Rebecca Gablé im Interview – Der Palast der Meere

Histo Journal Interview mit Rebecca Gablé

Zum Erscheinen des neuen Waringham Romans ehrte der Lübbe Verlag seine Autorin mit einer Geste der besonderen Art: dem Waringham Bus. Ilka Stitz und Alessa Schmelzer vom Histo Journal hatten im Oktober das Vergnügen die Autorin auf ihrer ›Waringham-Bus-Tour‹ durch Köln zu begleiten und ihr vorab ein paar Fragen zum Roman zu stellen. So erfuhren wir von ihr, dass Elizabeth I. »an Depressionen und Panikattacken litt«, »eine Adoption im Mittelalter und der Renaissance keine Möglichkeit« für ElizabethI. darstellte an einen Thronerben zu kommen und Gablé mit »schottischer Geschichte einfach nicht warm wird«. Und – das möchten wir nicht verschweigen – angesprochen auf den fünften Teil ihrer Trilogie sagte sie: »Ich habe nie gesagt, dass es eine Trilogie werden würde.«
Doch spricht man mit Rebecca Gablé erst einmal über englische Geschichte, wird schnell klar: um das Thema ausschöpfend zu besprechen, braucht es viel, viel Zeit. Zumal eine ihrer Antworten die nächste Frage aufwirft … ein wahrer ›Teufelskreis‹. ;-) So bat ich die Autorin ein paar weitere Fragen per Email zu beantworten.

Ein Interview über vermeintliche Helden und grandiose Schurken, was die Autorin an Elizabeth I. bewundert und warum man bei einem Besuch im Shakespeare’s Globe in London Glück mit dem Wetter haben sollte.

von Alessa Schmelzer

Die Autorin Rebecca Gablé vor ›ihrem‹ Eyecatcher, dem Waringham Bus.
© MJM 2015

Histo Journal: Wie gefallen dir Titel und Cover des neuen Romans?

Rebecca Gablé {RG}: Ich bin ganz verliebt in das Cover. Der Titel {ein Vorschlag aus dem Lektorat} erschließt sich mir nicht so recht, aber da ich keine bessere Alternative zu bieten hatte, haben wir uns darauf verständigt. Ich vertraue in der Frage inzwischen gern den Marketing-Menschen, weil ein Titel {genau wie das Cover}, ja vor allem die Neugier der potenziellen LeserInnen wecken soll. Ich finde es nur wichtig, dass diese wichtigen Entscheidungen im Dialog gefällt werden, nicht über den Kopf des Autors/der Autorin hinweg.

Histo Journal: Der bekannteste Freibeuter ist Francis Drake. In Plymouth thront seine Statue, in der Nähe gibt es ein Museum, Hollywood stürzte sich entzückt auf diesen {vermeintlichen} Helden. Warum bleibt in deinem Roman so wenig vom Drake’schen Heldenimage übrig? Wie kam es dazu? Woher wissen wir denn, wie Drake wirklich war?

RG: Es ist gar nicht so schwierig, dem »wahren« Francis Drake auf die Spur zu kommen, denn es gibt zeitgenössische Berichte und Zeugenaussagen, die seine weniger heldenhaften Eigenschaften und Taten belegen, seine Raffgier etwa, seine Führungsschwäche, die Neigung, Freunde in der Stunde größter Not im Stich zu lassen. Diese Zeugnisse haben die jüngeren Biografen aufgegriffen, statt sie unter den Teppich zu kehren, wie ihre Vorgänger es getan haben. Sie löschen ja die positiven, die »heldenhaften« Eigenschaften nicht aus: Drake war ein herausragender Seemann, verfügte über enormen persönlichen Mut und hat tollkühne Pläne erdacht, um den Spaniern den Schlaf {und vor allem das Gold} zu rauben. Bis vor ein paar Jahrzehnten haben offenbar nicht nur Drehbuchautoren in Hollywood oder bei der BBC, sondern auch Historiker geglaubt, man müsse die dunklere Seite verschweigen, damit das überlebensgroße Heldenstandbild in Plymouth nicht vom Sockel fällt. Heute hat sich diese Haltung geändert, und heraus kommt ein glaubwürdiges und faszinierendes Bild eines Menschen, der Großartiges und Abscheuliches in seinem Leben vollbracht hat. Diesen »echten« Francis Drake habe ich im Roman porträtiert, und mit seinen Brüchen war er für meinen Geschmack eine viel spannendere Figur als der »Freibeuter ohne Furcht und Tadel«, für den ich ihn vor der Recherche noch gehalten habe.

