aufgrund der Eheschließung mit Thomas Mann unterlassen. Das erinnert ein wenig an die Hedda im Roman, die ihrerseits die mathematische Begabung für die Ehe mit Joseph hintanstellt. Selbstaufgabe für bürgerliches Idyll plus Erziehung der Tochter in diesem Sinne. Warum haben intelligente Frauen diesen Weg gewählt?

HR: Heddas Weg ist in der Tat an Katia Manns Entscheidung angelehnt. Bei der Romanfigur Hedda geschah das auch aus einem gewissen Trotz heraus, der frauenrechtlerisch sehr engagierten Mutter zu trotzen, bewusst einen ihr entgegengesetzten Weg ins bürgerliche zu gehen. Im Roman blitzt dieser Mutter-Tochter-Konflikt ja immer wieder auf. Nur ein einziges Mal wagt Hedda den großen Ausbruch, was Meta zu ihrem Verdruss dann tatsächlich begrüßt. Es gab viele Frauen, die diesen vermeintlich einfacheren und sichereren Weg wählten, denn wie hätte der Weg einer Frau mit Mathediplom um die Jahrhundertwende wohl ausgesehen? Zum Glück haben sich andere Frauen, wie z.B. die Physikerin Madame Curie oder die Chemikerin Clara Immerwahr {die Ehefrau von Franz Haber, der maßgeblich an der Entwicklung des Giftgases als Waffe beteiligt war, weshalb sie sich 1915 das Leben nahm} für den unbequemen Weg in die Wissenschaft entschieden. Ihre Biographien aber zeigen, in welche Konflikte sie das stürzte, welche Auseinandersetzungen sie aushalten mussten, welche Belastung das letztlich für sie persönlich war.

Histo Journal: Daneben fallen auch die Frauennamen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann – ein bekanntes Frauenpaar aus dieser Zeit. Wofür haben sie gekämpft?

HR: Anita Augspurg {1857-1943} wirkt im Vergleich zu Hedwig Dohm schon weitaus radikaler. Allein ihr Auftreten mit Kurzhaarfrisur, das Betreiben eines eigenen Fotostudios in München {das berühmte »Elvira« mit der prägnanten Jugendstilfassade, die von den Nazis zerstört wurde} sowie ihr Pazifismus waren unbedingter, kompromissloser. Ihre Lebens- und ›Kampf‹gefährtin Lida Gustava Heymann {1868-1943} gründete den Verein für Frauenstimmrecht. 
Aber letztlich waren auch diese beiden Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenrechtsbewegung.

Histo Journal: Meta ist sehr scharfsichtig, politisiert, klug, intelligent. Im Roman sagt sie, dass die Herren {nicht nur in Berlin} alle so nervös seien. Worauf spielst du hiermit an?

HR: In Philipp Bloms »Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914« wird in einem Abschnitt der Aufschwung der Frauenrechtsbewegung, der zunehmende Einfluss der Frauen, ihr gesteigertes Selbstbewusstsein, ihre ersten ›Siege‹, was die Zulassung zu höherer Bildung, Universitäten und klassischen Männerberufen so gedeutet, dass das letztlich zu der aggressiven Kriegspolitik, dem Wettrüsten und dem nervösen Säbelrasseln der {Männer-}Regierungen geführt haben könnte. Das finde ich eine interessante These. Die Männer merken, dass sie an Macht und Einfluss verlieren, dass die Frauen ihnen ihre angestammten Bereiche streitig machen könnten. Das ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, wenn es natürlich auch sehr überspitzt formuliert ist.

»Für Selma ist die modische Kleidung eine Form, ihre Haltung und natürlich den Protest gegen ihre Mutter Hedda auszudrücken.«

Histo Journal: Metas Romane sind ein Spiegelbild der Zeit. Erschienen solche Romane {von realen Schriftstellerinnen} vorabgedruckt immer in den aktuellen Zeitschriften? Als Fortsetzungsroman?

HR: Es gab damals sehr viele Fortsetzungsromane in so populären Magazinen wie der »Gartenlaube« {sehr betulich} oder »Der Dame« {schon relativ modern}. Autorinnen wie E. Marlitt {d.i. Eugenie John 1825-1887} wurden auf diese Weise berühmt.


