The Girl at Rosewood Hall – Annis Bell im Interview

Vor ein paar Monaten sprachen wir mit der Autorin Annis Bell über ihre unerschrockene und ziemlich unkonventionell lebende Heldin Lady Jane. In »Die Tote von Rosewood Hall« gerät sie in einen mysteriösen Fall, den sie mit Charme und leiser Ironie zu lösen versucht. In Großbritannien erschien mit »The Girl at Rosewood Hall« vor wenigen Wochen die englischsprachige Übersetzung. Und auch die amerikanischen Fans viktorianischer Krimis dürfen sich freuen, ist Lady Jane doch just auch in den USA angekommen.
Im aktuellen Interview spricht die Autorin Annis Bell über versierte Übersetzer, tote Dienstmädchen und was es mit der Königin der Duftpflanzen auf sich hat …

von Alessa Schmelzer


Histo Journal: Wie reagiert das englische {oder auch das amerikanische} Lesepublikum auf den viktorianischen Krimi? Bekommst du auch Post von englischen Leserinnen und Lesern?

Annis Bell {AB}: In Großbritannien läuft der erste Teil sehr gut an und ich habe viel positives feedback erhalten, was mich sehr freut! Meine unkonventionelle Lady Jane hat schon viele Leserherzen erobert und die Thematik der Waisenkinder, die unter meist furchtbaren Bedingungen leben mussten, interessiert und berührt die Leser.
In den USA ist das Buch erst seit wenigen Wochen auf dem Markt und ich bin gespannt, wie es sich dort durchboxt. Man muss einfach sagen, dass der amerikanische Markt riesig ist. Sich dort zu behaupten dauert einfach länger und vielleicht tickt der amerikanische Leser auch anders – hat andere Vorlieben – das wird sich dann zeigen.

Histo Journal: Bei einer Übersetzung sprechen sich Übersetzer und Autor häufig ab, gerade bei kniffligen Szenen, wie war das bei dir?

AB: Ich stand von Anfang an mit Edwin Miles, dem Übersetzer, in Kontakt. Ich mag die englische Sprache sehr und lese selbst gern Bücher auf Englisch. Und obwohl ich viele Jahre im englischsprachigen Ausland gelebt habe, ist es eben nicht meine Muttersprache. Einen versierten Übersetzter zu haben, der sich mit dem Text, meinen Gedanken auseinandersetzt, ist großartig. Faszinierend finde ich, dass man eben nicht eins zu eins übersetzen kann, sondern die Idee transportieren muss. Einiges klingt auf Englisch leichter und humorvoller wie z.B. »with the most pigheaded look in your eyes« oder »stop all that tomfoolery«

Histo Journal: Und bei dem neuen Fall für Lady Jane – wird es wieder eine Übersetzung ins Englische geben?

AB: Der neue Titel lautet »Lady Jane und die schwarze Orchidee« und die englische Übersetzung ist als »Lady Jane and The Black Orchid« für den Oktober 2016 angekündigt.

Histo Journal: Welchen Fall muss Lady Jane dieses Mal lösen?

Zeichnung von John Day

AB: Ein totes Dienstmädchen, ein exzentrischer Orchideenzüchter und ein abgelegenes Herrenhaus im einsamen Norden Englands fordern Lady Jane diesmal heraus. Jane soll der Cousine ihrer Freundin Lady Alison in Winton Park, in Northumbria helfen. Charlotte, Lady Alisons Cousine, ist mit dem schwierigen Sir Fredrick Halston verheiratet und lebt abgeschieden in einem düsteren Herrenhaus. Die Dienstboten scheinen der verstorbenen Herrin von Winton Park nachzutrauern, Charlotte gebärdet sich merkwürdig und der Hausherr interessiert sich nur für seine Orchideenzucht. Er beschäftigt einen Orchideenjäger, der ihm die sagenhafte schwarze Orchidee aus Kolumbien beschaffen soll.
Captain Wescott, der in London geblieben ist, findet heraus, dass Orchideenzüchter alles andere als harmlos sind. Als dann auch noch ein Gärtner, der kurz zuvor in Indien war, in einer der berühmtesten Orchideengärtnereien Londons ermordet wird, hat David Wescott alle Hände voll zu tun, seiner Frau bei der Aufklärung der Todesfälle zu helfen. Und es scheint um viel mehr als die seltene schwarze Orchidee zu gehen …

Histo Journal: Das klingt ziemlich spannend. Gibt es denn ein Wiedersehen mit dem ›alten Personal‹?