Histo Journal: Das Leben damals an Bord eines Schiffes war hart und entbehrungsreich. Isaac of Waringham verbringt auf Schiffen wie der ›Golden Hinde‹ trotzdem sein halbes Leben … Du warst an Bord dieses nachgebauten Schiffes. Wie war dein Eindruck? Waren Isaac, Drake und all die anderen mutig oder schlichtweg verrückt so einen ›Kahn‹ überhaupt zu besteigen?

Nachbau der Golden Hinde in London-Southwark
©Jose L. Marin {Wikimedia Commons}

RG: Ich habe mir auf dem Geschützdeck der ›Golden Hinde‹ ziemlich übel den Kopf gestoßen, weil die Decke so niedrig ist, dass man nicht aufrecht stehen kann, und nicht erst da war mir klar, dass ich es niemals aushalten würde, zusammengepfercht mit 80 anderen Menschen in so einer Nussschale über die Meere zu schippern. Aber das ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir ständig Gefahr laufen, unsere eigenen Vorstellungen auf die Vergangenheit zu projizieren. Für die Seefahrer des 16. Jahrhunderts waren Enge, mangelhafte Hygiene und das Fehlen jedweder Privatsphäre keine so wichtigen Kriterien. Klar, ein Matrosenleben war gefährlich – nur ungefähr einer von dreien kehrte nach Hause zurück. Aber das Leben an Land war ja auch kein Ponyhof. Die Seefahrt versprach Abenteuer und mit etwas Glück gute Verdienstchancen. Es war ein Way of Life, denke ich, und man musste sowohl mutig als auch ein bisschen verrückt sein, um ihn zu wählen.

Histo Journal: Die englischen Schiffe von Hawkins und Drake brachten der Krone unglaubliche Gewinne ein. Elizabeth I. ist an allen {?} ihren ›Seefahrten‹ finanziell beteiligt. Wie sind diese ›Einkünfte‹ in den königlichen Quellen aufgeführt? Da steht doch sicher nicht: 3 Mio. Pfund aus Drake’schem Sklavenverkauf im Jahre 15… für die Krone.

RG: Exakte Abrechnungen fehlen auffallend häufig. Sowohl die Kapitäne als auch die Krone wollten wohl lieber nicht schriftlich fixieren, welche Unsummen sie mit den Sklaven- und Kaperfahrten verdienten, denn Zahlen sickerten durch, wurden Gegenstand von Hofklatsch, und man wollte vermeiden, dass sie dem spanischen Gesandten zu Ohren kamen, der in König Philipps Namen Regressforderungen hätte stellen können – was auch so oft genug vorgekommen ist. Aber wann immer Elizabeth sich an einer der Kaperfahrten beteiligte, indem sie den Freibeutern Schiffe und/oder Geld lieh, waren ihre Anweisungen ganz klar: »Fünfhundert Pfund für Captain John Hawkins zur Ausstattung einer Flotte, um afrikanische Mohren in die Neue Welt zu verbringen und an spanische Pflanzer zu verkaufen.« So oder ähnlich lauteten ihre schriftlichen Befehle. Elizabeth hatte weder mit dem Sklavenhandel noch mit Piraterie irgendein moralisches Problem.

Histo Journal: Mit einem Roman über das »Elisabethanische Zeitalter« hast du dich von – wie du selbst sagtest – deiner Lieblingszeit, dem Mittelalter, weit entfernt. Das hattest du aber auch schon mit »Der dunkle Thron«. Warum bist du dieser Zeit dennoch treu geblieben? Lag dies vielleicht an Elizabeth I.? Wolltest du unbedingt ihre Geschichte erzählen?