Histo Journal: Selma liebt den neuen Modestil. Da wird vom Delphos-Stil, S-förmiger Sans-Ventre-Silhouette und Humpelrock gesprochen und der Designer Paul Poiret erwähnt – warum ist gerade die Mode {inklusive Haarmode} in diesem Buch alles andere als ›ein schmückendes Beiwerk‹? Selma trägt ja nicht ohne Grund nach der Abdankung des Kaisers einen Kurzhaarschnitt…

HR: Für Selma ist die modische Kleidung eine Form, ihre Haltung und natürlich den Protest gegen ihre Mutter Hedda auszudrücken. Deshalb bemüht sie sich, dabei immer auf dem neuesten Stand zu sein. Der französische Stil war z.B. vor dem Krieg in Berlin sehr beliebt. Poiret kam 1913 nach Berlin und feierte an der Spree große Triumphe. Wenn eine Frau um diese Zeit Reformkleidung trug, war das auch eine politische Aussage, ebenso, wie man während des Krieges in Deutschland französische Mode verbot und ganz bewusst einen Rückgriff auf vermeintlich große Traditionen wie z.B. die Krinoline {›Kriegskrinoline‹} oder Biedermeiermode propagierte. Wenn Constanze schon 1913 aus praktischen Gründen Hosen trägt und überhaupt weniger auf das Modische als auf das Praktische achtet, steckt dahinter auch eine bestimmte Haltung. Ebenso legt Hedda Wert auf einen ganz besonderen Stil, von Großmutter Meta mit ihrer aus der Mode gekommenen schwarzen Witwenkleidung ganz zu schweigen. Selbst Joseph drückt mit seinem Hang zu den Anzügen der vorletzten Saison auch eine Haltung aus. Mode ist also immer mehr als nur Schmuck, sondern wirklich eine Aussage.

Histo Journal: Später befreit sich Selma von den elterlichen, mütterlichen Konventionen. Als Witwe lebt sie in ›wilder Ehe‹ {falls es diesen Begriff schon gab} mit einem Mann, hat ein Kind, schreibt Romane und finanziert sich eigenständig {eventuell bis auf das Erbe Geros}. Da muss ich an die Schriftstellerin, Künstlerin Fanny von Reventlow denken. Zu recht oder tappe ich da völlig im Dunkeln?

HR: Die Reventlow hat das ja schon mehr als zwanzig Jahre früher in München gelebt. Damals gab es dort die berühmte »Bohème«, das war eine ganz andere Welt als das, was Selma zu Beginn der Zwanziger Jahre in Berlin lebt. In dieser Zeit wurden viele gesellschaftliche Moralvorstellungen über Bord geworfen, man lebte sexuell frei, tat, was man wollte. Frauen lebten erstmals ihre Unabhängigkeit. Allerdings gilt das vor allem für Berlin. München ist da schon wieder drei Schritte zurückgegangen {dieser Gegensatz wird ein Thema meines nächsten Romans »Tanz des Vergessens«, an dem ich gerade schreibe, und der im Sommer 2015 erscheint}.

Histo Journal: Theodor Herzl ruft 1901 vom Balkon des »Les Trois Rois« in Basel den israelischen Staat aus. Davon gibt es sogar ein Bild – hat es dich dazu inspiriert Herzl einen Platz im Roman zu geben?

HR: Ja, genau dieses Foto sah ich und deshalb habe ich Selma und Constanze dann 1917 genau dieses Hotelzimmer im »Les Trois Rois« gegeben. Damals konnte man es noch ganz normal mieten.

Histo Journal: Gab es wirklich einen Riesling aus Boppard – den Bopparder Hamm?

HR: Den gibt es bis heute. Das ist eine kleine Reminiszenz an meine Heimatstadt und ihre Winzer, die ich sehr schätze. Wir haben teilweise zusammen in der Schule gesessen.

Histo Journal: Musste man sich in der Schweiz vor der sogenannten Fremdenpolizei fürchten?

HR: Die Fremdenpolizei wurde 1917 in Basel eingeführt, weil die Nähe zu der Westfront viele Flüchtlinge in die Stadt trieb. Es kam zu Lebensmittelrationierungen, weil man nicht mehr mit dem Nachschub klar kam. Um die Ströme einigermaßen zu kanalisieren, wurde die Fremdenpolizei eingeführt.

Imre Kálmán

»Die Csárdásfürstin«
Die Operette »Die Csárdásfürstin« von Imre Kálmán wurde Ende 1915 in Wien uraufgeführt.
Die Handlung siedelte der Komponist kurz vor dem Ersten Weltkrieg an. »Tanzen möcht’ ich, jauchzen möcht’ ich« aus Akt II. der Operette war damals ein Ohrwurm.

Hören Sie hier unterschiedliche Versionen von »Tanzen möcht’ich…« {Youtube Verweise}:

Fritz Wunderlich & Herta Talmar

Godwin & Monosson

Erika Koth

Simone Nicole

Histo Journal: »Tanzen möcht’ ich, jauchzen möcht’ ich« – gab es all diese Lieder wirklich?

HR: Die im Roman erwähnten Lieder gibt es alle, sie sind gemäß ihrer Entstehungszeit in das Romangeschehen eingeflochten. Der von Dir erwähnte Walzer stammt aus Emmerich Kálmáns Operette »Die Czárdásfürstin«, die 1915 uraufgeführt wurde und im Ersten Weltkrieg sehr populär war. Operetten waren damals überhaupt sehr en vouge, viele ›Schlager‹ stammen ursprünglich aus Operetten.