AB: Aber ja! Hettie ist wieder dabei, genau wie Alison und Thomas und natürlich Captain David Wescott mit seinem Assistenten Blount. Wescott erhält diesmal eigene Kapitel, denn er agiert unabhängig von Jane in London und muss sich mit zwielichtigen Gestalten bei Hundekämpfen im verrufenen St. Giles herumschlagen.

Histo Journal: Warum eine schwarze Orchidee? Haben Orchideen eine besondere Bedeutung in der viktorianischen Ära?

AB: Das viktorianische Zeitalter ist voller kurioser Besonderheiten! Mich haben schon immer die wundervollen Gewächshäuser fasziniert, die damals in Mode kamen. Vor einigen Jahren war ich einmal in Kew, wie die Royal Botanic Gardens in London allgemein heißen. Da gerate ich sofort ins Schwärmen! Bereits um 1840 gab es dort u.a. ein Herbarium und das Tropenhaus {Palm House}, heute noch das älteste existierende viktorianische Gewächshaus. Zwischen 1859 und 1863 entstand das Temperate House, in dem Pflanzen gemäßigter Klimazonen aus aller Welt gezogen wurden. Eine Begeisterung für die Zucht tropischer Pflanzen erfasste {nicht nur} die Engländer, was auch mit dem wirtschaftlichen Erfolg der Ostindienkompanie zusammenhing.
In England und Europa entstanden zu dieser Zeit zahlreiche botanische Gärten und riesige Handelsgärtnereien, was wiederum auf die schnelleren Schiffe zurückzuführen ist. Denn nun war es möglich, die tropischen Pflanzen in kürzerer Zeit relativ unbeschadet nach Hause zu schaffen.

Histo Journal: Die Orchidee gehört wohl zu den seltsamsten, faszinierendsten und einschüchterndsten Blumen. Sie scheint ihren Betrachter anzustarren und auszulachen und hat etwas ungleich erotisches. Nicht umsonst hat sie ihren Namen aus dem Griechischen – orkhis für testicle. Ihre Blüte wird mit Lippe und Mund beschrieben.

John Day
Foto: Annis Bell

AB: Von der sagenhaften schwarzen Orchidee spricht schon Konfuzius und nennt sie die Königin der Duftpflanzen. Reiche von der Leidenschaft für Orchideen besessene Sammler schicken ab 1840 vermehrt die berüchtigten Orchideenjäger in alle Welt, um die schönsten und seltensten Exemplare in den Wäldern Süd- und Mittelamerikas und Ostasiens zu finden. Ein regelrechter Wettstreit um die seltensten Exemplare beginnt, die in Ausstellungen mit Preisen geehrt werden. Auf Auktionen erzielen einzelne Orchideen bis zu 12000 Goldmark. Diese Abenteurer wagen sich in die unerschlossenen Urwälder, durch Sümpfe, trotzen Giftschlangen, feindseligen Einheimischen, Krankheiten und Naturkatastrophen. Es sind diese ruchlosen Glücksritter, die für Geld ganze Orchideenpopulationen ausrotten, weil sie einfach die Bäume fällen, auf denen sich die begehrten Pflanzen befinden.
In Kew erfuhr ich erstmals von diesem Phänomen der Orchideenobsession im 19. Jahrhundert, denn die Skizzenbücher des wohl berühmtesten Orchideenzüchters, John Day, befinden sich dort.

Histo Journal: Gibt es Literatur zu diesem Thema, die dich besonders beeinflusst hat?

AB: Am meisten hat mich das Skizzenbuch von John Day beeinflusst, das gebunden bei Thames&Hudson erschienen ist: A Very Victorian Passion – The Orchid Paintings of John Day, from The Royal Botanic Gardens, Kew.
Das Buch gibt einen umfassenden Einblick in das Leben und die Arbeit des Weinhändlers John Day {1824 – 1888}, der seine Orchideen in detaillierten Aquarellen und Zeichnungen festhielt. Day wurde zu einem anerkannten Experten und entwickelte Bewässerungs- und Zuchtmethoden. Seine Gewächshäuser wurden zu Vorzeigebeispielen und im berühmten Gardener’s Chronicle gelobt. Als sein größter Verdienst sind aber seine Darstellungen der Orchideen zu sehen, die nicht nur sehr schön, sondern auch von wissenschaftlichem Wert sind und bis heute von Botanikern zu Rate gezogen werden.

Wir sind gespannt auf Lady Janes neuen Fall. Bis dahin heißt es: The Girl at Rosewood Hall lesen oder hören. Vielen Dank für das Interview, Annis!