RG: Es lag vor allem an den Waringham. Ich wollte wissen, wie es Nicholas of Waringhams vier so unterschiedlichen Kindern wohl als Erwachsenen ergeht. Meine Motivation, das Schicksal dieser fiktiven Familie weiter zu verfolgen, ist aber immer schwer von meiner Neugier auf ihren jeweiligen historischen Hintergrund zu trennen. Und Elizabeth fand ich besonders reizvoll, weil im Vorgängerroman ja ihre ältere Schwester Mary im Mittelpunkt stand.

Histo Journal: Über Elizabeth I. wurden viele Filme gedreht. Cate Blanchett oder Helen Mirren haben sie auf der Leinwand verkörpert. Hast du einen der beiden Filme {oder einen anderen} gesehen? Haben diese Filme dein Bild von Elizabeth I. geprägt?

RG: Elizabeth I. ist so omnipräsent in der britischen Kultur, dass ich es schwierig finde zu entscheiden, welche Darreichungsform mein Bild geprägt hat. Das spielt aber auch keine so große Rolle. Wenn ich mit der Recherche über eine historische Figur beginne, versuche ich immer, meine Vorstellungen beiseitezuschieben, schaue keine Filme und lese keine Romane mehr über diesen Menschen, sondern fange noch mal ganz bei Null an und mache mir aufgrund der Quellen und des aktuellen Forschungsstandes ein neues Bild.

Histo Journal: Am Ende der Recherche: was fasziniert dich nachhaltig an Elizabeth I.? Was an Maria Stuart?

RG: Elizabeth hat sich als Frau in einem Männerberuf hervorragend behauptet, und das war im 16. Jahrhundert eigentlich unmöglich. Sogar sie selbst hat geglaubt, dass sie aufgrund ihres Geschlechts schwächer und dümmer sei als ein König es gewesen wäre. Trotzdem hat sie sich emanzipiert, hat sich Ehe und Mutterschaft verweigert {was ihre Zeitgenossen grenzenlos schockiert hat} und eine ganze Epoche geprägt. Chapeau.
An Mary Stewart finde ich wenig Faszinierendes. Sie ist in jeder Disziplin gescheitert, in der Elizabeth brillierte. Dabei war sie eine intelligente Frau und pflichterfüllte Königin. Aber anders als ihre englische Cousine hat sie es nicht verstanden, sich gegen die Männer, die sie kontrollieren wollten, zur Wehr zu setzen, und darum ist sie untergegangen. Sie konnte ein richtiges Miststück sein – genau wie Elizabeth – aber meiner Meinung ist sie vor allem eine tragische Figur.

Histo Journal: Deine Leserinnern und Leser kennen Eleanor aus »Der dunkle Thron«. Wann stand für dich fest, dass Eleanor im fünften Teil eine besondere Rolle übernehmen würde?

RG: Bei ihrer Geburt.

Histo Journal: Im Roman ist Eleanor »Das Auge der Königin«. In Wirklichkeit bezeichnete Elizabeth I. Robin Dudley als ihre Augen, oder?

Robert Dudley {Robin}
Earl of Leicester ca. 1564

RG: Richtig. Das hatte aber nichts mit einer Spionagetätigkeit zu tun wie im Fall von Eleanor. Elizabeth neigte dazu, ihren Vertrauten Spitznamen zu geben. Robin Dudley war »Eyes«, sein ewiger Rivale Christopher Hatton »Lids«, Cecil nannte sie »Spirit« und Walsingham »Moor«. Was diese Spitznamen im einzelnen bedeuten sollten, lässt sich heute leider nicht mehr entschlüsseln, aber Robin Dudley unterschrieb seine Briefe an die Königin mit »ôô«.

Histo Journal: Im Roman verliebt sich Eleanor in den ›König der Diebe‹. War die Unterwelt Londons wirklich so straff {ähnlich einer Gilde} organisiert? Was ist dran am ›König der Diebe‹, an den ›Red Slayers‹ und all den anderen?