Histo Journal: Durften die deutschen Soldaten ihre Militäruniform nach dem Krieg wirklich nicht ablegen?

HR: In den erst von den Briten besetzten Rheinlanden waren deutsche Soldaten verpflichtet, ihre Uniformen in der Öffentlichkeit zu tragen. Das war auch eine Form, ihnen ihre Kriegsschuld zu demonstrieren.

Histo Journal: Welche Fachliteratur, welches Quellenmaterial hast du für »Der Sommer der Freiheit« gelesen?

HR: Mein Romanmanuskript habe ich im Herbst letzten Jahres abgeschlossen, d.h. die vielen aufsehenerregenden Darstellungen zum Ersten Weltkrieg wie etwa »Die Schlafwandler« von Christoph Clark, »Deutschland im Ersten Weltkrieg« von Gerhard Hirschfeld und Gerd Krumeich oder »Der Große Krieg« von Herfried Münkeler sind leider erst nach Abschluss des Manuskripts erschienen. Schade. Sie hatten mir sicher noch so manchen neuen Aspekt liefern können. Aber ich habe ja auch ›nur‹ einen Roman geschrieben und kein historisches Sachbuch und musste ja auch immer bedenken, dass meine Figuren damals gelebt und die Geschehnisse betrachtet und beurteilt haben. Insofern sind mir vor allem zeitgenössische Quellen wie Zeitungen, Zeitschriften, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe u.ä., aber auch Romane aus der Zeit selbst sowie über die Zeit die wichtigste Hintergrundliteratur und Quellen.*

Histo Journal: Vielen Dank!

»Der Sommer der Freiheit«
Heidi Rehn

Liebe in schwierigen Zeiten – Es begann im Sommer 1913

Selma ist die Tochter einer angesehenen Zeitungsverlegerfamilie und fährt mit ihrer Familie wie jedes Jahr in die Sommerfrische nach Baden-Baden. Man genießt das elegante Ambiente, die Konzerte und Bälle. Selma hat gerade – zum Entsetzen der Mutter! – das Autofahren gelernt und wartet ungeduldig auf die Ankunft ihres Verlobten Gero. Da lernt sie bei einem Ausflug ins nahe gelegene Elsass den französischen Fotografen Robert kennen – und es ist um sie geschehen. Doch wir schreiben das Jahr 1913, und bald wird der Geliebte zu den Feinden zählen …


*Heidi Rehns Auswahlliteratur für »Der Sommer der Freiheit«:
Vicki Baum: »Es war alles ganz anders«
Otto Flake: »Ein Leben am Oberrhein«, »Hortense oder die Rückkehr nach Baden-Baden«
Ernst Glaeser »Jahrgang 1902«
Gina Kaus: »Von Wien nach Holloywood«
Edlef Köppen: »Heeresbericht«
Erich Maria Remarque: »Im Westen nichts Neues«
Arthur Schnitzler: »Therese. Chronik eines Frauenlebens«
Adrienne Thomas: »Die Katrin wird Soldat« sowie die Tagebücher der Herta Strauch
Arnold Zweig: »Junge Frau von 1914«, »Erziehung vor Verdun«
Stefan Zweig: »Die Welt von gestern«
Dietrich Höroldt: »Das Tagebuch der Anna Kohns aus Pappelsdorf aus der Zeit des Ersten Weltkrieges«
Brigitte Märker: »Liebster Justus. Feldpostbriefe einer Offiziersfrau«
»Der rote Kampfflieger. Die persönlichen Aufzeichnungen des roten Barons«
Herta Strauch: »Tagebücher«
Johannes Werner (Hg.): »Briefe eines deutschen Kampffliegers an ein junges Mädchen«
Jean-Jacques Becker/ Gerd Krumeich: »Der große Krieg. Deutschland und Frankreich im Ersten Weltkrieg 1914-1918«
Heinrich Berl: »Das Badener Tagebuch«
Philipp Blom: »Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914«
Robert Erhard: »Von der Porzellan-Manufaktur zur Kurpark-Residenz. Aus der Chronik des ›Bellevue‹ in Baden-Baden«
Robert Erhard: »Die Gasthäuser und Hotels in Baden-Baden«
Werner Faulstich: »Das erste Jahrzehnt. Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts«
Pasqual Hugues: »Marthe und Nathilde. Eine Familie zwischen Deutschland und Frankreich«
Florian Illies: »1913«
Marion Kiesow: »Ganz Berlin tanzt in Klärchens Ballhaus«
Frank Kroll: »Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Geburt der Moderne«
Wilhelm Ribhegge: »Preußen im Westen«
Peter Zolling: »Deutsche Geschichte 1871 – bis zur Gegenwart«