RG: Es stimmt, dass die Londoner Unterwelt sich bereits im Mittelalter nach dem Vorbild der Gilden und Zünfte organisiert hatte. Ein »König der Diebe« ist meines Wissens aber nicht aktenkundig, so wenig wie die Namen der einzelnen Verbrechergilden.

Histo Journal: Elizabeth I. förderte Kunst, Literatur, Musik – und {später} Shakespeare. Hättest du den Dichter gern mehr in den Roman eingebunden?

RG: Nein. Hätte ich gewollt, hätte ich es ja getan ;-) Aber für das komplexe Thema »elisabethanisches Theater« war in diesem Roman kein Platz.

Histo Journal: Hast du schon einmal eine Aufführung im Shakespeare’s Globe in London besucht?

RG: Ja, und ich finde es großartig. Shakespeare wie zu Shakespeares Zeiten ist schon ein besonderes Erlebnis. Bislang hatte ich sogar immer Glück mit dem Wetter, denn der Innenraum des Globe hat ja kein Dach. Nur die Flugzeuge, die im Minutentakt über den Abendhimmel Richtung Heathrow schweben, stören die Illusion ein bisschen.

Histo Journal: In Kürze kommt mit »Macbeth« wieder ein Shakespeare Stoff in die Kinos. Vor ein paar Jahren verfilmte Kenneth Branagh recht erfolgreich »Henry V.« oder »Viel Lärm um nichts«. Interessieren dich solche Verfilmungen?

RG: »Vor ein paar Jahren« ist gut – Branaghs »Henry V« ist von 1989 ;-) Ja, ich interessiere mich sehr für Shakespeare-Verfilmungen, warte ungeduldig auf die »2. Staffel« von »The Hollow Crown«, in welcher Benedict Cumberbatch Richard III. spielen wird, und auf Michael Fassbender als Macbeth bin ich auch schon ziemlich gespannt.

Histo Journal: Deine Fans lieben jeden einzelnen Band der Waringham Saga. Mit dem fünften Band bist du in der Zeit der Renaissance angekommen. Perücken, sagtest du sinngemäß, seien aber nicht deine Sache. Ein Prequel aus der Zeit von King John oder King Henry III. könntest du dir hingegen durchaus vorstellen. Warum King John, Henry III.? Was ist mit Richard Löwenherz?

RG: Ja, vielleicht auch Richard. Oder vielleicht doch der Barock mit seinen fürchterlichen Perücken. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. König John reizt mich, weil er so ein grandioser Schurke war. Ein Gottesgeschenk als Romanfigur.

Histo Journal: »Der Palast der Meere« stand letztens auf Platz 3 der Spiegel Bestseller Liste. Denis Scheck sagte in seiner Sendung ›Druckfrisch‹ zu deinem Roman, er »sei handwerklich solide geschrieben und wacker erzählt«. Er wünsche sich bei dir jedoch ein wenig vom »formalen Wagemut einer Hilary Mantel, um aus der mitunter erstickenden Konventionalität und den Aporien des Historischen Romans zu springen«. {Denis Scheck, Sendung ›Druckfrisch‹ vom 4.10. Link zur Sendung} – Was hältst du von solchen Tipps? Wie ist deine Reaktion darauf?

RG: Ja, ja, genau das Gleiche hat er über »Das Haupt der Welt« auch gesagt. Ich würde mir wünschen, er ließe sich fürs nächste Mal etwas Neues einfallen, denn ich finde Hilary Mantels Bücher unlesbar und historisch indiskutabel. Aber Denis Scheck darf sagen, was er will, denn er ist Literaturkritiker. Das muss man schon aushalten.

Histo Journal: Nach dem Roman ist vor dem Roman – was kommt als nächstes?

RG: Eine Fortsetzung von Das Haupt der Welt, in welcher Ottos zweiter Frau, Adelheid von Burgund, eine Hauptrolle zufallen wird. Schon wieder eine faszinierende Königin bzw. Kaiserin …

Histo Journal: Herzlichen Dank, liebe Rebecca, dieses Interview mit dir war mir eine Freude.

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